Dankbar für das Bildungserbe der Reformation – Schuldekan Jürgen Heuschele zeigte die Bedeutungszusammenhänge auf

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Schuldekan Jürgen Heuschele (Foto: Gebhardt)

Luther und kein Ende im Jubiläumsjahr 2017 zu 500 Jahren Reformation. Die Reformation hat nicht nur die christliche Glaubenswelt revolutioniert, sondern uns auch mit dem Bildungserbe eine Errungenschaft hinterlassen, die von mindestens ähnlich großer gesellschaftspolitischer Bedeutung ist. Diese Ansicht bekräftigte zum Auftakt der neuen Reihe 2017/18 der „Jungen Senioren Heilbronn“ im Hans-Rießer-Haus der evangelische Schuldekan Jürgen Heuschele. Er ist zuständig für Organisation und Aufsicht des Religionsunterrichts in den Kirchenbezirken Heilbonn und Brackenheim mit 400 Religionslehrern und Pfarrern, die Religionsunterricht geben, in 100 Schulen.

Martin Luther (1483-1546) war der Initiator und sein kongenialer Partner Philipp Melanchthon (1497-1560) der Gestalter sowohl der Reformation als auch der  grundlegenden Reform von Bildung und Schulwesen, wobei Luther – speziell mit zwei bedeutsamen Schriften (1520 und 1524) und einer Predigt (1530), „dass man Kinder zur Schule anhalten soll“ – insbesondere für eine allgemeine Schulpflicht eintrat, während Melanchthon zudem das höhere Schulwesen und die akademische Bildung im Auge hatte. Wie Heuschele darlegte, war für Luther, obwohl er negative Schülererfahrungen hatte, das Amt des Lehrers neben dem des Predigers das wichtigste für das Volk. Über seine reformatorischen Einsichten kam Luther zur hohen Wertschätzung von Schule und Lehre bzw. Lehrer mit prinzipieller Betonung des Erziehungsauftrags.

Für die geistige Erneuerung der Kirche war es entscheidend, dass die „reine Lehre“ auf dem Wege von Predigt und Unterricht „in die Herzen getrieben“ wurde. Die Grundlagen der erneuerten christlichen Lehre fand ihren Niederschlag im Katechismus, hervorgegangen aus „Katechismuspredigten“. Noch vor Luthers Großem und Kleinen Katechismus waren in einigen wenigen Reformationsgebieten, so in der Freien Reichsstadt Heilbronn (1528), Katechismen zur Unterrichtung der Kinder entstanden, mit dem Ziel, durch die klare Vermittlung von Glaubensinhalten mündige Christen zu erziehen und zu gewinnen.

Luther erwarb sich mit der Übersetzung der Bibel aus den Ursprachen in verständliches Deutsch großes Verdienst für die Bildung, unterstrich Heuschele, wurde doch die Bibel zum ersten Schulbuch, aus dem die Kinder das Lesen lernten und übten. So war es denn auch das Credo Melanchthons: Kein Frömmigkeit ohne Bildung. Ihm lag laut Heuschele die Schulung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit am Herzen, hänge doch nach seiner Erkenntnis Sprache und Wahrnehmung eng zusammen. Gleichwohl vertrat Melanchthon Latein im Unterrichtsstoff an höheren Schulen. Christentum und Humanismus waren für ihn „eines Geistes“ und keine Widersprüche. Er hat sich auch eingesetzt für unterschiedlichen Unterricht nach Alter und Schulart, mit der Maßgabe, nicht zu viel Lehrstoff, dafür mehr Wiederholungen.

Wie Heuschele darlegte, war Bildung ein reformatorisches Anliegen, weil Luther das Priestertum aller Getauften und die Zweireiche-Lehre begründete. Christen sollten ohne priesterlichen Vermittlung Zugang zu den biblischen Schriften und so zur Ausbreitung des Glaubens erhalten. Gleichzeitig wurde in der Reformation Bildung ganz pragmatisch als notwendige Voraussetzung zur Gestaltung des Gemeinwesens über den Kirchenraum hinaus gesehen, für das Weltverständnis des Einzelnen wie für die Ausübung von Arbeit, Verwaltung und Politik.

Heuschele bewertete auch das Bildungserbe der Reformation für unsere Gegenwart. Der Impuls zur Bildung für alle habe beigetragen zur Chancen- und Teilhabegerechtigkeit. Nichtsdestoweniger müsse heute bedacht werden, dass auch in unserem Land der Dichter und Denker eine verdeckte Bildungsarmut herrsche, seien doch hier jeder zehnte Schüler ohne qualifiziere Abschluss, gelten 15 Prozent der Fünfzehnjährigen als funktionale Analphabeten, die nicht fähig sind, längere Texte zu verstehen.

Es gehöre zum Bildungserbe, dass sich Bildung nicht auf Fachkompetenz beschränken dürfe, sondern „Impulse für Kopf, Herz und Hand“ bieten müsse, um Haltungen und Werte vermitteln und entstehen zu lassen. Heuschele: „Religiöse und ethische Bildung dienen dem Zusammenhalt des Gemeinwesens, denn unser Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht zu schaffen vermag.“  Gute Bildung verhelfe dazu, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – nach dem woher, wohin, warum, wozu – Zusammenhänge zu klären.

Erst recht sei Bildung unentbehrlich für die Herausforderungen von Globalisierung und Pluralismus, betonte Heuschele. Der Trend zur Individualisierung wie zum Nachlassen der kirchlichen Bindungskräfte sei unverkennbar. Wir könnten nicht mehr allein der abendländischen Welt vertrauen. Die Zukunft werde durch Vielfalt bestimmt, dem Neben- und Miteinander von Kulturen. (In der Heilbronner Dammschule sind laut Heuschele von 200 Grundschülern 146 muslimischen Glaubens und nur 20 evangelisch getauft.) Zahllose Vorstellungen von Gott und Welt seien evident, und neben den großen Weltreligionen viele Kirchen entstanden. Religion könne beitragen für ein „Zusammenfinden in versöhnter Vielfalt“, so Heuschele..

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