Archiv für den Monat Oktober 2018

Auswandern – von Heilbronn in die Welt / Annette Geisler: Geschichten von Erfolgreichen und Gescheiterten

2018-10-29_JuSen_JPG_12_1kl.jpg

Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Flüchtlingsproblematik treibt heutzutage – nicht nur – Deutschland um. Unzählige Bürgerkriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge kamen und wollen nach Deutschland. In früheren Zeiten war es gerade umgekehrt. Da flüchteten Menschen aus deutschen Landen aus purer Existenznot nach Amerika oder gen Osten. Annette Geisler, mit Heilbronner Historie bestens beschlagene Bibliothekarin des Stadtarchivs, schilderte  bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vielfältige Geschichten vom Auswandern. 

Interessant, dass Geisler nur wenige Namen von Heilbronner Auswanderern in den Annalen finden konnte. Offenbar war die wirtschaftliche und soziale Situation auch in schwierigen Zeit in der Freien Reichsstadt nicht so dramatisch. Hingegen war die Zahl de Auswanderer aus dem Heilbronner Umland recht groß. Nichtsdestoweniger war Heilbronn ein „Auswanderer-Zentrum“.  Es gibt eindrucksvolle Darstellungen, wie sich um das Gasthaus „Zum Kranen“ Lager von Auswanderern aus württembergischen und badischen Gegenden bildeten, denn von hier legten Neckarschiffe ab, die Auswanderer nach Mannheim brachten, und von dort ging es weiter zu den Nordseehäfen Antwerpen, Amsterdam und Rotterdam.  

Wer damals auswanderte, hatte ein ähnlich schlechtes Los wie heute die Flüchtlinge, machte Geisler deutlich. Das meist geringe Reisegeld reichte in den wenigsten Fällen aus bis Amerika. Auch in jenen Zeit gab es ausbeuterische Schleuser und Schlepper, gewissenlose Seelenverkäufer. Die Auswandererschiffe waren in der Regel heillos überfüllt, dir Menschen massenweise in Zwischendecks eingepfercht, es herrschten verheerende Zustände. Oft waren die Schiffsvorräte unzureichend, und auf jeder Fahrt starben Dutzende an Hunger und Krankheit. Wenn dann das „gelobte Land“ erreicht war, mussten die Armen und Entkräfteten, die die Schiffspassage nicht voll bezahlen konnten, ihre Schulden abdienen, wurden von amerikanischen Agenten regelrecht aufgekauft, so dass gar von einer „weißen Sklaverei“ die Rede war. Kein Wunder, dass es auch immer wieder Berichte gab von der Rückkehr verelendeter Auswandererfamilien.

Die erste Auswanderungswelle registrierte Geisler Mitte des 18. Jahrhunderts. Um 1750 gab es in Heilbronn einen Friedrich Heerbrand, der landauf landab die Werbetrommel für die Auswanderung nach Amerika schlug und goldene Berge versprach. Zur eigentlichen Massenauswanderung kam es ab 1815, erst recht 1817 mit Missernten und regelrechten Hungersnöten, nach einem „Jahr ohne Sommer“, was ein Jahrhundert später auf den Vulkanausbruch im April 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa zurückgeführt wurde. Man sprach von einem grassierenden Auswandererfieber. Es verlockten Angebote aus den Donauländern und Russland, und auch Amerika wurde (wieder) interessant als „Hoffnung für ein Leben als freie Bürger“. Von Auswanderern jener Zeit erfuhr man recht wenig, erst von Auswanderern in den nächsten Jahrzehnten.

Erfolg und Tragik bestimmte das Leben von Johann Jakob Widmann, der – 1799 in Heilbronn geboren – als Begründer der deutschen Papierindustrie gilt. In seine Papiermaschinenfabrik in dem nach ihm genannten Widmannstal in Neckargartach hatte er bis 1850 über 50 Papiermaschinen eigener Bauart gefertigt. Nach wirtschaftlichem Niedergang entschloss er sich zur Auswanderung nach Amerika, konnte aber mit seiner nachgeholten kinderreichen Familie nicht recht Fuß fassen; er starb 1876 in San Francisco. 

