Archiv für den Monat Januar 2018

Märchen und ihre Symbole sind voller Weisheiten … und können praktische Lebenshilfen bieten, meint Petra Anna Schmidt

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Petra Anna Schmidt im Hans-Rießer-Haus (Foto: Rolf Gebhardt)

Märchen – Volksmärchen zumal – sind ein kultureller und nationaler Schatz. Deshalb hat die Deutsche Unesco-Kommission auch im Dezember 2016 das Märchenerzählen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wie man von diesem Schatz und Erbe profitieren kann, das vermittelte die professionelle Geschichtenerzählerin Petra Anna Schmidt den Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in anschaulicher und hilfreicher Auslegung.

Die ältere Generation ist in der Regel gut vertraut mit der Märchenwelt, denn Märchen erzählt zu bekommen und selbst zu lesen gehörte zu ihrer Kindheit. Mit dem Aufkommen der Medien-Vielfalt haben Märchen für die heutigen Kinder zwar nicht mehr diesen hohen Stellenwert wie früher, werden aber wohl noch immer gerne aufgenommen. Märchen wurden jedoch ursprünglich für Erwachsene erzählt, „und zwar aus gutem Grund“, so Petra Anna Schmidt. Denn die Allerwenigsten konnten lesen und schreiben, und so wurden sie mit verschlüsselten Geschichten mit unterschiedlichen Lebensumständen vertraut gemacht. Deshalb hat Schmidt speziell für Erwachsene ein Programm „Märchen entdecken“ entwickelt, in dem sie Hintergründe und Symbolik der Märchen erklärt. „Märchen sind voller Weisheiten und praktischer Lebenshilfe“, meint die Erzählerin, „jedoch verpackt in einer Bildsprache, die moderne Menschen meist nicht mehr verstehen.“  In ihrem Programm übersetzt sie sozusagen diese Bildsprache in die geläufige Alltagssprache,

Das tat Petra Anna Schmidt diesmal anhand des Grimmschen Märchen „Die Alte im Wald“, eingestimmt mit anheimelnden Flöten-Klängen: Da ist also ein „armes Dienstmädchen, das mit seiner Herrschaft auf einer Kutsche durch den Wald fährt. Sie werden von Räubern überfallen und getötet, bis auf das Mädchen, das sich verstecken  konnte. Verzweifelt kauert es allein an einem Baum, Gott anbefohlen, als ein weißes Täubchen zu ihr hin geflogen kommt, ihr einen kleinen goldenen Schlüssel bringt, und ihr ein passendes Schloss in einem großen Baum zeigt, wo sie zu essen findet. Später bring ihr das Täubchen noch Schlüssel, die ihr in Bäumen zu einem weichen Bett und zu Kleidern wie für eine Königin verhelfen. Nachdem das Mädchen neues Selbstvertrauen gewonnen hat, bittet das Täubchen das Mädchen, in eine Hütte zu gehen, die dortige Hausherrin nicht zu beachten und einen schlichten Ring unter den dort aufbewahrten vielen prächtigen herauszusuchen und zu ihm zu bringen.

Das Mädchen tut, was die das Täubchen ihr aufgetragen hat, findet die Hütte, ignoriert die alte Frau, die sie daran hindern will, in den Nebenraum zu den Schmuckschätzen zu gehen. Als das Mädchen bemerkt, dass die Alte sich mit einem Vogelkäfig wegschleichen will, entreißt ihr das Mädchen den Käfig, nimmt dem dort gefangenen Vogel jenen schlichten Ring aus dem Schnabel, eilt damit davon und lehnt sich an einen Baum, um auf das Täubchen zu warten. Da spürt sie, wie sich die Zweige des Baus um sie schmiegen und wie sich der Baum in einen schönen jungen Mann verwandelt, der sie an sich drückt und küsst. Er ist der Sohn eines Königs, den die Alte in einen Baum verwandelt hatte und nur ein paar Stunden am Tag als Taube umher fliegen durfte. Das Mädchen hat den Zauber gebrochen, indem sie der Alten den Ring entwendet hat. Das ehemalige Dienstmädchen und der Königssohn heiraten und werden glücklich.

