Archiv für den Tag 22. Oktober 2018

In Amerika gehört Religion durchweg zum Leben – Pfarrer Matthias Treiber schildert Eindrücke und Einsichten aus den USA

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Pfarrer Matthias Treiber auf der Kanzel der deutschsprachigen St.Pauls-Kirche in Manhattan. (Foto privat)

Amerika ist wohl nach wie vor das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten – zumindest in punkto Religion.Der Heilbronner Pfarrer Matthias Treiber (Matthäus-Gemeinde Sontheim) hat auf mehreren Reisen und Studienaufenthalte in den USA sich ein persönliches Bild machen können, welchen Stellenwert Religion „drüben“ hat und wie sie praktiziert wird. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus schilderte er Eindrücke und Einsichten von einer komplexen Wirklichkeit, die münden in der Erkenntnis, „Religion ist Mainstream“. Treiber zitierte dazu den FAZ-Journalisten Matthias Rüb:„Amerika glaubt – noch immer; Europa glaubt nicht – schon lange nicht mehr.“

Auch wenn in den USA Staat und Kirche verfassungsgemäß streng getrennt sind, gehöre religiöses Bekenntnis ganz selbstverständlich zum gesellschaftlichen Alltag, erklärte Treiber. So würden bei öffentlichen Veranstaltungen vor der amerikanischen Fahne oft Gebete gesprochen. Und im Fernsehen, nicht zuletzt bei TV-Serien, sei Religion und Kirche durchaus relevant. Während etwa bei den deutschen „Tatort“-Sendungen ein Geistlicher höchstens bei einer Verfehlung ins Bild komme, handele es sich beispielsweise bei den „Simpsons“ um eine Familie mit drei Kindern, die jeden Sonntag in die  Kirche geht. Generell werde bei Lebenskreisen religiöser Beistand zurate gezogen. Treiber zeigte auch auf, wie der Geschäftsmann einer Pizza-Ranch wirbt: „Meine Vision: Gott zu rühmen, indem man positiven Einfluss auf die Welt ausübt.“  

Amerika ist, wie Treiber erläuterte, bevölkerungsmäßig weiterhin ein Wachstumsland. Zählen die Vereinigten Staaten derzeit 320 Millionen Einwohner, davon 13 Prozent im Ausland geboren, dürften es 2050 rund 440 Millionen sein. „Die amerikanische Standardfamilie hat drei Kinder“, so Treiber. Während der Anteil der Weißen mit derzeit 64 Prozent und auch der Afroamerikaner mit 13 Prozent eher rückläufig ist, ebenso der Native Americans (ein Prozent), steigt der Anteil der Hispanoamerikaner und der Asiaten (gegenwärtig 17 bzw. fünf Prozent). Die europäische Prägung Amerikas geht also offenbar zurück. Rund die Hälfte der Amerikaner gehören protestantischen Kirchen im weitesten Sinne an, knapp ein Viertel sind Katholiken, knapp zwei Prozent Juden, weniger als ein Prozent jeweils Muslime und Buddhisten, aber auch 23 Prozent konfessionslos. Laut Treiber sind junge Singles kirchenfern, Familien mit Kindern und Senioren kirchennah.

Besondere Erfahrungen machte Treiber in der deutschsprachigen Gemeinde St. Pauls Gemeine in New York, Manhattan, Westside, 23. Straße. Als er selbst an einem speziellen Sonntag – „Pflichttermin“ für Konfirmanden – predigte, gab es 80 Gottesdienstbesucher, sonst sonntags nur ca. 25, davon etliche Touristen. Von den 169 Gemeindegliedern leben nämlich die meisten 40 km entfernt in den White Plains, wo es eine deutsche Schule gibt. Noch eine Eigenart dieser Gemeinde: Ihr fehlt soziales Engagement, während dies ansonsten in den USA selbstverständlich ist. Aus Finanznot muss diese Gemeinde ihre stattliche Kirche wochentags als Proberaum für Chöre vermieten und am Sonntagnachmittag an eine Sekte.  

Treiber lernte auch lutherische Kirchengemeinden kennen, so in Indiana und Kentucky, die weit in der Fläche vertreten sind und zumeist weniger als 50 Gottesdienstbesucher zählen. Durchschnittlich nur 15 Kirchgänger hatte eine methodistische Kirche in Indianapolis, obwohl sie hochmodern mit zwei großen Monitoren ausgestattet ist und im Gebäude Kindertagesstätten betreibt. Ganz anders die Eastern Star Church mit 5.000 Besuchern, mit viel Gospel und stark auf den charismatischen Pastor zugeschnitten. Noch „gewaltiger“ die zahlreichen Megakirchen mit großartigen Fernsehgottesdiensten dominanter Prediger. 

Schließlich machte Treiber auch mehrmals Bekanntschaft mit Mormonen, der „Kirche der Heiligen der letzten Tage“, die in den US-Staaten Utah und Idaho quasi Volkskirche sind und sich streng abkapseln von anderen Richtungen und vor allem vom Liberalismus der Oststaaten-Elite.  Treiber: „Trotz ihrer für uns befremdlichen Religionsgeschichte  sind sie wohl die anständigsten Amerikaner.“  Treiber bestätigte überdies, dass es noch viele reaktionäre evangelikale Kreise gibt, die radikal die Evolutionslehre ablehnen, bibeltreu die Schöpfungsgeschichte vertreten und Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüche verdammen. 

Ausführlich ging Treibe auf das Wohlfahrtssystem in den USA ein. Der Staat werde im sozialen Bereich mehr durch Steuermaßnahmen als durch Transfers tätig. Problematisch sei die Gesundheitsversorgung. Zwar gebe es die Versicherungssysteme Medicare und Medicaid, von den viele Millionen profitierten, doch sei das amerikanische Gesundheitssystem das teuerste der Welt, mit für den Normalbürgern kaum bezahlbaren Behandlungskosten.  Andererseits seien die Amerikaner durchweg sehr hilfsbereit und spendenfreudig, gerade auch im kirchlichen Umfeld. Treiber berichtete so von der 6-Milliarden-Doller-Organisation Goodwill, die ähnlich breit aufgestellte Arbeit leiste wie die (viel kleinere) Heilbronner Aufbaugilde, mit der Treiber auch eine Amerika-Tour unternahm. Soziale Unterstützung erfolge in Amerika überwiegend aus privaten Quellen und von Ehrenamtlichen. Hinzu komme die Bereitschaft, große Stiftungen etwa durch Erbschaften zu unterstützen.