Archiv für den Monat November 2019

Aus dem wechselvollen Leben der Familie Knorr – Bestseller-Autor Gunter Haug über sein Buch „Die Päcklessuppen-Dynastie“

2019-11-25_JuSen_19_1kl

Gunter Haug (Foto: Rolf Gebhardt)

„Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“. So der Titel eines neuen Buches des Bestseller-Autors Gunter Haug, das er bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vorstellte. Da wusste jede(r) Bescheid: „Knorr ist Heilbronn – und Heilbronn ist Knorr!“ Ein Spruch, wie er auch in dem Buch zitiert wird – und das, wo in diesen Tagen Tausende in der Innenstadt für den Erhalt des traditionsreichen Knorr-Werks in Heilbronn demonstriert haben. 

Gunter Haug, 1955 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und heute wohnhaft in Schwaigern, schrieb schon in jungen Jahren für Zeitungen, studierte Neuere Geschichte, Europäische Kulturwissenschaft und Geschichtliche Landeskunde in Tübingen, wurde Rundfunk- und Fernsehjournalist, ehe er freier Schriftsteller und auch Verleger wurde. Er schreibt vornehmlich biografische Tatsachenromane, am Anfang an die Familiengeschichte seiner Frau angelehnt, aber auch Schwaben-Krimis. Sein erster Roman „Niemands Tochter“ wurde gleich ein großer Erfolg und erreichte bislang eine halbe Million Leser/innen.  Zu seinen historischen Romanen zählen „Robert Bosch – ein Mann, der die Welt bewegte“ (2009), „Gottlieb Daimler – der Traum vom Fahren“ (2010), „Fräulein Mercedes – ein Mädchen erobert die Autowelt“ (2011) „Ferdinand Porsche – ein Mythos wird geboren“ (2012), “Ferdinand Graf Zeppelin“ (2013), „Schwäbische Sternstunden – wie wir Weltspitze wurden“ (2015) und schließlich „Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“ (2018), die sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte des Firmengründers und seiner Familie.

Begonnen hatte es damit, dass Carl Heinrich Theodor Knorr, am 5. Mai 1800 in Meerdorf unweit von Braunschweig geboren, nach einigen beruflichen Umwegen und nach dem Tod seiner Frau als Handlungsreisender einer Hanauer Zichorienfabrik in Heilbronn die sechs Jahre jüngere Kaufmannstochter Caroline Seyffardt kennenlernte, vom Main an den Neckar umzog und sie am 29. April 1838 – gegen die Skepsis des Schwiegervaters – heiratete. Der unternehmerisch ambitionierte Knorr errichtete noch im gleichen Jahr ein Spezereiwarengeschäft in der Kramgasse und entschloss sich alsbald zum Bau einer Zichorienfabrik zur Herstellung von „Gesundheitscaffee“ (später als „Muckefuck“ populär), nachdem er Großgarter Bauern zu Anbauverträgen für die im Unterland unbekannten Zichorienwurzeln gewinnen konnte. Es gelang ihm, über 50 Arbeiter zu beschäftigen, mehr als alle Heilbronner Ölmühlen zusammen, doch der von körperlichen Schwächen und Krankheiten heimgesuchte Knorr tat sich zunehmend schwer im Wettbewerb mit dem Konkurrenzfabrikanten Heinrich Franck aus Vahingen/Enz.

Da traf es sich glücklich, dass Emma, seine Tochter aus erster Ehe, 1849 den Kaufmann Friedrich Cloß heiratete. Dessen Bruder August Cloß übernahm 1855 von Knorr die Heilbronner Zichorienfabrik. Über die Cloßens kamen die Knorrs in familiäre Verbindung zu dem Stadtarzt Robert Mayer (um dessen wissenschaftliche Reputation und sein Denkmal sich Emma Cloß sehr einsetzte), zu Bankier Gustav Rümelin und dem Tübinger  Oberamtsrichter Gottlob Hegelmaier, dem späteren Heilbronner Oberbürgermeister. 

