Archiv für den Monat Januar 2019

Vom Wiederaufbau einer zerstörten Stadt – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über die 1950er Jahre

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Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

„Heilbronn in den 1950er Jahren“. Dieses Thema ist emotional hoch aufgeladen, weckt Erinnerungen bei den „Jungen Senioren“, die überwiegend diese Zeit selbst hautnah erlebt oder von  Eltern oder anderen Zeitgenossen eindringlich geschildert bekommen haben. Dennoch war es überraschend, dass zu dieser thematische Veranstaltung ein Rekordbesuch von über 150 Teilnehmer/innen verzeichnet werden konnte, was wohl auch an dem Referenten lag, dem Direktor des Stadtarchivs Heilbronn Prof. Dr. Christhard Schrenk.

Wie man diese Zeit erlebt hat, kommt darauf an, ob man Kind, Jugendlicher oder Erwachsener war und ob es um den Anfang oder das Ende jenes Jahrzehnts geht, meinte Schrenk eingangs. Diese Sichtweise bestätigte sich auch in der Diskussion. Während man es als Kind genossen habe, in den Ruinen zu spielen oder Hochwasser und Hitzewelle als Abenteuer zu erleben, seien „die Großen“ doch ganz schön konfrontiert worden mit den Alltagsproblemen, im Hinblick auf Wohnen, Essen und Arbeiten, also um die Existenz, aber auch mit den  politischen Ereignissen. Gerade die stark geforderten Mütter hätten sich gar nicht so sehr kümmern können um die Kinder, die freier und unbehüteter aufgewachsen seien als die heutigen. 

Insgesamt fällt der Rückblick auf diese Zeitgeschichte positiv aus, auch vom damaligen Lebensgefühl her, wenngleich man aus der Sicht der heutigen Situation wohl nicht mehr in diesen doch vergleichsweise beschränkten und bescheidenen Verhältnissen leben möchte. Doch damals war man durchweg optimistisch und zukunftsfroh, voller Hoffnungen, Erwartungen, Träume und Ziele, aber auch zupackend und gemeinschaftsorientiert,  konstatierte Schrenk – auch wenn sich heute (nicht nur) junge Leute kaum vorstellen können, dass man „früher“ sehr gut ohne Computer und Smartphone auskommen konnte, weil man es nicht kannte und alle so ziemlich die gleichen Lebensbedingungen hatten.

Dieses erste volle Jahrzehnt der Nachkriegszeit war nun einmal geprägt von dem Wiederaufbauwillen nach den Zerstörungen durch den II. Weltkrieg. Man sprach von Aufbruch und Wirtschaftswunder, und es kam in rasantem Tempo zu aufregenden Entwicklungen – Fortschritten – in Wirtschaft, Infrastruktur, Kultur und Gesellschaftsleben. Es war das Jahrzehnt, als Prof. Theodor Heuss Bundespräsident war und oftmals auch in Heilbronn präsent, so 1954 als Schirmherr des 42. Deutschen Weinbaukongresses, als 40 000 Schaulustige den Festumzug durch die Stadt zum wiederbelebten ersten „Heilbronner Herbst“ begleiteten. 

Es war die Zeit, als die Eisdielen aus dem Boden sprossen, Waffeleis „in“ war, aber auch Hawai-Toast und Bowle, als die von den Teenagern favorisierten Jeans von den „Alten“ als Schlosser- und Nietenhosen abgestempelt  wurden und Jazz und insbesondere der aufkommende Rock’n’Roll als „Negermusik“, Radio AFN und der in Deutschland stationierte Elvis Presley eine riesige Fangemeinde hatte. Es war aber auch die Zeit der Heimatfilme und schnulzigen Schlager. Und es war die Zeit schnell wachsender Mobilität, als Quickly, Max, Lambretta, Kabinenroller, NSU-Prinz und VW-Käfer in vielen Familien Einzug hielten und der NSU-Lido in Jesola bei Venedig zum bevorzugten (Camping-)Reiseziel der Heilbronner wurde.

Interessant, wie fortlaufend Geschäfte und Unternehmen (wieder) erstanden, so 1950 Brenner-Schilling, Palm. Buck, Bierstorfer und Läpple zog von Weinsberg nach Heilbronn. Schon Mitte 1950 eröffnete Lichdi den ersten Selbstbedienungsladen Deutschlands, 1951 kam Kaufhaus Merkur in die Fleiner Straße, wurde 1952 zu Horten. Weitere Namen aus den 50er Jahren: Knorr (mit Neonlicht-Namenszug), Café Reinecker, Noller-Café, Betten Friz, Möbel Kost, Determann, Seel, Luithle, Siller, Intersport, Ackermann, Landerer, Wolko, Drauz, Flammerwerke, Kaco, Tuchel, Bruckmann, Telefunken und auch das Insel-Hotel.

