Heilbronn hat schon früher blühende Zeiten erlebt – Stadtarchiv-Direktor Prof. Schrenk lüftete das Geheimnis der Theresienwiese

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Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Stadt Heilbronn befindet sich in einem Aufbruch, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch städtebaulich, als Bildungs- und Wissensstadt, so im Hinblick auf den Campus, die „neue“ Experimenta und vor allem auf die Bundesgartenschau 2019. Dass Heilbronn auch schon früher spannende Zeiten des Aufbruchs und Wachstums erlebt hat, erläuterte der Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, Prof. Dr. Christhard Schrenk den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in einem anschaulichen Vortrag  „Schock und Chance – Heilbronn um 1800“.

Natürlich blieb auch Heilbronn nicht von Rückschlägen verschont. Schrenk verwies auf den Großbrand von 1696, der 20 Häuser rund um den Marktplatz in Schutt und Asche verwandelte. Seit dem Dreißigjährigen Krieg war die Stadt auch immer wieder von Truppendurchzügen und Einquartierungen betroffen. Doch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trat Heilbronn in eine Phase der Prosperität ein, wenngleich Not und Elend nicht überall verbannt werden konnte. Der Obst- und Weinbau florierte und insbesondere der Kolonialwaren- und Fernhandel. Die großen Handelshäuser Heilbonns kamen zu bedeutendem Wohlstand, Das Bürgertum wurde von der Aufklärung erreicht, war kulturell interessiert und informiert. Es war die Zeit, als Georg Heinrich von Roßkampff Bürgermeister in Heilbronn (von 1769 bis zu seinem Tod 1794) war. Städtische Neubauten aus Heilbronner Sandstein setzten in der Fachwerkstadt moderne Akzente.

In der Freien Reichsstadt Heilbronn ließ es sich gut leben, konstatierte Schrenk. Es handelte sich um ein vergleichsweise kleines aber geordnetes Territorium von 65 qkm, wozu jedoch nicht mehrere Heilbronner Klöster und die Deutschordenskommende gehörten, wohl aber Böckingen, Frankenbach, Neckargartach und Flein. Diese Dörfer zählten zusammen 3000 Einwohner, und in Heilbronn wohnten 7000 Menschen.

Da war es schon ein Schock, so Schrenk, als auch Heilbronn im Zuge des Reichsdeportationshauptschlusses seine Reichsstadtfreiheit verlor. 1802 kam Heilbronn zum Herzogtum Württemberg, das durch Napoleons Gnaden 1803 zum Kurfürstentum und 1806 zum Königtum avancierte. Immerhin wurde Heilbronn zum Mittelpunkt eines neu geschaffenen Oberamtes. Alsbald konnte wieder ein neuer Stadtrat gewählt werden, an dessen Spitze ein Oberbürgermeister genannt, stand. Schon 1811 erhielt Heilbronn das Prädikat „gute Stadt“.

Allerdings waren nach den langen Napoleonischen Kriegen Land und Stadt verarmt; die Jahre 1816/17 waren geprägt von Hungersnot und Teuerung. Unter König Wilhelm I, der von 1816 bis 1864 regierte, entwickelte sich aber auch die Heilbronner Wirtschaft wieder positiv. Entscheidende Impulse ergaben sich durch den Bau des sogenannten  Wilhelmskanals 1825. Viele Jahrzehnte lang war auf dem Neckar bei Heilbronn durch den Bau von Mühlen die Weiterfahrt der Schiffe blockiert. Dadurch konnte sich Heilbronn zwar das Monopol eines lukrativen Umschlagplatzes sichern, wie Schrenk darlegte, doch mit dem Kanaldurchstich profitierte Heilbronn von der Entwicklung der Neckarschifffahrt. Hinzu kam die Anbindung an den Zugverkehr, und Heilbronn wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Pionier in der Elektrifizierung.

Die Mühlenwerke gaben den Anstoß zu einem Aufblühen von Gewerbe und Industrie.So brachten die Gebrüder Adolf und Moritz Rauch, Gustav Schaeuffelen und Johann Jakob Widmann die Papierbranche voran, begründete Georg Peter Bruckmann die deutsche Silberwarenindustrie, und der 1838 aus dem Braunschweigischen nach Heilbronn gekommene Carl Heinrich Knorr gründete eine Zichorien-Kaffee-Fabrik, aus dem seine Söhne mit Fertigsuppen die Weltmarke Knorr entwickelten. Es entstanden Maschinenfabriken (u.a. Weipert) sowie Salz- und Zuckerwerke. Aus der Bauern- und Weingärtnerstadt wurde die Industriemetropole Württembergs, als die sich Heilbronn bei der großen Industrieausstellung 1897 präsentieren konnte. Innerhalb von 75 Jahren war die Zahl der Industriearbeitsplätze von 600 auf 9000 gestiegen, begleitet von einem Wachstum der Einwohnerzahl von 9000 auf 40 000.

Schrenk lüftete zum guten Schluss auch das Geheimnis des Namens der Theresienwiese. Die bis heute nicht offizielle Bezeichnung geht zurück auf einen Festakt, bei dem am 1. Juni 1815  27 Offizieren der österreichischen Armee der Maria-Theresia-Orden verliehen wurde. Nachdem nämlich Napoleon Bonaparte aus seinem Exil auf Elba nach Frankreich zurückgekehrt war, sollte das österreichische Heer eine Abwehrkette gegen ein etwaiges Vordringen Napoleons bilden. Als sich das große Truppenkontingent bei Heilbronn versammelte, kam es hier zu der ursprünglich für Wien beschlossenen Ordensverleihung. Unter Führung von Fürst Karl Philipp zu Schwarzenberg, der sich als Oberbefehlshaber in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 verdient gemacht  hatte, und seines Generalstabschefs Josef Graf Radetzky (dem später Johann Strauss Vater den Radetzky-Marsch widmetet) gab es einen Reiterzug mit 136 Fürsten und auf  jenem Gelände eine Truppenparade von 8000 Soldaten und leitenden Offizieren. Am nächsten Tag kamen Kaiser Franz I. von Österreich und am 3. Juni Zar Alexander nach Heilbronn.

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