Nach 17 Jahren als Zichorienfabrikant entschloss sich Knorr 1856 zu einer neuen Unternehmung, einer Tuchfabrik auf dem Hefenweiler, die er schon gut ein Jahr später schließen musste. Nächster Versuch: eine Engro-Handlung für Landesprodukte. in die 1867 Sohn Karl (1843-1921) und 1871 Sohn Alfred (1846-1895) eintraten. Die Söhne befassten sich früh mit dem Gedanken, preisgünstige wohlschmeckende verpackte Suppen herzustellen. Da kam es ihnen zupass, als sie erfuhren, dass Carl Grünberg gestorben war, der Erfinder der Erbswurst, mit der im Krieg 1870/71 Soldaten verpflegt worden waren und von der Bismarck gesagt haben soll, sie sei für den Kriegserfolg so wertvoll gewesen wie zwei komplette Bataillone. Voller Wagemut wurden in der Rosenbergstraße Grundstück und Gebäude angemietet. Anfang 1875 entstand C.H. Knorr – Mühlenfabrikate, Landesprodukte, Suppenstoffe. Am 20 Mai 1875 starb Carl Heinrich Knorr, geehrt als ein Mann, der es vom Habenichts zum geachteten Heilbronner Unternehmer gebracht hatte. 

Haug schilderte anschaulich Erfolge und Niederlagen, Höhen und Tiefe im Leben des Knorr-Gründers, meist in Dialogform, unterlegt von Zeitereignissen und Anektdoten, ebenso wie die Entwicklung nach seinem Tod: Fünf Jahre nach ihren ersten Mischungsversuchen konnten die Knorr-Brüder im Frühjahr 1880 ihre erste fertige Suppenmischung auf den Markt bringen. Erbswurst und Victoria-Patentsuppen machten Furore auf der legendären Nodpolar-Expediton von Fridtjof Nansen 1893. Karl Knorr wurde 1897 zum Kommerzienrat ernannt. Dann die wechselvolle Geschichte der 1899 gegründeten C. H. Knorr AG  bis 1921. Die Zeit danach ist nicht mehr Gegenstand des historischen Romans: Mondamin, Maizena, CPC, Bestfoods, Unilever nur noch Randnotizen – von der modernsten Suppenfabrik 1969, 1987 Verlegung des Konzernsitzes von Hamburg nach Heilbronn; Reduzierung der Mitarbeiterzahl von 1800 auf 600. Jetzt droht Stilllegung, Die Knorr-Erbswurst fand 2018 ihr Ende. Die Weltmarke Knorr wird bleiben – Knorr in Heilbronn wohl nicht.

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute – Klinik-Direktor Prof. Opherk informiert über Symptome und Therapie

2019-11-18_JuSen_17_1kl

Prof.Dr. Christian Opherk (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist eine Volkskrankheit, vor der eigentlich niemand so recht gefeit ist: Schlaganfall – nach Herzinfarkt und Krebs die dritthöchste Todesursache. Was es mit der Entstehung von Schlaganfall auf sich hat und welche Risikofaktoren und Behandlungsmethoden bestehen, darüber informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Prof. Dr. Christian Opherk, Direktor der Klinik für Neurologie der SLK-Klinik Heilbronn am Gesundbrunnen.

„Jeder Schlaganfall ist immer ein Notfall“, gab Opherk als Devise aus. Wenn Schlaganfall-Erscheinungen sich bemerkbar machen, sofort handeln. Wenn etwa dem Gegenüber beim Mittagessen plötzlich die Gabel aus der Hand fällt, nur noch verwaschen spricht, der Mundwinkel herabhängt, Gehstörungen oder einseitige Lähmungserscheinungen auftreten: Dann 112 anrufen. Der Notarzt kommt, informiert die Klinik, wo alles für den im Rettungswagen ankommenden Patienten vorbereitet wird. Am besten ist ein Krankenhaus mit einer zertifizierten Spezialeinrichtung Stroke-Unit“, wie in der Heilbronner Neurologie-Klinik, wo rund um die Uhr ein standardisierter Behandlungsablauf möglich ist und ein interdisziplinäres Team bereit steht.