1950 gab es wieder die erste Reifeprüfung, und laufend wurden neue Volksschulen, Mittelschulen  und Gymnasien errichtet. Zur großen Tragödie kam es zu Ostern 1954 bei einem Schullandheim-Aufenhalt in Obertraun, der Dachstein-Tragödie mit 13 Toten im Schneesturm, davon zehn Schüler. Die traditionellen Kirchengebäude wurden wieder hergestellt, Hallenbad und Stimme-Hochhaus setzten Akzente, das Gewerkschaftshaus mit dem kleinen Theater im großen Saal. Der Kulturring entstand, Sinfonieorchester und Kammerorchester belebten die Kulturszene. Der Sport blühte mit Fußball, Hockey, Turnen, Ringen, Motorradsport; Heilbonn wurde vor allem durch Karlo Losch zur Rollkunstlauf-Hochburg (13 WM-Titel).  

Nicht zuletzt durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen erhöhte sich die Heilbronner Einwohnerzahl in den 50er Jahren von 65 000 auf 85 000. Der florierende Wohnungsbau konnte nur bedingt die Wohnungsnot lindern. Paul Meyle war Oberbürgermeister, kommunalpolitisch rangierte die SPD vor FDP/DVP und CDU, auch bei Landtagswahlen, während bei der Bundestagswahl die CDU dominierte. Die US-Army übernahm die Schwabenhof- und Hessenhof-Kaserne (später Wharton-Baracks) und die Waldheide als künftige Raketenbasis. Am Rande: 1955 wurde jede sechste Ehe mit einem GI geschlossen.

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Die Kirche zeigt Präsenz auf der BUGA Heilbronn – Pfarrerin Esther Sauer. Besucher sollen einen positiven Eindruck mitnehmen

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Pfarrerin Esther Sauer (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist üblich geworden, dass auf Gartenschauen auch die Kirche Präsenz zeigt, so etwa bei der Landesgartenschau 2017 in Öhringen – und natürlich auf der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn. Wie das vonstatten geht, darüber informierte bei den „Jnngen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Pfarrerin Esther Sauer, die als Referentin beim Dekanatamt Heilbronn freigestellt ist für die Projektleitung „Kirche auf der Bundesgartenschau 2019 Heilbronn“, zusammen mit Peter Seitz vom Katholischen Dekanat Heilbonn-Neckarsulm.

„Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Psalm 34.9). Diese sinnliche Erfahrung des Beters im Alten Testament hat die Kirche aufgenommen für ihr Motto auf der BUGA: „Leben schmecken“. In den vielseitigen Angeboten der Kirche geht es um Fragen der Ernährung und über das Miteinander in der Stadt und im Leben, insbesondere aber um das vornehmliche Anliegen der Kirche; die Schöpfung. Und das passt bestens zum Gesamtthema der BUGA „Blühendes Leben“, betonte Esther Sauer: „Die Erde ist der Garten Gottes,  und die Welt ist voller Wunder – zum Staunen und zum Genießen.“ Doch zeigt sich auch, die Erde als Lebensraum von Pflanzen, Tieren und von Menschen – die Schöpfung – ist gefährdet und bedroht, gerade durch menschliches Handeln. Deshalb müssen auch die Menschen – müssen wir – dafür sorgen, dass die Grundlagen dieses Lebens für alle gestärkt und erhalten bleiben. „Das ist auch ein biblischer Auftrag der Kirche“, bekräftigte Esther Sauer.

Demgemäß ist die Präsenz der Kirche auf der BUGA ökumenisch angelegt. Maßgebend engagiert ist hier die Evangelische Landeskirche in Württemberg und die Katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart. Mit im Boot sind aber auch die anderen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Heilbronn, also die Evangelisch-Methodistische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Evangelisch-freikirchliche Gemeinde (Baptisten) und die Neuapostolische Kirche. Die ökumenische Einbindung ist auch der Anspruch zu zeigen, dass Kirche über konfessionelle Grenzen hinaus etwas zu sagen und zu bieten hat. „Von der Ökumene versprechen wir uns auch einen nachhaltigen Effekt“, meinte die evangelische Pfarrerin.

