Archiv für den Monat Februar 2017

Auf Entdeckungstour im Deutschordensmünster – Mit Stadtpfarrer Roland Rossnagel und Kirchenmusikdirektor Michael Saum

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Im Deutschhof – die „Jungen Senioren“ (Foto: Rolf Gebhardt)

An die 100 „Junge Senioren“ nahmen das Angebot zum Besuch des Deutschordensmünsters St. Peter und Paul wahr, gehört sie doch zu den markantesten Gebäuden in Heilbronn. Der  „Hausherr“, Stadtpfarrer Roland Rossnagel, begann die Vorstellung des Deutschordenskirchenkomplexes im Kleinen Deutschhof, „auf dem wohl ältesten Boden des christlichen Heilbronn“.

Der Blick richtet sich zuerst auf den „Kirchturm“, die Turmkapelle, das Herzstück der Kirche, die im Laufe von mehr als 750 Jahren immer wieder bauliche Veränderungen erfahren hat. Der eigentliche Bau wird auf die Zeit 1225/35 datiert. Bei Renovierungsarbeiten 1994/95 bei der Chorturmkapelle wurden Fundamentreste aus Kalkstein gefunden, die noch älter als die heutige Bausubstanz (Sandstein) sind; bei der urkundlichen Ersterwähnung der Stadt 741 ist von einer Michaelskirche die Rede. Nördlich an den Turm anschließend das Kirchenschiff und südlich (links) ein um 1600 entstandenes eindrucksvolles Deutschherrengebäude (Stein-Kallenfels-Bau) mit direktem Zugang zur Kirche, das heutige Pfarrhaus, Wohn- und Arbeitssitz von Pfarrer Rossnagel.

Wie Rossnagel darlegte, wurde der Deutsche Orden um 1190 im „Heiligen Land“ gegründet und 1198 vom Papst als geistliche Ritterordensgemeinschaft anerkannt. Anfang des 13. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt des Deutschen Ordens von Palästina nach Europa. Und so wurden  auch auf dem Areal der heutigen Deutschordenskirche, dem Gelände eines urkundlich erwähnten Königshofes, Ordensniederlassungsgebäude errichtet. Das Gelände war als Reichslehen zu den Grafen von Lauffen gelangt und über Heirat an die Familie von Dürn, deren einer Sohn (Ulrich von Dürn) in den Deutschen Oden eingetreten war, und die darauf eine Kommende stiftete.

Der ersten der heiligen Maria gewidmeten Ordenskirche wurde Mitte des 14. Jahrhunderts ein neuer Kirchenbau angefügt. Als 150 Jahre später diese frühgotische Kirche mit einem spätgotischen Chor erweitert wurde, hieß sie „Kirche zu unserer Lieben Frau“. Als reichsunmittelbare Einrichtung überstand die Deutschordenskirche auch die Einführung der Reformation in Heilbronn. Um 1725 wurde sie  barockisiert und der Turm weiter aufgestockt. Nach Auflösung des Deutschen Ordens Anfang des 19.Jahrhunderts,wurde der Sakralbau, inzwischen zum Patrozinium Peter und Paul gewechselt, zur Stadtkirche. Beim Luftangriff am 4. Dezember 1944 wurde auch diese Kirche bis auf die Grundmauern zerstört; weitere Verluste der historischen Barockausstattung erlitt die Kirche  im Zuge des Wiederaufbaus. Zu umfänglichen Renovierung kam es 1968/69 und 1994/95.

Wer vor vielleicht 25 Jahren zum letzten Mal die 1977 zum Deutschordensmünster erhobene St. Peter- und Paul-Kirche betreten hatte, ist jetzt überrascht über die Helligkeit (Fußboden und Bankreihen freundlicher) und strukturelle Neugestaltung, die wieder Einblicke in die verschiedenen Bauepochen möglich macht. Die vordem mit Brettern verschalte Kassettendecke zeigt eine wieder frei gelegte und restaurierte Barockdecke (Kreuzrippengewölbe). Eindrucksvoller kommt jetzt im Altarraum der dreiteilige Chorfensterzyklus von Prof. Wilhelm Geyer aus dem Jahr1968 mit ihren biblischen Szenen und Aussagen in den Blick. Dann auf der gegenüberliegenden Seite, auf der Orgelempore, im Westfenster die progressive Glasmalerei von Prof. Ludwig Schaffrath (1969), dessen symbolische Darstellung zu immer wieder neuen Assoziationen anregt. Dann in der Nordwand ein schmales Glasfenster von dem des Schaffrath-Schüler Thomas Bischoff.

