Archiv für den Monat April 2018

Ein neues Verständnis für Pflegebedürftigkeit – Hausdirektor Schneider über die Zukunftsfähigkeit der Pflegeversicherung

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Michael Schneider (Foto: Rolf Gebhardt)

Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Der Anteil der älteren Personen und insbesondere der Hochaltrigen an der Bevölkerung wächst laufend. Damit erhöht sich auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Um das Pflegerisiko einzugrenzen wurde 1995 in Deutschland die Pflegeversicherung eingeführt. Seitdem gab es eine Reihe von gesetzlichen Reformen. Dennoch stellt sich die Frage: „Ist die Pflegeversicherung noch zukunftsfähig?“ Diesen Themenkomplex der sozialen Absicherung im Pflegefall verdeutlichte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Michael Schneider von der Evangelischen Heimstiftung, Hausdirektor von „Haus am See“ in Heilbronn-Böckingen, und auch sonst in mehreren ehrenamtlichen Funktionen tätig. 

Schneider ging speziell auf das Anfang 2017 in Kraft getretene zweite und dritte Pflegestärkungsgesetz ein, das mit 37 weiteren Gesetzen verknüpft ist. Kernstück der vom Deutschen Bundestags beschlossenen großen Pflegereform ist ein neues Verständnis des Begriffs „Pflegebedürftigkeit“. Bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit geht es nunmehr ausschließlich darum, wie selbstständig sich jemand versorgen kann. Anstelle der vorigen drei Pflegestufen sind fünf Pflegegrade getreten, bei denen festgelegt wird, wer welche Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommt. Durch  diese Einstufung ist es möglich, Art und Umfang der Leistungen besser auf die persönliche Situation der Pflegebedürftigen abzustimmen. Schneider hob hervor, dass dabei erstmals auch die Fälle von Alterskrankheiten, vor allem Demenz, berücksichtigt werden, „wird doch die Pflege von Demenzkranken künftig verstärkt an Bedeutung zunehmen“. Nach wie vor prüfen in der Regel Gutachter/innen des Medizinischen Dienstes der Kankenversicherung (MDK), ob und welche Pflegebedürftigkeit gegeben ist. 

Während sich bislang der Pflegebegriff an den Defiziten der Bedürftigen ausrichtete (welchen Hilfeanspruch haben sie), orientiert er sich jetzt an den (verbliebenen) Fähigkeiten (was können sie noch). Dabei werden sechs verschiedene Module und zwei zusätzliche Informationen zur Beschreibung der Beeinträchtigung festgelegt mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung: Es geht um Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten sowie Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstständigkeit (mit 40 Prozent Einstufung der höchste Anteil), Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen und Belastungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Die nach Punkten bewerteten fünf Pflegegrade reichen von „geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ (Pflegegrad 1)  bis „schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“ (Pflegegrad 5).

Der Geldbetrag, der für die Erstattung der Betreuungs- und Entlastungsleistungen von der Pflegekasse zur Verfügung steht, beträgt im vollstationären Bereich in den fünf Pflegegraden aufsteigend 125 €, 770 €, 1262 €, 1775 € und 2005 €. In der ambulanten Versorgung gibt es 125 €, 316 €, 545 €, 728 € und 901 €, bei Pflegesachleistungen 0 €, 689 €, 1298 €, 1612 € und 1995 €. Hinzu kommen Ansprüche bei Pflegegraden 2 bis 5 für Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege und Tages- bzw. Nachtpflege in teilstationärer Pflege.