Esther Sauer hat in den letzten Jahren eine Reihe von Gartenschauen besucht und sich informiert, wie anderswo sich die Kirche der Öffentlichkeit darstellt, und sich inspirieren lassen. Dabei hat sie gemerkt, dass es nicht zuletzt darauf ankommt, die Kirche in einen Mittelpunkt zu bringen, dass sie nicht im Abseits platziert ist. In der Heilbronner BUGA findet Kirche jedenfalls statt an einem zentralen Platz, an dem praktisch alle Besucher vorbei kommen müssen, im „Inzwischenland“, direkt hinter bzw. vor der Stadtausstellung – „also mitten im Leben“, so Sauer. Es gelte also, das zur Verfügung stehende Kirchengelände entsprechend mit Leben zu auszustatten, dass die Besucher auch gut und gern zum Verweilen und zur Teilnahme angeregt werden, „auch Spirituelles erfahren können“.

Da ist zum einen im kirchlichen Gelände das gärtnerische Element, wie es nun mal zu einer Gartenschau gehört. Der Kirchengarten hat unterschiedliche Bereiche und Zonen, die durch ein dunkles Wegkreuz verbunden sind, eingefasst von vielen weißen Stauden und geschützt durch junge Pappeln, und es gibt Apfelbäume im Gelände. An einem langen Tisch oder an einer großen Wasserschale findet sich Gelegenheit zu Verweilen oder mit anderen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Man kann sich niederlassen, sich anregen oder die Seele baumeln lassen, ganz wie es einem gefällt. Wen es drängt, seine Gedanken zu formulieren und mitteilen zu wollen, für den steht eine große Schreibwand parat, die wohl auch gerne von anderen inspiziert werden dürfte. Auch bestehen Kontakte zur Bestattungskultur, zu Mustergräber. 

Selbstverständlich bietet die Kirche auch ein laufendes Programm an den 172 BUGA-Tagen. Morgens zwischen 10 und 12 Uhr werden an Werktagen Module für Schulklassen und auch für Kindergärten angeboten, am Samstag-Vormitttag ein buntes Unterhaltungsprogramm etwa mit Clowns und Jonglage, und am Sonntag um 11 Uhr – „wie es sich gehört“ – ein ökumenischer Gottesdienst, und zwar auf der „Fährle-Bühne“ am Neckar, der ausrangierten Haßmersheimer Fähre, oder auch mal auf der Hauptbühne der BUGA . Für verschiedentliche Mittagsimpulse ist gesorgt, und nachmittags gibt es Kinder- und Schüler-Programme und – wie auch an einem Vormittag – die Möglichkeit, Ernährung informativ, kreativ und mit allen Sinnen zu erleben, zudem das Angebot von „Brunnen-Gespräche“. Die Abende sind offen für Abendgebete sowie Musik- und Kulturangebote. Pfarrerin Sauer legt Wert darauf, dass im Voraus nicht alles so festgezurrt ist, sondern Spielraum für Improvisationen und Experimente vorhanden ist, „um Kirche erlebbar zu machen“ mit innovativen Programmpunkten und Formaten. Zur Mithilfe und Organisation stehen Dutzende von kirchlich versierten Ehrenamtlichen bereit, die offen sind für Auskünfte und Gesprächsanliegen aller Art. Esther Sauer: „Wir wollen, dass Besucher von Kirche als Partner einen positiven Eindruck mitnehmen.“

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ – Die Gedanken des Heilbronner Prälaten Harald Stumpf zur Jahreslosung 2019

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Prälat Harald Stumpf (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist guter Brauch bei den „Jungen Senioren“, dass der Heilbronner Prälat bei der ersten Veranstaltung im neuen Jahr im Hans-Rießer-Haus- die jeweilige Jahreslosung auslegt. Prälat Harald Stumpf wies eingangs darauf hin, dass die Jahreslosung immer drei Jahre im Voraus von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft „Bibellesen“ festgelegt wird. Die Vertreter aus evangelischen und katholischen Werken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wählen die Jahreslosungen aus vorgeschlagenen Bibelversen aus, also kein Losverfahren. Alle Zitate müssen im Bibelleseplan für das betreffende Jahr vorkommen und dürfen zehn Jahre lang nicht in den Jahres- oder Monatssprüchen vorgekommen sein und außerdem nicht aus den Wochensprüchen stammen.

