Türkei, wichtiger und schwieriger EU-Partner – Orientalist Matthias Hofmann erläuterte Beziehungskomplexe und Innenansicht

2017-01-30_turkei_04akl

Großes Interesse an den Vorträgen der „Jungen Senioren“ (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Türkei steht immer wieder im Fadenkreuz deutscher Innen- wie Außenpolitik. Seit über 100 Jahren bestehen besondere Beziehungen zur Türkei, die für die deutsche Industrie ein bevorzugtes Absatz- und Investitionsland ist und für deutsche Touristen – bis vor kurzem – beliebtes Reiseland. Die Hälfte der 4,5 Millionen Muslime in Deutschland haben türkische Wurzeln. Hintergründe und Einschätzungen zu aktuellen Ereignissen in der Türkei bot den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Orientalist und Historiker Matthias Hofmann in einer betont neutralen Darstellung, mitunter auch mit passenden Querverweisen und Vergleichen, auch mit sarkastischen Untertönen.

Die Türkei ist eines der ältesten NATO-Mitglieder (seit 1952) und verfügt über eine Armee, die deutlich die deutsche an Personal, Ausrüstung und Kampfstärke übertrifft, so Hofmann, der als Reserveoffizier zehn Jahre lang landeskundlicher Referent der Bundeswehr, auch monatelang in Afghanistan, war. Wichtig für das Verständnis der türkischen Situation sei das Verhältnis zu Europa: 1963 kam es nach vierjährigem Bemühen zu einem Assoziierungsabkommen mit Aussicht auf mögliche Mitgliedschaft; der entsprechende Antrag erfolgte 1987. 1995/96 trat die Türke der Zollunion bei, und 1999 gewährte die EU der Türkei den Status als Beitrittskandidat. 2005 wurden offizielle Beitrittsverhandlungen aufgenommen.

Bundeskanzlerin Merkel habe sich hingegen nur für eine privilegierte Partnerschaft ausgesprochen, zeigte sich aber angesichts des unkontrollierbaren Flüchtlingszustrom  konzilianter, durch den  Abschluss des (umstrittenen) Flüchtlingsdeals mit der Türkei, die im Zug des Syrien-Konflikts 2,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Die meisten sind in Grenznähe in Lagern untergebracht. Die Türkei möchte laut Hofmann für die Flüchtlinge eine Pufferzone in der Nordregion von Syrien einrichten, womit sie Zugang und Kontrolle hätte zur sich entwickelnden autonomen Kurden-Region.

Europa könnte nach Ansicht von Hofmann ein großen Interessen haben an einem Türkei-Beitritt. Schließlich habe sich die Türkei – ein bedeutender Wirtschaftspartner mit hohen Wachstumsraten – zu einer dominanten regionalen Macht entwickelt, in strategisch entscheidender Position im Nahost-Konflikt, mit besten Verbindungen zur Kaukasus-Region, Zentralasien und zur arabischen Welt.

Zur akuten Frage, ob die Türkei zu Europa gehöre, erklärte Hofmann, dass zwar nur drei Prozent der Landesfläche zum europäischen Kontinent gehöre. Aber das sei ebenso wenig ein Hindernis wie die vorherrschende Religion des Islam, denn die EU sie ja von ihrem Ansatz her eine Wirtschafts- und keine Wertegemeinschaft und zeichne sich mehr durch kulturelle und regionale Vielfalt aus als durch Homogenität, auch im politischer Richtung. Die Türkei könnte aber mit derzeit fast 80 Millionen Einwohnern – bei einem Bevölkerungswachstum von jährlich einer Million – mittelfristig Deutschland als Leader-Nation Konkurrenz machen. Was die gefühlte Überfremdungsangst beträfe, so wäre sie wenig real. In der überwiegend großstädtischen Bevölkerung gäbe es einen recht hohen Bildungsstand und einen ziemlich moderaten Islam bei meist geringer Bindung. Türkische Kopftuchträgerinnen könne man nicht verdammen. Frauen mit Kopftüchern seien auch früher in Deutschland weit verbreitet gewesen (Stichwort: „unter der Haube“).

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: die aktuelle politische Entwicklung in der Türkei. Mitte Juni 2016 in den Schulferien  die Nachricht vom Militärputsch in der Türkei, der laut Hofmann von Anfang an dilettantisch und hoffnungslos war und ja auch schnell misslang,bzw. brutal niedergeschlagen wurde. Wer dahinter stecke, darüber wollte sich Hofmann kein Urteil erlauben. Jedenfalls wurde unverzüglich der in den USA lebende Prediger und Führer der Hizmet-Bewegung verantwortlich gemacht, wegen staatlicher  Unterwanderung durch Parallelstrukturen, seine mutmaßlichen Anhänger in Verwaltung, Justiz, Schul- und Universitätswesen – bislang 87 000 Personen – aus dem Staatsdienst entlassen und zum Teil verhaftet.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan könne nun als Retter der türkischen Demokratie dastehen und Kämpfer gegen den Terrorismus. So habe er mit seiner AKP-Partei (für Gerechtigkeit und Aufschwung) am 23. Januar 2017 im Parlament mit erforderlicher Dreifünftel-Mehrheit den Beschluss für eine auf ihn zugeschnittenes Präsidialsystem erreicht (Hofmann: „eine ähnliche  Regierungsform  wie in den USA“), das im April mit einem Referendum abgesegnet werden müsse.

Hofmann zeigte nicht unbedingt Verständnis für die die Türkei verärgernde Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags, zumal das deutsche Kaiserreich mit Verantwortung für diesen Völkermord trage. Hingegen bemängelte er unzureichende Kritik an der massiven Bekämpfung mit den kurdischen Volksgruppen in der Südost-Türkei, aber auch an der deutschen Kriegsausrüstung für die kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Nordirak („eigentlich eine von der Türkei beanspruchte Provinz“) mit möglicher Unterstützung der verbotenen Untergrundbewegung der kurdischen PKK.

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