Wie Schmerz entsteht und wie man ihm begegnet – Der Neurochirurg Dr. Vassilios Vadokas über aktuelle Therapiemöglichkeiten

2020-02-03JuSen_030_1kl

Dr. Vassilios Vadokas (Foto: Rolf Gebhardt)

Oh. Schmerz lass nach! Wer hat das nicht schon mal gedacht, gesagt, gewünscht. Schmerz gehört zum Leben, er kommt und (ver)geht – meistens, hoffentlich. Was es mit dem Schmerz auf sich hat, wie er entsteht und wahrgenommen wird, wie man ihn behandelt, ihn mildert und mit modernen Therapiemöglichkeiten angeht, darüber informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Heilbronner Mediziner Dr. Vassilios Vadokas, Facharzt für Neurochirurgie, spezielle Schmerztherapie sowie ambulante und stationäre Operationen vom Zentrum für interventionelle Schmerztherapie und Neuromodulation  – gebürtiger Athener, wie er extra betonte.

„Der Schmerz ist älter als die Menschheit“, konstatierte Vadokas, um anzuschließen, dass Schmerz überlebenswichtig ist. Ohne Schmerzempfindung spürt man nicht, ob man sich verbrannt, verletzt oder etwas gebrochen hat. Der akute Schmerz ist eine lebensnotwendig Sinneswahrnehmung, dass der Organismus Schaden nimmt, er ist also ein Warnsignal. Anders bei chronischen Schmerzen. Da ist die Schutz- und Warnfunktion aufgehoben; der Schmerz hat sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt.

Gleichwohl ist der Schmerz ein körperlicher und/oder seelisch quälender Zustand, der nach Befreiung verlangt. In frühen Zeiten (und heute noch bei Naturvölkern) war es den Heilern und Schamanen aufgetragen, die Geistern und Dämonen, die vermeintlich die Schmerzen auslösen, aus dem Körper der schmerzgeplagten Menschen zu vertreiben. Man erkannte auch früh die schmerzlindernde Wirkung von bestimmten Pflanzen und Drogen, in erster Linie Opium; heute ist oft Morphium das Mittel der Wahl.  

In der Regel kann man die vom Schmerz betroffene Stelle des Körpers lokalisieren, etwa eine Schädigung an der Hand oder am Bein oder – unbestimmter – an der Schulter oder am Rücken. Der Schmerz, so Vadokas, entsteht nicht dort, wo wir ihn fühlen, sondern immer im Gehirn. In vielen Geweben des Organismus liegen Aufnahmeorgane für Schmerzreize, Die Reizung der Schmerzrezeptoren ruft ein Signal hervor, das über Nervenfasern des vegetativen Nervensystems zunächst zum Rückenmark gelangt, ein Abschnitt des Wirbelsystems, der im Wirbelkanal liegt. Vom Rückenmark, der mit dem Gehirn das Zentralnervensystems bildet, werden Überträgerstoffe des Nervensystems ausgeschüttet, die dessen Weiterleitung vermitteln. 

Schmerzsignale von der Körperoberfläche erreichen sehr schnell das Zentralnervensystem und können örtlich genau zugeordnet werden. Wie stark man Schmerz empfindet, ist laut Vadokas individuell unterschiedlich, auch abhängig von der Erfahrungen mit Schmerzen und dem Schmerzgedächtnis. Man sollte einen Schmerz nicht so einfach hinnehmen, ihn aushalten wollen. Wenn man öfter oder gar permanent Schmerzen hat, erhöht sich die Schmerzsensibilisierung, man gewöhnt sich Schonhaltungen an, die den Schmerz befördernde Fehlhaltungen entstehen. lassen  Vadokas riet deshalb: akuten Schmerz immer sofort behandeln und bei chronischen Schmerzen ausloten, was man am besten dagegen tun kann.

Für den Arzt, so Vadokas, geht es zuerst mal um die Anamnese, um die Befragung des Patienten nach der Vorgeschichte und der Bewertung seiner Schmerzempfindung auf einer Schmerzskala von 1 bis 10. ehe zusätzliche Untersuchungsverfahren eingeleitet werden. Die Feststellung der Schmerzcharakteristika gibt Auskunft über die Schmerzart, ob es sich um Gewebeschmerz handelt, Tiefenschmerz oder Entzündungsschmerzen, ob neuropathischer oder psychosomatischer Schmerz. Wichtig ist, ob dem Schmerz ein Krankheitsbild wie Diabetes, Gürtelrose oder Windpocken zugeordnet werden kann, ob feststellbare Organschäden oder keine organische Störung, ob Druck auf Nervenstränge oder chronische Erkrankung der Nervenstränge, oder ob es sich um Verschleißerscheinungen an Muskeln und Bändern handelt.

Bei der Schmerzbekämpfung kommen primar Schmerzmittel zum Einsatz. Hinzu kommen physikalische Therapien, Massagen zum Lösen von Muskelverhärtungen und zur Förderung der Durchblutung, Kältebehandlungen bei Verletzungen und akuten Entzündungen sowie bei Arthrosen und rheumatischen Erkrankungen. Auch Akupunktur erweist sich laut Vadokas häufig erfolgreich bei schmerzhaften Muskelverspannungen, ebenso die (in Bangkok) zertifizierte Thai-Massage. 

In der modernen Schmerztherapie kommt auch die Vibrationstherapie zur Behandlung von Muskel- und Nervenschmerzen in Frage. Dr. Vadokas ist spezialisiert auf neurochirurgische Schmerzeingriffe zur Behandlung von chronischen Schmerzen.Wie er erläuterte, wird bei einer neurochirurgischen Operation  unter der Haut über dem Rückenmark ein kleines elektronisches Gerät implantiert, Es enthält optimal angeordnete Elektroden, die elektrische Impulse abgeben und so eine spezifische gezielte Stimulation der Nerven im Rückenmark erbringen. Diese Stimulationen verringern die Erregungsbereitschaft von Nervenzellen, überlagern die Übertragung von Schmerzsignalen an das Gehirn, lindern also das Schmerzempfinden und ermöglichen so ein schmerzvermindertes und wohl auch aktiveres Leben. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s