Petra Anna Schmidts eigene Deutung zu diesem Märchen, „wie sich Wandlung vollzieht“: Ein Dienstmädchen, als Angestellte nicht unbedingt arm, aber arm in der Lebensperspektive, macht im Wald – auf sich selbst gestellt – dank der Unterstützung durch das Täubchen einen Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit durch und weiß sich schnell auf neue Situationen einzustellen. Schmidt: „Wir können alle in Schwierigkeiten geraten, uns kann im Leben viel geraubt werden, aber es komm darauf an, dass wir es schaffen, aus der misslichen Situation wieder herauszukommen.“

Und da kommen die Symbole ins Spiel: Der in Märchen immer wieder auftauchende Wald steht laut Schmidt für das Unbewusste, mit dem der „Held“ konfrontiert wird und mit der Selbstfindung in der Natur das Stadium des Unerlöstseins verlässt. Die Taube hat eine vielschichtige Bedeutung, nicht zuletzt für Liebe. Der Schlüssel kann Symbol sein für einen Lösungsansatz. Die alte Frau – die „Alte“ – verkörpert das überholt-Gestrige, allzu konservative Bande, von denen man sich befreien muss, um eine glücklichere Gegenwart und Zukunft zu gestalten: hier die grantigen oder bösen Alten, dort die guten und sympathischen Jungen, denen die Zukunft gehört. Und was Männer- und Frauenrollen in Märchen betrifft, so muss man sehen, dass in jedem Menschen sowohl männliche wie weibliche Anteile stecken.

Generell meint Petra Anna Schmidt brauchen Erwachsene für Märchen eine passable Deutung, eine tiefenpsychologische Interpretation, während Kinder die Fähigkeit haben, selbst bei anscheinend grausamem Geschehen in der ihnen eigenen inneren Schau verträgliche Selbstbildnisse entstehen zu lassen, so dass ihnen Märchen durchaus emotionale Nahrung und Impulse geben können.

Heilbronn hat schon früher blühende Zeiten erlebt – Stadtarchiv-Direktor Prof. Schrenk lüftete das Geheimnis der Theresienwiese

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Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Stadt Heilbronn befindet sich in einem Aufbruch, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch städtebaulich, als Bildungs- und Wissensstadt, so im Hinblick auf den Campus, die „neue“ Experimenta und vor allem auf die Bundesgartenschau 2019. Dass Heilbronn auch schon früher spannende Zeiten des Aufbruchs und Wachstums erlebt hat, erläuterte der Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, Prof. Dr. Christhard Schrenk den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in einem anschaulichen Vortrag  „Schock und Chance – Heilbronn um 1800“.

Natürlich blieb auch Heilbronn nicht von Rückschlägen verschont. Schrenk verwies auf den Großbrand von 1696, der 20 Häuser rund um den Marktplatz in Schutt und Asche verwandelte. Seit dem Dreißigjährigen Krieg war die Stadt auch immer wieder von Truppendurchzügen und Einquartierungen betroffen. Doch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trat Heilbronn in eine Phase der Prosperität ein, wenngleich Not und Elend nicht überall verbannt werden konnte. Der Obst- und Weinbau florierte und insbesondere der Kolonialwaren- und Fernhandel. Die großen Handelshäuser Heilbonns kamen zu bedeutendem Wohlstand, Das Bürgertum wurde von der Aufklärung erreicht, war kulturell interessiert und informiert. Es war die Zeit, als Georg Heinrich von Roßkampff Bürgermeister in Heilbronn (von 1769 bis zu seinem Tod 1794) war. Städtische Neubauten aus Heilbronner Sandstein setzten in der Fachwerkstadt moderne Akzente.

