Archiv für den Monat November 2018

Christen in Indien bedrängt, doch voller Leben – Der Fleiner Pfarrer Markus Schanz stark engagiert für die Nethanja-Kirche

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Pfarrer Markus Schanz (Foto: Rolf Gebhardt)

Christen in Indien – evangelische zumal – gibt es schon seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Damals wirkten u.a. Samuel Hebich, Hermann Gundert und Hermann Mögling für die Basler Mission in Südwestinden, betätigten sich sprachwissenschaftlich für Kirche und Schulwesen und begründeten Missionsindustrien. Seit etwa 40 Jahren gibt es in Südostindien auch eine  eigenständige freie evangelische Kirche, die Nethanja-Kirche, über die der dort engagierte Fleiner Pfarrer Markus Schanz bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus berichtete. 

Markus Schanz war elf Jahre lang geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Flein. Als 2014 die zweite Pfarrstelle auf eine halbe reduziert wurde und sich für deren Besetzung niemand fand, entschloss sich Schanz 2016 im Einvernehmen mit dem Kirchengemeinderat, diese 50-Prozent-Stelle anzutreten und sich zu 50 Prozent von der Landeskirche ausleihen zu lassen als Geschäftsführer für „Kinderheim Nethanja Narsapur christliche Mission Indien e.V.“. (Vorstandsvorsitzender ist Dr. Ekkehard Graf, der neue Dekan des Kirchenbezirks Marbach.)  Für Schanz ist es so möglich, in Flein verwurzelt zu bleiben, da die Vereinsgeschäftsführung nicht mit einer Personalverantwortung in Indien verbunden ist, sondern mit Beratung sowie geistlicher und insbesondere finanzieller Unterstützung der Nethanja-Kirche.

Schanz, der gerade wieder von einer Reise nach Indien –„ viereinhalb Stunden Zeit-Abstand entfernt“ – zurückkam, kann jährlich dieser Kirche rund 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stellen, aus privaten Einzelspenden und Freundeskreisen sowie Projekt-Partnerschaften vornehmlich aus Württemberg; der Verein gehört der Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen (AEM) und der Landeskirchlichen Württembergischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission (WAW) an.

Alles begann im württembergischen Sindelfingen, wo der damalige CVJM-Diakon Karl Ramsayer einen indischen Werkstudenten kennenlernte und unterstützte. Dieser berichtete von der großzügigen christlichen Gastfreundschaft seinem in Narsapur (Bundesstaat Andhra Pradesh) lebenden Vater, der sich darob angeregt sah, seinen Kuhstall für die Beherbergung von fünf Waisenbuben herzurichten. Daraus entwickelten sich zunehmend beachtliche missionarische und diakonische Aktivitäten, weitgehend verantwortet von diesem Familienclan Komanapalli, aus dem drei Pastoren hervorgingen, Bischof Dr. Singh Komanapalli, der auch in Tübingen als Stipendiat des Albrecht-Bengel-Hauses studierte und eine deutsche Frau heiratete (alle fünf Kinder wurden in Württemberg getauft), sowie seine Brüder Jevaan und Pratap als Dekane. Zahlreiche Württemberger begleiteten den Fortgang der Nethanja-Kirche, darunter auch die Eltern von Markus Schanz.

Die nach wie vor wachsende Nethanja-Kirche umfasst heute etwa 1500 Gemeinden mit durchschnittlich 120 000 sonntäglichen Gottesdienstbesuchern. Eng verbunden mit dem Gemeindeaufbau ist die diakonische, soziale und medizinische Arbeit: Neun Kinderheime mit insgesamt 700 Kindern, davon zwei „Mädchendörfer“, Tagesschulen im Dschungelgebiet, Nähkurse, Ausbildungsstätten für Krankenpflege und Handwerksberufe, drei Highschools für 1200 Schüler/innen mit angeschlossenen Internaten, Bibelschule mit Vollzeitstudium und Evangelisationskursen. ferner Missionskrankenhaus mit 65 Betten (Schwerpunkt Geburtshilfe, innere Medizin, Chirurgie, Ambulanz), Beratungs- und Therapiezentrum für Aids-Pateinten, ambulante Hilfe für HIV-Infizierte, mehrere Ambulanzstationen auf dem Land und in Slumgebieten, Unterstützung einer Leprasiedlung und Blindenwohnheim. 

