Altersarmut – eine ständige Herausforderung / DGB-Kreisvorsitzende Silke Ortwein über die Rentenproblematik

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Heilbronner DBG-Vorsitzende Silke Ortwein (Foto: Rolf Gebhardt)

Altersarmut? Das ist doch nur ein Randphänomen – die heutige Rentnergeneration gilt ja als die wohlhabendste aller Zeiten. Dieser Eindruck dürfte dazu beigetragen haben, dass bei dem Vortrag der Heilbronner DGB-Kreisvorsitzenden Silke Ortwein über Entstehungszusammenhänge und Handlungsanweisungen von Altersarmut und Rente bei den „Jungen Senioren“ der große Saal des Hans-Rießer-Hauses relativ schwach besetzt war. Und die rührige Gewerkschaftsrepräsentantin räumt auch gleich eingangs ein, dass dieses Thema eigentlich weniger relevant ist für die derzeit über 20 Millionen Rentner in Deutschland als für nachfolgende Generationen, die sich allerdings den Herausforderungen der Altersvorsorge zumeist nicht recht bewusst seien.

Es war in den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts, als Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Renten-, Kranken- und Unfallversicherung eingeführt hat, um die unsägliche Not und vor allem den revolutionären Geist der aufbegehrenden Arbeiterklasse zu zähmen. Die 1889 beschlossene Altersrente wurde zunächst allerdings erst ab dem 70.Lebensjahr ausgezahlt – und das erreichten die allerwenigsten. Seitdem hat sich schließlich die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland fast verdoppelt (auf etwa 80 Jahre). und die durchschnittliche Rentenbezugsdauer beträgt inzwischen rund 20 Jahre.

Die Krux ist nur, wie Ortwein anmerkte, dass die gesetzliche Rentenversicherung auf dem Umlageverfahren beruht. Arbeitnehmer erwerben aufgrund ihrer Beiträge einen Anspruch auf eine eigene gesetzliche Rente in der Zukunft, doch können sie diesen Anspruch eigentlich nur bei den jeweils nachfolgenden Generationen geltend machen. Der Trend ist aber eindeutig: Immer mehr Rentner und immer weniger Beitragszahler. Waren vor gut 100 Jahren noch zehn Beitragszahler für einen Rentner zuständig, bei der Einführung der dynamischen Rentenversicherung unter Konrad Adenauer auch noch gut fünf, so kommen heute gerade nur noch zwei auf einen Rentner. Dramatisch wird die Entwicklung, wenn die Generation der „Babyboomer“ in Rente geht. Zu Zeiten der Mitte der 60er Jahre Geborenen war die Zahl der Geburten etwa doppelt so hoch wie heute. Wenn sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden, fehlt es nicht nur an Nachwuchs an Fach- und Arbeitskräften, sondern auch an Beitragszahlern, die für die Rentner aufkommen, wie Ortwein konstatierte.

Wenn also so der mit dem Umlageverfahren verbundene verlässliche Generationenvertrag aufgrund der demografischen Entwicklung vor dem Scheitern steht, muss das gesellschaftspolitische System reagieren. Immer wieder wurde der Beitragssatz zur gesetzlichen Renten erhöht. Es begann 1891 bei der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung für Arbeiter mit 1,7 Prozent, um 1900 waren es 4,9 Prozent, inzwischen sind es 18,6 Prozent. Zudem wurde die Alter für den Bezug einer abschlagsfreien Rente von 65 auf 67 Jahre erhöht, und das ist nicht das Ende der Fahnenstange in Anpassung an steigende Lebensalter. 

Längst kommt hier jedoch die Veränderung in der Arbeitswelt und in der Berufsbiografie ins Spiel. Die meisten der heutigen (zumindest männlichen) Rentner können auf eine ungebrochene Beschäftigungslaufbahn zurückblicken, oft auf eine Vollerwerbsstelle bei nur einem Arbeitgeber. In den letzten 70 Jahren hat sich jedoch das durchschnittliche Berufseintrittsalter – auch mit der zunehmenden Akademisierung – um fünf bis zehn Jahre verschoben. Zudem nahm die Zahl der „prekären“ Arbeitsplätze mit kurzen und schlecht bezahlen  Arbeitsverträgen erheblich zu, gibt es in Deutschland über ein Million Beschäftigte in Teilzeitarbeit, über 700 000 in Minijobs und unzählige „Leiharbeiter“: Ein  Potenzial für spätere Altersarmut, weil so in der Rentenversicherung nicht genügend vorgesorgt werden kann. 

Heute wird  häufig davon Gebrauch gemacht, nach 45 Versicherungspflichtigen Jahren mit 65 abschlagsfrei in die Altersrente gehen zu können. Das wäre für spätere Generationen hypothetisch unmöglich. In der Rentenversicherung orientiert man sich noch an dem „Eckrentner“, aus einem Durchschnittseinkommen Beiträge gezahlt hat und dann eine Monatsrente erhält von 1284 €. Die durchschnittlich ausgezahlte Rente liegt in Westdeutschland allerdings „nur“ bei 1100 €, und das für Männer, für Frauen etwa nur bei der Hälfte. Und davon geht ja noch die Hälfte des Kranken- und Pflegekassenbeitrags ab. 

Es wird nun als großer sozialer Erfolg herausgestellt, dass in Anpassung an die positive Lohnentwicklung zum 1, Juli 2019 die Altersbezüge in Westdeutschland um 3,18 Prozent angehoben wird und das Rentenniveau leicht auf 48,16 Prozent steigt. Silke Ortwein musste allerdings auch darauf hinweisen, dass die Zahl derjenigen, die im Alter Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen, laufend steigt und es immer längere Versicherungszeiten braucht, um eine Rente oberhalb der Grundsicherungsbedarf  (776 bzw.794 €) zu erreichen. „Die Armutsgefährdungsquote im Alter wächst“, so Ortwein, die mit Nachdruck die Forderung der Gewerkschaft für eine „lebensstandardsichernde Renten“  mit konkreten Vorschlägen bekräftigte. 

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