In der Freien Reichsstadt Heilbronn ließ es sich gut leben, konstatierte Schrenk. Es handelte sich um ein vergleichsweise kleines aber geordnetes Territorium von 65 qkm, wozu jedoch nicht mehrere Heilbronner Klöster und die Deutschordenskommende gehörten, wohl aber Böckingen, Frankenbach, Neckargartach und Flein. Diese Dörfer zählten zusammen 3000 Einwohner, und in Heilbronn wohnten 7000 Menschen.

Da war es schon ein Schock, so Schrenk, als auch Heilbronn im Zuge des Reichsdeportationshauptschlusses seine Reichsstadtfreiheit verlor. 1802 kam Heilbronn zum Herzogtum Württemberg, das durch Napoleons Gnaden 1803 zum Kurfürstentum und 1806 zum Königtum avancierte. Immerhin wurde Heilbronn zum Mittelpunkt eines neu geschaffenen Oberamtes. Alsbald konnte wieder ein neuer Stadtrat gewählt werden, an dessen Spitze ein Oberbürgermeister genannt, stand. Schon 1811 erhielt Heilbronn das Prädikat „gute Stadt“.

Allerdings waren nach den langen Napoleonischen Kriegen Land und Stadt verarmt; die Jahre 1816/17 waren geprägt von Hungersnot und Teuerung. Unter König Wilhelm I, der von 1816 bis 1864 regierte, entwickelte sich aber auch die Heilbronner Wirtschaft wieder positiv. Entscheidende Impulse ergaben sich durch den Bau des sogenannten  Wilhelmskanals 1825. Viele Jahrzehnte lang war auf dem Neckar bei Heilbronn durch den Bau von Mühlen die Weiterfahrt der Schiffe blockiert. Dadurch konnte sich Heilbronn zwar das Monopol eines lukrativen Umschlagplatzes sichern, wie Schrenk darlegte, doch mit dem Kanaldurchstich profitierte Heilbronn von der Entwicklung der Neckarschifffahrt. Hinzu kam die Anbindung an den Zugverkehr, und Heilbronn wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Pionier in der Elektrifizierung.

Die Mühlenwerke gaben den Anstoß zu einem Aufblühen von Gewerbe und Industrie.So brachten die Gebrüder Adolf und Moritz Rauch, Gustav Schaeuffelen und Johann Jakob Widmann die Papierbranche voran, begründete Georg Peter Bruckmann die deutsche Silberwarenindustrie, und der 1838 aus dem Braunschweigischen nach Heilbronn gekommene Carl Heinrich Knorr gründete eine Zichorien-Kaffee-Fabrik, aus dem seine Söhne mit Fertigsuppen die Weltmarke Knorr entwickelten. Es entstanden Maschinenfabriken (u.a. Weipert) sowie Salz- und Zuckerwerke. Aus der Bauern- und Weingärtnerstadt wurde die Industriemetropole Württembergs, als die sich Heilbronn bei der großen Industrieausstellung 1897 präsentieren konnte. Innerhalb von 75 Jahren war die Zahl der Industriearbeitsplätze von 600 auf 9000 gestiegen, begleitet von einem Wachstum der Einwohnerzahl von 9000 auf 40 000.

Schrenk lüftete zum guten Schluss auch das Geheimnis des Namens der Theresienwiese. Die bis heute nicht offizielle Bezeichnung geht zurück auf einen Festakt, bei dem am 1. Juni 1815  27 Offizieren der österreichischen Armee der Maria-Theresia-Orden verliehen wurde. Nachdem nämlich Napoleon Bonaparte aus seinem Exil auf Elba nach Frankreich zurückgekehrt war, sollte das österreichische Heer eine Abwehrkette gegen ein etwaiges Vordringen Napoleons bilden. Als sich das große Truppenkontingent bei Heilbronn versammelte, kam es hier zu der ursprünglich für Wien beschlossenen Ordensverleihung. Unter Führung von Fürst Karl Philipp zu Schwarzenberg, der sich als Oberbefehlshaber in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 verdient gemacht  hatte, und seines Generalstabschefs Josef Graf Radetzky (dem später Johann Strauss Vater den Radetzky-Marsch widmetet) gab es einen Reiterzug mit 136 Fürsten und auf  jenem Gelände eine Truppenparade von 8000 Soldaten und leitenden Offizieren. Am nächsten Tag kamen Kaiser Franz I. von Österreich und am 3. Juni Zar Alexander nach Heilbronn.