Einem Schlaganfall liegen akute Durchblutungsstörungen des Gehirns zugrunde, die zu neurologischen Ausfällen führen. Verstopft ein Gefäß im Gehirn, wird umliegendes Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, mit der Folge, dass Nervenzellen absterben. Deshalb gilt die unbedingte Regel: „Bei Schlaganfall kommt es auf jede  Minute an.“ Wie Opherk erläuterte, sterben in solchen Fällen etwa zwei Millionen Nervenzellen ab. Jede Minute Verzögerung verschlechtert also den Behandlungserfolg. Es ist also am Besten, wenn die Behandlung in den ersten drei Stunden nach Einritt des Schlaganfalls beginnen kann. Nach zwölf Stunden kann es schon zu spät sein. Es kann dann leicht sein, dass man nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder nicht mehr sehen kann. Das kann in Rollstuhl oder Tod enden. Das ist leicht der, Fall wenn der Schlaganfall während des Schlafs auftritt und der/die Betroffene dann nach dem Schlaf nicht mehr auftreten kann, aber der Zeitpunkt des Schlaganfalls nicht feststellbar ist. 

Rund 80 Prozent der Schlaganfall-Fälle beruhen laut Opherk auf einer verminderten Blutversorgung durch einen Hirninfarkt mit Sauerstoffnot. Das kann entstehen durch Arteriosklerose oder auch aufgrund verschleppter Blutgerinnsel. Sie entstehen, wenn das Gefäß verletzt ist, es verstopft und das Blut zum Stehen kommt. Es kann sich auch aus der linken Herzkammer ein Hirngefäß verengen oder verschließen und einen akuten Sauerstoffmangel des entsprechenden Hirnanteils verursachen. Bei Verschluss der Arterie kommt es t auf der Gegenseite zum betroffenen Gefäß zu einer Halbseitenlähmung mit Gefühlsstörungen, also wenn die linke Hirnhälfte betroffen ist eine rechtsseitige Lähmung und umgekehrt. Andererseits werden 20 Prozent aller Schlaganfälle hervorgerufen durch Hirnblutung, der eine geplatzte Hirnarterie zugrunde liegt. Lebensbedrohlich ist auch ein Aneurysma, die Aussackung einer Schlagader  (Arterie) durch Ausbildung einer Gefäßerweiterung mit Blutübertritt zwischen den Gefäßwandschichten.

Opherk machte deutlich, dass in den letzten Jahren in der Therapie von Schlaganfällen große Fortschritte verzeichnet werden konnten. In dem Heilbronner Schlaganfall-Zentrum stehen 15 Betten bereit, und jährlich werden in dieser Spezialeinheit etwa 1700 Schlaganfälle nach international vereinbarten Standards behandelt. Der Patient wird zunächst notfallmedizinisch versorgt, wobei vor allem Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel überwacht werden müssen. Im Kernspin bzw. der Magnetresonanztomographie (MRT) lassen sich die arteriosklerotischen Plaquen entdecken. Nur innerhalb der ersten Stunden nach einem Schlaganfall können können medizinische Maßnahmen, die die zur Wiedereröffnung eines geschlossenen Hirngefäßes führen, auch das betroffene Hirngewebe retten. Bei Hirnblutungen wird geprüft, ob eine neurochirurgische Operation die Situation verbessern kann. Liegt keine Hirnblutung vor, sondern der Verschluss eines großen Hirngefäßes durch einen Thrombus, wird versucht, das Blutgerinnsel medikamentös aufzulösen (Lysetherapie). Gegebenenfalls lässt sich auch durch die Einführung eines Katheders das Blutgerinnsel entfernen. Zusätzlich werden nach einem Gefäßverschluss Maßnahmen zur Verbesserung der Blutfließeigenschaften eingeleitet, bei Blutgerinnsel außer Marcumar noch andere (moderatere) gerinnungshemmende Medikamente. Häufig gelingt es heute – dank Frühbehandlung – eine (fast) vollkommene Wiederherstellung des alten Gesundheitszustands und weitere Schlaganfälle zu vermeiden.

Neben der medikamentösen Behandlung gilt es auch, wie Opherk sagte, die Risikofaktoren zu mindern. Diese sind bei Schlaganfall neben Altersdietes nun einmal Übergewicht, Rauchen viel Stress und hoher Blutdruck, wobei man achten sollte, dass die Blutdruckwerte von 140 bzw. 90 möglichst nicht überschritten werden. Was Alkohol betrifft, so sei ein  Gläschen Wein eher besser als keins. Und natürlich sei Bewegung für gesundes Leben immer wichtig: „8000 Schritte pro Tag für Senioren, wären schön“, riet Opherk.