Dagegen Adolf Cluss, 1825 als Sohn eines Heilbronner Baumeisters geboren. Der gelernte Zimmermann, ab 1846 als Architekt in Mainz, gehörte früh dem Zirkel der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels an. 1848 verließ er Deutschland mit einem Auswandererschiff, betätigte sich als Ingenieur bei der amerikanischen Marine, galt zeitweise in Amerika als Anführer der kommunistischen Bewegung, von der er sich 1858 abwandte. Ab 1864 wurde er zum bedeutendsten  Architekten Washingtons. Er entwarf Dutzende öffentlicher Bauten, die zumeist  heute noch stehen, Schulen, Markthallen, Museen, Regierungsgebäude, aber auch Privathäuser, und prägte die Infrastruktur Washingtons. 1905 starb der „rote Architekt“ hochgeehrt. 

Annette Geisler konnte noch zahlreiche Geschichten von Heilbronnern erzählen: Von Heilbronnern, die im Auswanderergeschäft zu tun hatten: Johann Christoph Staehle, von 1824-36 Amtsnotar und Schultheiß in Sontheim und danach Inhaber eines Auswanderer-Transport-Geschäfts, oder Eugen Hoerner, Gründer einer Agentur für Auswanderer 1849 und eines deutsch-amerikanischen Bankgeschäfts 1885, aus dem die heutige Hoerner-Bank (Spezialbank für Erbschaftsangelegenheiten) entstand. Dann Heilbronner Auswanderer, u.a.: die Bruckmann-Brüder August (1825-64) und Ernst-Dietrich (1829-70), die sich in Russland  bzw. Amerika schweres Leid zuzogen, Carl Wilhelm (von) Doderer (1825-1900), der in Wien als Architektur-Professor mit Monumentalbauten große Anerkennung fand, Friedrich Herold, der 1904 die höchstgelegene Brauerei der Welt in den südamerikanischen Anden errichtete, oder Otto Klein, der 1908 China – in der heutigen Fünfmillionenstadt Wuhan – ein florierendes Handelsgeschäft aufbaute. 

In Amerika gehört Religion durchweg zum Leben – Pfarrer Matthias Treiber schildert Eindrücke und Einsichten aus den USA

IMG_1296.jpg

Pfarrer Matthias Treiber auf der Kanzel der deutschsprachigen St.Pauls-Kirche in Manhattan. (Foto privat)

Amerika ist wohl nach wie vor das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten – zumindest in punkto Religion.Der Heilbronner Pfarrer Matthias Treiber (Matthäus-Gemeinde Sontheim) hat auf mehreren Reisen und Studienaufenthalte in den USA sich ein persönliches Bild machen können, welchen Stellenwert Religion „drüben“ hat und wie sie praktiziert wird. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus schilderte er Eindrücke und Einsichten von einer komplexen Wirklichkeit, die münden in der Erkenntnis, „Religion ist Mainstream“. Treiber zitierte dazu den FAZ-Journalisten Matthias Rüb:„Amerika glaubt – noch immer; Europa glaubt nicht – schon lange nicht mehr.“

Auch wenn in den USA Staat und Kirche verfassungsgemäß streng getrennt sind, gehöre religiöses Bekenntnis ganz selbstverständlich zum gesellschaftlichen Alltag, erklärte Treiber. So würden bei öffentlichen Veranstaltungen vor der amerikanischen Fahne oft Gebete gesprochen. Und im Fernsehen, nicht zuletzt bei TV-Serien, sei Religion und Kirche durchaus relevant. Während etwa bei den deutschen „Tatort“-Sendungen ein Geistlicher höchstens bei einer Verfehlung ins Bild komme, handele es sich beispielsweise bei den „Simpsons“ um eine Familie mit drei Kindern, die jeden Sonntag in die  Kirche geht. Generell werde bei Lebenskreisen religiöser Beistand zurate gezogen. Treiber zeigte auch auf, wie der Geschäftsmann einer Pizza-Ranch wirbt: „Meine Vision: Gott zu rühmen, indem man positiven Einfluss auf die Welt ausübt.“  

