Archiv für den Monat November 2017

Rebellischer Mönch und entlaufene Nonne – Szenische Lesung des Pfarrer-Ehepaars Elke Ischinger und Matthias Treiber

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Pfarrer Matthias Treiber und Pfarrerin Elke Ischinger lesen Texte von Martin Luther und Katharina von Bora (Foto: Rolf Gebhardt)

Sowohl Informatives als auch Unterhaltsames bekamen die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Abschluss des Gedenkjahres  „500 Jahre Reformation“ geboten. „Katharina von Bora und ihre liebe Mühe mit Martin Luther“ betitelte das Heilbronner Pfarrer-Ehepaar Elke Ischinger (Südgemeinde) und Matthias Treiber (Matthäus-Gemeinde) ihre szenische Lesung über jenes Ehepaar, das zum Grundstein und Sinnbild für den deutschen Pfarrhaushalt wurde. Sie zeigten auf, wie im 16. Jahrhundert aus einer Vernunft- eine Liebesehe wurde und verkörperten mit Mimik und Gestik, entsprechender Kopfbekleidung und Hinweis auf Cranach-Porträts im Hintergrund den „Doktor Martinus Luther“ und die „Lutherin“.

Katharina von Bora, am 29. Januar 1499 geboren,  stammte – wie dargestellt – aus einem verarmten sächsischen Adelsgeschlecht von dem kleinen Landsitz Lippendorf.  Sie war kaum fünfjährig,als ihre Mutter starb. Ihr Vater gab sie zu Benediktinerinnen in Pflege. Wenige Jahre später kommt sie in das Frauenkloster in Nimbschen bei Grimma, wird 1515 als „Braut Christi“ eingesegnet.  Acht Jahr lebt sie hier unter  Zisterzienserinnen, lernt Schreiben, Lesen, Rechnen und auch Latein, aber auch Krankenpflege, Gartenpflege und Wirtschaftsführung, wie überliefert ist.

Aber auch hinter die Klostermauern dringt die Kunde von einer neuen Glaubenslehre aus Wittenberg, des reformatorischen Aufbegehrens eines ehemaligen Mönches und rebellischen Predigers namens Martinus Luther. Mit acht anderen Nonnen flieht sie – dem Vernehmen nach im leeren Heringsfass auf einem Planwagen  – im April 1523 aus dem Kloster gen Wittenberg., also zu einer Zeit, als Luther seine Thesen längst geschrieben hatte, er schon hochberühmt war, jedoch noch mitten in den Wirren des Bauernkrieges.

Während die anderen „entlaufenen“ Nonnen alsbald „unter die Haube“ kommen, tut sich Katharina schwer. So soll sie sich in den Studiosus Hieronymus Baumgartner verliebt haben, doch seine Nürnberger Patrizierfamilie will sie nicht als Schwiegertochter haben . Martin Luther wollte sie zwar mit dem betagten Pfarrer Kaspar Glatz, einem ehemaligen Stiftsherrn, verkuppeln, aber das lehnte Katharina entschieden ab, wie sie gegenüber Luthers Freund Nikolaus von Amsdorf kund tat. Wenn sie überhaupt heirate, dann am ehesten Martin Luther – eine mutige Aussage für eine Frau zur damaligen Zeit.

Und so kam es denn auch, wohl unter Vermittlung der Cranachs, in deren Haushalt Katharina untergekommen war und mit denen sie später eine lebenslang Freundschaft verband. Die 26jährige Katharina von Bora und der mit 42 Jahren nach damaligem Verständnis schon recht alte Martin Luther heirateten am 13. Juni 1525, und die Trauung durch den pommerschen Reformator Johannes Bugenhagen fand am 27. Juni 1525 statt. Selbst Melanchthon, Luthers Freund und Wegbegleiter, wusste nichts von dieser Entscheidung, die für die Wittenberger Gesellschaft – unmittelbar nach dem blutigen Ende des Bauernkrieges – eine Ungeheuerlichkeit war, für die Reformation jedoch ein wegweisendes Zeichen, denn nach Ansicht Luthers war die Ehe kein Sakrament, und er war für die Aufhebung der Klöster und gegen das Zölibat.