Schneider wies ausdrücklich darauf hin, dass die Pflegepflichtversicherung keine Vollkasko-Versicherung ist, dass also eine Finanzierungslücke in der Pflege bleibt. Dieser Eigenanteil, der früher von der Höhe der Pflegebedürftigkeit abhing, wird von der Pflegeeinrichtungen unter Beachtung ihres Personalschlüssels einheitlich für die Pflegegrade von 2 bis 5 festgelegt und beinhaltet die umgelegten Kosten der Häuser für Unterkunft und Verpflegung sowie pflegebedingten Aufwand, außerdem eine Ausbildungsumlage und anteilige Investitionskosten, die insbesondere bei Renovierungen und Neubauten verstärkt zu Buche schlagen. Dieser Eigenanteil für einen Heimplatz beträgt in der Regel 2000 € im Monat und meist mehr. Wie Schneider anmerkte, können diesen Betrag immer weniger Rentner und Rentner bezahlen. Bevor das Sozialamt einsteigt, müssen Vermögenswerte weitgehend aufgebraucht und gegebenenfalls die Kinder sozialverträglich zur Kostendeckung mit herangezogen werden. 

Schneider wies darauf, dass der Beitragssatz in der  Pflegepflichtversicherung von 1,00 Prozent 1996 auf inzwischen 2,55 Prozent gestiegen ist. Es stellt sich für ihn die Frage, wie angesichts des fortschreitenden demografischen  Wandels dieses System aufrecht erhalten werden kann, wenn man davon ausgeht, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von derzeit rund drei Millionen in den nächsten 25 Jahren um 50 Prozent steigen dürfte und immer mehr stationäre Versorgung in Anspruch nehmen werden..Es bedürfe da einer alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung insbesondere im Hinblick auf eine bedarfsgerechte Leistungsstruktur für Demenz-Erkrankte, ein Systemwechsel im Sinne einer Pflegevollversicherung – und das bei einem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten und gut bezahlten Pflegekräften.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten – Der Orientalist Matthias Hofmann analysiert Saudi-Arabien und den Iran

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Matthias Hofmann (Foto: Rolf Gebhardt)

„Saudi Arabien versus Iran – der Kampf um die Vorherrschaft als Regionalmacht.“ Mit diesem Titel ist der entscheidende Wettstreit im Krisen- und Konfliktherd Naher und Mittlerer Osten benannt und gleichzeitig die Dauerfehde in der religiösen Ausrichtung des Islam. Der Medienwissenschaftler, Historiker und Orientalist Matthias Hofmann beleuchtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Hintergründe, Zusammenhänge und aktuelle Situation dieser komplexen Auseinandersetzung. Hofmann ist geboren in Teheran, wo sein Vater für den Chemiekonzern Hoechst tätig war; er ist u.a. als Oberstleutnant der Reserve mit Afghanistan-Erfahrung interkultureller Berater der Bundeswehr in Nah- und Mittelostfragen.

„Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter und Prophet.“ Diese Aussage gilt für alle Muslime. Doch bei der Frage, wer der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds ist, herrscht im Islam keine Einigkeit. Die Mehrheit der Muslimen, die Sunniten, verehren die drei Männer, die nach Mohammeds Tod 632 dem Propheten als rechtsgeleitete Kalifen folgten, Für eine muslimische Minderheit, die Schiiten, ist der vierte Kalif Ali, ein Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, dessen einziger rechtmäßiger Nachfolger. Dieser Ali wurde in den Wirren des frühen Islam von Widersachern getötet, und seitdem gibt  es eine zweifache Ausrichtung des Islam, deren nationale Vertreter – hier Saudi Arabien als Hort der sunnitischen Lesart und  dort der Iran (Persien) als Heimat der Schiiten – sich feindlich gegenüber stehen. 

Nach Hofmanns Darlegungen wird dieser religiöse Streit längst überlagert von einem politischen Kampf. . Dies macht sich nicht zuletzt fest in einer Art Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sowohl in Syrien wie in Jemen. Diese beiden Streitnächte werden jedoch im internationalen Konsens laut Hofmann unterschiedlich wahrgenommen. So werde Saudi-Arabien insbesondere von den USA hofiert und als Bündnispartner anerkannt, während der Iran als Hort des Bösen und des Terrorismus abgestempelt werde.

