Christliches Abendland müssen wir selbst gestalten – Pfarrer i.R. Dr. Richard Mössinger sieht unseren Staat christlich geprägt

 

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Pfr.i.R. Dr. Richard Mössinger (Foto: Rolf Gebhardt)

Leben wir noch im christlichen Abendland?“ Eine aktuelle, brisante und emotionsgeladene Frage! Mit diesem Themenkomplex hat sich Pfarrer  i.R. Dr. Richard Mössinger eingehend auseinandergesetzt und bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit vielen Aspekten dargelegt – mit einer eindeutigen Schlussfolgerung: „Wenn wir das christliche Abendland verteidigen und bewahren wollen, müssen wir es selbst gestalten.“ Mössinger war Pfarrer in Brackenheim und dann viele Jahre geschäftsführender Pfarrer der Heilbronner Friedensgemeinde, 15 Jahre Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Evangelium und Kirche“, 25 Jahre Verfasser für Predigtmeditationen in der landeskirchlichen Zeitschrift „Für Arbeit und Besinnung“ und schreibt noch immer Beiträge zum „Geistlichen Wort“ in der  Heilbronner Stimme.

 

Der Begriff Abendland steht  – so Mössinger – im Zusammenhang mit dem Morgenland, woher nach Luthers wortschöpferischer Bibelübersetzung die Weisen kamen, die den den neugeborenen König der Juden suchten. Mössinger berief sich auf die Gebrüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die in Karl dem Großen die Gründungspersönlichkeit des Abendlandes sahen, zu dem alle Länder gehören, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe den europäischen Kulturraum bildeten. Und Mössinger zitierte Novalis mit seinem Traum von der idealen Gestalt des Abendlandes: „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war.“

Vor mehr als 200 Jahren hat sich laut Mössinger in Deutschland auf der Suche nach Identität ein Nationalgefühl entwickelt, abendländisch orientiert in der Zeit der Romantik. Doch „auf dem Wege zur besten aller Welten“ kam es dann zu jenem grausamen, zerstörerischen Krieg, zu dessen Ende das kulturphilosophische Hauptwerk von Oswald Spengler entstand: „Der Untergang der Abendlandes“, was dem Bedrohungsgefühl der Deutschen einen Namen gab. Zwar sollte der Völkerbund in Europa eine Friedensordnung sichern helfen. Doch zum Ende der Weimarer Republik formte der Nationalsozialismus eine spezifisch abendländische Identität mit einer Abgrenzung von der slawischen, russisch-asiatischen und besonders von der jüdischen Kultur als Feindbilder.

Wie Mössinger ausführte, gewann nach dem Zeiten Weltkrieg in Westdeutschland in Abgrenzung zu dem Ungeist der nihilistischen nationalistischen Vergangenheit die Abendland-Idee wieder an Boden, so 1946 CDU-Plakatierung „Rettet das Abendland“, und Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach 1949 in seiner ersten Regierungserklärung von Geist christlich-abendländischer Kultur. Und, so Mössinger, für den „Brackenheimer Nationalheiligen“ Bundespräsident Heuss habe es drei Hügeln gegeben, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen und das Kapitol in Rom.

In der Bundesrepublik sei dann das Thema Abendland in den Hintergrund getreten, erst recht 1990 mit dem Glauben an den Sieg der westlich geprägten demokratischen Tradition, bis dann durch die Flüchtlingskrise die Frage nach der Identität hochkam, wie Mössinger feststellte.

Auch wenn innerhalb des Abendlandes das Christliche ein unterschiedliches Gewicht habe, so sei doch Deutschland ein Staat, in dem die Rechtsentwicklung nach 1945 wesentlich vom christlichen Menschenbild geprägt sei, selbst das Grundgesetz durch den christlichen Glauben. „Einmal ist das Abendland unzweifelhaft christlich geprägt“, so Mössinger. Andererseits seien wir Gefangene des Konsumismus, ein gutes Bruttosozialprodukt ein Credo der Gesellschaft. 

Die individuelle Suche aber sehne sich irgendwann nach einer kollektiven Beheimatung. Wie man nach dem Dreißigjährigen Krieg und nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich den Nationalgedanken zurückgestellt habe, sollte man sich heute auch wieder mehr auf christliche Werte besinnen, auf die Wahrung des christlichen Sonntags etwa und auf die christliche Einheit der Konfessionen in versöhnter Verschiedenheit. „Weniger Materialismus und mehr menschliche Zuwendung“, so Mössinger: „Ich will dafür etwas tun, dass wir die Tradition des christlichen Abendlandes bewahren.“

Nicht von ungefähr kam in der Diskussion die Frage, ob und inwiefern der starke Zustrom von Muslimen die Identität des christlichen Abendlandes bedroht. Mössinger meinte, die eher größere Gefahr sei der verbreitete Nihilismus in der Bevölkerung. Wie das Christentum sei auch der Islam eine heterogene Größe, beiderseits mit immer weniger überzeugten Gläubigen. Mitunter seien aber auch Christen im religiösen Gespräch Muslimen unterlegen. Das liege nicht unbedingt an unserer Kirche. „Wir Christen müssen glaubwürdig leben, unseren Glauben unverdrossen begründen können und dafür eintreten“, so Mössinger, der auch darauf verwies, dass unsere großartigen biblischen Texte und all ihre Apologeten, die Gott vertrauen, aus dem sogenannten Morgenland kommen und dass es auch dort (orientalische ) Christen gibt.

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