Archiv für den Tag 12. Februar 2018

Karneval hat Sinn, ist aber nicht verpflichtend – Ruhestandspfarrer Friedrich Schwandt kann auch als Büttenredner glänzen

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Pfarrer i.R. Friedrich Schwandt (Foto: Rolf Gebhardt)

Wenn schon ein Veranstaltungstermin der „Jungen Senioren“ auf Rosenmontag fällt, sollte auch mal das Thema „Fasching – Fasnet – Karneval“ vorkommen. Dazu sprach im Hans-Rießer der 85jährige Ruhestandspfarrer Friedrich Schwandt, ohne Mikrofon und Manuskript – ein geselliger, humorvoller Mensch, noch vernetzt mit zwei Stammtischen und einigen Ehrenämtern. Schwandt war viele Jahre Vorsitzender des Kreisseniorenrates Heilbronn, heute Ehrenvorsitzender, hatte jede Sitzung mit einer pointierten literarischen Geschichte,eingeleitet und erfreut jährlich mit einem geistreich-launigen Weihnachtsgedicht.

Vom Karnevalsbazillus angesteckt wurde Schwandt als junger Pfarrer in Weinsberg, als er einer rheinischen Frohnatur, Gastwirt  Hans „Jupp“ Schmitz, begegnete, der den Fasching vom Rhein an die Sulm brachte. In der 1967 gegründeten Karnevalsgesellschaft der Sulmtalnarren Ellhofen – heute ein veritabler Verein mit Till als Symbolfigur – wurde Schwandt als wortmächtiger Mann zum Büttenreden-Lektor, bald selbst zum Büttenredner und nach Schmitz‘ Tod 1972 auch drei Jahre Vereinsvorsitzender. Nach seiner letzten Pfarrstelle in Pfaffenhofen wurde der in Leingarten im Ruhestand lebende Schwandt noch bei den ZabergäuNarren aktiv und beim Güglinger Seniorenfasching.. Und er ist – wie er stolz demonstriert – Inhaber des Großen Verdienstordens am Bande  des Landesverbands Württembergischer Karnevalsvereine.

Apropos Orden – hierzu hat Schwandt schon vor Jahrzehnten ein Gedicht gefertigt:

„Früher, als die hohen Herrn / häufig ihre Kriege machten / zahlten sie jedoch nicht gern / denen, die die Siege brachten. – Wenn ein Land erobert war / mittels Schießen, Brennen, Morden / kriegt der Fürst die Beute bar / und sein Feldherr – einen Orden. – Aber auch zur Friedenszeit, / wenn die braven Untertanen / für die Untertänigkeit / und die Treue zu den Fahnen  – oder als Verwaltungsheld / gnädig sind belohnet worden, / gab es möglichst auch kein Geld, / sondern lieber einen Orden. – Und je mehr der Kopf aus Holz/ und je größer die Kanaille, / desto größer auch der Stolz, / wenn die Brust ziert ’ne Medaille. – Heute ist das längst vorbei / und die echten, wahren Narren / sind mit ihrem Spott so frei / und verhöhnen solchen Sparren. – Hängt euch Orden um den Hals, / steckt sie euch an Brust und Rücken. / Schmückt den Bauch euch ebenfalls / wenn euch solches kann entzücken. – Aber hängt euch selbst nicht dran. / Tragt die Dinger nur mit Lachen. / Nicht der Orden macht den Mann / sondern ganz, ganz andre Sachen.

Schwandt steigt also tief in die Geschichte ein: Für ihn waren im Mittelalter die Hofnarren an den Fürstenhöfen die einzigen, die all der Heuchelei der Hofschranzen zum Trotz den Mächtigen unverblühmt in gesitteter Form die Wahrheit sagen konnten. Und als Theologe hat Schwandt auch einen biblischen Verweis parat. Sagt der Apostel Paulus doch im Korintherbrief „Wir sind Narren um Christi Willen“ und „Wir Christen können es uns erlauben, die Wahrheit zu sagen.“

Auch der unübertreffliche rheinische Karneval hat, so Schwandt, politische Wurzeln. Die Anfang des 19.Jahrhunderts unter der französischen Besatzung leidenden Bevölkerung verstand es, in Verkleidung und an französische Aufmärsche erinnernde Gardetänze diese lächerlich zu machen. Ein solcher von Napoleon eigentlich verbotener „Straßenkarneval“ fand seine institutionelle Belebung 1822 in Köln in dem Festordnenden Comitee“, das seine Hauptversammlung auf den Montag nach dem „Rosensonntag“, an dem der Papst goldene Rosen für verdiente  Persönlichkeiten weihte, legte und im Jahr drauf einen Umzug..

So gibt es denn am Rosenmontag schier endlose Faschingsumzüge in den Karnevalshochburgen Düsseldorf, Köln und Mainz, mit trefflichen Motivwagen, die vielfach politisches Geschehen karikieren, mit Musik- und Tanzgruppen – und mehreren hunderttausend Zuschauern. Dagegen nehmen sich die ebenfalls anspruchsvollen und beliebten Faschingsumzüge im Heilbronner Land ziemlich bescheiden aus. Von besonderer Eigenart – Dämonenaustreibung – ist hingegen die eigenständige schwäbisch-allemannische Fastnacht mit ihren originellen Masken- und Hästräger-Umzügen, gipfelnd im Rottweiler Narrensprung.

Doch bekanntlich beginnt die „fünfte Jahreszeit“ ja schon am Elften Elften. Und in den trüben Winterwochen vergnügen sich viele bei den zahlreichen Prunksitzungen mit Präsidium und Komitee, Elferrat, Prinzenpaar und Gardemädchen. Im Mittelpunkt stehen mehr oder weniger geistreiche Büttenreden, mit Humbatäterä; legendär „Mainz wie es singt und lacht“. Herausragend sind da laut Schwandt solche Veranstaltungen wie die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst in Aachen oder das Stockacher Narrengericht.

Knallbunte Phantasiekostüme gehören zu Karneval und .Fasching – und zumeist auch viel Alkohol und so manche Ausschweifung.: noch mal sinnliche Fröhlichkeit vor der Fastenzeit. Doch Schwandt meint: Nicht jeder kann und will auf Kommando fröhlich sein, am besten kann man das in froher privater Runde. „Man muss nicht, man kann mitmachen bei Fasching und Karneval“, so Schwandt.