Hofmann stellte heraus, dass US-Präsident Donald Trump auf seiner ersten Auslandsreise das saudi-arabische Königshaus in Riad besuchte und bilaterale Handelsverträge im Umfang von 380 Milliarden Dollar, davon 110 Milliarden für den Kauf von Rüstungsgütern in den USA, vereinbarte. Andererseits unternimmt Trump alles, um das das 2015 von Iran abgeschlossene Wiener Nuklearabkommen mit den Weltmächten und der UN-Atombehörde zu hintertreiben und den Iran mit weiteren Sanktionen zu belasten. 

Die 80 Millionen Einwohner zählende Islamische Republik Iran, die zurückgeht auf die 2500 Jahre alte persische Kulturnation, entstand im Zuge der Revolution von 1979, die die Schah-Herrschaft ablöste, erläuterte Hofmann. Höchste Autorität ist der von einem Expertenrat auf Lebenszeit gewählte Revolutionsführer, mit einem Wächterrat als Kontrollorgan für die Konformität von Gesetzen mit dem Islam. Immerhin konnte sich im vergangenen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen der moderate Hassan Rahani gegen konservative Konkurrenten durchsetzen, was für eine öffnungsbereite Zivilgesellschaft spricht. 

Der Iran ist, so Hofmann, der eigentliche Gewinner des „Arabischen Frühlings“, der „Arabellion“ von 2010, wie auch der verfehlten Irak-Kriege der USA. In Syrien hat sich der Iran als Verbündeter des Assad-Regimes sowie durch Unterstützung der libanesischen Hisbollah eine wichtige Machtpostion aufgebaut, während die auch von Saudi-Arabien und zeitweise von den USA unterstützten verschiedenen radikalislamischen Rebellengruppen ins Hintertreffen geraten sind. So scheint heute eine Lösung des Syrien-Konflikts ohne den Iran und den anderen zum Teil gegenläufig agierenden Mächten Russland und Türkei unmöglich. Zudem sei in dem schiitisch dominierten Südost-Irak praktisch ein iranisches Protektorat entstanden. 

Das königliche Herrscherhaus Saudi-Arabiens, eine absolute Monarchie wahabitischer Auslegung, aus deren streng-konservativer Ideologie sich auch das sunnitische Terrornetzwerk Islamischer Staat speist, fürchtet die Erstarkung des Iran und und dessen Einflüsse in benachbarten Golfstaaten, trotz dortiger US-Militärstützpunkte. Gleichzeitig hegt Saudi-Arabien laut Hofmann selbst Pläne für Atomwaffen. Das in Ölreichtum schwimmende Land, das 33 Millionen Einwohner – davon ein Viertel Ausländer – zählt, hat im Zuge seiner Ölpreispolitik seine Wohlstandsbasis reduziert, was den erst 32jährigen Kronprinz Mohammed bin Salman zu einschneidenden Reformen,, insbesondere bei Frauenrechten, veranlasst hat. Hofmann hält dadurch möglicherweise die Stabilität des Königshauses, das sich als Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina sieht, gefährdet, durch den Widerpart der in ihrer Tradition beschnittenen reichen Prinzenfamilien sowie den erzkonservativen Klerikern. Andererseits setzt Hofmann gewisse Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen und politischen Aufbruch sowohl in Saudi-Arabien wie im Iran durch eine zumeist gut gebildete Bevölkerung mit einem überdurchschnittlich hohen Akademikeranteil bei den Frauen.

Faszination von Glocken und ihrem Geläute – Sachverständiger Dr. Hammer erklärt das Glockenensemble der Kilianskirche

Unter den Glocken in Kiliansturm (Foto: Rolf Gebhardt)

Unter den Glocken im Kiliansturm (Foto: Rolf Gebhardt)