Kindheit früher und heute – eine Abwägung – Der leidenschaftliche Pädagoge Kurt Pöhler über die Kindheit im Wandel

2019-11-11_JuSen_08_1kl

Kurt Pöhler (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei keinem anderen Thema kann jede(r) so gut mitreden und Substanzielles einbringen wie bei dem von der Kindheit. Jede(r) hat Kindheit auf eigene unvergleichliche Art erlebt. Wenn man auf 50 oder gar 80 Jahre zurückblicken kann, erkennt man die Unterschiede der Kindheit von damals und von heute. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus stieß Beiratsmitglied Kurt Pöhler mit seinem launigen, und tiefsinnigen Vortrag über „Kindheit im Wandel“ auf sehr aufmerksame Zuhörer/innen, von denen eigene Erinnerungen in der Diskussion zur Sprache kamen..

Kurt Pöhler ist gebürtiger und bekennender Ulmer – aus Heilbronner Sicht ein unvermeidlicher Fehler. Pöhler hat nach einem kaufmännischen Lehre in einem Industriebetrieb ein Lehramtsstudium drangehängt, sein Referendariat in einer  Dorfgrundschule absolviert, ein Jahr in einem amerikanischen Camp mit benachteiligten Jugendlichen verbracht, weitere Erfahrungen im württembergischen Schulbereich gemacht, ehe es ihn ins Unterland verschlagen hat, wo er schließlich über 30 Jahre Schulleiter in Ilsfeld-Auenstein war, und – wie es im einem Abschiedsbericht hieß – „mit Wehmut aus dem schönsten Beruf der Welt“ ausschied, wenngleich der leidenschaftliche Pädagoge immer wieder gern Vertretungsunterricht wahrnahm.

Der beliebte Pädagoge Pöhler ist und bleibt ein Kinderfreund, begeistert von der Lebensfreude und Lebenslust der Kinder, ihrer Fröhlichkeit und Spontanität, ihrer Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, ihrer Neugier und Wissbegier, ihrem Staunen und ihrem Vertrauen in die Welt; „Kinder leben bewusst im Jetzt und Heute.“ Pöhler ist sich dabei jedoch auch im klaren, dass er ein kindliches Idealbild zeichnet. Dennoch erinnert er an das Jesus-Wort, „werdet wie die Kinder“, und stellt fest, „Kinder leben von der Hoffnung, wir Alten von der Erinnerung“. Gemäß einer vielzitierten Redewendung sei Erinnerung ja auch das letzten Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Und die Erinnerung an die eigene Kindheit sei für diejenigen, die eventuell gar noch in Kriegszeiten, aber vor allem in der Nachkriegszeit aufgewachsen seien, doch durchweg überwiegend positiv „Wir hatten im Vergleich zu den heutigen riesigen Angeboten zwar wenig, konnten aber auch aus wenig viel machen, gaben uns damit zufrieden, auch weil wir nichts anderes kannten, und hatten leicht viel Spaß.“ Vor allem hätten die Kinder in den 40er und 50er Jahren viel Freiheit gehabt, seien nicht dauernd unter der Aufsicht der Eltern gewesen und hätten schon früh eigene Verantwortung entwickeln können. Diese Erinnerung mögen  mitunter auch etwas verbrämt sein, merkte Pöhler einschränkend an und weist darauf hin: In frühen Jahrhunderten gar habe es gar keine eigentliche Kindheit gegeben, seien Kinder oftmals ohne besondere Fürsorge aufgewachsen, liefen nebenbei und mussten im Haushalt und auf dem Feld mitarbeiten; der Übergang von Kindheit zum Erwachsenwerden erfolgte ziemlich stufenlos, aber unter sozialer Kontrolle. Oder es herrschte so strenge Erziehung, wie es Martin Luther beklagt hat, dass diese in ihn ins Kloster getrieben habe.

