Mutige Frauen auf Reisen in exotische Länder – Ulrike Kieser-Hess über „frühe“ Abenteuerinnen und Forschungsreisende

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Ulrike Kieser-Hess (Foto: Rolf Gebhardt)

„Mut statt Hut im Gepäck. Hinter diesem faszinierenden Titel verbarg sich eine Reportage über allein reisende Frauen vor mehr als 100 bzw. 200 Jahren, die von brennendem Interesse für das Fremde getrieben in mühevoller und gefährlicher Mission Erfahrungen in fremden Ländern sammelten und darüber Artikel und Bücher verfassten. Fünf Porträts solcher Frauen wurden den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus von Ulrike Kieser-Hess aus Lauffen anschaulich vermittelt. Sie ist gelernte Journalistin, Lokalpolitikerin und u.a. VHS-Referentin.

Im 18., 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es insbesondere Frauen aus der englischen Oberschicht, die aufregende Reisen in exotische Länder unternahmen und darüber berichteten.

Da ist zum ersten Lady Hester Stabhope1776,  in einer angesehenen Familie im britischen Kent geboren, die in jungen Jahren Haushälterin bei einem Onkel, dem Premierminister, war. Ausgestattet mit scharfem Intellekt und Geschmack für Exzentrik wurde sie eine der ersten Abenteuerinnen der frühen Neuzeit. Der Libanon wurde zu ihrer zweite Heimat. Von1810 bis zu ihrem Tod 1839 lebte sie in einem  verlassenen Bergkloster, von ihr ausgestattet in pseudoorientalischem Prunk, auch ein Anziehungspunkt europäischer Globetrotter. Sie verstand es, mit den dortigen zerstrittenen Bergstämmen der Drusen gut klarzu kommen und wurde von ihnen als „Königin der Wüste“ und „Mysterie Lady of  the Orient“ verehrt. Als erste westliche Frau kam sie in die Ruinenstadt Palmyra, von den Beduinenstämmen gefeiert.

Auch eine Französin machte von sich reden: Alexandra David-Néel. 1868 in einem Pariser Vorort geboren wurde sie zu einer bekannten Reiseschriftstellerin und Erforscherin der tibetischen Kultur und des Buddhismus. Mit 17 zu einer erster Reise in die Schweiz „ausgerissen“ studierte sie danach orientalische Schriften und Sprachen, schloss sich 1891 bei einer Reise nach Indien und Ceylon einer theosophischen Gesellschaft an, hatte ein Engagement als Sopranistin in Indochina und war Theaterleiterin in Tunis. Sie heiratete 1904 Philippe Néel, von dem sie sich zwar bald wieder scheiden ließ, der jedoch mit ihr in Verbindung blieb. Bei einer Auslandsreise 1911 lernte sie den Dalai.Lama kennen. Sie unternahm monatelange Reisen im Himalaja, wurde in den Stand eines Lamas erhoben, durchstreifte die Wüste Gobi, bereiste Persien, Burma, Japan, Korea und China, stets begleitet von Lama Yongen, der ihr Adoptivsohn wurde. 57Jährig erreichte sie, als tibetische Pilgerin verkleidet, die verbotene Stadt Lhasa. Als anerkannte Wissenschatflerin starb sie hundertjährig.

Verdient um die Erforschung der Lepra machte sich Kate Marsden (1859-1913). Die englische Krankenschwester kam im Russisch-Türkischen Krieg 1817 in Bulgarien erstmals mit Lepra-Infizierten in Berührung und entschloss sich zum Kampf gegen die als unheilbar und hoch ansteckend geltende Krankheit. 1890 kam sie auf Einladung der Zarin nach St. Petersburg. Sie studierte in mehreren Ländern Lepra-Behandlungsmethoden, reiste dann von Moskau auf beschwerlichen Wegen durch Sibirien nach Jakutien und warb darauf für die Unterstützung der dort als Ausgestoßene lebenden Leprakranken. 1897 entstand eine nach ihren Plänen erbaute Leprastation in Wiljuisk.

Eine ganz außergewöhnliche britische Forschungsreisende war Gertrude Bell (1868-1926), Tochter eines liberalen Industriellen und Wissenschaftlers, mit einer Stiefmutter als Vertraute. Nach einem für Frauen ungewöhnlichem Studium in Oxford – mit höchster Auszeichnung, aber ohne akademischem Grad beendet – verkehrte sie in London sowie in Bukarest (1888/89) und Teheran (1893) in höchsten gesellschaftlichen Kreisen, auch in Deutschland und in Italien, machte sich vorübergehend als Alpinistin im Berner Oberland einen Namen und unternahm zwei Weltreisen. Um die Jahrhundertwende bereiste die selbstbewusste rothaarige grünäugige Bell auf unbekannten Routen den Nahen Osten, erwarb sich das Vertrauen von Scheichs und rivalisierenden Stammesführern. Ihr Buch „Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens“ machte Furore. Auch als Archäologin wurde sie bekannt. Eine abenteuerliche Reise führte sie durch Zentralarabien. Als die Briten im Weltkrieg sich in Mesopotamien engagierten, versicherte sich der britische Geheimdienste der Dienste der kenntnisreichen Orientalisten, die von 1917 bis zu ihrem Tod in Bagdad in politischer Mission lebte und maßgeblich an der Grenzziehung des zukünftigen Staates Irak beteiligt war.

Und schließlich kam Kieser-Hess auf eine Frau zu sprechen, über deren absonderliches Lesben u.a. ein Film („Anna und der Konig“, mit Jodie Forster) gedreht wurde. Als Ann Henriett-Emma Edwards 1831 in Indien geboren und 1915 in Montreal gestorben. Nach kurzer Ehe mit Thomas Leon Owens wurde sie als Anna Leonowens berühmt mit ihren Memoiren über ihre fünf Jahre als Englischlehrerin der 57 Kinder des siamesischen Königs Mongkut in Bangkok. Laut Kieser-Hess hat sie jedoch nicht nur über ihre Erlebnisse am Hofe und über ihre Reisen „geschummelt“, sondern auch über ihre Herkunft, die sie in Wales ansiedelte.

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