Ohne Nachhaltigkeit keine gute Zukunft – Tipps von Prof. Dr. Armin Gemmrich, wie man seinen Lebensstil ändert

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Prof.Dr. Armin Gemmrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Nachhaltigkeit – ein heute schier inflationär verwendeter Begriff. Unternehmen bekennen sich in ihren Imagebroschüren zur Nachhaltigkeit; Nachhaltigkeit ist vielfach ein Geschäftsmodell. Ist Nachhaltigkeit also nur eine Worthülse? Prof. Dr. Armin Gemmrich, der sich an der Hochschule Heilbronn 20 Jahre lang auch mit dem Lehrgebiet „Nachhaltige Entwicklung“ beschäftigte,  präsentierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus sein „Projekt Nachhaltigkeit“.

Nachhaltigkeit ist vom Grunde her ein Begriff aus der Forstwirtschaft, 1713 erstmals verwendet von dem sächsischen Beamten Hans Carl von Carlowitz: Es soll nur so viel Holz genutzt werden, wie anschließend wieder nachwächst – es soll also keine Generation auf Kosten der nachfolgenden leben. Gemmrich interpretierte das biblische Gebot „macht euch die Erde untertan“ mit den Worten: Ihr sollt die Erde so gestalten, dass sie dauerhaft bewohnbar bleibt.

Wie der Mensch zur negativen Veränderung der Welt – der Umwelt – beigetragen hat, machte Gemmrich deutlich. Einschneidend nannte er die erste Explosion einer Atombombe auf der Erde, am 16. Juli 1945 in der Wüste Mexiko, die Freisetzung von Radioaktivität. Maßgeblichen Wissenschaftlern zufolge habe ein neues Zeitalter begonnen: „Anthropozän“ – Menschenzeit, nach 12 000 Jahren Holozon. Der Mensch werde unumkehrbar einbezogen in die Dimensionen des Dreiecks Soziale – Ökonomie – Ökologie. Bereits 1972 habe der Club of Rom auf die „Grenzen des Wachstums“ aufmerksam gemacht, doch dauerte es, bis die Erkenntnis der Folgen – so für das Klima – gesellschaftspolitisches Allgemeingut wurde. In den letzten 25 Jahren gab es wiederholt internationale Klima-Konferenzen, zur Jahrtausendwende wurden Milleniumsentwicklungsziele propagiert, 2005 die UN-Dekade“Bildung für nachhaltige Entwicklung“, 2015 die „Agenda 2030“.

Alle Bemühungen und Ziele konnten wenig bewirken angesichts der von Gemmrich genannten sieben Veränderungen durch den Menschen, die negativ für die Umwelt zu Buche schlagen:  Da ist die massenhafte Überschreitung nationaler und geografischer Grenzen, die globale Dynamik mit den Verkehrslawinen, wobei der Flugverkehr am emissionsschädlichsten ist (unerwähnt: die noch umweltschädlichere boomende Kreuzschifffahrtstouristik). Weiter: Die Übernutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen; Versiegelung der Landschaft, Freisetzung von Schadstoffen durch Beton, Aluminium, radioaktiver Fallout; großräumige Veränderungen der Kreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor; globale Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten, die die regionale Diversität (zer)stören; Artensterben, 76 Prozent der Süßwasserarten und 39 Prozent der Landwirbeltiere sind gefährdet. Und schließlich der Klimawandel mit laufend steigenden Temperaturen und Anstieg des Meeresspiegels.

Dazu beigetragen hat die demografische Entwicklung, die Verdoppelung der Erdbevölkerung innerhalb einer Generation auf 7,5 Milliarden Menschen, pro Tag kommen 230 000 hinzu. In der Bevölkerungsvermehrung sieht Gemmrich die größte Herausforderung für unsere  Zukunft, denn überall in der Welt wollen die Menschen Anteil haben an Wohlstand und moderner Technik, mit der Folge rücksichtsloser Konsum-Expansion bis hin zu Luxus-Oasen wie Dubai mit den weltgrößten Hochhäusern auf Wüstensand und Meerwasserentsalzungsanlagen.Und gleichzeitig leben über eine Milliarde Menschen ohne sauberes Wasser, sind unzählige Menschen unterernährt, flüchten aus der Ausweglosigkeit, vor Kriegen und Klimafolgen.

Müssen da nicht auch wir unseren Lebensstil ändern, „nachhaltiger“ leben? Für Gemmrich ist das keine Frage, ist es eine – selbst praktizierte – Selbstverständlichkeit. Das fängt beim Lebensmittel-Einkauf an: Saisonale und regionale Produkte, möglichst wenig Fleisch, weil der Wasserverbrauch für Massentierhaltung gigantisch ist. Dann: Nachhaltig einkleiden, keine Ware aus Billiglohnländern; wohnen und heizen möglichst ohne fossile Brennstoffe; Wind- und Solarenergie nutzen; im Haushalt auf Energiesparen achten; Radfahren statt Autofahren, und wenn unumgänglich in Fahrgemeinschaft; nachhaltig Geld anlegen, in Ökoprojekte, denn virtuelles Geld treibt einen zerstörerischen Kreislauf an. Jeder nachhaltig lebende Mensch sollte seinen „ökologischen Fußabdruck“ minimieren. Verantwortungsbewusste Eigeninitiative, Solidarität und Generationengerechtigkeit gehören laut Gemmrich zum Rüstzeug auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Unbeantwortet blieb die Frage zur Diskrepanz von Mikro- und Makro-Trends: Während der vernünftige  Bürger des guten Gewissens wegen sich nachhaltig verhält, setzt der Präsident der USA, der führenden Leitnation der westlichen Welt, verstärkt auf den zerstörenden Ausbau von Öl, Gas und Kohle und hält die Problematik des Klimawandels für eine böswillige Erfindung, die das Wirtschaftswachstum behindert.

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