Wie Ischinger und Treiber deutlich machten, sah man allenthalben mit Spannung der Geburt eines Luther-Kindes entgegen, denn nach dem Volksglauben musste aus einer solchen Verbindung ein  Antichrist hervorgehen, ein Kind mit Pferdefuß und Teufelsschweif. Welch eine Erlösung, als ein Jahr später der gesunde Johannes geboren wurde und in den nächsten acht Jahren noch fünf weitere Kinder kamen.

Die Heirat war für Luther und seinen Haushalt ein Glücksfall, denn seine Katharina entfaltete im sogenannten Schwarzen Kloster, das Luther überlassen worden war, eine ungeheure Tatkraft. Vor allem sorgte die neue Hausherrin dafür, dass das Anwesen zunehmend zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen wurde. Es erfolgten umfangreiche Umbauten und Anbauten. Katharina schaffte es, Land zu pachten und zu kaufen, Gärten anzulegen, Felder zu beackern  und Ställe für das Vieh zu errichten. Sie soll sich selbst aufs Bierbrauen verstanden haben. Es galt, in dem gastlichen Haus bis zu 50 Personen mit Speis und Trank zu versorgen, die eigene Familie mit Kindern, eine Reihe verwaister Kinder aus der Verwandtschaft, Studenten und andere Gäste, darunter auch Kranke, auch Martin Luther war öfter  krank.

Martinus wusste natürlich die Arbeit der klugen Wirtschafterin zu schätzen. Und so lobte er in – überlieferten – Tischreden und Briefen immer wieder seine „Lutherin“, die er mitunter auch mit „Herrn Käthe“ titulierte oder gar mit „Predigerin“, womit er auch ihren theologischen Verstand anerkannte.

Luthers Liebe und Hochachtung zu Katharina ging so weit, dass er sie – für damalige Zeit völlig unüblich – als alleinige Erbin einsetzte. Nach Luthers Tod 1546 lebte Katharina noch acht Jahre in Wittenberg, floh dann vor der dort ausgebrochenen Pest und starb an den Folgen eines Verkehrsunfalls mit der Kutsche 53jährig am 20. Dezember 1552 in Torgau, so Elke Ischinger und Matthias Treiber in ihrer Darstellung.

Russlands Landwirtschaft hat viel Potential – Prof. Dr. Friedrich Golter über deutsch-russische Agrar-Beziehungen

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Prof. Dr. Friedrich Golter (Foto: Rolf Gebhardt)

„Auf Streifzügen durch das europäische Russland“ nahm Prof. Dr. Friedrich Golter die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit. Er vermittelte bildliche Impressionen von mehr als 20 Reisen – von den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Moskau (Roetr Platz, Erlöserkirche, Kreml, Kaufhaus Gum) und Sankt Petersburg  (Eremitage), von den Wolga-Städten Saratov und Samara sowie den unendlichen Weiten der landwirtschaftlichen Regionen in Baschkirien, Südrussland und im Schwarzerdegebiet. Im Mittelpunkt des Referats aber standen besondere deutsch-russische Beziehungen auf agrarwirtschaftlicher Ebene.

Der heute 80jährige Bauernsohn aus Klingenberg, dem 2009 nach einer ohne Vorwarnung aufgetretenen plötzlichen Erkrankung ein Bein amputiert werden musste, kann eine erstaunliche Karriere zurückblicken. Früh vaterlos und Jungbauer geworden, Bundessieger im Berufswettkampf der deutschen Landjugend, brachte er es auf dem zweiten Bildungsweg zum Doktor der Agrarwissenschaft und Honorarprofessor für landwirtschaftliche Marktlehre an der Fachhochschule Nürtingen. Zuletzt war er von 1989 bis 20012 Hauptgeschäftsführer des fusionierten Landesbauernverbands in Baden-Württemberg. Er war drei Jahrzehnte lang der „Macher“ des Landwirtschaftlichen Hauptfestes  in Stuttgart, Begründer und Geschäftsführer des Maschinenringwesens, Wegbereiter für moderne Buchführung in bäuerlichen Familienbetrieben, national und international ein gefragter Referent für agrarpolitische Fragen und Verfasser unzähliger Fachartikel, und wurde vielfach für seine Verdienste geehrt und ausgezeichnet.