Markus Schanz betätige sich auf seiner jüngsten Herbstreise nach Indien nicht nur als finanzieller  Kontrolleur und Berater, sondern auch als Prediger in kleinen und großen Gottesdiensten. Sein Bischofsfreund Singh, der sich mit seinen charismatischen, lebendigen und überzeugenden Predigten im Lande großer Popularität erfreut, spricht in seiner Bischofskirche oft vor tausenden von Gläubigen, bei Evangelisationsveranstaltungen vor 10 000 bis 20 000 und im landesweiten Fernsehprogramm vor hunderttausenden von Zuhörern, stets in würdevollem Habit, auch bei Aufritten in Dschungeldörfern oder in den Slums der Millionenstadt Visakhapatnam. Er legt die Schrift aus, benennt aber auch die brennenden Probleme Indiens und ebenso die aktuellen Weltereignisse, wie Schanz vielfach mitbekommen hat.

Christ-Sein ist gerade im modernen Indien nicht unproblematisch. Das 1,3 Millionen Einwohner zählende Land, in dem drei Prozent christlichen Konfessionen angehören, ist nach wie vor geprägt von dem traditionellen – offiziell abgeschafften – Kastenwesen und dem Karma der hinduistischen Geistesauffassung. Die Bekehrung von Naturvölkern in den Bergdschungeln und erst recht der Übertritt von Hindus – generell gibt es nur Erwachsenentaufe – ruft auch Naxaliten-Terroristen wie Hindu-Extremisten oft gewalttätig auf den Plan, berichtete Schanz, der aber auch gerade wegen dieser Gegnerschaft die Nethanja-Kirche als Segen für Arme, Bedürftige, Benachteiligte und Sinnsuchende wahrnimmt, erst recht für Witwen und Waisenkinder.   

Gefühle als Kraftquelle für erfülltes Leben – Peter Goes plädiert für Offenheit der Wahrnehmung von Emotionen

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Pfarrer i.R. und Autor Peter Goes (Foto: Rolf Gebhardt)

Wer möchte nicht glücklich und zufrieden leben, im Einklang mit sich selbst? Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen zumeist mehr oder weniger große Diskrepanzen. Der Heilbronner Ruhestandspfarrer Peter Goes hat bei den „Jungen Senioren“ schon mehrmals mit Referaten zu Themen, die das Leben existenziell berühren, für wertvolle Einsichten gesorgt, und das tat er jetzt auch erst recht mit seinem Vortrag im Hans-Rießer-Haus über „Emotionen als Kraftquelle von Aufmerksamkeit und Zufriedenheit“.

Der Ausgangspunkt von Peter Goes: „Emotionen sind die treibenden und bremsenden Motoren für alles Wollen und Tun. Sie richten unsere Aufmerksamkeit aus, bestimmen Zu- und Abneigungen, beeinflussen unser Denken, unsere Motive und Pläne.“ Um diese These zu untermauern und mit Lebensbeispielen zu unterfüttern, hat er nicht nur Erfahrungen aus seiner Ausbildung und Tätigkeit in der klinischen Seelsorge herangezogen, sondern auch ausgiebig diesbezügliche Erkenntnisse aus Naturwissenshaft und Medizin, Philosophie und Psychologie sowie aus Fach- und belletristischer Literatur.

Der Mensch, so Goes, hat es nun mal mit ständig wechselnden Geschehnissen und Eindrücken zu tun. Diese rufen laufend verändernde Gedanken und Reize, Gefühle und Empfindungen hervor, die sich ausdrücken in Freude und Genugtuung, Beglückung und Begeisterung, aber auch in Ärger,  Angst und Wut. Es komme darauf an, nicht gefühlsblind zu sein, sondern uns – unserem Innenleben – erlauben, Gefühle als Ausdruck der Seele wahrzunehmen und auszudrücken, positive und erfreuliche Gefühle zu aktivieren, belastenden und frustrierenden Gefühlen zu begegnen, versuchen, sie zu kompensieren, mit emotionaler Intelligenz. .  