Darüber hinaus gibt es viel zu entdecken in dem Komplex des Deutschordensmünsters: die barocke Christusfigur im Chorbogen, das Wandbild an der linken Chorwand von 1380 mit Christus auf der Thronbank, das großformatige Natursteinmosaik des Kreuzwegs, die Marienkapelle mit Elementen aus der barocken Bauphase, die Figuren der Kirchenpatrone, die „Heilbronner Madonna“ (1320)  und natürlich der spätromanische Turmchor mit dem reichverzierten maurischen Schlusstein im Kreuzgewölbe.

Für die „Jungen Senioren“ aber wohl am eindrücklichsten: die neue „Doppel-“Orgel, aus französisch-symphonischer Tradition mit hohen musikalischen und technischen Anforderungen entwickelt und 1996 fertig gestellt in der Orgelbauwerkstatt Romanus Seifert in Kevelaer, mit ca. 3500 Pfeifen, 44 klingenden Registern und vier Transmissionen im Pedal. Der Deutschmünster-Kantor und Orgelsachverständige, Kirchenmusikdirektor Michael Saum, bot gekonnt Musikbeispiel für die gute Kirchen-Akustik, gleich am Anfang mit dem berühmtesten Orgelwerk von Bach (D-Moll-Fuge), und demonstrierte am Spieltisch die Raffinessen der mit einem Setzercomputer für hunderte individuelle Registrierungen ausgestatteten Orgel. Gerne wollen die „Jungen  Senioren“ sich einladen  lassen (nicht nur) zu Orgelkonzerten im Deutschmünster.

Ein Video vom Besuch finden Sie > hier.

Ohne Nachhaltigkeit keine gute Zukunft – Tipps von Prof. Dr. Armin Gemmrich, wie man seinen Lebensstil ändert

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Prof.Dr. Armin Gemmrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Nachhaltigkeit – ein heute schier inflationär verwendeter Begriff. Unternehmen bekennen sich in ihren Imagebroschüren zur Nachhaltigkeit; Nachhaltigkeit ist vielfach ein Geschäftsmodell. Ist Nachhaltigkeit also nur eine Worthülse? Prof. Dr. Armin Gemmrich, der sich an der Hochschule Heilbronn 20 Jahre lang auch mit dem Lehrgebiet „Nachhaltige Entwicklung“ beschäftigte,  präsentierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus sein „Projekt Nachhaltigkeit“.

Nachhaltigkeit ist vom Grunde her ein Begriff aus der Forstwirtschaft, 1713 erstmals verwendet von dem sächsischen Beamten Hans Carl von Carlowitz: Es soll nur so viel Holz genutzt werden, wie anschließend wieder nachwächst – es soll also keine Generation auf Kosten der nachfolgenden leben. Gemmrich interpretierte das biblische Gebot „macht euch die Erde untertan“ mit den Worten: Ihr sollt die Erde so gestalten, dass sie dauerhaft bewohnbar bleibt.

Wie der Mensch zur negativen Veränderung der Welt – der Umwelt – beigetragen hat, machte Gemmrich deutlich. Einschneidend nannte er die erste Explosion einer Atombombe auf der Erde, am 16. Juli 1945 in der Wüste Mexiko, die Freisetzung von Radioaktivität. Maßgeblichen Wissenschaftlern zufolge habe ein neues Zeitalter begonnen: „Anthropozän“ – Menschenzeit, nach 12 000 Jahren Holozon. Der Mensch werde unumkehrbar einbezogen in die Dimensionen des Dreiecks Soziale – Ökonomie – Ökologie. Bereits 1972 habe der Club of Rom auf die „Grenzen des Wachstums“ aufmerksam gemacht, doch dauerte es, bis die Erkenntnis der Folgen – so für das Klima – gesellschaftspolitisches Allgemeingut wurde. In den letzten 25 Jahren gab es wiederholt internationale Klima-Konferenzen, zur Jahrtausendwende wurden Milleniumsentwicklungsziele propagiert, 2005 die UN-Dekade“Bildung für nachhaltige Entwicklung“, 2015 die „Agenda 2030“.

