Kindheit früher und heute – eine Abwägung – Der leidenschaftliche Pädagoge Kurt Pöhler über die Kindheit im Wandel

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Kurt Pöhler (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei keinem anderen Thema kann jede(r) so gut mitreden und Substanzielles einbringen wie bei dem von der Kindheit. Jede(r) hat Kindheit auf eigene unvergleichliche Art erlebt. Wenn man auf 50 oder gar 80 Jahre zurückblicken kann, erkennt man die Unterschiede der Kindheit von damals und von heute. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus stieß Beiratsmitglied Kurt Pöhler mit seinem launigen, und tiefsinnigen Vortrag über „Kindheit im Wandel“ auf sehr aufmerksame Zuhörer/innen, von denen eigene Erinnerungen in der Diskussion zur Sprache kamen..

Kurt Pöhler ist gebürtiger und bekennender Ulmer – aus Heilbronner Sicht ein unvermeidlicher Fehler. Pöhler hat nach einem kaufmännischen Lehre in einem Industriebetrieb ein Lehramtsstudium drangehängt, sein Referendariat in einer  Dorfgrundschule absolviert, ein Jahr in einem amerikanischen Camp mit benachteiligten Jugendlichen verbracht, weitere Erfahrungen im württembergischen Schulbereich gemacht, ehe es ihn ins Unterland verschlagen hat, wo er schließlich über 30 Jahre Schulleiter in Ilsfeld-Auenstein war, und – wie es im einem Abschiedsbericht hieß – „mit Wehmut aus dem schönsten Beruf der Welt“ ausschied, wenngleich der leidenschaftliche Pädagoge immer wieder gern Vertretungsunterricht wahrnahm.

Der beliebte Pädagoge Pöhler ist und bleibt ein Kinderfreund, begeistert von der Lebensfreude und Lebenslust der Kinder, ihrer Fröhlichkeit und Spontanität, ihrer Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, ihrer Neugier und Wissbegier, ihrem Staunen und ihrem Vertrauen in die Welt; „Kinder leben bewusst im Jetzt und Heute.“ Pöhler ist sich dabei jedoch auch im klaren, dass er ein kindliches Idealbild zeichnet. Dennoch erinnert er an das Jesus-Wort, „werdet wie die Kinder“, und stellt fest, „Kinder leben von der Hoffnung, wir Alten von der Erinnerung“. Gemäß einer vielzitierten Redewendung sei Erinnerung ja auch das letzten Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Und die Erinnerung an die eigene Kindheit sei für diejenigen, die eventuell gar noch in Kriegszeiten, aber vor allem in der Nachkriegszeit aufgewachsen seien, doch durchweg überwiegend positiv „Wir hatten im Vergleich zu den heutigen riesigen Angeboten zwar wenig, konnten aber auch aus wenig viel machen, gaben uns damit zufrieden, auch weil wir nichts anderes kannten, und hatten leicht viel Spaß.“ Vor allem hätten die Kinder in den 40er und 50er Jahren viel Freiheit gehabt, seien nicht dauernd unter der Aufsicht der Eltern gewesen und hätten schon früh eigene Verantwortung entwickeln können. Diese Erinnerung mögen  mitunter auch etwas verbrämt sein, merkte Pöhler einschränkend an und weist darauf hin: In frühen Jahrhunderten gar habe es gar keine eigentliche Kindheit gegeben, seien Kinder oftmals ohne besondere Fürsorge aufgewachsen, liefen nebenbei und mussten im Haushalt und auf dem Feld mitarbeiten; der Übergang von Kindheit zum Erwachsenwerden erfolgte ziemlich stufenlos, aber unter sozialer Kontrolle. Oder es herrschte so strenge Erziehung, wie es Martin Luther beklagt hat, dass diese in ihn ins Kloster getrieben habe.

Ob und wie die Lieblosigkeit und unzureichende Pädagogik früherer Zeiten den Kindern geschadet hat, bleibt eine offene Frage. Da wendet sich der Blick auf die heutigen Kinder, ist die Rede von überbehüteten Kindern, von Helikopter-Müttern, die dem Kind jede Unbequemlichkeit aus dem Weg räumen und jeden Wunsch erfüllen. Oft ist bereits das Leben von Grundschulkindern außerhalb der Schule durchgeplant, werden die Kinder zu Musikunterricht und Sporttraining geschickt bzw. gefahren, und das vielfach zu verschiedenen Gelegenheiten an jedem Werktag, und am Wochenende sind besondere „Events“, auch mit der Familie“, angesagt. Aufwändige Kinderfeste sind an der Tagesordnung. Gleichzeitgig zeichnen Beobachter mitunter ein ziemlich verheerendes Bild von der schlimmen „Jugend von heute“, sprechen von ungebührlichem respektlosem Verhalten gegenüber Autoritäten, von unziemlicher Anspruchshaltung und gleichzeitiger Perspektivlosigkeit. Aber solche Vorstellungen von Jugend gab es schon vor 2400 Jahren, weiß Pöhler, der eine ähnlich missliche Beschreibung von Sokrates zitierte,

 „Als Großeltern haben wir doch immer wieder unsere Freude an den Enkeln“, bekannte Pöhler. Man habe sie lieb, sei bereit, ihnen entgegenzukommen, sie zu unterstützen, wo es geht, und – oftmals mit Stolz – ihren Lebensweg zu begleiten. Allerdings sei es heute längst nicht mehr selbstverständlich, dass die Jungen von den Alten lernen, sondern öfter gar umgekehrt, wenn schon  Zehn- und Zwölfjährige Oma und Opa in die Besonderheiten der digitalen Kommunikation einweisen. Andererseits kann man froh sein, wenn die Kinder nicht ganz der Computerwelt anheimgefallen sind, wenn sie neben den sozialen Netzwerken noch handfeste Interessen habe, real kommunizieren,. Die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten ist Segen und Fluch. „Eigentlich möchten wir heute nicht mehr Kind sein“, sprach Pöhler manchen Anwesenden aus dem Herzen.

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