Als eklatante Beispiele für Gefühlsausbrüche stellte Goes sportliche Großereignisse heraus, insbesondere in Fußballstadien, die im Gemeinschaftserlebnis Gefühle explodieren lassen. In der Spannung zwischen Hoffen und Bangen kommen Emotionen hoch und entladen sich, etwa in Freudenschreien oder in Pfeifkonzerten und Beschimpfungen. Der Umgang mit Sieg und Niederlage, Erfolg und Misserfolg bringt Gefühle in Wallung, kann aufputschen oder deprimieren. Emotionen lassen sich auch künstlich-künstlerisch erzeugen, wenn etwa bei einem Popkonzert junge Menschen regelrecht  in Ekstase geraten.

Da nach allgemeinem Verständnis Körper, Geist und Seele im Grunde eine Einheit darstellen, beeinflussen Emotionen auch unser ganzheitliches Befinden. Diese Einsicht setzt sich nach Goes‘ Feststellungen auch zunehmend in (Teilen) der Medizin durch. Goes nannte Prof. Bernhard Lown, den Erfinder des Defibrillators, der in seinem Buch „Verlorene Kunst des Heilens“ darlegt, dass der medizinische Fortschritt in Form technischer Apparaturen nicht das einfühlsame Patientengespräch ersetzen kann. Bildgebende Verfahren können zwar die Anatomie durchsichtig machen, doch der Mensch lässt sich nicht reduzieren auf ein Gebilde funktionierender Organe und korrekter Biochemie. Jeder Mensch hat vielmehr eine Psyche, auch mit gesundheitlichen Auswirkungen, die Krankheitsbilder positiv und negativ beeinflussen. Goes dazu: „Emotionen sind Herzensangelegenheiten“: Da geht einem das Herz aufgehen oder es kommt zu  Herzbeklemmungen. Nicht von ungefähr empfinden wir Gegenüber als herzliche oder herzlose Menschen.

Emotionen begleiten unseren Alltag, meinte Goes, von A bis Z, von Achtsamkeit (andere achten und respektieren) bis Zufriedenheit (dem Stolz auf Erreichtes).Wir wollen große und gut Gefühle, am besten Glück, laut Lexikon „ein seelischer Zustand der sich aus der Erfüllung der Wünsche ergibt, die dem Menschen wesentlich sind.“ Für Goes kann sich Glück unverhofft einstellen, wir können das kleine Glück und das große Glück finden. Es heißt, Glück ist mit dem Tüchtigen, oder Glück im Unglück zu haben. Im Grunde hält Goes Glück nicht für Zufall, sondern für eine  Lebenseinstellung, auch wenn es permanentes Glück nicht geben kann. Das große Glück kann man in der Liebe finden, „Liebe passiert“. Hinwendung und Nähe, Zärtlichkeit und Berührung, die Wonnen der Sexualität – auch all das kann Glück sein. 

Die andere Seite ist die Trauer, eine natürlicher Reaktion zur Bewältigung von Verlust und seelischem Schmerz. Zur Fülle des Lebens gehört nun mal der Tod, mit dem man sich auseinander setzen muss. Überhaupt sollte man, so Goes, mit sich im Reinen sein, eigene Talente und Schwerpunkte nutzen, das Selbstwertgefühl stärken, auch mal Versagen akzeptieren, aber der Isolierung wehren und sich nicht von Kränkungen, Neid und Missgunst unterkriegen lassen. „Spaß an der Freude“ sollte überwiegen, und auch möglichst häufig dem Lachen als Ausdruck der Befreiung Raum geben; sich mal kleine und größere Genüsse gönnen und – wenn möglich – sich alte Sehnsuchtswünsche erfüllen.