Glockengeläute – alle kennen es. Es gehört untrennbar zu Deutschland und überhaupt zum akustischen Rahmen des christlichen Abendlandes. Doch mit der zunehmenden Entfremdung von Kirche und Glauben mehren sich Beschwerden über frühes Morgenläuten und den nächtlichen Stundenschlag der Kirchenglocken, so dass sich der Oberkirchenrat der evangelischen Landeskirche in Württemberg zu Richtlinien für die Handhabung von Glockenläuten veranlasst gesehen hat: „Das Läuten der Kirchenglocke zum Gottesdienst, zu kirchlichen Amtshandlungen und zum Gebet gehört – entsprechend altem Herkommen – zum verfassungsrechtlich anerkannten und geschützten Dienst der Kirche.“ Was für ein kultureller Schatz Glocken und Glockengeläut darstellen, erfuhren die „Jungen Senioren“ bei einer Exkursion in die Kilianskirche Heilbronn, wo der der von der Landeskirche berufene Glockensachverständige im Nebenamt, Oberstudienrat Dr. Horst Hammer aus Stuttgart, in eindrucksvoller Weise die Entstehung und liturgische Bedeutung des Geläutes der Kilianskirche erläuterte und in den Glockenraum führte.

Glocken haben allerdings keineswegs europäischen oder christlichen Ursprung, Vielmehr gab es aus Metall gefertigte Glocken nachweislich schon vor 4000 Jahren in China, berichtete Hammer. Von dort gelangte Glocken über Südasien und den Vorderen Orient in den Mittelmeerraum, wo sie in vorchristlicher Zeit von den Griechen und Römern zur Eröffnung von Märkten oder Bädern, zum Herbeirufen von Sklaven und Soldaten  sowie zum Totenkult verwendet wurden. Nachdem im späten 4. Jahrhundert das Christentum zur römischen Staatsreligion geworden war, wurde die Glocke zum weithin hörbaren Instrument zur Einladung zum Gottesdienst und Gebetsaufruf. Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, setzte um 529 im Kloster auf dem Monte Cassino die Regel der Acht-Stunden-Gebete mit Glockengeläute im Tagesablauf mit liturgischen Schwerpunkten ein. Im Jahre 802 auf der Reichssynode in Aachen bekräftigte Kaiser Karl der Große die Rolle der Glocke für liturgische Anlässe. Wie Hammer darlegte, ergab sich fortlaufend die mittelalterliche Tradition des dreimaligen Gebetszeitläuten: Am Morgen zur Erinnerung an die Auferstehung Jesu, zur Mittagszeit im Gedenken an die Kreuzespein Jesu verbunden mit der Bitte um inneren und äußeren Frieden, und am Abend zur Erinnerung der Menschwerdung und Grablegung Jesus sowie zur Mahnung an den eigenen Tod. Auch die Reformation habe diese Tagesläuten-Tradition nicht abgeschafft. Glocken strukturierten jeden einzelnen Tag km kirchlichen Sinne, erklangen und erklingen Glocken zum Gottesdienst und bei Beerdigungen, Jahrhundertelang waren sie auch wichtige Kommunikationsmittel als Feuer-, Gerichts- oder Wetter-Glocken – „Botschaftsläuten“.

Horst Hammer, gebürtiger Heilbronner, wurde nach eigenem Bekunden schon mit fünf Jahren vom Glocken-Enthusiasmus gepackt, als er mit seinem Vater  in der Kilianskirche 1959 erstmals das Geläute der neuen Gloriosa- und der Bet-Glocke hörte. Beim Bombenangriff am 4. Dezember 1944 war das alte Geläut aus dem Glockenturm abgestürzt.  Aus dem Erz der zerstörten Glocken wurde, so Hammer, 1953 die fast vier Tonnen schwere Dominica gegossen. Nach der Gloriosa, der mit über fünf Tonnen damals schwersten Glocke in Württemberg, und der Betglocke kamen 1963 die Kreuzglocke, die Zeichen- und Totenglocke und die Taufglocke hinzu sowie die erhalten gebliebenen mttelaltrlichen Feuerglocke und Evangelistenglocke.