Amerika ist, wie Treiber erläuterte, bevölkerungsmäßig weiterhin ein Wachstumsland. Zählen die Vereinigten Staaten derzeit 320 Millionen Einwohner, davon 13 Prozent im Ausland geboren, dürften es 2050 rund 440 Millionen sein. „Die amerikanische Standardfamilie hat drei Kinder“, so Treiber. Während der Anteil der Weißen mit derzeit 64 Prozent und auch der Afroamerikaner mit 13 Prozent eher rückläufig ist, ebenso der Native Americans (ein Prozent), steigt der Anteil der Hispanoamerikaner und der Asiaten (gegenwärtig 17 bzw. fünf Prozent). Die europäische Prägung Amerikas geht also offenbar zurück. Rund die Hälfte der Amerikaner gehören protestantischen Kirchen im weitesten Sinne an, knapp ein Viertel sind Katholiken, knapp zwei Prozent Juden, weniger als ein Prozent jeweils Muslime und Buddhisten, aber auch 23 Prozent konfessionslos. Laut Treiber sind junge Singles kirchenfern, Familien mit Kindern und Senioren kirchennah.

Besondere Erfahrungen machte Treiber in der deutschsprachigen Gemeinde St. Pauls Gemeine in New York, Manhattan, Westside, 23. Straße. Als er selbst an einem speziellen Sonntag – „Pflichttermin“ für Konfirmanden – predigte, gab es 80 Gottesdienstbesucher, sonst sonntags nur ca. 25, davon etliche Touristen. Von den 169 Gemeindegliedern leben nämlich die meisten 40 km entfernt in den White Plains, wo es eine deutsche Schule gibt. Noch eine Eigenart dieser Gemeinde: Ihr fehlt soziales Engagement, während dies ansonsten in den USA selbstverständlich ist. Aus Finanznot muss diese Gemeinde ihre stattliche Kirche wochentags als Proberaum für Chöre vermieten und am Sonntagnachmittag an eine Sekte.  

Treiber lernte auch lutherische Kirchengemeinden kennen, so in Indiana und Kentucky, die weit in der Fläche vertreten sind und zumeist weniger als 50 Gottesdienstbesucher zählen. Durchschnittlich nur 15 Kirchgänger hatte eine methodistische Kirche in Indianapolis, obwohl sie hochmodern mit zwei großen Monitoren ausgestattet ist und im Gebäude Kindertagesstätten betreibt. Ganz anders die Eastern Star Church mit 5.000 Besuchern, mit viel Gospel und stark auf den charismatischen Pastor zugeschnitten. Noch „gewaltiger“ die zahlreichen Megakirchen mit großartigen Fernsehgottesdiensten dominanter Prediger. 

Schließlich machte Treiber auch mehrmals Bekanntschaft mit Mormonen, der „Kirche der Heiligen der letzten Tage“, die in den US-Staaten Utah und Idaho quasi Volkskirche sind und sich streng abkapseln von anderen Richtungen und vor allem vom Liberalismus der Oststaaten-Elite.  Treiber: „Trotz ihrer für uns befremdlichen Religionsgeschichte  sind sie wohl die anständigsten Amerikaner.“  Treiber bestätigte überdies, dass es noch viele reaktionäre evangelikale Kreise gibt, die radikal die Evolutionslehre ablehnen, bibeltreu die Schöpfungsgeschichte vertreten und Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüche verdammen. 

Ausführlich ging Treibe auf das Wohlfahrtssystem in den USA ein. Der Staat werde im sozialen Bereich mehr durch Steuermaßnahmen als durch Transfers tätig. Problematisch sei die Gesundheitsversorgung. Zwar gebe es die Versicherungssysteme Medicare und Medicaid, von den viele Millionen profitierten, doch sei das amerikanische Gesundheitssystem das teuerste der Welt, mit für den Normalbürgern kaum bezahlbaren Behandlungskosten.  Andererseits seien die Amerikaner durchweg sehr hilfsbereit und spendenfreudig, gerade auch im kirchlichen Umfeld. Treiber berichtete so von der 6-Milliarden-Doller-Organisation Goodwill, die ähnlich breit aufgestellte Arbeit leiste wie die (viel kleinere) Heilbronner Aufbaugilde, mit der Treiber auch eine Amerika-Tour unternahm. Soziale Unterstützung erfolge in Amerika überwiegend aus privaten Quellen und von Ehrenamtlichen. Hinzu komme die Bereitschaft, große Stiftungen etwa durch Erbschaften zu unterstützen. 

