Archiv für den Tag 21. Januar 2019

Vom Wiederaufbau einer zerstörten Stadt – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über die 1950er Jahre

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Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

„Heilbronn in den 1950er Jahren“. Dieses Thema ist emotional hoch aufgeladen, weckt Erinnerungen bei den „Jungen Senioren“, die überwiegend diese Zeit selbst hautnah erlebt oder von  Eltern oder anderen Zeitgenossen eindringlich geschildert bekommen haben. Dennoch war es überraschend, dass zu dieser thematische Veranstaltung ein Rekordbesuch von über 150 Teilnehmer/innen verzeichnet werden konnte, was wohl auch an dem Referenten lag, dem Direktor des Stadtarchivs Heilbronn Prof. Dr. Christhard Schrenk.

Wie man diese Zeit erlebt hat, kommt darauf an, ob man Kind, Jugendlicher oder Erwachsener war und ob es um den Anfang oder das Ende jenes Jahrzehnts geht, meinte Schrenk eingangs. Diese Sichtweise bestätigte sich auch in der Diskussion. Während man es als Kind genossen habe, in den Ruinen zu spielen oder Hochwasser und Hitzewelle als Abenteuer zu erleben, seien „die Großen“ doch ganz schön konfrontiert worden mit den Alltagsproblemen, im Hinblick auf Wohnen, Essen und Arbeiten, also um die Existenz, aber auch mit den  politischen Ereignissen. Gerade die stark geforderten Mütter hätten sich gar nicht so sehr kümmern können um die Kinder, die freier und unbehüteter aufgewachsen seien als die heutigen. 

Insgesamt fällt der Rückblick auf diese Zeitgeschichte positiv aus, auch vom damaligen Lebensgefühl her, wenngleich man aus der Sicht der heutigen Situation wohl nicht mehr in diesen doch vergleichsweise beschränkten und bescheidenen Verhältnissen leben möchte. Doch damals war man durchweg optimistisch und zukunftsfroh, voller Hoffnungen, Erwartungen, Träume und Ziele, aber auch zupackend und gemeinschaftsorientiert,  konstatierte Schrenk – auch wenn sich heute (nicht nur) junge Leute kaum vorstellen können, dass man „früher“ sehr gut ohne Computer und Smartphone auskommen konnte, weil man es nicht kannte und alle so ziemlich die gleichen Lebensbedingungen hatten.

Dieses erste volle Jahrzehnt der Nachkriegszeit war nun einmal geprägt von dem Wiederaufbauwillen nach den Zerstörungen durch den II. Weltkrieg. Man sprach von Aufbruch und Wirtschaftswunder, und es kam in rasantem Tempo zu aufregenden Entwicklungen – Fortschritten – in Wirtschaft, Infrastruktur, Kultur und Gesellschaftsleben. Es war das Jahrzehnt, als Prof. Theodor Heuss Bundespräsident war und oftmals auch in Heilbronn präsent, so 1954 als Schirmherr des 42. Deutschen Weinbaukongresses, als 40 000 Schaulustige den Festumzug durch die Stadt zum wiederbelebten ersten „Heilbronner Herbst“ begleiteten. 

Es war die Zeit, als die Eisdielen aus dem Boden sprossen, Waffeleis „in“ war, aber auch Hawai-Toast und Bowle, als die von den Teenagern favorisierten Jeans von den „Alten“ als Schlosser- und Nietenhosen abgestempelt  wurden und Jazz und insbesondere der aufkommende Rock’n’Roll als „Negermusik“, Radio AFN und der in Deutschland stationierte Elvis Presley eine riesige Fangemeinde hatte. Es war aber auch die Zeit der Heimatfilme und schnulzigen Schlager. Und es war die Zeit schnell wachsender Mobilität, als Quickly, Max, Lambretta, Kabinenroller, NSU-Prinz und VW-Käfer in vielen Familien Einzug hielten und der NSU-Lido in Jesola bei Venedig zum bevorzugten (Camping-)Reiseziel der Heilbronner wurde.

Interessant, wie fortlaufend Geschäfte und Unternehmen (wieder) erstanden, so 1950 Brenner-Schilling, Palm. Buck, Bierstorfer und Läpple zog von Weinsberg nach Heilbronn. Schon Mitte 1950 eröffnete Lichdi den ersten Selbstbedienungsladen Deutschlands, 1951 kam Kaufhaus Merkur in die Fleiner Straße, wurde 1952 zu Horten. Weitere Namen aus den 50er Jahren: Knorr (mit Neonlicht-Namenszug), Café Reinecker, Noller-Café, Betten Friz, Möbel Kost, Determann, Seel, Luithle, Siller, Intersport, Ackermann, Landerer, Wolko, Drauz, Flammerwerke, Kaco, Tuchel, Bruckmann, Telefunken und auch das Insel-Hotel.

1950 gab es wieder die erste Reifeprüfung, und laufend wurden neue Volksschulen, Mittelschulen  und Gymnasien errichtet. Zur großen Tragödie kam es zu Ostern 1954 bei einem Schullandheim-Aufenhalt in Obertraun, der Dachstein-Tragödie mit 13 Toten im Schneesturm, davon zehn Schüler. Die traditionellen Kirchengebäude wurden wieder hergestellt, Hallenbad und Stimme-Hochhaus setzten Akzente, das Gewerkschaftshaus mit dem kleinen Theater im großen Saal. Der Kulturring entstand, Sinfonieorchester und Kammerorchester belebten die Kulturszene. Der Sport blühte mit Fußball, Hockey, Turnen, Ringen, Motorradsport; Heilbonn wurde vor allem durch Karlo Losch zur Rollkunstlauf-Hochburg (13 WM-Titel).  

Nicht zuletzt durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen erhöhte sich die Heilbronner Einwohnerzahl in den 50er Jahren von 65 000 auf 85 000. Der florierende Wohnungsbau konnte nur bedingt die Wohnungsnot lindern. Paul Meyle war Oberbürgermeister, kommunalpolitisch rangierte die SPD vor FDP/DVP und CDU, auch bei Landtagswahlen, während bei der Bundestagswahl die CDU dominierte. Die US-Army übernahm die Schwabenhof- und Hessenhof-Kaserne (später Wharton-Baracks) und die Waldheide als künftige Raketenbasis. Am Rande: 1955 wurde jede sechste Ehe mit einem GI geschlossen.

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