Zu den nachhaltigsten beruflichen Erfahrungen Golters gehören seine Agrarkontakte mit Russland. Es begann 1991 auf einer Expertenreise mit Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser in die Russische Föderation. Nach Gesprächen mit Vertretern der russischen Regierung und des Parlaments und in Partnerschaft mit der Akademie für Landwirtschaft in Russland wurde ein  Praktikantenprogramm durch eine Regierungsvereinbarung zwischen Baden-Württemberg und Russland auf den Weg gebracht – und Golter  damit beauftragt. In einem vom Bauernverband mitbestimmten Auswahlverfahren wurden jährlich etwa 100 meist von den Akademien kommende russische Jungbauern, die einen zehnwöchigen  Deutschkurs absolviert haben mussten, für ein sechsmonatiges Praktikum an landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe in Baden-Württemberg vermittelt, bisher über 2000 junge Menschen über Agrarkontakte International (AKI)..

Wie Golter berichtete, machten die 150 Gastbetriebe, die sich an dem Programm beteiligten, durchweg gute Erfahrungen mit ihren russischen Praktikanten, die sich überwiegend erfolgreich in die russische Landwirtschaft einbrachten. Auch auf nationaler Ebene hat sich auf Golters Initiative die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen und dem russischen Bauernverband intensiviert, so bei zahlreichen Seminaren. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums hat Golter eine Studie zum Agrar- und Lebensmittelsektor in Russland durchgeführt und dabei für Befragungen und Bedarfsanalysen 26 Betriebe aus dem Agrarsektor besucht.

Zudem entstanden gemeinsame Unternehmen zwischen deutschen und russischen Betrieben.

Als herausragendes Beispiel nannte Golter den Unternehmensverbund von Stefan Dürr, einem deutschen Landwirt aus dem Odenwald, der in Russland an sechs Standorten 230000 Hektar bewirtschaftet, mit 3600 Beschäftigten, darunter eine Reihe deutscher Agraringenieure. Zum Betrieb zählen 76 000 Rinder, davon in riesigen modernen Stallungen 34 000 Milchkühe, die täglich 850 Tonnen Milch bringen. Dafür hat Dürr, der auch Generalvertreter für landwirtschaftliche Maschinen ist, eine Großmolkerei errichten lassen, die dem Campina-Werk in Neckargartach nachgebildet ist, und hochwertige Milchprodukte für russische Klientel liefert. Wie Golter erfahren hat, ist Dürr zum agrarwirtschaftlichen Berater von Präsident Putin geworden, der ihn persönlich die russische Staatsbürgerschaft und einen Verdienstorden verliehen hat. Laut „Zeit“ soll Dürr Putin geraten haben, die eigene Landwirtschaft bei der Modernisierung stärker zu unterstützen. Dann könnten die Sanktionen wirkungslos sein und Russland gar zu zur Belieferung der Weltmärkte beitragen.

Golter meinte, Chance und Willen seien in Russland groß, die Selbstversorgung der Bevölkerung zu verbessern und zudem auf den internationalen Agrarmärkten aufzutreten. Erste Exporterfolge gäbe es bereits. Die Erträge hinkten zwar noch vielfach hinter westlichen Standard her, böten aber große Reserven. Die 220 000 Privatbetriebe seien im Schnitt 90 ha groß, doch 90 Prozent der Produktion komme von weit größeren – als Genossenschaften oder GmbH’s geführten – Kolchosen und Sowchosen.

Von seinen Reisen gewann Golter von Russland den Eindruck einer durchaus europäischen Kultur und Mentalität. Er lobte auch die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen, so auch die anhaltende Freundschaft mit Prof. Boris Shaitan, dem Rektor  der Zentrale der landwirtschaftlichen Akademien Russlands, der  bei einem Besuch in Klingenberg Golter die Ehrenmitgliedschaft der Akademien verlieh.

Sauberes Trinkwasser für Burkina Faso – Bareka-Vorsitzende Susanne Langer über vorbildliche Entwicklungsprojekte

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Susanne Langer, Vorsitzende des Vereins Barka e.v. (Foto: Rolf Gebhardt)

Die wenigsten „Jungen Senioren“ haben jemals etwas gehört von Burkina Faso, einem westafrikanischen Binnenland, das etwa so groß ist wie die alte Bundesrepublik. Dort ist seit fast drei Jahrzehnten der Untergruppenbacher Freundeskreis Bareka e.V.  tätig. Die Vorsitzende Susanne Langer berichtete im Hans-Rießer-Haus über dieses Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, und wie sich dort Bareka erfolgreich in nachhaltiger Entwicklungsarbeit betätigt.

