Vor 100 Jahren begann eine neue Weltepoche – Historiker Matthias Hofmann über die entscheidenden Weichenstellungen

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Matthias Hofmann (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Zeit ist voller Turbulenzen. So rund um den Tag der Veranstaltung der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Hauses, als das Thema „1919 – Aufbruch in eine neue Epoche“ auf dem Programm stand und vor- und nachher das Orkantief „Sabine“ die Wetterlage bestimmte, als ein innenpolitisches Beben von einem Wahl-Eklat in Thüringen ausgehend die Republik erfasste und weltweit Angst vor der Ausbreitung des Coronarvirus herschte  Die außenpolitischen und internationalen Konfliktherde traten da vorübergehend in den Hintergrund, wenngleich sie nach wie vor virulent sind – und vielfach zurückgehen auf entscheidende Weichenstellungen vor 100 Jahren.

Darüber berichtete der Historiker und Orientalist Matthias Hofmann, vor 50 Jahren geboren in Teheran als Sohn eines dort tätigen Managers des Hoechst-Konzerns, mit vielen Jahren Erfahrung als landeskundlicher Berater der Bundeswehr und auch mehrmonatigem Reservisteneinsatz in Afghanistan. So wie sich heute Europa und der Nahe Osten – Orient und Okzident, Abendland und Morgenland – darstellen, hängt in großem Maße mit politischen Entscheidungen zusammen, die im Rahmen des I. Weltkriegs, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, getroffen wurden, größtenteils in eigentlich fahrlässiger und rücksichtsloser Weise – aus heutiger Rückschau. 

Uns in Deutschland ist vor allem in Erinnerung und bewusst, der euphorische Eintritt in diesen sich als so verheerend erweisenden Krieg, der Millionen Opfer auf unrühmlichen Schlachtfeldern forderte, zur Kriegsmüdigkeit und großem Elend führte. Der bis dato schlimmste Krieg wurde beendet am 11. 11. 1919 in der beweglichen Befehlszentrale des französischen Marschalls Ferdinand Boch, einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiègne, wo der deutsche Staatssekretär Matthias Erzberger (anstelle der deutschen Militärs) das Waffenstillstandsabkommen unterschreiben musste. 

Wie Hofmann darlegte, waren die anschließenden „Pariser Vorort-Gespräche“ erst recht folgenreich. So der Vertrag von Versailles am 28. 6, 1919 mit dem Deutschen Reich, das 13 Prozent des Territoriums und zehn Prozent seiner Bevölkerung abtreten musste. Noch heftiger traf es beim Vertrag von Saint-Germain-Laye am 10. 9. 1919 Österreich-Ungarn, das70 Prozent seines Territoriums und den Großteil seiner Bevölkerung verlor und Anschlussverbot an das Deutsche Reich bekam. Insbesondere Kriegsschuld und Reparationen belasteten langfristig das politische Geschehen. Europa war nach Kriegsende wirtschaftlich am Boden und konnte praktisch nur durch Kredite aus den USA einen Neuanfang finden, der jedoch durch den Börsencrash des „Schwarzen Freitag“ am 25. 10. 1929, gestoppt wurde und in Deutschland zu Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit führte und letztlich zum Aufstieg des NS-Regimes. Zu einer  Hypothek der Nachkriegszeit wurde auch die spanische Grippe“, die in Europa mehr Tode forderte als der Krieg. 

Es war aber nicht nur das deutsche Kaiserreich und die K-und K-Monarchie, die vor 100 Jahren kollabierten, sondern auch das Osmanische Reich (1299-1922), das ehemals den Bereich des heutigen Westbalkans südlich der Donau beherrschte und ganz Nordafrika und den Nahen Osten bis zum Indischen Ozean, ein Riesenreich ohne Grenzen, aus deren Zerschlagung letztlich ein gutes Dutzend überwiegend durch Linienziehung auf der Landkarte begründete Nationalstaaten entstanden. 

Schon während des Krieges hatten sich Engländern und Franzosen auf eine symmetrische Verteilung von Mandatsgebieten geeinigt und wurden vom Völkerbund mit dar Neuorganisation von Nordafrika und Arabien beauftragt. Armenien, Mesopotamien und Kurdistan sollten selbstständig werden, und Palästina die Heimstätte des jüdischen Volkes. Arabische Stämme, die die Briten gegen das Osmanische Reich unterstützt hatten, erhielten große Gebiete auf der arabischen Halbinsel, die Sauds (das spätere) Saudi Arabien und die Haschemiten Transjordanien bzw. Jordanien. Um die neuen Staaten mit künstlichen  Grenzen, die Völker, Stämme und Glaubensrichtungen willkürlich trennten, in den Griff zu kriegen, bildeten sich zumeist Monarchien, so auch in Syrien, das ehemals eine viel größere Provinz des Osmanischen Reiches war. In der Türkei, dem Nachfolgestaat des reduzierten Osmanischen Reiches, folgten nach Großwesir und Sultan die Jungtürken mit dem modernistisch orientierten Regime von Kemal Atatürk.

Hofmann beleuchtete auch die Beziehung des kaiserlichen Deutschlands zum Islam. Unter der Ägide einer Nachrichtenstelle für den Orient unter der Leitung des Islamwissenschaftlers Max von Oppenheim versuchte  man (ziemlich vergebens), Muslime – selbst Kriegsgefangene – zum „heiligen Krieg“ gegen die Briten aufzuhetzen. In den letzten Jahrzehnten wurde ja dann der Islam zum Bindeglied der Nationalstaaten in Nordafrika und im Nahen Osten – mit dubiosen Folgen für die Weltpolitik. Als positive Aspekte des Geschehens vor 100 Jahren hob Hofmann die Demokratiebewegungen hervor und die Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung der Frau einschließlich der Einführung des Frauenwahlrechts.

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