Unter diesen Umständen sei es erstaunlich, so Stumpf, wie die im ökumenischen Prozess herausgefilterten Jahreslosungen doch treffend in die aktuelle Zeitgeschichte passen, so auch und gerade bei der Jahreslosung 2019. In der vorgetragenen Interpretation bezog sich Stumpf weitgehend auf seine entsprechenden Darlegungen in seinem druckfrischen Neujahrsbrief 2019, der Verantwortlichen in der Politik. in Wirtschaft und Gesellschaft, Pfarrerinnen und Pfarrern, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in unserer Kirche und ihrer Diakonie, Gesprächspartnern und Wegbegleitern gewidmet ist.

Daher authentisch nachstehend der Wortlaut von Prälat Harald Stumpf: 

Mit der ökumenischen Jahreslosung 2019 grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen ein gesegnetes und behütetes Jahr.

Suche Frieden und jage ihm nach!  (Psalm 34,15) 

Sechs kurze Worte, die es in sich haben. 

Im vergangenen Jahr wurde viel vom Frieden geredet in einer friedlosen und leidzerrissenen Welt. Die Friedensbemühungen der Weltmächte waren groß, aber bedauerlicher Weise konnte oft nicht einmal eine ausgehandelte Waffenruhe eingehalten werden, geschweige denn, stabiler Friede einkehren.

Das Titelbild zur Jahreslosung, das ich ausgesucht habe, zeigt bunte Menschen, die von Sprache und Herkunft sehr unterschiedlich sind – man kann Schriftzeichen aus vielen Kulturen erkennen, hebräische, griechische, lateinische, arabische und chinesische Schriftzeichen.

Die Menschen so bunt und unterschiedlich, wie Gottes Schöpfung vielfältig und bunt ist.

Toleranz, Integration und Inklusion waren m vergangenen Jahr in Kirche und Gesellschaft herausfordernde Themen, die uns weiter beschäftigen werden und unseren ganzen Einsatz erfordern.

Frieden muss man suche, sich auf die Lauer legen, Fährten aufspüren, Möglichkeiten erhoffen und dann entschlossen mit ganzer Kraft verfolgen, ja, dem Frieden nachjagen.

Im Gespräch mit den Besetzungsgremien in den Kirchengemeinden wurde immer wieder der Wunsch geäußert, dass Pfarrerinnen und Pfarrer mit großer Integrationskraft die verschiedenen Glaubensüberzeugungen und geistlichen Traditionen in einer Gemeinde zusammenhalten sollten, damit Friede und Einheit einkehren und das Licht des Evangeliums ausstrahlt. Auch von der Landessynode und der Kirchenleitung wird diese Integrationskraft erwartet.

Es gibt eine große Sehnsucht nach Frieden und Eins-sein in unserer Kirche, in Gesellschaft, in der Öffentlichkeit. Wir sehnen uns danach, im Einklang zu sein – mit uns selbst, mit unserem Leben, mit unseren Umständen in Familie, Partnerschaft und Beruf.

Der hebräische Begriff ,Schalom‘ hat eine größere Bedeutung als das deutsche Wort ,Frieden‘, das überwiegend als Abwesenheit von Streit und Krieg verstanden wird. Der hebräische Ausdruck meint so etwas wie ,umfassendes Wohlergehen‘, dazu gehört das gute Miteinander als auch das Wohlbefinden an Leib und Seele. Das ,Zu-frieden-sein‘ – das wir als Geschenk begreifen.

Als Prälat war ich im vergangenen Jahr in vielen Konfliktsituationen, sowohl in Gremien als auch in Kirchengemeinden, involviert und musste in großer Rollenklarheit zu vermitteln suchen. Mir wurde immer deutlicher, dass Friede ein kostbares Geschenk ist. Trotz professioneller Beratungs- und Vermittlungsprozessen ist es uns unverfügbar, ob tatsächlich Friede einkehrt in einer Gemeinde bzw. bei den Konfliktparteien. . . . 

Wir sind nicht allein gelassen bei der Suche und bei der Jagd nach Frieden. . . . Christus am Kreuz, – ,Er ist unser Friede.‘ . . . Der auferstandene Jesus begegnet seinen Jüngern mit dem Zuspruch: Friede sei mit euch!

Für das neue Jahr 2019 wünsche ich mir viele ,Friedens-Sucher‘, ,Friedens-Stifter‘, die mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem Frieden nachjagen. Jede und jeder an dem Platz, an dem er oder sie gestellt ist.  . . . 

Selig sind die Frieden stiften, denn sie sollen Gottes Kinder heißen. (Matthäus5,9)