Der Prophet Zarathustra und seine Religion – Diakonie-Chef Karl Friedrich Bretz vermittelt Erkenntnisse aus dem alten Iran

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Karl Friedrich Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

Die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam sind nicht die einzigen monotheistischen Religionen. In Vorderasien, im alten persischen Weltreich, existierte mehr als 1000 Jahre lang eine ähnlich strukturierte monotheistische Heilslehre, Zoroastrismus, die es heute noch in einigen Ländern als kleine Diaspora und vor allem in Nordwestindien bei den Parsen gibt. Über den Religionsstifter Zarathustra und seine Lehre informierte der Geschäftsführer des Diakonischen Werks Heilbronn, Karl Friedrich Bretz, die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Zarathustra ist eigentlich ein weitgehend unbekannter Prophet, so Bretz. Populär sei er jedoch als Gestalt in dem philosophischen Hauptwerk von Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ (1883-85), mit dem Untertitel „ein Buch für alle und keinen“ – u.a. mit so einem vielzitierten infamen Spruch eines alten Weibes („Weisheit“), „Gehst du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht.“ Der Komponist Richard Strauß vertonte Nietzsches Zarathustra und schuf eine gleichnamige sinfonische Dichtung (1896 uraufgeführt). Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner 1861-1925) hat laut Bretz Impulse von Zarathustra aufgenommen.  

Zarathustra wurde in dem nordostiranischen Grenzgebiet Baktrien wohl in einer wohlhabenden Familie („Besitzer wertvoller Kamele“) geboren, berichtete Bretz. Nach jüngster wissenschaftlicher Zuschreibung lebte Zarathustra von 630 bis 553 vor unserer Zeitrechnung. Nach Gotteserscheinungen soll sich der junge Priester, dem die Opferkulte seiner Zeit suspekt waren, mit 30 Jahren zehn Jahre lang in die Einsiedelei zurückgezogen haben. Danach habe er seine Erkenntnisse auf  Marktplätzen verbreiten wollen, doch nur Hohn und Spott geerntet. Darauf habe Zarathustra nur noch nach verwandten Geistern gesucht und das Wohlwollen eines Königs gefunden haben. Kyros d.Gr. (559-529) soll dann Zoroastrismus als Staatsreligion des Achämenidenreiches übernommen haben. 

Wie Bretz darlegte, fußt der Zoroastrismus auf der prinzipiellen ethischen Wahlentscheidung eines jeden Menschen, zwischen den kosmischen Kräften von Gut und Böse zu wählen. Auf der guten Seit steht der „einzige Gott“ Ahura Madsa, dessen Botschafter Zarathustra als Hirte eines künftigen Reiches ist. Ahura Masa stehen sechs unsterblicher Heilige, Amesha Spentas, zur Seite, vergleichbar mit Erzengeln, die die guten Eigenschaften personifizieren und Schutzgottheiten sind. Dann gibt es Geister niederer Ordnung, quasi Engeln, deren höchste Gottheit Mithra ist, und dann noch persönliche Schutzgeister für jeden. Auf der anderen Seite wirkt das Prinzip des Bösen, der böse Geist Ahriman. Ursache allen Schlechten, Scheiterns und Unreinen, Herr des Reiches der Finsternis, im Verbund mit bösen Geistern (Dämonen und Teufeln). Die Avesta stellt die heilige Schrift dar, eine religiöse Poesie, mit 72 Ritual-Kapiteln und in 72 Kapitel mit Gesängen und Psalmen, von denen einige, die Gathas, von Zarathustra verfasst sein sollen. 

Einzigartig sind die Begräbniszeremonien im Zoroastrismus, wie Bretz sie beschrieb. Da der Tod ein Werk des Ahriman ist und Verunreinigung der Elemente eine große Sünde darstellt, also Erd- und Feuerbestattung tabu ist, werden die Leichen auf einen Turm des Schweigens getragen, entkleidet und den Geiern zum Fraß ausgeliefert. Die verbliebenen Gebeine der Verstorbenen werden in einer brunnenartigen Vertiefung im Turmdach beigesetzt. Die Seelen der Verstorbenen werden bei einem förmlichen individuellen Totengericht auf gute und böse Werke abgewogen und zur leuchtenden Cinvat-Brücke geführt. Diese isr für die Guten und Gerechten wie eine breite Straße und führt zum himmlischen Paradies, für die Ungerechten schmal wie eine Messersschneide, so dass sie in den Abgrund der Hölle abstürzen. Jene, bei denen sich Verdienst und Schuld die Waage halten, müssen in einem Zwischenreich bis zum großen Weltgericht warten.

Bretz, der sich schon im Studium mit Zarathustra und dem frühen Iran befasst hatte, schilderte eingehend die wechselvolle Geschichte in Vorderasien: Wie Persien nach dem Sieg über die Meder zum Weltreich (einschließlich Babylon, Kleinasien, Ägypten, Nordafrika) aufstieg, wie die Perser unter Xerxes in den Kriegen gegen die Griechen von Alexander dem Großen unterworfen und ab 323 v.Ch. Teil des Reiches der Selukiden wurden und dann im Partherreich der Arsakiden und dem Sassanidenreich erneut Großmacht (vom Euphrat bis zum Indus). Schließlich eroberten 651 n.Chr. die Araber Persien; der Zoroastrismus wurde abgelöst vom Islam (in schiitischer Ausprägung bis heute).

Anhänger des Zoroastrismus, die Parsen im inneren Gebirgsland, flüchteten nach Nordwestindien und pflegen dort noch ihre eigene Religion (Parsismus), als streng abgeschlossene ethisch-religiöse Gemeinschaft, wenngleich mit moderner Aufgeschlossenheit, so dass es heute eine Reihe von bekannten Parsen als Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer gibt, an der Spitze die Industriellenfamilie Tata mit einem riesigen Firmenimperium mit über 600 000 Beschäftigten, von internationalen Stahlkonzernen bis Autowerken (auch Range Rover und Jaguar) sowie Bildungs- und sozialen Einrichtungen.

Nach der Kaffeepause schilderte noch Bretz-Freund Prof. Joachim Heinz Eindrücke von einer Studienfahrt durch Iran, die ihn auch über Teheran sowie die Kulturstädte Schiraz und Isfahan bis in die überraschend moderne alte Wüstenstadt Jazd führte, wo er noch einen  Begräbnisturm sehen konnte, wobei allerdings solche makabren Totenrituale im Iran – im Gegensatz zu Indien – verboten sind.

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