Wie die Energiewende (nicht) zu schaffen ist – ZEAG-Vorstand Eckard Veil erläutert Probleme und Lösungsmöglichkeiten

2018-10-15_JuSen_J_14_00001kl

Eckard Veil (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Energiewende ist eine beschlossene und weitgehend akzeptierte  Angelegenheit. Die ZEAG Energie AG , das Heilbronner Regionalversorgungsunternehmen, steht hinter der Energiewende und treibt ihr Angebot an erneuerbaren Energien bei Windkraft und Photovoltaikanlagen mit Engagement und Leidenschaft konsequent voran. Dies versicherte Vorstand Eckard Veil im Hans-Rießer-Haus bei den „Jungen Senioren“, benannte aber auch Probleme beim Ausbau, die mit politischen Zielsetzungen wie mit physikalischen Bedingungen zu tun haben.

Wie bekannt fördert die Bundesregierung erneuerbarer Energien, insbesondere Windkraft und Sonnenenergie, um den Wandel von den bisherigen Energieträgern Uran, Kohle, Öl und Gas hin zu erneuerbaren Energien zu unterstützen und somit vor allem auch den Klimawandel, ist doch die Verbrennung fossiler Energieträger  maßgeblich für die Entstehung schädlicher Treibhausgase verantwortlich. Doch in Deutschland, dass sich mit der beschlossenen Abkehr von der Kernenergie am nachhaltigsten für eine ökologische Wende eingesetzt hat, hinkt erheblich hinter den selbst – und von der EU – gesetzten Zielen her. Ausbau des Anteils erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch bis 2020 auf 18 Prozent und Senkung der CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent. Mit weiteren ehrgeizigen Zielen im Klimaschutzplan 2050 soll(te) das Klimaschutzabkommen von Paris konkret umgesetzt werden, um die Erderwärmung – durch deutlich weniger Treibhausgasemissionen – auf unter zwei Grad zu begrenzen.

Wie Veil darlegte, tragen erneuerbare Energien zwar schon ein Drittel zum Stromverbrauch bei, doch macht dieser nur ein Viertel des gesamten Energiebedarfs aus. Bei Wärme und Verkehr beträgt der Anteil erneuerbarer Energien lediglich 13 bzw. fünf Prozent. Um den Wegfall von Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken auszugleichen, müsste der derzeitige Bestand an Photovoltaik- und Windkraftanlagen verzehnfacht werden. Im Jahr 2020 sollen in Baden-Württemberg laut Vorgabe der Landesregierung zehn Prozent des Stroms im Südwesten durch Windkraft erzeugt werden. 

Die ZEAG sieht sich als größter Windkraft-Betreiber in Baden-Württemberg. Außer dass sie in der Ostsee an einem Windkraftpark der EnBW beteiligt ist, betreibt sie im Harthäuser Wald 20 Anlagen, die 100 000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr vermeiden helfen.  Windkraftwerke werden zwar als starker Eingriff in die Landschaft gesehen, doch werden dafür Ersatzgrundstücke zur Verfügung gestellt, und sie können sich später restlos abbauen lassen. Zudem erzeugen sie während ihrer meist 20 Jahre langen Laufzeit 70 mal so viel Energie, wie ihre Herstellung, Nutzung und Entsorgung verursacht. Auch im Photovoltaik-Bereich ist die ZEAG mit 90 Anlagen stark vertreten, zur Mehrzahl mit Bürgergenossenschaftsmodellen. Insgesamt sind in Baden-Württemberg  6000 Megawatt Solarzellen installiert, doch ist der Photovoltaik-Ausbau in den letzten Jahren stark ins Stocken geraten, da die Effektivität der Sonnenenergie geringer ist als die der Windkraft. 

Veil hob hervor, dass die sichere Verfügbarkeit der erneuerbaren Energien nicht gegeben ist. So können im Winter zwei Wochen lange „Dunkelflautenzeiten“ eintreten, während heute nur Puffer für wenige Stunden gegeben sind. Andererseits kann es im Strombereich Überkapazitäten von erneuerbarer Energien geben, was die Stromhändler unter Druck bringt und den Netzausgleich beeinträchtigt; gegebenenfalls können zur Sicherung der Netze Windkraftwerke gedrosselt oder abgeschaltet werden..