Peter Goes gab Ratschläge für Meditations- und Entspannungsübungen sowie Spiritualität, und er wies auch auf sein neues Buch hin: „Emotionen als Kraftquelle – gefühlte Werte für erfülltes Leben“ (16,90 €) und das Calwer Heft „Glücks-Zeiten – Impulse für ein erfülltes Leben“ (5,95 €).

Schicksalsstunden der Deutschen im November – Historiker Müller: Erfolge und Versäumnisse einer demokratischen Revolution

A_092-234-klDen 9. November bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer tagesaktuellen Rede zu den Abgeordneten und der Nation im Plenarsaal  des Deutschen Bundestages als „Schicksalstag der Deutschen im 20. Jahrhundert“. Passend dazu steht bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus diese Thematik auf dem Programm. Der Historiker StD.i.R. Bernhard Müller vermittelt in einer lebendigen Geschichtsstunde, wie sich in den Geschehen im Datum des 9. November die jüngere Geschichte Deutschlands wie in einem Brennglas verdichtet.

Mit dem 9. November verbindet man vornehmlich die Reichspogromnacht vor 80 Jahren, als die Nazis die Synagogen in Flammen aufgehen ließen. Diese Erinnerung stand auch in diesem Jahr im Vordergrund des Gedenkens, wie auch der Mauerfall am 9. November 1989. Der eigentlich viel bedeutsamere 9. November 1918 war bislang in der deutschen Erinnerungskultur eher unterbelichtet, weil dazu lange ein ambivalentes Verhältnis herrschte, erläutert Müller. Immerhin seien diesmal die Novembertage vor 100 Jahren in gebührender Weise gewürdigt worden – als Geburtsstunde der Republik und Demokratie in Deutschland..

Bevor Müller die „Erfolge und Versäumnisse einer demokratischen Revolution“ – so der Titel seines Vortrags – bewertet, liefert er die Fakten: Kurz vor Kriegsende wollte die deutsche Seekriegsführung die stolze und bisher wenig erfolgreiche Hochseeflotte von Wilhelmshaven zur finalen Fahrt nach England schicken, damit sie in Ehen untergehe. Die deprimierten Matrosen wollten sich nicht verheizen lassen und verweigerten Ende Oktober 1918 den Befehl. Die Rädelsführer wurden verhaftet und nach Kiel gebracht. Doch auch dort begannen Aufstände, die sich schnell landesweit ausbreiteten. Arbeiter und Soldaten schlossen sich zu Räten nach sowjetischem Vorbild zusammen: die sogenannte November-Revolution. 

Bereits ab August 1918 war der oberste deutschen Heeresleitung – Generalquartiermeister Erich Ludendorff und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg – klar, dass eine Fortsetzung des Krieges aussichtslos sei. Sie teilte dies auch in einem Schreiben an den Reichskanzler mit, machte dieses Eingeständnis des verlorenen Krieges aber nie öffentlich. Jetzt sollten die verachteten Zivilisten die Kastanien aus dem Feuer holen. Bei ersten Verhandlungen wegen eins Waffenstillstands machte US-Präsident Woodrow Wilson jedoch deutlich, dass er nur zustimmen werde, wenn der Kaiser geht und Deutschland demokratisiert wird. 

Reichskanzler Max von Baden erklärte am Morgen des 9. November angesichts machtvoller Demonstrationen, der Kaiser habe abgedankt,und übertrug dann sein Amt dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Um 14 Uhr rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann von einem Balkon im Berliner Reichstag die Republik aus, bald darauf proklamierte der Linkssozialist Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss aus die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Der neue Reichskanzler Ebert wollte hingegen, dass eine Nationalversammlung über die künftige Regierungsform entscheidet. Am 10. November wurde eine neue Regierung, der „Rat der Volksbeauftragten“, gebildet. 