Der Name Bareka des Freundeskreises leitet sich ab von „barka“, was in der Sprache der Mossi – der bevölkerungsreichsten Volksgruppe in Burkina Faso – „danke“ bedeutet. Bareka wurde im Frühjahr 1989 von zehn Personen gegründet, die „in Afrika helfen“ wollten. Inzwischen gehören dem Freundeskreis drei Dutzend engagierte Mitglieder an, darunter auch Beisitzer Detlev Elpers, der im Rahmen des Bareka-Nachmittags kunstgewerbliche textile Artikel aus Burkina Faso anbot. Der Freundeskreis hat seinen „Sitz“ auf dem Hardthof am Rande Untergruppenbachs, bewirtschaftet von der Agraringenieurin Susanne Langer und ihrem Mann Robert Langer.

Die Bareka-Freunde haben sich durch fortwährende Projektarbeit und Besuche in Burkina Faso zu regelrechten Experten in dort relevanten Entwicklungsfragen entwickelt. Dieses Land im inneren Nigerbogen im Landschaftsgürtel von Sudan und Sahel stand seit Ende des 19.Jahrhunderts unter dem Einfluss Frankreich, das 1919 die Kolonie Obervolta gründete und nach dem Krieg in ein Überseeterritorium überführte. 1960 erlangte es die Unabhängigkeit und gab sich 1984 den Namen Burkina Faso – in der Sprache der Mossi so viel wie „Land der aufrichtigen Menschen“, derzeit 19 Millionen Einwohner.

Wie Susanne Langer erklärte, macht sich auch dort der Klimawandel verstärkt bemerkbar. Die Regenzeit zwischen Mai und Oktober bringt mitunter verheerenden Überschwemmungen mit sich, fällt in anderen Jahren aber weitgehend aus, so dass Trockenheit und Dürre und damit Desertifikation, Erosion und Hungerperioden immer mehr zunehmen. Die Bevölkerung (muslimisch, christlich, animistisch), die sich aus mehr als 50 Ethnien und ebenso vielen Sprachen zusammensetzt, lebt zu über 90 Prozent von der Landwirtschaft und da überwiegend von Subsistenzwirtschaft, dem Anbau Obst und  Gemüse, vor allem Hirse sowie Mais, Maniok, Sorghum und Jamswurzeln für den Eigenbedarf. Nur im Süden gibt es sporadische Plantagenwirtschaft mit Erdnüssen, Zuckerrohr und Baumwolle für den Export.

Bareka ist ausgerichtet auf Entwicklungsprojekte in den Departements um die Kleinstädte Piela und Bilanga nordöstlich der Hauptstadt Quagadougou, der Millionenmetropole des Landes. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem hygienischen Bereich und hier auf der Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Niederschlags- und Oberflächenwasser reicht  bei weiten nicht aus. Traditionell gibt es handgegrabene Brunnen, die immer wieder ausgebessert werden müssen und aus denen mit Kalebassen das meist verunreinigtes Wasser geschöpft wird. Solche Wasserlöcher sind in Familienbesitz; sie rufen immer wieder (nicht nur) Durchfallerkrankungen hervor. Der Staat hat sich aus der Brunnenbauförderung zurückgezogen.

Hier betätigt sich Bareka in einem Gebiet mit 150 000 Einwohnern mit dem Bau von dringend benötigten Tiefbrunnen, inzwischen nahezu 100 Brunnen. Mit Hilfe von einheimischen Unternehmen, für die Bareka die Ausbildung von Mechanikern und die Anschaffung von Werkzeugen bezahlte, werden in ausgesuchten Klüften des Granitplateaubodens Bohrungen bis meist in 60 m Tiefe niedergebracht, Rohre eingesetzt und Handpumpen montiert. Die Brunnenpumpstation wird von einer Steinmauer umgeben und mit zwei abgeleiteten Trögen für das Vieh – Ziegen und Schafen, Rinder und Esel – versehen.

