Der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten – Der Orientalist Matthias Hofmann analysiert Saudi-Arabien und den Iran

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Matthias Hofmann (Foto: Rolf Gebhardt)

„Saudi Arabien versus Iran – der Kampf um die Vorherrschaft als Regionalmacht.“ Mit diesem Titel ist der entscheidende Wettstreit im Krisen- und Konfliktherd Naher und Mittlerer Osten benannt und gleichzeitig die Dauerfehde in der religiösen Ausrichtung des Islam. Der Medienwissenschaftler, Historiker und Orientalist Matthias Hofmann beleuchtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Hintergründe, Zusammenhänge und aktuelle Situation dieser komplexen Auseinandersetzung. Hofmann ist geboren in Teheran, wo sein Vater für den Chemiekonzern Hoechst tätig war; er ist u.a. als Oberstleutnant der Reserve mit Afghanistan-Erfahrung interkultureller Berater der Bundeswehr in Nah- und Mittelostfragen.

„Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter und Prophet.“ Diese Aussage gilt für alle Muslime. Doch bei der Frage, wer der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds ist, herrscht im Islam keine Einigkeit. Die Mehrheit der Muslimen, die Sunniten, verehren die drei Männer, die nach Mohammeds Tod 632 dem Propheten als rechtsgeleitete Kalifen folgten, Für eine muslimische Minderheit, die Schiiten, ist der vierte Kalif Ali, ein Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, dessen einziger rechtmäßiger Nachfolger. Dieser Ali wurde in den Wirren des frühen Islam von Widersachern getötet, und seitdem gibt  es eine zweifache Ausrichtung des Islam, deren nationale Vertreter – hier Saudi Arabien als Hort der sunnitischen Lesart und  dort der Iran (Persien) als Heimat der Schiiten – sich feindlich gegenüber stehen. 

Nach Hofmanns Darlegungen wird dieser religiöse Streit längst überlagert von einem politischen Kampf. . Dies macht sich nicht zuletzt fest in einer Art Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sowohl in Syrien wie in Jemen. Diese beiden Streitnächte werden jedoch im internationalen Konsens laut Hofmann unterschiedlich wahrgenommen. So werde Saudi-Arabien insbesondere von den USA hofiert und als Bündnispartner anerkannt, während der Iran als Hort des Bösen und des Terrorismus abgestempelt werde.

Hofmann stellte heraus, dass US-Präsident Donald Trump auf seiner ersten Auslandsreise das saudi-arabische Königshaus in Riad besuchte und bilaterale Handelsverträge im Umfang von 380 Milliarden Dollar, davon 110 Milliarden für den Kauf von Rüstungsgütern in den USA, vereinbarte. Andererseits unternimmt Trump alles, um das das 2015 von Iran abgeschlossene Wiener Nuklearabkommen mit den Weltmächten und der UN-Atombehörde zu hintertreiben und den Iran mit weiteren Sanktionen zu belasten. 

Die 80 Millionen Einwohner zählende Islamische Republik Iran, die zurückgeht auf die 2500 Jahre alte persische Kulturnation, entstand im Zuge der Revolution von 1979, die die Schah-Herrschaft ablöste, erläuterte Hofmann. Höchste Autorität ist der von einem Expertenrat auf Lebenszeit gewählte Revolutionsführer, mit einem Wächterrat als Kontrollorgan für die Konformität von Gesetzen mit dem Islam. Immerhin konnte sich im vergangenen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen der moderate Hassan Rahani gegen konservative Konkurrenten durchsetzen, was für eine öffnungsbereite Zivilgesellschaft spricht. 

Der Iran ist, so Hofmann, der eigentliche Gewinner des „Arabischen Frühlings“, der „Arabellion“ von 2010, wie auch der verfehlten Irak-Kriege der USA. In Syrien hat sich der Iran als Verbündeter des Assad-Regimes sowie durch Unterstützung der libanesischen Hisbollah eine wichtige Machtpostion aufgebaut, während die auch von Saudi-Arabien und zeitweise von den USA unterstützten verschiedenen radikalislamischen Rebellengruppen ins Hintertreffen geraten sind. So scheint heute eine Lösung des Syrien-Konflikts ohne den Iran und den anderen zum Teil gegenläufig agierenden Mächten Russland und Türkei unmöglich. Zudem sei in dem schiitisch dominierten Südost-Irak praktisch ein iranisches Protektorat entstanden. 

Das königliche Herrscherhaus Saudi-Arabiens, eine absolute Monarchie wahabitischer Auslegung, aus deren streng-konservativer Ideologie sich auch das sunnitische Terrornetzwerk Islamischer Staat speist, fürchtet die Erstarkung des Iran und und dessen Einflüsse in benachbarten Golfstaaten, trotz dortiger US-Militärstützpunkte. Gleichzeitig hegt Saudi-Arabien laut Hofmann selbst Pläne für Atomwaffen. Das in Ölreichtum schwimmende Land, das 33 Millionen Einwohner – davon ein Viertel Ausländer – zählt, hat im Zuge seiner Ölpreispolitik seine Wohlstandsbasis reduziert, was den erst 32jährigen Kronprinz Mohammed bin Salman zu einschneidenden Reformen,, insbesondere bei Frauenrechten, veranlasst hat. Hofmann hält dadurch möglicherweise die Stabilität des Königshauses, das sich als Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina sieht, gefährdet, durch den Widerpart der in ihrer Tradition beschnittenen reichen Prinzenfamilien sowie den erzkonservativen Klerikern. Andererseits setzt Hofmann gewisse Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen und politischen Aufbruch sowohl in Saudi-Arabien wie im Iran durch eine zumeist gut gebildete Bevölkerung mit einem überdurchschnittlich hohen Akademikeranteil bei den Frauen.

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