Mutige Frauen auf Reisen in exotische Länder – Ulrike Kieser-Hess über „frühe“ Abenteuerinnen und Forschungsreisende

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Ulrike Kieser-Hess (Foto: Rolf Gebhardt)

„Mut statt Hut im Gepäck. Hinter diesem faszinierenden Titel verbarg sich eine Reportage über allein reisende Frauen vor mehr als 100 bzw. 200 Jahren, die von brennendem Interesse für das Fremde getrieben in mühevoller und gefährlicher Mission Erfahrungen in fremden Ländern sammelten und darüber Artikel und Bücher verfassten. Fünf Porträts solcher Frauen wurden den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus von Ulrike Kieser-Hess aus Lauffen anschaulich vermittelt. Sie ist gelernte Journalistin, Lokalpolitikerin und u.a. VHS-Referentin.

Im 18., 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es insbesondere Frauen aus der englischen Oberschicht, die aufregende Reisen in exotische Länder unternahmen und darüber berichteten.

Da ist zum ersten Lady Hester Stabhope1776,  in einer angesehenen Familie im britischen Kent geboren, die in jungen Jahren Haushälterin bei einem Onkel, dem Premierminister, war. Ausgestattet mit scharfem Intellekt und Geschmack für Exzentrik wurde sie eine der ersten Abenteuerinnen der frühen Neuzeit. Der Libanon wurde zu ihrer zweite Heimat. Von1810 bis zu ihrem Tod 1839 lebte sie in einem  verlassenen Bergkloster, von ihr ausgestattet in pseudoorientalischem Prunk, auch ein Anziehungspunkt europäischer Globetrotter. Sie verstand es, mit den dortigen zerstrittenen Bergstämmen der Drusen gut klarzu kommen und wurde von ihnen als „Königin der Wüste“ und „Mysterie Lady of  the Orient“ verehrt. Als erste westliche Frau kam sie in die Ruinenstadt Palmyra, von den Beduinenstämmen gefeiert.

Auch eine Französin machte von sich reden: Alexandra David-Néel. 1868 in einem Pariser Vorort geboren wurde sie zu einer bekannten Reiseschriftstellerin und Erforscherin der tibetischen Kultur und des Buddhismus. Mit 17 zu einer erster Reise in die Schweiz „ausgerissen“ studierte sie danach orientalische Schriften und Sprachen, schloss sich 1891 bei einer Reise nach Indien und Ceylon einer theosophischen Gesellschaft an, hatte ein Engagement als Sopranistin in Indochina und war Theaterleiterin in Tunis. Sie heiratete 1904 Philippe Néel, von dem sie sich zwar bald wieder scheiden ließ, der jedoch mit ihr in Verbindung blieb. Bei einer Auslandsreise 1911 lernte sie den Dalai.Lama kennen. Sie unternahm monatelange Reisen im Himalaja, wurde in den Stand eines Lamas erhoben, durchstreifte die Wüste Gobi, bereiste Persien, Burma, Japan, Korea und China, stets begleitet von Lama Yongen, der ihr Adoptivsohn wurde. 57Jährig erreichte sie, als tibetische Pilgerin verkleidet, die verbotene Stadt Lhasa. Als anerkannte Wissenschatflerin starb sie hundertjährig.

Verdient um die Erforschung der Lepra machte sich Kate Marsden (1859-1913). Die englische Krankenschwester kam im Russisch-Türkischen Krieg 1817 in Bulgarien erstmals mit Lepra-Infizierten in Berührung und entschloss sich zum Kampf gegen die als unheilbar und hoch ansteckend geltende Krankheit. 1890 kam sie auf Einladung der Zarin nach St. Petersburg. Sie studierte in mehreren Ländern Lepra-Behandlungsmethoden, reiste dann von Moskau auf beschwerlichen Wegen durch Sibirien nach Jakutien und warb darauf für die Unterstützung der dort als Ausgestoßene lebenden Leprakranken. 1897 entstand eine nach ihren Plänen erbaute Leprastation in Wiljuisk.

