Archiv für den Tag 14. Oktober 2019

An der Armut Afrikas sind wir nicht unschuldig Oikocredit -Bildungsreferentin Dr. Christina Alff beklagt unfairen Handel

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Oikocredit-Referentin Dr. Christina Alff bei den Jungen Senioren (Foto: Rolf Gebhardt)

Afrika – in der Vorstellung vieler ein armer, verlorener Kontinent, schlecht regierte Staaten, Korruption, Misswirtschaft, junge Leute aus kinderreichen Familien ohne Perspektiven drohen Europa zu überrennen … Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus referierte die Bildungsreferentin des Oikocredit-Förderkreis Baden-Württemberg, Dr. Christina Alff, die selbst jahrelang für den Entwicklungsdienst der Bundesregierung in verschiedenen Ländern Afrikas tätig war, über „Die Armut in Afrika und die Folgen für uns“. Gleich zu Anfang verwies sie auf die immer wieder betonte Verantwortung Europas und Deutschland, vordringlich die Fluchtursachen in Afrika zu bekämpfen, also nachhaltig für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen beizutragen. Dass das nicht so einfach ist, zeigte sie auch an fehlgeschlagenen – an sich guter – Projekte auf. 

Einen Hauptgrund dafür und überhaupt für die missliche Wirtschaftslage Afrikas sieht die erfahrene Entwicklungswissenschaftlerin in der internationalen und insbesondere europäischen „unfairen Handelspolitik“. Es ist vor allem die EU-Agrarpolitik, die auch heute noch den höchsten Posten (49 Prozent) im EU-Budget ausmacht. Jeder EU-Bürger zahlt pro Jahr 112 € für Agrarförderung. Die Landwirtschaft ist in Deutschland nur noch eine Marginale, obwohl wir im Ernährungssektor einen Luxusstandard haben. Versorgte 1949 bei uns ein Landwirt lediglich zehn Menschen, so sind es heute rund 250 – dank rasanter Fortschritte in Methoden und Mitteln. Es gibt in Deutschland nur noch 285 000 landwirtschaftliche Betrieb mit 640 000 Beschäftigten, die weniger als zwei Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erbringen. 

Alff skizzierte die Situation in Afrika, wo noch über 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, in erster Linie von Selbstversorgung, Subsistenzwirtschaft. Und das trotz zunehmender Verstädterung mit schnell wachsenden Millionenstädten. Die Regierungen würden sowieso die ländliche Gebiete vernachlässigen und lieber das virulente Konfliktpotential in den Großstädten einzudämmen versuchen, so Alff. Die afrikanische Bevölkerung wächst explosionsartig, hat sich seit 1900 verzehnfacht, auf 1,3 Milliarden (doppelt so viel wie in Europa leben), und wird bis 2050 auf drei Milliarden ansteigen. Da bleiben Versorgungsprobleme nicht aus, gerade im Hinblick auf den Klimawandel mit zunehmenden Dürren und Überschwemmungen. Nach wie vor gibt es Regionen, wo Unterernährung und Hunger herrscht.  

Die EU-Agrarpolitik trägt nach Ansicht von Alff mit ihrem Subventionssystem dazu bei, die landwirtschaftlichen Grundlagen in Afrika weiter zu schwächen. Zwar ist das Volumen der europäischen Agrarexporte nach Afrika angesichts des vergleichsweise bescheidenen Konsummarktes verhältnismäßig bescheiden, doch in Einzelbereichen von gravierender negativer Auswirkung. Da ist das bekannte Hähnchen-Beispiel: In Deutschland und Europa boomt der Geflügel-Konsum. Bei Hähnchen kommen hier fast ausschließlich Brust und Schlegel in den Handel. „Hähnchenreste“ (Hals, Füße usw.) werden, nachdem sie nicht mehr für Viehfutter verarbeitet werden dürfen, von den Großkonzernen („keine Lebensmittelverschwendung“) „anderweitig verwertet“: in Containern nach Westafrika auf die Märkte gebracht, tiefgefroren, die Tiefkühlkette meist durchbrochen, aber zu Dumpingpreisen von unter ein Euro pro Kilo, was den heimischen Hühnerzüchtern die Absatzchancen nimmt. Da also Investitionen in die heimische Geflügelwirtschaft unrentabel sind, hat man in diesen Ländern längst Alarm geschlagen.

Oder Tomaten: Sie werden in riesigen Treibhausanlagen in Andalusiern gezüchtet, wo oft von afrikanischen Migranten illegal beschäftigt sind, und vielfach als Tomatenmark nach Afrika exportiert, wo eigentlich für Tomatenanbau beste Verhältnisse sind. Ähnlich widersinnig erscheint es, europäische Milchüberschüsse als Trockenmilch auf afrikanische Märkte zu bringen, meint Alff. Schließlich Kakao: Die Elfenbeinküste und Ghana sind die größten Kakao-Anbauer, doch nicht in großen Plantagen, sondern überwiegend kleinbäuerlich, mit viel Kinderarbeit. Solche Strukturen sind äußerst abhängig von der Marktmacht der großen Schokoladenkonzerne wie Mars und Nestle und laborieren bei den großen Preisschwankungen am Existenzminimum. Wenn dann in Westafrika die industrielle Weiterverarbeitung zu Endprodukten erfolgen soll, stehen für den Export in den Norden schier unüberwindliche Zollbarrieren entgegen.

Alff berichtete über weitere Beispiele, wo mit diskriminierenden EU-Handelsverträgen die heimischen Märkte untergraben werden, während Auflagen von IWF und Weltbank afrikanische Länder zu marktwirtschaftlichem Wohlverhalten zwingen. Auch mit Altkleiderspenden – Export von gebrauchten Klamotten nach Afrika – tue man kaum was Gutes, schädige die nationale Textilindustrie. Besser sei es so Alff, „gutes Geld als Gestaltungsmittel für gesellschaftlichen Wandel einzusetzen“, so „in Menschen investieren“ bei Oikocredit für Verbesserung der Lebensumstände von Kleinbauern durch Mikrofinanzierung via dortiger Partnerorganisationen. Derzeit laufen Projektfinanzierungen für gut eine Milliarde Euro.