Russlands Landwirtschaft hat viel Potential – Prof. Dr. Friedrich Golter über deutsch-russische Agrar-Beziehungen

2017-11-20_JuSen_39akl

Prof. Dr. Friedrich Golter (Foto: Rolf Gebhardt)

„Auf Streifzügen durch das europäische Russland“ nahm Prof. Dr. Friedrich Golter die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit. Er vermittelte bildliche Impressionen von mehr als 20 Reisen – von den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Moskau (Roetr Platz, Erlöserkirche, Kreml, Kaufhaus Gum) und Sankt Petersburg  (Eremitage), von den Wolga-Städten Saratov und Samara sowie den unendlichen Weiten der landwirtschaftlichen Regionen in Baschkirien, Südrussland und im Schwarzerdegebiet. Im Mittelpunkt des Referats aber standen besondere deutsch-russische Beziehungen auf agrarwirtschaftlicher Ebene.

Der heute 80jährige Bauernsohn aus Klingenberg, dem 2009 nach einer ohne Vorwarnung aufgetretenen plötzlichen Erkrankung ein Bein amputiert werden musste, kann eine erstaunliche Karriere zurückblicken. Früh vaterlos und Jungbauer geworden, Bundessieger im Berufswettkampf der deutschen Landjugend, brachte er es auf dem zweiten Bildungsweg zum Doktor der Agrarwissenschaft und Honorarprofessor für landwirtschaftliche Marktlehre an der Fachhochschule Nürtingen. Zuletzt war er von 1989 bis 20012 Hauptgeschäftsführer des fusionierten Landesbauernverbands in Baden-Württemberg. Er war drei Jahrzehnte lang der „Macher“ des Landwirtschaftlichen Hauptfestes  in Stuttgart, Begründer und Geschäftsführer des Maschinenringwesens, Wegbereiter für moderne Buchführung in bäuerlichen Familienbetrieben, national und international ein gefragter Referent für agrarpolitische Fragen und Verfasser unzähliger Fachartikel, und wurde vielfach für seine Verdienste geehrt und ausgezeichnet.

Zu den nachhaltigsten beruflichen Erfahrungen Golters gehören seine Agrarkontakte mit Russland. Es begann 1991 auf einer Expertenreise mit Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser in die Russische Föderation. Nach Gesprächen mit Vertretern der russischen Regierung und des Parlaments und in Partnerschaft mit der Akademie für Landwirtschaft in Russland wurde ein  Praktikantenprogramm durch eine Regierungsvereinbarung zwischen Baden-Württemberg und Russland auf den Weg gebracht – und Golter  damit beauftragt. In einem vom Bauernverband mitbestimmten Auswahlverfahren wurden jährlich etwa 100 meist von den Akademien kommende russische Jungbauern, die einen zehnwöchigen  Deutschkurs absolviert haben mussten, für ein sechsmonatiges Praktikum an landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe in Baden-Württemberg vermittelt, bisher über 2000 junge Menschen über Agrarkontakte International (AKI)..

Wie Golter berichtete, machten die 150 Gastbetriebe, die sich an dem Programm beteiligten, durchweg gute Erfahrungen mit ihren russischen Praktikanten, die sich überwiegend erfolgreich in die russische Landwirtschaft einbrachten. Auch auf nationaler Ebene hat sich auf Golters Initiative die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen und dem russischen Bauernverband intensiviert, so bei zahlreichen Seminaren. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums hat Golter eine Studie zum Agrar- und Lebensmittelsektor in Russland durchgeführt und dabei für Befragungen und Bedarfsanalysen 26 Betriebe aus dem Agrarsektor besucht.

Zudem entstanden gemeinsame Unternehmen zwischen deutschen und russischen Betrieben.

Als herausragendes Beispiel nannte Golter den Unternehmensverbund von Stefan Dürr, einem deutschen Landwirt aus dem Odenwald, der in Russland an sechs Standorten 230000 Hektar bewirtschaftet, mit 3600 Beschäftigten, darunter eine Reihe deutscher Agraringenieure. Zum Betrieb zählen 76 000 Rinder, davon in riesigen modernen Stallungen 34 000 Milchkühe, die täglich 850 Tonnen Milch bringen. Dafür hat Dürr, der auch Generalvertreter für landwirtschaftliche Maschinen ist, eine Großmolkerei errichten lassen, die dem Campina-Werk in Neckargartach nachgebildet ist, und hochwertige Milchprodukte für russische Klientel liefert. Wie Golter erfahren hat, ist Dürr zum agrarwirtschaftlichen Berater von Präsident Putin geworden, der ihn persönlich die russische Staatsbürgerschaft und einen Verdienstorden verliehen hat. Laut „Zeit“ soll Dürr Putin geraten haben, die eigene Landwirtschaft bei der Modernisierung stärker zu unterstützen. Dann könnten die Sanktionen wirkungslos sein und Russland gar zu zur Belieferung der Weltmärkte beitragen.

Golter meinte, Chance und Willen seien in Russland groß, die Selbstversorgung der Bevölkerung zu verbessern und zudem auf den internationalen Agrarmärkten aufzutreten. Erste Exporterfolge gäbe es bereits. Die Erträge hinkten zwar noch vielfach hinter westlichen Standard her, böten aber große Reserven. Die 220 000 Privatbetriebe seien im Schnitt 90 ha groß, doch 90 Prozent der Produktion komme von weit größeren – als Genossenschaften oder GmbH’s geführten – Kolchosen und Sowchosen.

Von seinen Reisen gewann Golter von Russland den Eindruck einer durchaus europäischen Kultur und Mentalität. Er lobte auch die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen, so auch die anhaltende Freundschaft mit Prof. Boris Shaitan, dem Rektor  der Zentrale der landwirtschaftlichen Akademien Russlands, der  bei einem Besuch in Klingenberg Golter die Ehrenmitgliedschaft der Akademien verlieh.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s