Die stille Revolution im Gesundheitswesen – Zwei Experten der AOK über die Herausforderungen der Digitalisierung

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AOK-Experten 
Peter Welz und Marc Staudenmaier (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Digitalisierung schreitet in unserem Alltagsleben und erst recht in der Arbeitswelt – bisweilen unbemerkt – stetig voran. Dieser Herausforderung durch die Digitalisierung kann sich auch das Gesundheitswesen nicht entziehen. Über die Verwendung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien  im Gesundheitswesen zu Diagnose, Behandlung, Überwachung und Verwaltung standen bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zwei Experten der  AOK Heilbronn-Franken Rede und Antwort.

In Baden-Württemberg mit gut elf  Millionen Einwohner verfügen bereits rund vier Millionen über eine grüne elektronische Gesundheitsakte. Großen Anteil an diesem „Fortschritt“ hat die Marktführerin in der gesetzlichen Krankenversicherung, die AOK Baden-Württemberg, mit ihren über vier Millionen Versicherten. Dies konstatierte eingangs Peter Welz von der Geschäftsbereichsleitung (Versicherung und Beiträge) der AOK Heilbronn-Franken, die größte unter den 14 selbstständigen AOK Bezirksdirektionen im Lande: mit 44 Prozent Marktanteil und 430 000 Versicherten, rund 1000 Mitarbeitern und 17 Kundencenter, zu deren Einzugsgebiet 40 Krankenhäuser und Rehakliniken gehören, etwa 3000 niedergelassene Ärzte und Zahnärzte, 22 150 Arbeitgeber sowie 162 stationäre Pflegeeinrichtungen und 87 ambulante Pflegedienste.

Bei der Krankenversicherung ist die Digitalisierung nicht mehr wegzudenken; sie fungiert bei arbeitstäglich rund 1000 Kundenkontakten quasi als „papierloses Büro“, wie Werz erläuterte. Zwar steht die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch nach wie vor im Mittelpunkt. Doch der Posteingang in Papierform bei der AOK wandert automatisch an eine Zentralstelle, die die Briefe digitalisiert und dem zuständigen Berater bzw. Sachbearbeiter online zuschickt, der den Sachverhalt am Bildschirm bearbeitet und gegebenenfalls an die Zentralstelle sendet, von wo der  Bescheid brieflich an den Kunden verschickt wird..

Zukunftsziel ist es deshalb auch, die Gesundheitsdaten  der Kunden und Patienten online zur Verfügung zu haben. Seit mehr als zehn Jahren wird an der Gesundheitskarte herumgedoktert, seit 2011 wird ihre Funktionsfähigkeit mit regionalen Modellversuchen erforscht und seit 2015 auch gesetzlich geregelt. Noch  ist die Teilnahme an E-Health-Konzepten freiwillig. Doch laut Welz sind die Vorteile offenkundig. Ärzte, Apotheken und Pflegeeinrichtungen können ohne Zeitverlust etwa die Ergebnisse von Behandlungen und Operationen in Krankenhäusern erhalten und unverzüglich in der Therapie entsprechend auf diese individuellen qualitätsgesicherten Patienteninformationen reagieren, etwa in der Medikation. Für Welz geht es dabei nicht um den „gläsernen Patienten“, sondern um den „mündigen Patienten“, dem die Datenhoheit zukommt. Der Datenschutz könne als gesichert angesehen werden.

Bei der Digitalisierung der Krankendaten gehe es aber nicht nur um die Bereitschaft der Patienten, sondern auch der Ärzte, von denen immer noch zu viele an ihren Patienten-Karteien hängen und den Faxverkehr zwischen Praxis und Klinik und umgekehrt bevorzugen, Eine digitale Umstellung ist zwar – anfangs – mit viel Zeit und Kapitalaufwand verbunden, erweist sich aber dann als äußerst effizient, ist Welz überzeugt. Gerade vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Ärztemangels sieht er darin das entscheidende Zukunftssystem. Insbesondere wenn man bedenke, dass derzeit etwa zwei Drittel der Medizin-Studierenden Frauen sind, könne man davon ausgehen, dass diese mit einer „digitalisierten Praxis“ Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen können. Und für Kunden und Patienten könne die Digitalisierung eine  gute Navigationsfunktion im Angebotsdschungel des Gesundheitswesens darstellen.  

Marc Staudenmaier, Leiter des AOK-Kundencenters Böckingen, hielt ebenfalls ein Plädoyer für die elektronische Patientenakte: als hilfreiches Bindeglied zwischen  Patient, Arzt bzw, Klinik und auch Krankenversicherung. Zielführend sei, dass der Patient der Aufnahme zumindest der wesentlichen Kenndaten zustimme. So könne sich dann eine solche Gesundheitskarte gerade in Notfällen als segensreich und eventuell lebensrettend erweisen. Dann könne man auf einen Blick Vorerkrankungen, Anfälligkeiten und Allergien schnell erkennen und auch und die richtige Medikamentenbestimmung treffen. Voraussetzung natürlich: Das Vorhandensein entsprechender Lesegeräte für diese Karte. Andererseits habe der Patient auch das Recht, sich den Karteninhalt ausdrucken zu lassen und miteinander zu besprechen

Staudenmaier brachte noch einen weiteren positiven Aspekt für die Digitalisierung ins Spiel. Da auf dem flachen Land zunehmend Fachärzte fehlen, könnte ein Angebot an Online-Sprechstunden einen Ausweg für lange Anfahrtswege und Wartezeiten bilden. Weil es in zahlreichen Landkreisen schon keine Hautarztpraxen mehr gibt, läuft eine Tele-Derm-Studie, in der Hausärzte in einem elektromedizinischen Verfahren mit Dermatologen im Hinblick auf Diagnosestellung verbunden sind. Staudenmaier bekräftigt aber auch, dass unabhängig von der Ferndiagnose die direkte Beziehung zwischen Arzt und Patient wichtig bleibt.

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