Wie Susanne Langer darlegte, ist gewährleistet, dass das Grundwasser nicht über Gebühr ausgebeutet wird. Ein Brunnenkomitee sorgt für Wartung und Überwachung; bislang funktionieren aller Bareka-Brunnen reibungslos. Die Frauen sind froh und dankbar, dass sie nun viel kürze Wege zum Wasserholen und genügend sauberes Trinkwasser haben, auch wenn dafür eine vertretbare Gebühr zu zahlen ist.

Barke bemüht sich zudem um den Bau von Latrinen. Seit Anfang an engagiert sich Bareka auch bei einer Gesundheitsstation in Piela, die sich inzwischen zu einer Poliklinik entwickelt hat und bei der Bareka nicht nur für Verbandsmaterial und Medikamente sorgt, sondern auch die Anschaffung vom medizinischen Apparaten und eines Röntgengerätes finanzierte. Nicht zuletzt kümmert sich Bareka auch um die Vermittlung biologischer Anbaumethoden und ihre Vermarktung, bis hin zum Nothilfe-Getreidekauf, natürlich unter dem Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe, in der Regel in Zusammenarbeit mit örtlichen verlässlichen Partnern.

Die Entwicklungsarbeit von Bareka ist mittlerweile so anerkannt, dass ihre Projekte zur Hälfte vom BMZ, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, mitfinanziert werden.

Humanität gegen Barbarei: Dr. Siegfried Gumbel Martin Uwe Schmidt erinnerte an einen bedeutenden Heilbronner Juden

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(Leinwandfoto: Rolf Gebhardt)