Bereits am 8. November hatten die Waffenstillstandsverhandlungen begonnen. Der zum deutschen Verhandlungsleiter auserkorene Zentrumspolitiker Matthias Erzberger musste am 11. November 1918 – von allen Institutionen in der Heimat abgeschnitten – in einem Eisenbahnwagon bei Compiègne ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen.  Kaiser Wilhelm II. war am 10. November von seinem Hauptquartier im belgischen Spa ins niederländische Exil geflohen und dankte am 28. November offiziell ab (und ließ 59 Güterwagen voll von“ persönlichem Vermögen“ in sein Schloss nachkommen). 

Müller legt den „Jungen Senioren“ in Unterlagen mit kopierten Originalen u.a. ein Bild von der Gründung der deutschen Republik vor und den Aufruf der Volksbeauftragten an das deutsche Volk vom 12.November 1918, in dem Versammlungs-, Meinungs- und Religionsfreiheit als Grundrechte verkündet wurden, aber auch die bestehende Wirtschaftsordnung vorläufig bestätigt – allerdings mit der Einführung alter sozialdemokratischer Forderungen wie dem Achtstundentag oder dem Auf- und Ausbau eines Sozialstaates.

Gleichwohl mussten sich die führenden Kräfte eine „stecken gebliebene Revolution“ nachsagen lassen, weil aus Furcht vor einer Bolschewisierung ein radikaler Bruch mit den Eliten in Verwaltung, Militär und Politik vermieden wurde. Müllers Anmerkung dazu: „Versäumte Chancen oder verhinderte Katastrophen?“

Andererseits kam es von Seiten der Rechtsnationalisten zu Hasstiraden gegen die „republikanischen Erfüllungsgehilfen“, und die „Dolchstoßlegende“ wurde zu ihrem wichtigsten Kampfbegriff, der die politische Atmosphäre der Weimarer Republik vergiftete. 

Müller hält aber auch dagegen, dass nach über vier Jahren Krieg, in dem 16 Millionen Menschen umgekommen sind, vor 100 Jahren mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs ein gewaltiger Umbruch herbeigeführt wurde: mit der Einführung einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, des parlamentarischen Systems  und des Frauenwahlrechts.

Am Ende steht nun mal unweigerlich der Tod – Adalbert Binder über die „Initiative selbst bestimmen“ zur letzten Vorsorge

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Adalbert Binder (Foto: Rolf Gebhardt)

Nur die wenigsten Menschen befassen sich, wenn sie noch (einigermaßen) guter  Gesundheit sind, ernsthaft mit den Fragen um Sterben und Tod. Auch wenn die Endlichkeit des Lebens zwangsweise von existentieller Bedeutung ist – man verdrängt es. „Doch das ist ein Fehler, denn man kann Vorsorge treffen für ein würdevolles Ableben“ sagte Adalbert Binder im Hans-Rießer-Haus bei den „Jungen Senioren“, wo er auf sehr anschaulicher und ausgewogener Art gleichsam unterhaltsam und realistisch darlegte, wie man sich gezielt auf die „Stunde der Wahrheit vorbereiten kann, und zwar in eigener verpflichtenden Verfügung, selbstbestimmt im Selbstbestimmungsrecht. 

Als langjähriger Vorsitzender des Heilbronner Vereins „Senioren für Andere“ (Seniorenbüro) und auch in anderen Ehrenämtern und Beziehungen hat Binder Erfahrungen sammeln müssen, was es bedeutet, wenn Menschen am Ende des Lebens der Hochleistungsmedizin und den Entscheidungen anderer Personen ausgeliefert sind. Die Möglichkeit einer Patientenverfügung gibt es zwar schon lange, doch war ihre Verbindlichkeit mit sehr viel Unsicherheit behaftet, was auch im juristischen und politischen Raum virulent war. Nach intensiven gesellschaftlichen und parlamentarischen Diskussionen wurde mit der Verabschiedung des Dritten Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts zum 1. September 2009 die Patientenverfügung gesetzlich geregelt und im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Sie legt fest, ob im Falle im Falle der Einwilligungsunfähigkeit bestimmte Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe untersagt sind. 

