Auswandern – von Heilbronn in die Welt / Annette Geisler: Geschichten von Erfolgreichen und Gescheiterten

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Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Flüchtlingsproblematik treibt heutzutage – nicht nur – Deutschland um. Unzählige Bürgerkriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge kamen und wollen nach Deutschland. In früheren Zeiten war es gerade umgekehrt. Da flüchteten Menschen aus deutschen Landen aus purer Existenznot nach Amerika oder gen Osten. Annette Geisler, mit Heilbronner Historie bestens beschlagene Bibliothekarin des Stadtarchivs, schilderte  bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vielfältige Geschichten vom Auswandern. 

Interessant, dass Geisler nur wenige Namen von Heilbronner Auswanderern in den Annalen finden konnte. Offenbar war die wirtschaftliche und soziale Situation auch in schwierigen Zeit in der Freien Reichsstadt nicht so dramatisch. Hingegen war die Zahl de Auswanderer aus dem Heilbronner Umland recht groß. Nichtsdestoweniger war Heilbronn ein „Auswanderer-Zentrum“.  Es gibt eindrucksvolle Darstellungen, wie sich um das Gasthaus „Zum Kranen“ Lager von Auswanderern aus württembergischen und badischen Gegenden bildeten, denn von hier legten Neckarschiffe ab, die Auswanderer nach Mannheim brachten, und von dort ging es weiter zu den Nordseehäfen Antwerpen, Amsterdam und Rotterdam.  

Wer damals auswanderte, hatte ein ähnlich schlechtes Los wie heute die Flüchtlinge, machte Geisler deutlich. Das meist geringe Reisegeld reichte in den wenigsten Fällen aus bis Amerika. Auch in jenen Zeit gab es ausbeuterische Schleuser und Schlepper, gewissenlose Seelenverkäufer. Die Auswandererschiffe waren in der Regel heillos überfüllt, dir Menschen massenweise in Zwischendecks eingepfercht, es herrschten verheerende Zustände. Oft waren die Schiffsvorräte unzureichend, und auf jeder Fahrt starben Dutzende an Hunger und Krankheit. Wenn dann das „gelobte Land“ erreicht war, mussten die Armen und Entkräfteten, die die Schiffspassage nicht voll bezahlen konnten, ihre Schulden abdienen, wurden von amerikanischen Agenten regelrecht aufgekauft, so dass gar von einer „weißen Sklaverei“ die Rede war. Kein Wunder, dass es auch immer wieder Berichte gab von der Rückkehr verelendeter Auswandererfamilien.

Die erste Auswanderungswelle registrierte Geisler Mitte des 18. Jahrhunderts. Um 1750 gab es in Heilbronn einen Friedrich Heerbrand, der landauf landab die Werbetrommel für die Auswanderung nach Amerika schlug und goldene Berge versprach. Zur eigentlichen Massenauswanderung kam es ab 1815, erst recht 1817 mit Missernten und regelrechten Hungersnöten, nach einem „Jahr ohne Sommer“, was ein Jahrhundert später auf den Vulkanausbruch im April 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa zurückgeführt wurde. Man sprach von einem grassierenden Auswandererfieber. Es verlockten Angebote aus den Donauländern und Russland, und auch Amerika wurde (wieder) interessant als „Hoffnung für ein Leben als freie Bürger“. Von Auswanderern jener Zeit erfuhr man recht wenig, erst von Auswanderern in den nächsten Jahrzehnten.

Erfolg und Tragik bestimmte das Leben von Johann Jakob Widmann, der – 1799 in Heilbronn geboren – als Begründer der deutschen Papierindustrie gilt. In seine Papiermaschinenfabrik in dem nach ihm genannten Widmannstal in Neckargartach hatte er bis 1850 über 50 Papiermaschinen eigener Bauart gefertigt. Nach wirtschaftlichem Niedergang entschloss er sich zur Auswanderung nach Amerika, konnte aber mit seiner nachgeholten kinderreichen Familie nicht recht Fuß fassen; er starb 1876 in San Francisco. 

Dagegen Adolf Cluss, 1825 als Sohn eines Heilbronner Baumeisters geboren. Der gelernte Zimmermann, ab 1846 als Architekt in Mainz, gehörte früh dem Zirkel der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels an. 1848 verließ er Deutschland mit einem Auswandererschiff, betätigte sich als Ingenieur bei der amerikanischen Marine, galt zeitweise in Amerika als Anführer der kommunistischen Bewegung, von der er sich 1858 abwandte. Ab 1864 wurde er zum bedeutendsten  Architekten Washingtons. Er entwarf Dutzende öffentlicher Bauten, die zumeist  heute noch stehen, Schulen, Markthallen, Museen, Regierungsgebäude, aber auch Privathäuser, und prägte die Infrastruktur Washingtons. 1905 starb der „rote Architekt“ hochgeehrt. 

Annette Geisler konnte noch zahlreiche Geschichten von Heilbronnern erzählen: Von Heilbronnern, die im Auswanderergeschäft zu tun hatten: Johann Christoph Staehle, von 1824-36 Amtsnotar und Schultheiß in Sontheim und danach Inhaber eines Auswanderer-Transport-Geschäfts, oder Eugen Hoerner, Gründer einer Agentur für Auswanderer 1849 und eines deutsch-amerikanischen Bankgeschäfts 1885, aus dem die heutige Hoerner-Bank (Spezialbank für Erbschaftsangelegenheiten) entstand. Dann Heilbronner Auswanderer, u.a.: die Bruckmann-Brüder August (1825-64) und Ernst-Dietrich (1829-70), die sich in Russland  bzw. Amerika schweres Leid zuzogen, Carl Wilhelm (von) Doderer (1825-1900), der in Wien als Architektur-Professor mit Monumentalbauten große Anerkennung fand, Friedrich Herold, der 1904 die höchstgelegene Brauerei der Welt in den südamerikanischen Anden errichtete, oder Otto Klein, der 1908 China – in der heutigen Fünfmillionenstadt Wuhan – ein florierendes Handelsgeschäft aufbaute. 

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