Eine ganz außergewöhnliche britische Forschungsreisende war Gertrude Bell (1868-1926), Tochter eines liberalen Industriellen und Wissenschaftlers, mit einer Stiefmutter als Vertraute. Nach einem für Frauen ungewöhnlichem Studium in Oxford – mit höchster Auszeichnung, aber ohne akademischem Grad beendet – verkehrte sie in London sowie in Bukarest (1888/89) und Teheran (1893) in höchsten gesellschaftlichen Kreisen, auch in Deutschland und in Italien, machte sich vorübergehend als Alpinistin im Berner Oberland einen Namen und unternahm zwei Weltreisen. Um die Jahrhundertwende bereiste die selbstbewusste rothaarige grünäugige Bell auf unbekannten Routen den Nahen Osten, erwarb sich das Vertrauen von Scheichs und rivalisierenden Stammesführern. Ihr Buch „Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens“ machte Furore. Auch als Archäologin wurde sie bekannt. Eine abenteuerliche Reise führte sie durch Zentralarabien. Als die Briten im Weltkrieg sich in Mesopotamien engagierten, versicherte sich der britische Geheimdienste der Dienste der kenntnisreichen Orientalisten, die von 1917 bis zu ihrem Tod in Bagdad in politischer Mission lebte und maßgeblich an der Grenzziehung des zukünftigen Staates Irak beteiligt war.

Und schließlich kam Kieser-Hess auf eine Frau zu sprechen, über deren absonderliches Lesben u.a. ein Film („Anna und der Konig“, mit Jodie Forster) gedreht wurde. Als Ann Henriett-Emma Edwards 1831 in Indien geboren und 1915 in Montreal gestorben. Nach kurzer Ehe mit Thomas Leon Owens wurde sie als Anna Leonowens berühmt mit ihren Memoiren über ihre fünf Jahre als Englischlehrerin der 57 Kinder des siamesischen Königs Mongkut in Bangkok. Laut Kieser-Hess hat sie jedoch nicht nur über ihre Erlebnisse am Hofe und über ihre Reisen „geschummelt“, sondern auch über ihre Herkunft, die sie in Wales ansiedelte.

Von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst – Prälat Harald Stumpf legte die ökumenische Jahreslosung 2018 aus

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Auch auf dem Kiliansbrunnen finden sich die Jahreslosung 2018. (Foto: Rolf Gebhardt)

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Mit dieser ökumenischen Jahreslosung 2018 aus Offenbarung 21,6 starteten die „Jungen Senioren“ in das neue Jahr – und die entsprechende Auslegung dazu bekamen sie von dem Heilbronner Prälaten Harald Stumpf. Er war zudem begleitet von seiner Frau, die mit den mehr als 70 Seniorinnen und Senioren die von dem Heilbronner Kantor Andreas Benz vertonte Jahreslosung als Kanon einübte, was sich alsbald als Ohrwurm erwies. Dazu passte dann auch das von ihr angestimmte und gemeinsam gesungene dreistrophige Liedblattlied „Leben aus der Quelle, Leben nur aus dir.“

Frisches Wasser – umsonst! Dazu fiel dem Prälat jenes Quellwasser ein, das den Heilbronner Sieben-Röhren-Brunnen an der Südseite der Kilianskirche speist und mit dem sich manche Mitbürger gelegentlich kostenlos versorgen. Laut Stumpf soll diese Quelle schon im 9. Jahrhundert urkundlich erwähnt worden sein, als  heilender oder heiliger Brunnen, der den Stadt den Namen gab. Jahrhundertelang versorgte er, 1363 Kirchbrunnen genannt, die Umgebung mit Wasser. Aufgrund eines Ratsbeschlusses von 1541 wurde die Brunnenanlage neu gefasst und von Baumeister Balthasar Wolff mit Bildhauerarbeiten versehen: Aus sieben Röhren ergoss sich das Wasser in einen 15,5 m langen und 2,5 m breiten Brunnentrog. Dieser „Sieben-Röhren-Brunnen“ hatte anfangs eine sehr starke Schüttung, versiegte aber Mitte des 19, Jahrhunderts.