Ob und wie die Lieblosigkeit und unzureichende Pädagogik früherer Zeiten den Kindern geschadet hat, bleibt eine offene Frage. Da wendet sich der Blick auf die heutigen Kinder, ist die Rede von überbehüteten Kindern, von Helikopter-Müttern, die dem Kind jede Unbequemlichkeit aus dem Weg räumen und jeden Wunsch erfüllen. Oft ist bereits das Leben von Grundschulkindern außerhalb der Schule durchgeplant, werden die Kinder zu Musikunterricht und Sporttraining geschickt bzw. gefahren, und das vielfach zu verschiedenen Gelegenheiten an jedem Werktag, und am Wochenende sind besondere „Events“, auch mit der Familie“, angesagt. Aufwändige Kinderfeste sind an der Tagesordnung. Gleichzeitgig zeichnen Beobachter mitunter ein ziemlich verheerendes Bild von der schlimmen „Jugend von heute“, sprechen von ungebührlichem respektlosem Verhalten gegenüber Autoritäten, von unziemlicher Anspruchshaltung und gleichzeitiger Perspektivlosigkeit. Aber solche Vorstellungen von Jugend gab es schon vor 2400 Jahren, weiß Pöhler, der eine ähnlich missliche Beschreibung von Sokrates zitierte,

 „Als Großeltern haben wir doch immer wieder unsere Freude an den Enkeln“, bekannte Pöhler. Man habe sie lieb, sei bereit, ihnen entgegenzukommen, sie zu unterstützen, wo es geht, und – oftmals mit Stolz – ihren Lebensweg zu begleiten. Allerdings sei es heute längst nicht mehr selbstverständlich, dass die Jungen von den Alten lernen, sondern öfter gar umgekehrt, wenn schon  Zehn- und Zwölfjährige Oma und Opa in die Besonderheiten der digitalen Kommunikation einweisen. Andererseits kann man froh sein, wenn die Kinder nicht ganz der Computerwelt anheimgefallen sind, wenn sie neben den sozialen Netzwerken noch handfeste Interessen habe, real kommunizieren,. Die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten ist Segen und Fluch. „Eigentlich möchten wir heute nicht mehr Kind sein“, sprach Pöhler manchen Anwesenden aus dem Herzen.

Was aus Nachkommen von Scharfrichtern wurde – Helmut Belthle zeigt interessante Lebensläufe auf, auch aus seiner Familie

2019-11-04_JuSen_06_1kl

Helmut Belthle, Nachkomme von Scharfrichtern (Foto: Rolf Gebhardt)

Scharfrichter war seit dem Mittelalter die gängige Berufsbezeichnung für die, „die mit der Schärfe des Richterbeils oder des Richterschwerts die Todesstrafe vollstreckten“. Seit der Professionalisierung des Strafvollzugs im 13.Jahrhundert war Scharfrichter – auch Synonym für Henker – ein angestrebter Beruf, nicht immer unbedingt ehrsam, aber doch irgendwie angesehen und ganz lukrativ. Die Aufgabe eines Scharfrichters war auch oft mit der des Abdeckers zusammengelegt, der Tierkörperbeseitigung, Scharfrichter kannten sich aus in Anatomie und Tierkrankheiten. Es bildeten sich regelrechte Scharfrichter-Dynastien für jeweilige Basteien heraus: Eheschließungen fanden vorrangig in entsprechenden Familien statt. Söhne von Scharfrichtern konnten zwar keine Berufe in Handwerkerzünften erlernen, wohl aber studieren, und so haben auch etliche erfolgreich aus ihrem Milieu herausgefunden, mitunter mit einem „Gschmäckle“ behaftet.

Helmut Belthle aus Ludwigsburg, Ministerialrat im Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg, berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus über Nachfahren deutscher Scharfrichter-Familien und ihre Wirkungsstätten. Helmut Belthles Vorfahren waren Scharfrichter, so Johann Belthle (1649-1725) wie dessen Nachkommen Georg Adam Belthle (1697-1766) und Georg Friedrich Belthle (1757-1824) als letzter Scharfrichter Tübingens; das „Karlsruher Richtschwert“ im Rechtshistorischen Museum Karlsruhe (im Gebäude des Bundesgerichtshof) stammt von ihm. Dessen Sohn, Dr. Friedrich Belthle (1784-1869) brachte es zum hoch dekorierten Stabsarzt in königlich-französischen Diensten des Regiments Hohenlohe in Grenoble, zum Ritter der Ehrenlegion; er wurde Wohltäter für die Stadt Tübingen (Immobilien-Stiftungen)  und der Universität (Stiftung eines Lehrstuhls), und nach ihm ist die Belthlestraße in Tübingen benannt. 