Hammer erläuterte eingehend die Funktionen der Nachkriegsglocken, gegossen in der Heilbonner Glockengießerei A. Bachert, und der beiden historischen Glocken (die Feuerglocke läutet solistisch  nur am 4. Dezember um 15 Uhr) und verdeutlichte die Schlagtöne der Glocken, die perfekt und plangemäß einzeln und in Kombinationen von dem Kilianskirchen-Mesner Gerd Bäuerle angesteuert wurden. So wird bei Hauptgottesdiensten an Festtagen ein siebenstimmiges Plenum mit einem melodischen Geläut ermöglicht, wie es zur Blütezeit des Glockenwesens im Mittelalter bevorzugt wurde. Das gesamte Geläute sämtlicher Kirchen in Heilbronn ist abgestimmt nach dem Ton der Dominica.

Dann ging es in Gruppen auf der schmalen Wendeltreppe den Kiliansturm hinauf in die etwa 50 qm große und 9 m hohe Glockenstube, wo ein über 14 Tonnen schweres Gesamtgeläute von acht Glocken hängt. Hinzu kommt im Turmhelm eine nicht läutbare  Glocke, die Schlagglocke von 1691. Hier gewannen die „Jungen Senioren“ eine plastische und original-akustische Vorstellung von den Kilianskirche-Glocken, wie Tonhöhen und Klangcharakter durch Größe und Formgebung bestimmt werden, durch Anschlagen der Klöppel in Eigenschwingungen der Glocken. Wie Hammer erklärte, hat sich an ihrer Herstellung seit dem 13. Jahrhundert fast nichts geändert: Gemäß dem Schiller-Gedicht „Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt“, wird geschmolzenes Metall – nach wie vor rund 80 % Kupfer und 20%  Zinn –  für Bronze-Glocken in Lehmform gegossen, also Glockenkern, „falsche Glocke“ und Glockenmantel.

„Wie die Suppe in die Tüte kam“ – Lokalhistoriker Bernhard Müller zur Geschichte des Markenartiklers Knorr

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Knorr – wer kennt diesen Namen nicht: Synonym für Tütensuppen und andere verpackte Nahrungsmittel; für ältere Heilbronner verbunden mit bestimmten Gerüchen aus dem Werksgelände, das jahrzehntelang größter Arbeitgeber der Stadt Heilbronn war. Zur Geschichte der Knorr Nahrungsmittelfabriken Heilbronn referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Lokalhistoriker und ehemalige Studiendirektor Bernhard Müller aus Untergruppenbach untet besonderer Berücksichtigung des Markenartikelgeschäfts.

Erzeugnisse der Weltmarke Knorr findet man noch heute in speziellen Produktregalen eines jeden Lebensmitteldiscounters. Aber in Heilbronn erinnert an Knorr lediglich noch die Knorrstraße und an zwei Gebäuden der wohl versehentlich übrig gebliebene traditionelle Schriftzug Knorr, konstatierte Müller. Was aus dem umfangreichen Heilbronner Knorr-Betriebsgelände werden soll, steht noch in den Sternen, nachdem die Mutterkonzern Unilever jüngst das renommierte Knorr-Entwicklungszentrum in Heilbronn mit 220 Fachkräften geschlossen und in die Niederlande verlegt hat. Noch besteht eine kleine Restproduktion, doch die Beschäftigungsgarantie reicht nur bis 2020. Einen Standortsicherungsvertrag gibt es nicht.

Über die Knorr-Gründungsgeschichte weiß Müller hingegen gut Bescheid: Der im Jahr 1800 im Braunschweiger Land geborene Carl Heinrich Theodor Knorr kam nach Heilbronn, wo er zuvor auf Geschäftsreise seine zweite Ehefrau kennengelernt hatte, und erhielt am 28. September 1938 die Konzession zur Errichtung eine Fabrik zur Herstellung von Zichorie-Kaffeesurrogaten. 1855 verkaufte Knorr die Fabrik aus besonderen Umständen an den Bruder seines Schwiegersohns (Tochter aus erster Ehe). Nach erfolglosen Ausflügen in der Tuchherstellung gründete Knorr in 860er Jahren einen Großhandel in Landesprodukten und dem Dörren von Obst. 1870 wurde mit dem Verpacken von kleinen Mengen von Suppenmehlen aus Hülsenfrüchten, zuerst in Würfeln, dann in Tafelform, begonnen – bis schließlich hin zu Tütensuppen.