Überhaupt ist es schwierig, Erzeugung und Verbrauch zu koordinieren. So geht es darum, den im Norden im Überfluss vorhandenen  Windkraftstrom in den windarmen und verbrauchsintensiven Süden zu bringen, erst recht durch Verschärfung der Versorgungssituation nach Abschaltung der Kernkaftwerke Philippsburg 2019 und GKN II 2022. Dafür steht das Suedlink-Projekt, eine 700 km lange Stromautobahn, Erdkabeltrasse mit umständlichen Leitungsverlegungen und Bohrungen unter Straßen, Schienen und Gewässern. Kostenpunkt: Zehn Milliarden € bis zur Fertigstellung 2025. Der Wechselstrom der Windräder muss über 100e Millionen € teure Konverter umgewandelt werden in (beim Transport verlustfreieren) Gleichstrom und am Ende, so im 380 000- Volt-Umspannwerk in Leingarten-Großgartach wieder in Wechselstrom für die Netzverteilung.

Veil rechnet eher mitsteigenden Strompreisen. Auch wenn jetzt die EEG-Umlage (zur Förderung  erneuerbarer Energien) weiter von 6,79 au 6,405 Cent je KWh gesenkt werde, seien höhere Netzentgelte und Beschaffungskosten zu erwarten. Über die Hälfte des Strompreises machen Umlagen, Steuern und Abgaben aus, Netzentgelte ein Viertel, Stromerzeugung nur ein Fünftel.

Überdies sei noch ein erheblicher Netzausbau vonnöten. Die groß propagiert E-Mobilität sei mit den vorhanden Leitungsnetzen nicht zu machen, da sie durch die Einspeisung  von unzähligen E-Fahrzeugen total überlastet würden. Angesichts der unbefriedigenden Batteriespeicherung  brachte Veil die Wasserstofftechnologie (Brennstoffzellen) für den Mobilitätsmarkt zur Sprache.

Der neue Dekan Christoph Baisch stellt sich vor – Ankommen und Aufbrechen: Heilbronner Weg-Gedanken

Baisch Junge Senioren.jpg

Dekan Christoph Baisch (Foto: Rolf Gebhardt)