Helmut Belthle verwies auf weitere Belthle: So Friedrich Belthle (1829-1869), in Bebenhausen als Sohn eines allseits geachteten Forstrats und Revierförsters geboren und Mechanikus in Tübingen gelernt. Er kam 1855 nach Wetzlar in die damals schon bekannte Mikroskopen-Werkstatt des jungen Carl Kellner, der wenige Tage danach an Tuberkulose starb. Belthle heiratete im gleichen Jahr dessen Witwe und führte die Werkstatt fort; 1867 verließ das tausendste Mikroskop die Werkstatt. Belthles Kollege und Teilhaber Ernst Leitz wurde zu Begründer der Wetzlarer Leitz-Werke. Dann Theodor Belthle, 1926 Erfinder des Brausepulvers, der mit seinem Schwager in Bad Cannstatt die Robert Friedel GmbH („Frigeo“) gründete, eng verbunden mit „Ahoj“. Nach einem Tod 1949 wurde der nach Remshalden umgezogene Betrieb von seinen Söhnen Robert und Theodor weiterführt und 2002 von dem Süßwarenhersteller Katjes übernommen.

Wie Belthle entdeckte, betätigten sich zwei Scharfrichter-Nachfahren literarisch: Eric Carle, 1929 in den USA geboren, dessen Eltern dorthin ausgewandert und wegen Heimweh 1935 wieder nach nach Stuttgart zurückgekehrt waren. Eric Carle machte später in Amerika Karriere als Autor und Illustrator von unzähligen Kinderbüchern, wobei das 1965 erstmals erschienene Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zu einem Weltbestseller wurde. Der 1970 in München geborene Radio- und Fernsehjournalist Oliver Pötzsch erfuhr bei der Erforschung seiner Familiengeschichte, dass er Nachfahre der bekannten Henkerdynastie Kuisis (16. bis 19.Jahrhundert) in Schongau ist und verarbeitete als freier Schriftsteller diese Recherchen in der siebenbändigen „Die Henkerstochter-Saga“.

Alfred Theodor Ritter,, Jahrgang 1953, der in dritte Generation mit seiner Schwester Marli Hoppe-Ritter die Schokoladenfabrik Ritter („Ritter Sport“) in Waldenbuch führt, hat ebenfalls Scharfrichter-Urahnen. Der studierte Psychologe Alfred Ritter, der 1997 als Öko-Manager des Jahres ausgezeichnet wurde, ist auch Mitbegründer der Ritter Gruppe, Vakuumröhren-Kollektoren und ökologischer Heizgeräte und einer großen bäuerlichen Kakao-Genossenschaft in Nicaragua sowie eines  Kunstmuseums. Scharfrichter-Vorfahren hat auch Reinhard Scheer (1863-1928), der es vom Leutnant zur See 1885 zum Admiral und Stabschef der deutschen kaiserlichen Marine 1917/18 brachte und zum Held der Seeschlacht von Skagerrak (1916) wurde. In der Öffentlichkeit eher noch bekannter sind zwei Persönlichkeiten mit Scharfrichter:Vorfahren: Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, (1867-1945), nebst ihrem Bruder, der Ökonom Conrad Schmidt (1863-1932), die Belthle ebenso ausführlich würdigte wie den Schauspieler, Komponisten und Kapellmeister  Albert Lortzing (1801-11851), der mit seinen volkstümlichen Opern Weltruhm erlangte.

Der letzte deutsche Scharfrichter, so Belthle, war Johann Reichhart (1893-1972), der während der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit über 3000 Hinrichtungen (darunter auch der Geschwister Scholl) mit der Guillotine ausführte und nach 1945 im Auftrag der US-Militärregierung 156 Repräsentanten des Nationalsozialismus am Galgen henkte.  Als letzter Krimineller in Deutschland wurde im Februar 1949 n Tübingen der Raubmörder Richard Schuh hingerichtet, 95 Tage vor Abschaffung der Todesstrafe.