Archiv für den Monat Mai 2017

Bildungsausflug nach Waldenburg – Begeistert vom Hauselternkonzept des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs

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Kinderdorf-Vorstand Wolfgang Bartole informiert über die Einrichtung. (Foto: Rolf Gebhardt)

Eine Ausflugsfahrt zum Abschluss des Winterhalbjahr-Programms 2016/17 – 50 „Junge Senioren“ waren dabei, mindestens ein Dutzend „Spätanmelder“ konnten mangels Buskapazität nicht mit kommen.Das Ziel war Waldenburg und speziell dort das Alberst-Schweitzer-Kinderdorf. Beiratsmitglied Kurt Pöhler hatte die Idee und die Organisation, unterhielt die Reisegruppe mit launigen, informativen und auch lyrischen Beiträgen und vermittelte die Atmosphäre eines harmonischen Gemeinschaftsgefühls auf der Fahrt durch das landschaftlich reizvolle Unterland und Hohenlohe auf den „Balkon Hohenlohes“, nach Waldenburg und auch dort.

Als die „Jungen Senioren“ dort im Stadtkern ausstiegen, merkten sie rasch, dass das 3000 Einwohner zählende Städtchen in gut 500 Meter auf einem Bergsporn gelegen als staatlich anerkannter Luftkurhort für sein ausgeprägtes Reizklima bekannt ist: ein regelrecht nass-kalter Maien-Tag. Dafür aber entschädigte der  Anblick der historischen Altstadt, deren gelungener Wiederaufbau nach der großen Zerstörung zum Kriegsende im April 1945 der Phönixbrunnen symbolisiert. Da lag der Besuch der Stadtkirche nahe. Sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts anstelle einer dem heiligen Ägidius gewidmeten mittelalterlichen Kirche errichtet. Die dreischiffige 28 m lange und 15 m breite Halle entspricht einer lutherischen Predigtkirche und imponiert mit einem evangelischen Bildaltar mit einem Glaubensbekenntnis in Form eines „Konfessionsbildnisses“ – bildliche Darstellung der beiden Sakramente Taufe und Abendmahl – in den Altarflügeln und im Sockel des Altaraufsatzes. Und darüber eine imposante Orgel. Eindrucksvoll auch die in der Art zeitgenössischer Volkskunst bemalte Kanzel, nicht minder – aber dafür modern – die Glasfenster „Die Seligpreisungen“ (2004) von Prof. Hans Gottfried  von Stockhausen und „Das Geheimnis des Glaubens“ (2007) von der Waldenburger Künstlerin Ida Isensee..

Dass Waldenburg mit der hohenlohischen Landesteilung 1553 Residenz des Grafen und späteren Fürsten von Hohenlohe-Waldenburg wurde, zeigte sich bereits in der Stadtkirche mit der monumentalen Grablegung eines  Grafenpaares und einer Fürstenloge (schließlich hatten die adligen Herren Altar und erste Orgel gestiftet). Doch das Fürstenhaus war nur bis 1679 evangelisch, und so entstand neben dem großartigen Schloss eine (katholische) Schlosskirche im Stil des Spätrokokos bzw. Klassizismus, in der sich auch ein Besuch lohnte.

Aber das eigentliche Ausflugsziel war ja das Albert-Schweitzer-Kinderdorf am Westrand Waldenburgs, in einem drei Hektar großen parkähnlichen Gelände gelegen. Hier empfing uns das – in Heilbronn-Horkheim wohnende – Vorstandsmitglied Wolfgang Bartole. In einem großen Gemeinschaftsraum verköstigte er an einer langen Tafel die „Jungen Senioren“ mit Kaffee und Kuchen und informierte sie über Entstehung, Entwicklung und aktuelle Situation dieses Albert-Schweitzer-Kinderdorfs, das Pate stand für die Gründung von neun weiteren ähnlicher Projekte in anderen Bundesländern.

Die Idee dazu hatte eine 1883 geborene Berlinerin mit einem außergewöhnlichen Lebenslauf mit künstlerischer als auch sozialer Neigung. Zur Zeit der Weimarer Republik begleitete sie ihre begabten Töchter als Varietétänzerinnen in Europa und Amerika, überlebte als Halbjüdin im Schloss von Stetten.die letzten Kriegsmonate und heiratete in dritter Ehe Georg Gutöhrlein, der die Wildbadquelle Schwäbisch Hall erworben hatte. Margarete Gutöhrlein, die sich in Schwäbisch Hall auch für Flüchtlinge und Waise engagierte, plante ein Zuhause für benachteiligte Kinder und brachte es fertig, dass ihr der damalige Waldenburger Bürgermeister 1956 kostenlos ein (verwildertes) Gelände für ein solches Vorhaben zur Verfügung stellte. Es war ein Glücksfall, dass sich der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer auf Anfrage dafür als Namenspatron zur Verfügung stellte, sodass das Dorf 1957 aufgebaut werden konnte.

Auch wenn Margarete Gutöhrlein schon 1958 starb, war der Erfolgsweg nicht mehr aufzuhalten. Dem Kinderdorf liegt das Familienprinzip mit einem Hauselternpaar zugrunde. Heute gibt es neun gepflegte  alleinstehende Familienhäuser mit 280 bis 340 qm, in der von Jugendämtern vermittelte jeweils sieben bedürftige Kinder (hauptsächlich Sozialwaisenkinder) unterschiedlichen Alters – meist neben zwei oder drei leiblichen Kindern der Hauseltern – eine dauerhafte Bleibe finden, über Schule und Ausbildung hinaus bis zum Selbstständigwerden. Unterstützt werden die sozialpädagogisch vorgebildeten Hausfmütter, die Angestellte des Kinderdorfs sind, von Praktikantinnen, Erzieherinnen und therapeutischem Personal.

Insgesamt beschäftigt das als Verein geführte Kinderdorf, das u.a. auch einen Kindergarten und Außenwohngruppen betreibt, 140 Personen und hat in den 60 Jahren seines Bestehens rund 500 Kindern eine neue Heimat des Vertrauens gegeben, wobei der Kontakt zu den Herkunftsfamilien nicht ausgeschlossen ist. Die „Jungen Senioren“ waren begeistert von der Funktionsfähigkeit dieses alltäglich wirkenden Dorfes.