Alle Bemühungen und Ziele konnten wenig bewirken angesichts der von Gemmrich genannten sieben Veränderungen durch den Menschen, die negativ für die Umwelt zu Buche schlagen:  Da ist die massenhafte Überschreitung nationaler und geografischer Grenzen, die globale Dynamik mit den Verkehrslawinen, wobei der Flugverkehr am emissionsschädlichsten ist (unerwähnt: die noch umweltschädlichere boomende Kreuzschifffahrtstouristik). Weiter: Die Übernutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen; Versiegelung der Landschaft, Freisetzung von Schadstoffen durch Beton, Aluminium, radioaktiver Fallout; großräumige Veränderungen der Kreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor; globale Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten, die die regionale Diversität (zer)stören; Artensterben, 76 Prozent der Süßwasserarten und 39 Prozent der Landwirbeltiere sind gefährdet. Und schließlich der Klimawandel mit laufend steigenden Temperaturen und Anstieg des Meeresspiegels.

Dazu beigetragen hat die demografische Entwicklung, die Verdoppelung der Erdbevölkerung innerhalb einer Generation auf 7,5 Milliarden Menschen, pro Tag kommen 230 000 hinzu. In der Bevölkerungsvermehrung sieht Gemmrich die größte Herausforderung für unsere  Zukunft, denn überall in der Welt wollen die Menschen Anteil haben an Wohlstand und moderner Technik, mit der Folge rücksichtsloser Konsum-Expansion bis hin zu Luxus-Oasen wie Dubai mit den weltgrößten Hochhäusern auf Wüstensand und Meerwasserentsalzungsanlagen.Und gleichzeitig leben über eine Milliarde Menschen ohne sauberes Wasser, sind unzählige Menschen unterernährt, flüchten aus der Ausweglosigkeit, vor Kriegen und Klimafolgen.

Müssen da nicht auch wir unseren Lebensstil ändern, „nachhaltiger“ leben? Für Gemmrich ist das keine Frage, ist es eine – selbst praktizierte – Selbstverständlichkeit. Das fängt beim Lebensmittel-Einkauf an: Saisonale und regionale Produkte, möglichst wenig Fleisch, weil der Wasserverbrauch für Massentierhaltung gigantisch ist. Dann: Nachhaltig einkleiden, keine Ware aus Billiglohnländern; wohnen und heizen möglichst ohne fossile Brennstoffe; Wind- und Solarenergie nutzen; im Haushalt auf Energiesparen achten; Radfahren statt Autofahren, und wenn unumgänglich in Fahrgemeinschaft; nachhaltig Geld anlegen, in Ökoprojekte, denn virtuelles Geld treibt einen zerstörerischen Kreislauf an. Jeder nachhaltig lebende Mensch sollte seinen „ökologischen Fußabdruck“ minimieren. Verantwortungsbewusste Eigeninitiative, Solidarität und Generationengerechtigkeit gehören laut Gemmrich zum Rüstzeug auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Unbeantwortet blieb die Frage zur Diskrepanz von Mikro- und Makro-Trends: Während der vernünftige  Bürger des guten Gewissens wegen sich nachhaltig verhält, setzt der Präsident der USA, der führenden Leitnation der westlichen Welt, verstärkt auf den zerstörenden Ausbau von Öl, Gas und Kohle und hält die Problematik des Klimawandels für eine böswillige Erfindung, die das Wirtschaftswachstum behindert.

Stadt des lebensbegleitenden Lernens – VHS-Leiter Peter Hawighorst über die Bildungs- und Wissensstadt Heilbronn

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Peter Hawighorst, Leiter der Volkshochschule Heilbronn (Foto: Rolf Gebhardt)