Der Senior verstarb 1875. Seine Söhne Carl Heinrich Eduard (1843-1921) und Alfred (1846-1895) betrieben rund um die 1884 entstandene Mühle im Heilbronner Südviertel eine sich rasch vergrößernde Fabrikanlage. 1899 wurde die Firma Knorr in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Mehrheitsanteile blieben in Familienhand, aber auch leitende Angestellte erhielten Aktien. Es kamen Abpackstellen, Vertriebsbüros, Niederlassungen sowie 1909 eine Bouillonfabrik in Nancy und 1912 eine Suppenfabrik in Monza (Italien) hinzu. Um 1938 beschäftigte Knorr in Heilbronn 2000 Mitarbeiter bei einer Gesamtbelegschaft von 3000. 

1917 erwarb Knorr die britischen Anteile an der Mondamin GmbH in Berlin. 1924 gingen 75 Prozent der Berliner Knorr-Tochter an die 1916 in Hamburg gegründete Maizena-Gesellschaft, die wiederum im Besitz des amerikanischen Konzerns Corn Products Refining Company (CPC) war; im Gegenzug erhielt Knorr einen 10 000-Dollar-Kredit. Obwohl bei dem Bombenangriff vom 4. Dezember 1944 die Fabrikanlagen stark zerstört wurden, lief schon im April 1945 unter zeitweiser Regie der US-Militärverwaltung die Knorr-Produktion wieder an, mit schon 650 Mitarbeiter im September 1945. Bis 1959 wurde Maizena Mehrheitsaktionär von Knorr. 1958 schied Enkel Alexander Knorr (1859-1978) aus dem Vorstand aus und 1976 verließ Urenkel Carl Heinrich Clemens Knorr (1913-1885) als letztes Knorr-Familienmitglied das Unternehmen. Maizena kam 1998 zum Bestfoods-Konzern, der 2000 von Unilever übernommen wurde.

Müller erinnerte an die Ausstellung in der Harmonie 1988 „1000 Jahre Suppen – 150 Jahre Knorr“, wo die modernste vollautomatische Suppenfabrik (schon 1969 in Heilbronn errichtet) herausgestrichen wurde, und an den sich darauf beziehenden TV-Film 1998 „Wie die Suppe in die Tüte kam“. 

Zudem verwies Müller auf einen besonderen Aspekte, den Knorr groß machte: Die lagerfähigen Knorr-Nahrungsmittelprodukte eigneten sich gut für Kriegseinsätze, erstmals in Deutsch-Südwestafrika erprobt. Im August 1914 bestellte die deutsche Heeresverwaltung 7,5 Millionen Feldrationen und Ende 1914 wurden täglich 200 000 Feldrationen produziert. In der „Knorr-Feldpost“ gab es  begeisterte  Berichte.

Von Anfang an war es das Bestreben von Knorr, „jedermann bestens und billigst zu bedienen“, stellte Müller heraus. Den Aufstieg zu einer Art Weltmarktführer für Convenience-Produkte habe Knorr durch seine fortschrittlichen Werbe- und Marketing-Aktionen wesentlich befördert und dazu beigetragen, weite Bevölkerungskreisen zu einer einfachen zuzubereitenden und preiswerten Versorgung zu verhelfen, ein schier revolutionärer Strukturwandel. Knorr-Produkte trugen zu einer „Befreiung der Frauen vom Herd“ bei und hatten von der Nahrungsmittelgüte her auch eine Ausstrahlung bis in höhere Gesellschaftsschichten. Müller zeige dazu entsprechende Werbebilder, natürlich auch die legendäre Knorr-Erbswurst, bis  hin zu Knorrs Hafermehl als „beste Kindernahrung“.  In der Diskussionsrunde konnte ein „alter Knorrianer“, Ingo Pauli, aus seinen 13 Jahren im Knorr-Marketing Einzelheiten aus der Praxis beitragen.