Beim Wiederaufbau der Kilianskirche erfolgte 1959 seitens der Stadt unter dem Chor eine Bohrung nach jenem Wasserreservoir des einstigen Kirchbrunnens, und in 50 m Tiefe stieß man auf einen  artesischen Brunnen, aus dem das Wasser in dem wieder fertig gestellten und von Oberbürgermeister Meyle eingeweihten Sieben-Röhren-Brunnen in der Kirchbrunnenstraße stammt.

Hier ist auch noch von Wolffs Bildschmuck das Relief zu sehen: „Christus mit der Frau am Jakobsbrunnen“. Nach Johannes 4, 13+14, sagt Jesus zu der Frau: „Wer von diesem Wasser trinkt, der wird wieder dürsten; der aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wir in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Prälat Stumpf stellte heraus: „Ohne Wasser können wir nicht leben; Wasser ist ein Grundbedürfnis des Menschen.“ Weil Durststillen ein existenzielles Bedürfnis ist, beziehe König David dies Gefühl auch auf sein Verlangen nach Gott. So heiße es in Psalm 423: „Mich dürstet nach Gott, nachdem lebendigen Gott.“

Nach Stumpfs Worten ist der Durst nach Leben – die Sehnsucht nach Glück, Liebe, Lebenserfüllung – tief in uns verwurzelt. Und so wünschte der Prälat denn auch den „Jungen Senioren“, „dass wir in unserem Alltag die Quellen der Freude und der Kraftsuchen und finden. Er bezog sich dabei auch auf den dreistufigen Brunnen im Kloster Maulbronn als „Schale nicht Kanal“,  mit dem Zitat von Bernhard von Clairvaux (1090-1153): „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weiter gibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter …“

Prälat Stumpf erinnerte daran, dass im Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation in ökumenischem Einklang vielfach intensiv und kreativ über die Grundlagen unseres christlichen Glaubens nachgedacht wurde und man zu den Quellen – „ad vontes“ – Wasser des Lebens umsonst (lateinisch: aquae vivae gratis) – gekommen ist: die von Gott bedingungslos angebotene Quelle des Wassers.

Apropos umsonst: Prälat Stumpf hat eine von der Europäischen Zentralbank herausgegebene Banknote mit allen Sicherheitsmerkmalen entdeckt und in Umlauf gegeben: Sie lautet auf 0 Euro.

Was das bei uns günstig zu erhaltende Wasser anbetrifft: Die neue Aktion von „Brot für  die Welt“ befasst sich mit dem Problem,  dass 850 Millionen Menschen weltweit  keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

Prälat Stumpf, zu dessen Sprengel über eine halbe Million Mitlgieder in 15 Kirchenbezirken und 381 Kirchengemeinden gehören, zeigte sich auch offen für Themen bezüglich der Landeskirche Württemberg:

– Im Juli 2010 verabschiedete die Landesynode in Freudenstadt angesichts der sich weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich eine Handlungsentschließung: „Reichtum braucht  ein Maß, Armut eine Grenze.“

– Die Landessynode verfehlte bei ihrer Herbsttagung 2017 knapp die erforderliche Dreiviertel-Mehrheit für die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, hält aber an ihrer Feststellung fest, dass sexuelle Orientierung keine Hindernis sein darf für die Übernahm eines kirchlichen Amts, aber auch daran, dass Ehe und Familie Keimzelle der Gesellschaft und zu stärken sind.

– Aufgrund des fortschreitenden Traditionsabbruchs in der Kirche hinsichtlich der Glaubensvermittlung über Generationen sollte man offen sein für neue Gottesdienstformate sowie die Berührungsängste gegenüber charismatischen Gruppen überwinden