Wer meint, die ältere Generation hätte kein Interesse (mehr) an lebenslangem Lernen, der kennt die „Jungen Senioren“ nicht. Im Hans-Rießer-Haus zeigten sie sich sehr aufgeschlossen für die aktive Wahrnehmung von entsprechenden Bildungsangeboten, als ihnen der Leiter der Volkshochschule Heilbronn (VHS), Peter Hawighorst, Heilbronn als Bildungs- und Wissensstadt und als Stadt des lebenslangen Lernens – nach Hawighorst besser: lebensbegleitendes Lernens – vorstellte.
„Eine Stadt geht in die Zukunft“. Diesen Slogan zitierte Hawighorst aus dem Stadtentwicklungsplan Heilbronn. Die Grundlagen werden geschaffen in der frühkindlichen Entwicklung und Entfaltung des Menschen, denn Kinder sind von Anbeginn – von der Geburt bis zur Vorschule – lernfähig und lernbegierige Personen. Dem ganzheitlichen Bildungsbegriff liegt laut Hawighorst neben der institutionellen auch eine informelle Bildungsbeteiligung zugrunde,.
Das setzt breit gefächerte „Investitionen in die Köpfe“ voraus. 1,9 Millionen Euro sind im Heilbronner Haushalt 2017/18 für Betreuungsmöglichkeiten von Kindern eingestellt. 98 Einrichtungen – Kindergärten und Kindertagesstätten – stehen für sie zur Verfügung, in kommunaler und freier Trägerschaft, jede dritte Kindertagesstätte mit Ganztagsangebot. Laut Hawighorst war Heilbronn die erste deutsche Großstadt, die (2008) Gebührenfreiheit für ihre Kindereinrichtungen einführte. – „eine wirklich familienfreundliche Stadt“.
Das Heilbonner Schulwesen umfasst – bei aktuell 28 500 Schülern – 64 städtische und private Schulen, so 18 Grund- und Werkrealschulen, vier sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren, vier Realschulen, zwei Gemeinschaftsschulen sowie fünf allgemeinbildende und fünf staatliche berufliche Gymnasien, ferner die berufsbegleitende Ausbildung mit sechs Berufsschulen. Laut Hawighorst geht heute vielfach der Trend zur Ganztagsschule, die – auch im Sinne eines erweiterten Bildungsangebots – viele Vorteile bietet. Organisatorische und finanzielle Herausforderungen ergeben sich aus den Bedingungen für schulische Durchlässigkeit, aber auch von Inklusion sowie von Integration und generell im Hinblick auf schulische Sozialarbeit.
Einen gewaltigen Aufschwung nahm und nimmt Heilbronn als Hochschulstadt mit einer für eine kleine Großstadt einzigartigen Vielfalt akademischer Bildungslandschaft, wie Hawighorst hervorhob. Am Anfang war die staatliche Fachhochschule, heute Hochschule Heilbronn (HHN), die Bachelor- und Master-Programme mit den Schwerpunkten Technik, Wirtschaft und Information bietet. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der HHN-Studierenden auf 8200 mehr als verdoppelt (einschließlich Schwäbisch Hall und Künzelsau); Zielmarke 2020: über 10 000. Dann die vom Standort Mosbach ausgegliederte Duale Hochschule mit dem Center of Advanced Studies (CAS), wo alle Master-Programme der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Technik, Wirtschaft und Sozialwesen zentral gebündelt werden.
„Motor der Bildungsstadt“, so Hawighorst, ist der permanent ausgebaute Bildungscampus der Dieter-Schwarz-Stiftung mit Bildungseinrichtungen in hochmodernen Gebäuden. Begonnen hatte es mit der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim). Hier fand auch die DHBW und die CAS ihren Sitz, und auf dem erweiterten Bildungscampus ist Verwaltung und Rektorat der HHN sowie die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät angesiedelt. Nicht zuletzt die private German Graduate School of Management and Law (GGS), die mit berufsbegleitenden Masterprogrammen ein Renommee geschaffen hat, das zu einer Kooperation mit der Mannheim Business School (MBS) und der Fakultät für Betriebswirtschaft der Uni Mannheim im Rahmen der Schwarz-Stiftung auf dem Bildungscampus führen wird.
Neben diesem großen in Deutschland einmaligen Bildungscampus spielt für die Wissensstadt Heilbronn das nahe Science-Center „experimenta“ eine bedeutende Rolle, die bis 2019 einen noch doppelt so großen spektakulären Neubau in europaweiter Spitzenstellung erhalten wird. Hawighorst verwies auch auf weitere wichtige Bildungseinrichtungen: die Volkshochschule (33 000 Teilnehmende jährlich, Kurse in 26 Fremdsprachen, Allgemeinbildung, Gesundheit und Bewegung, Kultur und Kreativität, berufliche Weiterbildung), „Haus der Familie“ (9000 Teilnehmende pro Jahr, 700 Kurse und Veranstaltungen), die Städtische Musikschule und Jugendkunstschule mit 1800 bzw. 2100 Schülern, Stadtbibliothek (über 1200 Nutzer täglich, 250 000 Medieneinheiten), Kreismedienzentrum, Robert-Mayer-Sternwarte, Botanischer Obstgarten, bis hin zu Museen und Theater. Und dann gibt es ja auch noch die „Seniorenakademie Junge Senioren“, mit 25 Veranstaltungen im Winterhalbjahr und über 1800 Teilnehmenden.