Archiv für den Tag 7. Oktober 2019

Reise-Impressionen aus Armenien – Dekan Christoph Baisch berichtet von dem ältesten christlichen Land

Armenien

Foto: Christoph Baisch 

Auch der Beginn des neuen Programms der „Jungen Senioren“ wurde eingeleitet mit einem Vortrag des Heilbronner Dekans. Nachdem vor einem Jahr der gerade neu ins Amt gekommene Dekan Christoph Baisch über seine Vita berichtet und seine „Heilbronner Weg-Gedanken“ dargelegt hatte, wartete er nicht mit einem primär theologischen Thema auf, sondern mit Impressionen einer Reise nach Armenien (organisiert von seiner Frau Bärbel Koch-Baisch für die „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Brüder“), von der er vor wenigen Tagen zurückgekommen war.

Armenien, auf der Grenze zwischen Europa und Asien liegend, sei geprägt von einer Art geographischem und kulturellem Spagat, so Baisch. Diese Spannung zwischen zwei Polen finde sich in vielerlei Hinsicht in diesem Land. 

Da ist zum einen das Symbol Armeniens, der biblische Berg Ararat (5137 m), an dessen Hängen nach biblischer Überlieferung Noah mit seiner Arche nach der Sintflut angelandet ist – und seine Wirklichkeit. Das eindrückliche Berg- und Gletschermassiv ist immer präsent – hat man doch von der armenischen Hauptstadt Eriwan bzw. Jerewan eine spektakuläre Sicht auf den nur 20 km entfernten Ararat. Und doch sieht die politische Wirklichkeit so aus, dass der Ararat aktuell gar nicht auf armenischem, sondern in türkischem Territorium liegt, unerreichbar wegen der geschlossenen Grenze zwischen der Türkei und Armenien.

Bedeutsam auch die weite Spanne zwischen früher Kirchengeschichte und heutigem gelebten Glauben. Hier zeige sich dann auch die theologische Bedeutsamkeit einer Reise nach Armenien, so Baisch.

Das Christentum verdankt sich in Armenien der Missionstätigkeit der Propheten Bartholomäus und Thaddäus; zudem hat die Glaubensstärke von Gregor, dem Erleuchter, den damaligen König Trdat III so überzeugt, dass dieser bereits im Jahre 301 das Christentum als Staatsreligion einführte. Dadurch erweist sich Armenien als das älteste christliche Land der Welt. 

Bei seinen Impressionen ließ Dekan Baisch die reiche christliche Vergangenheit und Gegenwart Armeniens in Bildern lebendig werden. Dazu gehört in erster Linie die Vielzahl an Klöstern, Kirchen und Kapellen, z.T. im Status von UNESCO-Weltkulturerbe, die teilweise bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Die meist recht kleinen Kirchen, faszinierend eingebettet in die oft gebirgige Landschaft, sind Variationen eines Grundtypus aus massiven grauen Steinquader, von kreuzförmigem Grundriss, darüber eine steinerne Kuppel. Sie weisen vielfach eindrücklichen Steinschmuck an ihren Fassaden auf. 

Als Besonderheit in der religiösen Tradition stellte Dekan Baisch die Kreuzsteine vor, reich verzierte Gedenk- und Grabsteine von höchster Steinmetz-Kunst, die in ihrem zentralen Mittelfeld immer ein Kreuz zeigen. Die Besonderheit dabei: Das Kreuz ist an seinen Enden dargestellt wie austreibende Äste, ein Schmuck-Element von theologischer Bedeutung. Denn so rückt das Kreuz weniger als Ort des Leidens, sondern vor allem als Quelle des neuen Lebens in den Blick. Dekan Baisch brachte diesen künstlerischen Grundzug in Beziehung mit der theologischen Prägung der Armenischen Kirche, die schon im 5. Jh. eigene Wege ging, indem sie die göttliche Seite Jesu Christi besonders stark betonte.

Heute gehört die überwiegende Bevölkerungsmehrheit der Armenier der armenisch-apostolischen Kirche an, mit einem Katholikos als geistlichem Oberhaupt in einer ähnlichen Stellung wie der Papst in der katholischen Kirche, wenngleich Aufbau und Liturgie den orthodoxen Ostkirchen ähnelt. Geistliches Zentrum ist das Kloster Etschmiadsin, in seiner Bedeutung für die armenische Kirche dem Vatikan in der katholischen Kirche vergleichbar. 

Als weitere Polarität verwies Dekan Baisch auf die Spannung zwischen dem großen Machtbereich des Armenischen Großreichs im 1.Jh.n.Chr. und den vielfältigen Ohnmachtserfahrungen, von langen Zeiten der Fremdherrschaft bis zu Verfolgung und Ermordung. Zum unauslöschlichen traumatischen Ereignis kam es 1915/16 mit dem Völkermord an den Armeniern durch die osmanischen Jungtürken, dem rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen. Die Auseinandersetzung um die Anerkennung dieser Ereignisse als Genozid belastet bis heute das politische Verhältnis zwischen der Türkei und Armenien. Dekan Baisch verwies darauf, welche identitätsstiftende Bedeutung in solchen Ohnmachtserfahrungen das armenische Christentum und damit zusammenhängend auch die Rettung armenischer Handschriften hatte, die in dem eigens im 5. Jh. entwickelten armenischen Alphabet überliefert sind. Ein großer Schatz solcher Handschriften befindet sich in der Matenadaran-Bibliothek in Jerewan. An den Genozid erinnert eine eindrückliche Gedenkstätte in Jerewan.

Baisch stellte in Bildern auch andere Seiten Armeniens vor Augen, so den auf 1900 m gelegenen Sewansee, fast doppelt so groß wie der Bodensee. Durch überdimensionierten Wasserentzug für Bewässerungsanlagen verlor er vorübergehend bis zu 20 m Wasserstand, was das Umland verändert hat.

Baisch berichtete aber auch von Siedlungen der Jesiden und der russischen Minderheit der Molokanen und vom friedlichen Auskommen der Bevölkerungsgruppen miteinander sowie aus der Millionenstadt Eriwan. Hier sind einerseits Plattenbau-Viertel aus der Sowjetzeit zu finden, aber auch große stillgelegte sowjetische Industrieanlagen. Zugleich wird der „sozialistische Charme“ konsequent abgelöst von modernen Prachtbauten. Auf dem See am zentralen Platz der Republik wird allabendlich eine farbenprächtige und klangvolle Wasserschau inszeniert.