Märchen und ihre Symbole sind voller Weisheiten … und können praktische Lebenshilfen bieten, meint Petra Anna Schmidt

2018-01-29_JuSen_05akl

Petra Anna Schmidt im Hans-Rießer-Haus (Foto: Rolf Gebhardt)

Märchen – Volksmärchen zumal – sind ein kultureller und nationaler Schatz. Deshalb hat die Deutsche Unesco-Kommission auch im Dezember 2016 das Märchenerzählen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wie man von diesem Schatz und Erbe profitieren kann, das vermittelte die professionelle Geschichtenerzählerin Petra Anna Schmidt den Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in anschaulicher und hilfreicher Auslegung.

Die ältere Generation ist in der Regel gut vertraut mit der Märchenwelt, denn Märchen erzählt zu bekommen und selbst zu lesen gehörte zu ihrer Kindheit. Mit dem Aufkommen der Medien-Vielfalt haben Märchen für die heutigen Kinder zwar nicht mehr diesen hohen Stellenwert wie früher, werden aber wohl noch immer gerne aufgenommen. Märchen wurden jedoch ursprünglich für Erwachsene erzählt, „und zwar aus gutem Grund“, so Petra Anna Schmidt. Denn die Allerwenigsten konnten lesen und schreiben, und so wurden sie mit verschlüsselten Geschichten mit unterschiedlichen Lebensumständen vertraut gemacht. Deshalb hat Schmidt speziell für Erwachsene ein Programm „Märchen entdecken“ entwickelt, in dem sie Hintergründe und Symbolik der Märchen erklärt. „Märchen sind voller Weisheiten und praktischer Lebenshilfe“, meint die Erzählerin, „jedoch verpackt in einer Bildsprache, die moderne Menschen meist nicht mehr verstehen.“  In ihrem Programm übersetzt sie sozusagen diese Bildsprache in die geläufige Alltagssprache,

Das tat Petra Anna Schmidt diesmal anhand des Grimmschen Märchen „Die Alte im Wald“, eingestimmt mit anheimelnden Flöten-Klängen: Da ist also ein „armes Dienstmädchen, das mit seiner Herrschaft auf einer Kutsche durch den Wald fährt. Sie werden von Räubern überfallen und getötet, bis auf das Mädchen, das sich verstecken  konnte. Verzweifelt kauert es allein an einem Baum, Gott anbefohlen, als ein weißes Täubchen zu ihr hin geflogen kommt, ihr einen kleinen goldenen Schlüssel bringt, und ihr ein passendes Schloss in einem großen Baum zeigt, wo sie zu essen findet. Später bring ihr das Täubchen noch Schlüssel, die ihr in Bäumen zu einem weichen Bett und zu Kleidern wie für eine Königin verhelfen. Nachdem das Mädchen neues Selbstvertrauen gewonnen hat, bittet das Täubchen das Mädchen, in eine Hütte zu gehen, die dortige Hausherrin nicht zu beachten und einen schlichten Ring unter den dort aufbewahrten vielen prächtigen herauszusuchen und zu ihm zu bringen.

Das Mädchen tut, was die das Täubchen ihr aufgetragen hat, findet die Hütte, ignoriert die alte Frau, die sie daran hindern will, in den Nebenraum zu den Schmuckschätzen zu gehen. Als das Mädchen bemerkt, dass die Alte sich mit einem Vogelkäfig wegschleichen will, entreißt ihr das Mädchen den Käfig, nimmt dem dort gefangenen Vogel jenen schlichten Ring aus dem Schnabel, eilt damit davon und lehnt sich an einen Baum, um auf das Täubchen zu warten. Da spürt sie, wie sich die Zweige des Baus um sie schmiegen und wie sich der Baum in einen schönen jungen Mann verwandelt, der sie an sich drückt und küsst. Er ist der Sohn eines Königs, den die Alte in einen Baum verwandelt hatte und nur ein paar Stunden am Tag als Taube umher fliegen durfte. Das Mädchen hat den Zauber gebrochen, indem sie der Alten den Ring entwendet hat. Das ehemalige Dienstmädchen und der Königssohn heiraten und werden glücklich.

Petra Anna Schmidts eigene Deutung zu diesem Märchen, „wie sich Wandlung vollzieht“: Ein Dienstmädchen, als Angestellte nicht unbedingt arm, aber arm in der Lebensperspektive, macht im Wald – auf sich selbst gestellt – dank der Unterstützung durch das Täubchen einen Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit durch und weiß sich schnell auf neue Situationen einzustellen. Schmidt: „Wir können alle in Schwierigkeiten geraten, uns kann im Leben viel geraubt werden, aber es komm darauf an, dass wir es schaffen, aus der misslichen Situation wieder herauszukommen.“

Und da kommen die Symbole ins Spiel: Der in Märchen immer wieder auftauchende Wald steht laut Schmidt für das Unbewusste, mit dem der „Held“ konfrontiert wird und mit der Selbstfindung in der Natur das Stadium des Unerlöstseins verlässt. Die Taube hat eine vielschichtige Bedeutung, nicht zuletzt für Liebe. Der Schlüssel kann Symbol sein für einen Lösungsansatz. Die alte Frau – die „Alte“ – verkörpert das überholt-Gestrige, allzu konservative Bande, von denen man sich befreien muss, um eine glücklichere Gegenwart und Zukunft zu gestalten: hier die grantigen oder bösen Alten, dort die guten und sympathischen Jungen, denen die Zukunft gehört. Und was Männer- und Frauenrollen in Märchen betrifft, so muss man sehen, dass in jedem Menschen sowohl männliche wie weibliche Anteile stecken.

Generell meint Petra Anna Schmidt brauchen Erwachsene für Märchen eine passable Deutung, eine tiefenpsychologische Interpretation, während Kinder die Fähigkeit haben, selbst bei anscheinend grausamem Geschehen in der ihnen eigenen inneren Schau verträgliche Selbstbildnisse entstehen zu lassen, so dass ihnen Märchen durchaus emotionale Nahrung und Impulse geben können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s