Für Binder war dies das Fanal, diese Botschaft in breiteren Kreisen publik zu machen, und so wurde er zum Mitgründer der „Initiative selbst bestimmen“, zusammen mit anderen Partnern und insbesondere der SLK-Kliniken Heilbronn. Mit einer Patientenverfügung, so Binder, legt man für den Fall, dass man sich nicht mehr selbst entscheiden kann, vorsorglich fest, dass bestimmte medizinische Maßnahmen durchzuführen oder zu unterlassen sind. Damit wird sicher gestellt, dass der Patientenwille respektiert und umgesetzt wird, auch wenn er in der aktuellen Situation nicht mehr geäußert werden kann.

Die medizinische Entwicklung ist mit ihren unglaublichen Fortschritten ein großer Segen für die Menschheit, meinte Binder, kann aber auch viel Leid verursachen, wenn Ärzte, zur Heilung von Krankheiten verpflichtet, alles tun, um Leben zu verlängern und den Sterbeprozess aufzuhalten – was neben Qualen und Leiden Würdelosigkeit bedeutet. Man nimmt es in Deutschland hin, dass jährlich 200 000 Hüftoperationen und 220 000 Knie-OP’s durchgeführt werden; ob das unbedingt notwendig ist, bleibt offen. Pro Jahr werden zwei Millionen Katheter gelegt. Am meisten schmerzt Binder die Tatsache, dass jährlich 140 000 Magensonden gelegt werden, davon 100 000 bei Demenzkranken. „Es kann doch nicht sei, dass man Komapatienten zehn Jahre lang über die Magensonden künstliche ernährt“, klagte Binder. Wer nicht mehr schlucken kann, sei in der Regel „am Ende, will nicht mehr“, ist  Binders Erfahrung. Magensonden seien entwürdigend, ganz  abgesehen von den Kosten, die sich auf über eine Milliarde € jährlich summieren.

In der Regel geht es bei der Patientenverfügung darum, den Verzicht lebensverlängernder Maßnahmen zu verfügen,  wenn man erkennbar im Sterben liegt. Binder. „Jeder Mensch hat ein Recht zu leben, nicht aber unbedingt die Pflicht.“ Wenn der Körper signalisiert, meine Zeit ist vorüber, sei ein Ableben in Würde angezeigt. Das könne geschehen in in einer palliativen Abteilung der Klinik oder auch im Hospiz,selbst in einer ambulanten palliativen Versorgung, wo alles zu tun sei, den letzten Stunden Leben bzw. noch Lebensqualität zu geben, frei von Schmerzen durch mitunter hohen Dosen von schmerzstillenden Mitteln: „Am Ende steht nun einmal unvermeidlich der Tod.“ Da  müsse und könne es nicht darum gehen, nahe Angehörige durch die Pflege über Gebühr hinaus zu strapazieren. 

Binder stellte das mit kompetenten und angesehenen Fachleuten erarbeitete Patientenverfügung des Klinischen Ethik-Komitees punktuell an der Leinwand vor. Die gezeigten Formulare sind nur zu erhalten nach sorgfältiger mündlicher kostenloser Beratung, so im Seniorenbüro (Tel. 07131 962831); jährlich gibt es dort mit geschulten Beratern mehrere hundert Besprechungsgespräche. Wörtlich heißt es auf Seite 1: „Für den Fall, dass ich meinen Willen nicht mehr bilden oder verständlich äußern kann und ich mich in einer auf dieser Seite angekreuzten Situation befinde, verfüge ich, das meine Anweisungen … umgesetzt werden.“ Diese Punkte können gegebenenfalls aktualisiert oder widerrufen werden. Hinzu kommt eine Gesundheitsvollmacht und ein scheckkartengroßer Vorsorgeausweis. 

Darüber hinaus stellte Binder klar, dass eine solche Patientenverfügung keiner notariellen Beglaubigung bedarf. Nahe Angehörige, Vertrauenspersonen oder auch der Hausarzt sollten wissen, dass sie existiert und möglichst auch, wo sie aufbewahrt ist (Notfallordner). Zur Vorsorge fürs Lebensende gehören überdies eine Betreuungs- und noch besser Vorsorgevollmacht, eine Bankvollmacht und natürlich ein Testament.