Archiv für den Tag 4. November 2019

Was aus Nachkommen von Scharfrichtern wurde – Helmut Belthle zeigt interessante Lebensläufe auf, auch aus seiner Familie

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Helmut Belthle, Nachkomme von Scharfrichtern (Foto: Rolf Gebhardt)

Scharfrichter war seit dem Mittelalter die gängige Berufsbezeichnung für die, „die mit der Schärfe des Richterbeils oder des Richterschwerts die Todesstrafe vollstreckten“. Seit der Professionalisierung des Strafvollzugs im 13.Jahrhundert war Scharfrichter – auch Synonym für Henker – ein angestrebter Beruf, nicht immer unbedingt ehrsam, aber doch irgendwie angesehen und ganz lukrativ. Die Aufgabe eines Scharfrichters war auch oft mit der des Abdeckers zusammengelegt, der Tierkörperbeseitigung, Scharfrichter kannten sich aus in Anatomie und Tierkrankheiten. Es bildeten sich regelrechte Scharfrichter-Dynastien für jeweilige Basteien heraus: Eheschließungen fanden vorrangig in entsprechenden Familien statt. Söhne von Scharfrichtern konnten zwar keine Berufe in Handwerkerzünften erlernen, wohl aber studieren, und so haben auch etliche erfolgreich aus ihrem Milieu herausgefunden, mitunter mit einem „Gschmäckle“ behaftet.

Helmut Belthle aus Ludwigsburg, Ministerialrat im Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg, berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus über Nachfahren deutscher Scharfrichter-Familien und ihre Wirkungsstätten. Helmut Belthles Vorfahren waren Scharfrichter, so Johann Belthle (1649-1725) wie dessen Nachkommen Georg Adam Belthle (1697-1766) und Georg Friedrich Belthle (1757-1824) als letzter Scharfrichter Tübingens; das „Karlsruher Richtschwert“ im Rechtshistorischen Museum Karlsruhe (im Gebäude des Bundesgerichtshof) stammt von ihm. Dessen Sohn, Dr. Friedrich Belthle (1784-1869) brachte es zum hoch dekorierten Stabsarzt in königlich-französischen Diensten des Regiments Hohenlohe in Grenoble, zum Ritter der Ehrenlegion; er wurde Wohltäter für die Stadt Tübingen (Immobilien-Stiftungen)  und der Universität (Stiftung eines Lehrstuhls), und nach ihm ist die Belthlestraße in Tübingen benannt. 

Helmut Belthle verwies auf weitere Belthle: So Friedrich Belthle (1829-1869), in Bebenhausen als Sohn eines allseits geachteten Forstrats und Revierförsters geboren und Mechanikus in Tübingen gelernt. Er kam 1855 nach Wetzlar in die damals schon bekannte Mikroskopen-Werkstatt des jungen Carl Kellner, der wenige Tage danach an Tuberkulose starb. Belthle heiratete im gleichen Jahr dessen Witwe und führte die Werkstatt fort; 1867 verließ das tausendste Mikroskop die Werkstatt. Belthles Kollege und Teilhaber Ernst Leitz wurde zu Begründer der Wetzlarer Leitz-Werke. Dann Theodor Belthle, 1926 Erfinder des Brausepulvers, der mit seinem Schwager in Bad Cannstatt die Robert Friedel GmbH („Frigeo“) gründete, eng verbunden mit „Ahoj“. Nach einem Tod 1949 wurde der nach Remshalden umgezogene Betrieb von seinen Söhnen Robert und Theodor weiterführt und 2002 von dem Süßwarenhersteller Katjes übernommen.

Wie Belthle entdeckte, betätigten sich zwei Scharfrichter-Nachfahren literarisch: Eric Carle, 1929 in den USA geboren, dessen Eltern dorthin ausgewandert und wegen Heimweh 1935 wieder nach nach Stuttgart zurückgekehrt waren. Eric Carle machte später in Amerika Karriere als Autor und Illustrator von unzähligen Kinderbüchern, wobei das 1965 erstmals erschienene Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zu einem Weltbestseller wurde. Der 1970 in München geborene Radio- und Fernsehjournalist Oliver Pötzsch erfuhr bei der Erforschung seiner Familiengeschichte, dass er Nachfahre der bekannten Henkerdynastie Kuisis (16. bis 19.Jahrhundert) in Schongau ist und verarbeitete als freier Schriftsteller diese Recherchen in der siebenbändigen „Die Henkerstochter-Saga“.

Alfred Theodor Ritter,, Jahrgang 1953, der in dritte Generation mit seiner Schwester Marli Hoppe-Ritter die Schokoladenfabrik Ritter („Ritter Sport“) in Waldenbuch führt, hat ebenfalls Scharfrichter-Urahnen. Der studierte Psychologe Alfred Ritter, der 1997 als Öko-Manager des Jahres ausgezeichnet wurde, ist auch Mitbegründer der Ritter Gruppe, Vakuumröhren-Kollektoren und ökologischer Heizgeräte und einer großen bäuerlichen Kakao-Genossenschaft in Nicaragua sowie eines  Kunstmuseums. Scharfrichter-Vorfahren hat auch Reinhard Scheer (1863-1928), der es vom Leutnant zur See 1885 zum Admiral und Stabschef der deutschen kaiserlichen Marine 1917/18 brachte und zum Held der Seeschlacht von Skagerrak (1916) wurde. In der Öffentlichkeit eher noch bekannter sind zwei Persönlichkeiten mit Scharfrichter:Vorfahren: Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, (1867-1945), nebst ihrem Bruder, der Ökonom Conrad Schmidt (1863-1932), die Belthle ebenso ausführlich würdigte wie den Schauspieler, Komponisten und Kapellmeister  Albert Lortzing (1801-11851), der mit seinen volkstümlichen Opern Weltruhm erlangte.

Der letzte deutsche Scharfrichter, so Belthle, war Johann Reichhart (1893-1972), der während der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit über 3000 Hinrichtungen (darunter auch der Geschwister Scholl) mit der Guillotine ausführte und nach 1945 im Auftrag der US-Militärregierung 156 Repräsentanten des Nationalsozialismus am Galgen henkte.  Als letzter Krimineller in Deutschland wurde im Februar 1949 n Tübingen der Raubmörder Richard Schuh hingerichtet, 95 Tage vor Abschaffung der Todesstrafe.