Zur Tradition bei den „Jungen Senioren“ gehört es, dass die erste Veranstaltung einer neuen Programmreihe im Hans-Rießer-Haus vom amtierenden Heilbronner Dekan mit einem Referat bestritten wird. Und so erging denn auch die Bitte an den im Juli ins Amt eingeführten neuen Heilbronner Dekan Christoph Baisch – als Nachfolger von Otto Friedrich – die Veranstaltungsreihe 2018/19 zu eröffnen. Gerne nahm Baisch diese Einladung an, zeigte sich allerdings überrascht, dass er damit quasi ein „Abo“ auf diesen Termin eingeht. In seinem ersten größeren offiziellen Auftritt als Heilbronner Dekan vermittelte er einen lebendigen Einblick in seinen bisherigen persönlichen und beruflichen Werdegang und einen Ausblick auf seine anstehenden Herausforderungen und seine Vorstellung von Kirche: „Heilbronner Weg-Gedanken“!
Die Beziehungen von aufbrechen und ankommen, ankommen und aufbrechen bedingen sich gegenseitig. Der Mensch ist geprägt von dem, was er erlebt hat, was die Gegenwart für ihn ausmacht und was vor ihm liegt. Diese Lebensumstände unterzog Christoph Baisch einer persönlichen Analyse. Er wuchs auf in einem Pfarrhaus in einer Gemeinde unweit von Schwäbisch Hall, studierte Theologie in Stuttgart, Tübingen, Berlin, Heidelberg und wieder Tübingen. Als einer aus den geburtenstarken Jahrgängen musste er – in Ulm – auf ein Vikariat in der württembergischen Landeskirche warten, das er in Heidenheim absolvierte. Dann Pfarrvikar in Hayingen auf der Münsinger Alb, wo er in einer selbstbewussten evangelischen Diaspora mit katholischem Übergewicht und bedeutsamer Fasnacht konfrontiert war.
1994 kam Baisch wieder nach in Heidenheim auf der Ostalb, wo er sich die Stelle mit seiner Frau – ebenfalls Theologin – teilen musste. „Nicht ganz einfach, mit gegenseitige Stellvertretung und einem kleinen Kind“, meinte Baisch rückblickend auf diese Zeit in einer Stadtrandgemeinde, mit Mietwohnanlagen und schönen Eigenheimen, mit suchenden Aussiedlern aus Russland und engagierten Altbürgern, also sozialer Brennpunkt und kreative Gemeinde. Zudem oblag ihm die Mitversorgung der kleinen örtlichen Justizvollzugsanstalt als Seelsorger – die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Außerdem war er Mitglied und später sieben Jahre Vorsitzender der württembergischen Pfarrervertretung, eine Aufgabe, die ihm nach eigenen Worten auch bewusst werden ließ, wie Konflikte unproduktive Kraft bindet.
2004 wurde Baisch geschäftsführender Pfarrer der gerade fusionierten Schwäbisch-Haller Gemeinde St. Michael und St. Katharina, mit einer halben Stelle für seine Frau Bärbel Koch-Baisch, die nach 14jährer Stellenteilung dann Oberin der Schwesternschaft im Diak Schwäbisch Hall wurde – gleichzeitig Wegfall der halben Pfarrstelle.
Nun, nachdem Baisch – zuletzt Dekan-Stellvertreter in Hall – Dekan in Heilbronn geworden ist, stellt ich für ihn (auch als Vater von drei erwachsenen Kindern) wieder die Frage, was eigentlich Heimat ist, zumal er in seinem Leben schon fünfzehnmal den Ort gewechselt hat, Jetzt also der Übergang von dem etwas behäbigeren Schwäbisch Hall in das geschäftige Heilbonn mit einer deutlich breiter gefächerten Bevölkerungsstruktur. Beides Städte mit reichem Kulturangebot, was Baisch besonders schätzt, und einer landschaftlich erfreulichen Umgebung, von den hohenlohischen Streuobstwiesen mitten in ein Weinbaugebiet, umrahmt von Wald und Flur, aber auch florierender Gewerbegebieten.
Dekan eines Kirchenbezirks mit 66 000 Kirchenmitgliedern in 26 Kirchengemeinden, von Bad Wimpfen bis Ilsfeld und Schluchtern bis Untergruppenbach, und einer starken Gesamtkirchengemeinde Heilbronn. Gleich zu Amtsantritt Befassung mit menschlichen Abgründen (Kinderpornofall) sowie kirchenstrukturellen und Immobilien-Angelegenheiten. Dabei natürlich die Frage, was wird mit dem Hans-Rießer-Haus,vertrauter Ort unzähliger Heilbronner für Chorproben, den Flohmarkt des CVJM oder auch für die „Jungen Senioren“. Laut Baisch erhalte eine notwendige Grundrenovierung wegen unabsehbaren Kosten von der Landeskirche keine Genehmigung, so dass also wohl nur ein Verkauf und ein Neuanfang übrig bleibe: ,kein Patentrezept“.
Für Baisch ist es jedenfalls wichtig, dass auch in diesem Fall keine tiefen Gräben entstehen sollen, genau so wenig wie bei mitunter unterschiedlichen Anliegen in Kirchengemeinden. Die Tradition, die Vertrautheit mit Bewährtem, solle ebenso ihren Platz haben wie ein Vorstoß etwa in neue Gottesdienstformen, „das Wagnis, Kirche neu zu erleben“., bevor auf Verengung und Vereinfachung ausgelegte Angebote außerhalb der Volkskirche deren Wahrnehmung drängender Zeitfragen untergraben. Angst vor und Abgrenzung gegen die gesellschaftspolitische Komplexität sei nicht hilfreich. Auch aus biblischer Weisung sei es der Kirche aufgetragen, über alle Zweifel hinaus ermutigende Zukunftsperspektiven aufzuzeigen und als einladende Kirche Beheimatung zu geben, bekräftigte Dekan Baisch.