In der November-Woche, in der die schmerzliche Erinnerung an die Reichskristallnacht von 1938 wach wird, gedachten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus dem Leben, Wirken und Sterben in der früheren jüdischen Gemeinde in Heilbronn und in Sonderheit an einen der bedeutendsten Heilbronner Juden, Dr. Siegfried Gumbel (1874-1942), über dessen Lebensweg der Religionspädagoge und Lokalhistoriker Martin Uwe Schmidt in Anwesenheit der israelitischen Gemeindevorsteherin Heilbronns, Avital Toren, in einer bewegenden Darstellung referierte. An ihn erinnert in Heilbronn noch die Siegfried-Gumbel-Straße nahe des Israelitischen Friedhofs sowie ein „Stolperstein“ an der Gartenstraße 50.
Siegfried Gumbel stammte aus einer jüdischen Familie aus Stein am Kocher (heute Stadtteil von Neuenstadt). Die Söhne des Handelsmanns und Gastwirts Abraham Gumbel (1791-1851), Isaak und Max (ehemals Moses) Gumbel, verließen im Rahmen des Emanzipationsgesetzes 1860 den Ort Stein und ließen sich in der Stadt Heilbronn nieder, wo sie zu Begründern einer Bankendynastie wurden. Aus dem von beiden als Teilhaber geführten Bankgeschäft Gebr. Gumbel entwickelten sich ab 1880 das Bank- und Wechselgeschäft Gumbel am Markt (Isaak Gumbel) und das Bank- und Wechselgeschäft Gumbel-Kiefe (Max Gumbel). Der Sohn von Isaak Gumbel, Abraham Gumbel (1852-1930), wurde 1909 zum Begründer des Heilbronner Bankvereins, aus dem die Volksbank Heilbronn hervorging, und an den im Bankhaus an der Allee der Abraham-Gumbel-Saal erinnert.
Siegfried Gumbel, der Sohn von Max und Lina Gumbel (geb, Kiefe), ging am humanistischen Karlsgymnasium zur Schule und schloss 1892 als Jahrgangsbester ab. Er studierte Rechtswissenschaft an der Universität Tübingen, wo er auch promoviert wurde. 1901 ließ er sich als Anwalt in Heilbronn nieder und heiratete 1904 Ida Rosenthal.
Wie Schmidt ausführte, war Siegfried Gumbels Berufsweg geprägt von den Begriffen „Humanität gegen Barbarei“. Er war Vorsitzender des Heilbronner Anwaltsvereins, aber auch Gründer der Ortsgruppe Heilbronn des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Überdies spielte er eine wichtige Rolle in der Deutschen Demokratischen Partei. Als er im August 1932 als Stadtrat der DDP in den Heilbronner Gemeinderat nachrücken sollte, protestierten die NSDAP-Räte gegen die Präsenz eines Angehörigen jüdischer Rasse, wogegen sich außer Gumbel auch der Heilbronner Bürgermeister Beutinger aus verfassungsmäßigen Gründen verwahrten. Aber als sich der Widerstand der Nazis gegen seine Verpflichtung am 16. März 1933 verstärkte, verzichtete Gumbel auf sein Mandat. Im April erhielt er Berufsverbot, und er musste seine Kanzlei schließen.
Bei der Jubiläumsfeier zum 50jähriegen Bestehen der Heilbronner Synagoge am 21. Mai 192, hielt Siegfried Gumbel die Festrede und bedauerte, dass der sich immer wieder zeigende Hass gegen Juden einer vollkommenen staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung entgegenstehe. Schmidt wies ausdrücklich darauf hin, dass die Synagoge in den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 einer politischen Brandstiftung zum Opfer fiel.( Die Stadt Heilbronn wird am 9. November um 19.15 Uhr zum 79. Jahrestag der Pogromnacht am Synagogen-Gedenksein an der Allee „wider das Vergessen“ eine Mahnfeier halten.) Die Heilbronner Synagoge stand ganz im Zeichen des Reform-Judentums: erbaut in neo-orientalischem Stil, ein 35 m langer. dreischiffiger Bau mit drei Emporen und 38 m hoch aufragender Kuppel sowie ausgestattet mit einer Orgel über der Eingangshalle. Dieses prächtige Gebäude am Südende der Allee fand ihren späten Niederschlag auf einer in Israel zum 50. Jahrestag der November-Pogrome erschienenen Sonderbriefmarke
Siegfried Gumbel war laut Schmidt von Anfang an engagiert am Aufbau der der israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg und Stellvertreter des Präsidenten Otto Hirsch; 1936 wurde er zum Präsidenten des Oberrats und rechtskundigen Mitglied in Stuttgart gewählt. Nach dem Tod seiner Frau zog er 1937 nach Stuttgart um. Seine Bemühung galt, die Lage der Gemeindeglieder zu erleichtern (so mit Organisation von Wohlfahrtspflege und Winterhilfe), bis hin zur Auswanderung. Seine Söhne Otto und Erich hatten bereits zum Tag des Judenboykotts am 1. April 1933 Deutschland verlassen. Siegfried Gumbel wollte aber unbedingt die Stellung halten. 1938 wurde er dem Schutzhaftlager Welzheim überstellt (kam gebrochen zurück), 1941 ins KZ Dachau eingeliefert und dort am 27. Januar 1942 umgebracht.
Martin Uwe Schmidt verdankt seine spezifischen Kenntnisse über Siegfried Gumbel dessen Sohn Dr. Erich Gumbel (1908-1994), der ein führender Psychoanalytiker in Israel war. Er hatte ihn bei einer jüdischen Begegnungswoche 1986 in Heilbronn kennengelernt und ihn später in Jerusalem besucht.

Mitgefühl ist was ganz anderes als Mitleid – Ruhestandspfarrer Peter Goes über den hohen Stellenwert in den Religionen

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Die Veranstaltungen und Feiern zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr wollen die Bedeutung der (nicht nur) von Martin Luther ausgelösten Reformation  für Kirche und Gesellschaft herausstellen; sie ist auch über die Konfessionsbildung hinaus ein Bekenntnis zur Tragfähigkeit eines gemeinsamen Christentums. Eine immanente christliche Aussage ist die vom Mitgefühl – der Nächstenliebe. Doch die Lehre und Verinnerlichung von Mitgefühl hat eine jahrtausendelange Tradition und einen hohen Stellenwert in den großen Religionen. Darüber referierte der Heilbronner Ruhestandspfarrer und Autor Peter Goes bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

„Mitgefühl ist die einzige Energie, die uns hilft, fähig zu sein für Kontakte mit anderen Menschen. Mitgefühl hebt die Isolierung des Menschen auf, schafft wirkliche Beziehung und adelt denjenigen, der sie übt.“ Dieses Zitat des Benediktinerpaters Anselm Grün, der unzählige spirituelle Bücher verfasst hat, stellte Goes an den Anfang seiner Darlegungen. Mitgefühl sei die einen selbst bereichernde Fähigkeit, sich in die Lage eines Anderen zu versetzen, mit dem Anderen Leid, Schmerz und Trauer zu empfinden, sich des gemeinsamen Menschseins bewusst zu sein. Mitgefühl sei also was ganz anderes als Mitleid, bei dem man – „Du Armer“ – Distanz wahre.

