Schicksalsstunden der Deutschen im November – Historiker Müller: Erfolge und Versäumnisse einer demokratischen Revolution

A_092-234-klDen 9. November bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer tagesaktuellen Rede zu den Abgeordneten und der Nation im Plenarsaal  des Deutschen Bundestages als „Schicksalstag der Deutschen im 20. Jahrhundert“. Passend dazu steht bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus diese Thematik auf dem Programm. Der Historiker StD.i.R. Bernhard Müller vermittelt in einer lebendigen Geschichtsstunde, wie sich in den Geschehen im Datum des 9. November die jüngere Geschichte Deutschlands wie in einem Brennglas verdichtet.

Mit dem 9. November verbindet man vornehmlich die Reichspogromnacht vor 80 Jahren, als die Nazis die Synagogen in Flammen aufgehen ließen. Diese Erinnerung stand auch in diesem Jahr im Vordergrund des Gedenkens, wie auch der Mauerfall am 9. November 1989. Der eigentlich viel bedeutsamere 9. November 1918 war bislang in der deutschen Erinnerungskultur eher unterbelichtet, weil dazu lange ein ambivalentes Verhältnis herrschte, erläutert Müller. Immerhin seien diesmal die Novembertage vor 100 Jahren in gebührender Weise gewürdigt worden – als Geburtsstunde der Republik und Demokratie in Deutschland..

Bevor Müller die „Erfolge und Versäumnisse einer demokratischen Revolution“ – so der Titel seines Vortrags – bewertet, liefert er die Fakten: Kurz vor Kriegsende wollte die deutsche Seekriegsführung die stolze und bisher wenig erfolgreiche Hochseeflotte von Wilhelmshaven zur finalen Fahrt nach England schicken, damit sie in Ehen untergehe. Die deprimierten Matrosen wollten sich nicht verheizen lassen und verweigerten Ende Oktober 1918 den Befehl. Die Rädelsführer wurden verhaftet und nach Kiel gebracht. Doch auch dort begannen Aufstände, die sich schnell landesweit ausbreiteten. Arbeiter und Soldaten schlossen sich zu Räten nach sowjetischem Vorbild zusammen: die sogenannte November-Revolution. 

Bereits ab August 1918 war der oberste deutschen Heeresleitung – Generalquartiermeister Erich Ludendorff und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg – klar, dass eine Fortsetzung des Krieges aussichtslos sei. Sie teilte dies auch in einem Schreiben an den Reichskanzler mit, machte dieses Eingeständnis des verlorenen Krieges aber nie öffentlich. Jetzt sollten die verachteten Zivilisten die Kastanien aus dem Feuer holen. Bei ersten Verhandlungen wegen eins Waffenstillstands machte US-Präsident Woodrow Wilson jedoch deutlich, dass er nur zustimmen werde, wenn der Kaiser geht und Deutschland demokratisiert wird. 

Reichskanzler Max von Baden erklärte am Morgen des 9. November angesichts machtvoller Demonstrationen, der Kaiser habe abgedankt,und übertrug dann sein Amt dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Um 14 Uhr rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann von einem Balkon im Berliner Reichstag die Republik aus, bald darauf proklamierte der Linkssozialist Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss aus die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Der neue Reichskanzler Ebert wollte hingegen, dass eine Nationalversammlung über die künftige Regierungsform entscheidet. Am 10. November wurde eine neue Regierung, der „Rat der Volksbeauftragten“, gebildet. 

Bereits am 8. November hatten die Waffenstillstandsverhandlungen begonnen. Der zum deutschen Verhandlungsleiter auserkorene Zentrumspolitiker Matthias Erzberger musste am 11. November 1918 – von allen Institutionen in der Heimat abgeschnitten – in einem Eisenbahnwagon bei Compiègne ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen.  Kaiser Wilhelm II. war am 10. November von seinem Hauptquartier im belgischen Spa ins niederländische Exil geflohen und dankte am 28. November offiziell ab (und ließ 59 Güterwagen voll von“ persönlichem Vermögen“ in sein Schloss nachkommen). 

Müller legt den „Jungen Senioren“ in Unterlagen mit kopierten Originalen u.a. ein Bild von der Gründung der deutschen Republik vor und den Aufruf der Volksbeauftragten an das deutsche Volk vom 12.November 1918, in dem Versammlungs-, Meinungs- und Religionsfreiheit als Grundrechte verkündet wurden, aber auch die bestehende Wirtschaftsordnung vorläufig bestätigt – allerdings mit der Einführung alter sozialdemokratischer Forderungen wie dem Achtstundentag oder dem Auf- und Ausbau eines Sozialstaates.

Gleichwohl mussten sich die führenden Kräfte eine „stecken gebliebene Revolution“ nachsagen lassen, weil aus Furcht vor einer Bolschewisierung ein radikaler Bruch mit den Eliten in Verwaltung, Militär und Politik vermieden wurde. Müllers Anmerkung dazu: „Versäumte Chancen oder verhinderte Katastrophen?“

Andererseits kam es von Seiten der Rechtsnationalisten zu Hasstiraden gegen die „republikanischen Erfüllungsgehilfen“, und die „Dolchstoßlegende“ wurde zu ihrem wichtigsten Kampfbegriff, der die politische Atmosphäre der Weimarer Republik vergiftete. 

Müller hält aber auch dagegen, dass nach über vier Jahren Krieg, in dem 16 Millionen Menschen umgekommen sind, vor 100 Jahren mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs ein gewaltiger Umbruch herbeigeführt wurde: mit der Einführung einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, des parlamentarischen Systems  und des Frauenwahlrechts.

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