Bauhaus mehr als Flachdach-Würfelarchitektur – Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz über 100 Jahre Bauhaus

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Dr. Martina Kitzing-Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

100 Jahre Bauhaus: Die 1919 in Weimar begründete Bewegung hat auch nach 100 Jahren nichts von ihrer reformerischen Kraft verloren. Davon zeugen im Jubiläumsjahr 2019 zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, Sendungen in Funk und Fernsehen, Bücher, Filme und Ausstellungen in Deutschland, aber auch im Ausland. Um einen konzentrierten Überblick über das Bauhaus-Wesen zu erhalten, haben die „Jungen Senioren“ die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz aus Löwenstein, die sich mit zahlreichen Vorträgen und Museumsführungen einen Namen gemacht hat, ins Hans-Rießer-Haus eingeladen.

Es war der damals schon als Avantgarde-Architekt bekannte Walter Gropius (1883-1969), der ein halbes Jahr nach dem verheerenden Weltkrieg, an dem er auch teilgenommen hatte, sein Formen- und Ideen-Konzept „für eine bessere Welt“ begründen konnte. Er wurde im April 1919 erster Direktor des Staatlichen Bauhauses Weimar, ein Zusammenschluss der in Weimar bestehenden Hochschule für Bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule zu einer neuartigen Schule, woraus die weltberühmte Talentschmiede geworden ist. Für Gropius ginge es darum, wie Kitzing-Bretz darlegte, Kunst und Handwerk (wieder) zusammen zu bringen. Handwerklich-technisches Können bildete in seinem Verständnis die unerlässliche Grundlage allen künstlerischen Schaffens, wie das ja schon in der mittelalterlichen Bauhütte durch Zusammenarbeit der Gewerke zur Schaffung großartiger Bauwerke führte.  

Auch wenn man mit Bauhaus in erster Linie Baukunst verbindet, so umfasste die Idee der Bauhaus-Ästhetik nicht nur Architektur sondern auch formschön gestaltete Gebrauchsgegenstände. Herzstücke des Bauhauses waren die Werkstätten, im Endeffekt elf an der Zahl, in der die eigentliche Ausbildung eines neuen Typs von Künstlern stattfand: idealtypisch drei jährige Werkstattlehre mit Gesellenprüfung, dann Architekturstudium.

Vom Bauhaus zeigten sich – zur Überraschung von Gropius – eher mehr junge Frauen als Männer angezogen. In der gesellschaftlich noch fragilen Gleichberechtigung arbeiteten sie allerdings weniger mit Eisen und Glas, sondern strickten und hägelten, wobei sie allerdings auch Bedeutendes leisteten. Kitzing-Bretz zeigte dies am Beispiel von Gunta Stölzl, eine Bauhaus-Studentin der ersten Stunde, die als Werkmeisterin der Weberei-Werkstatt anspruchsvolle Textilbespannungen sowie Teppiche und Webereien in strengen aber farbigen Mustern und Streifen erarbeitete.

Eine andere Bauhaus-Studentin, Alma Siedhoff-Buscher, wechselte von der Weberei-Werkstatt in die Holzbildhauerei und entwarf 1923 für die große Bauhaus-Ausstellung die Ausstattung des Kinderzimmers im Versuchshaus am Horn, basierend auf einem quadratischen Idealplan in der Nähe des Weimarer Ilmparks. In dieser Zeit kreierte sie auch verschiedene Kinderspielzeuge wie das bis heute produzierte „kleine Schiffbauspiel“, das Kitzing-Bretz im ersten Bild ihres Vortrags demonstrativ zeigte: Es dokumentiert beispielhaft die geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Dreieck mit den Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die der Bauhaus-Reformideen exemplarisch zugrunde liegen.

Der Erfolg des Bauhauses hatte auch wesentlich damit zu tun, dass es Gropius gelang, berühmte Künstler als Lehrer zu gewinnen: Paul Klee, Johannes Itten, Lyonel Feininger Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer – als Schmelztigel innovativerAnstöße. Kitzing-Bretz informierte aber auch über die wechselvolle Bauhaus-Geschichte. Als die thüringische Landesregierung die Bauhaus-Mittel stark kürzte, erfolgte 1925 der Umzug in die aufstrebende Industriestadt Dessau. Hier entstand das neue Lehrgebäude mit dem prägnanten Namen BAUHAUS; bekannt auch wegen seiner vollverglasten Fassaden sowie den Treppenaufgänge mit eigenem Farbsystem zu den Klassenräumen.

In Dessau entstanden auch jene Musterhäuser für die Lehrkräfte in der Bauhaus-Formensprache, in quadratischer schnörkelloser Würfelarchitektur, weiße Kuben, übers Ecke gezogene Fenster, Flachdach. 1928 schied Bauhaus-Gründer Gropius aus aus und wurde freier Architekt in Berlin. Unter den neuen Direktoren Hannes Meyer und ab 1930 Ludwig Mies van der Rohe gewann die Architektur mehr Bedeutung hinsichtlich der Schaffung neuer Siedlungen gemäß dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. 

Infolge des zunehmenden Einflusses der Nazibewegung, die der verhassten Lehranstalt bolschewistisches Gedankengut unterstellte, erfolgte 1933 die Selbstauflösung des Bauhauses. In den 14 Jahren seines Bestehens, in denen 1250 Studenten die Kunst- und Bauakademiee absolvierten, wurde das Bauhaus zur Ideenschmiede für moderne Wohnkultur, aber auch für die Verknüpfung künstlerischer Arbeit mit Handwerk und maschineller  Serienproduktion. Davon zeugen der Wassily-Stuhl von Marcel Breuer oder die Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld, heute noch gefragt,und von Kitzing-Bretz bildlich vorgestellt. Sie schloss ihren Vortrag mit einem Bild des Gemäldes „Bauhaustreppe“ von Oskar Schlemmer, heute im New Yorker Museum of Modern Art. befindet. 

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