Goes verdeullichte, dass Religionen zweifellos auch Gewaltpotenziale in sich vereinen: Doch primär seien sie ausgelegt auf Versöhnung; beinhalteten Regeln für Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Wahrheit, Toleranz und gegenseitige Achtung. Solche Anliegen seien bereits bei einem weltparlamentarischen Treffen der Religionen 1883 in Chicago herausgestellt und 1993 bekräftigt worden: Das Humanitätsprinzip – jeder Mensch muss anständig behandelt werden; Einigung auf die goldene Regel, dass jeder Mensch so zu behandeln sei, wie man selbst behandelt werden möchte; Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit; Raum für Toleranz und Wahrheit; Gleichberechtigung in partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die Gemeinsamkeit der Religionen zeigt sich laut Goes also auch in ihrem Ringen um ein friedliches Zusammenleben zwischen den Völkern wie zwischen Personen, und zwar durch die Wertschätzung von Mitgefühl.

Dies sieht Goes in besonderem Maße im Buddhismus manifestiert: in der Praktizierung eines sittlichen Lebenswandels und der gleichwertige Anerkennung aller Kreaturen unter Hintanstellung egoistischer Neigungen – Alles ist eine Einheit, Alles hängt mit Allem zusammen.  In diesem Sinne zitierte Goes den Dalai Lama: „Alle glücklichen Konstruktionen menschlicher Erlebnisse und positiver Erfahrungen sind meist entstanden durch gebührenden Respekt vor unseren Mitmenschen und einem aufrichtigen Interesse am Wohlergehen Anderer, durch Mitgefühl, Zuneigung und Liebenswürdigkeit.“

Ähnliche Ansichten hat Goes im Judentum entdeckt. Dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber zufolge gehe es nicht nur darum, den Anderen ihr Leid mitzutragen, sondern auch an ihren Freuden mitzufeiern. Auch im Urchristentum heißt es bei Apostel Paulus: „Freut Euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Leidenden!“ Das Doppelgebot der Liebe – „liebe  Deinen Nächsten wie Dich selbst“ – finde sich im Alten wie im Neuen Testament, wobei der Nächste auch der Fremde sein kann. Liebe sei schließlich ein Grundprinzip christlicher Lehre,nicht zuletzt festgemacht am der  Geschichte vom barmherzigen Samariter, von maßgeblichen Künstlern bildlich gefasst.

Der Islam schließlich, der aktuell mit Hass und Terrorismus gegen „Ungläubige“  in Verbindung gesehen wird, ist laut Goes im Ansatz eine Religion der Barmherzigkeit. Kein Wort komme im Koran im Zusammenhang mit Allah, dem „Allerbarmer“,  häufiger vor. Wie bei Jesus heiße es auch hier, „wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet.“ Bei den islamischen Mystikern , den Sufis, gehöre Barmherzigkeit zu den zentralen Qualitäten Gottes, denn: „Wahres Mitgefühl ist absichtslos. Es strahlt ein Licht aus allen Handlungen desjenigen Menschen, dessen Herz durchdrungen ist von Barmherzigkeit und Mitleiden:“

Goes betonte die Wichtigkeit des Mitgefühls gerade in unserer durch multimediale Ausstattung gekennzeichneten modernen Welt und ihren inharenten Möglichkeiten des Mobbing. Über Mitgefühl und andere Gefühle, die das Leben beeinflussen, bereichern und lebendig machen, als gefühlte Werte für ein erfülltes Leben, hat Peter Goes ein neues Buch geschrieben: „Emotionen als Kraftquell“ (271 Seiten, Vindobona.Verlag, 16.90  Euro) – in guter Nachfolge seines 1908 in Langenbeutingen geborenen und 2000 in Stuttgart verstorbenen Onkels, dem geschätzten Schriftsteller und Theologen Albrecht Goes.