Archiv für den Monat März 2020

Denen helfen, die durch das Raster fallen – Alexandra Gutmann über Entwicklung und Dienste der „Mitternachtsmission“

BILD 2020-03-09 Alexandra Gutmann - Mitternachtsmission Heilbronn

Alexandra Gutmann (Foto: privat)

Internationaler Frauentag am Sonntag, 8. März 2020: Aus diesem Anlass fand wie gewohnt im Bundestag eine parlamentarische Debatte statt, bei der es generell um Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen ging, aber auch um einen Aufruf zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und zum Ausbau von Frauenhäusern und besseren Opferschutz. Gerade diese Thematik bestimmte die Veranstaltung der „Jungen Senioren“ am Tag nach dem Frauentag im Hans-Rießer-Haus mit Alexandra Gutmann,, der Leiterin der „Mitternachtsmission“ in Heilbronn, 

Mitternachtsmission! Die Mitternachtsmission hat zweifellos christliche Wurzeln, hat jedoch mit Mission im herkömmlichen Sinn nichts zu tun, vielmehr damit, Menschen in mehr oder weniger ausweglosen Lebensverhältnissen – „die durch das Raster fallen“ – wieder in geordneten Bahnen zu verhelfen. Angefangen hatte das damit, dass 1955 die erste Leiterin Schwester Knapp ihren diakonischen Auftrag darin sah, Frauen, die sich nach Kriegsende in Heilbronn prostituiert hatten, aufzusuchen und zu begleiten. Zu dieser Zielgruppe kamen über die Jahre chronisch abhängige sowie straffällige Frauen dazu.1979 wurde das Frauen- und Kinderschutzhaus unter der zweiten Leiterin Schwester Marianne Wienand eröffnet. 

Als dann der personelle Wechsel anstand, übernahm Anfang 2000 die aus Südbaden stammende 30jährige Diplom-Sozialarbeiterin Alexandra Gutmann, die bereits fünf Jahre lang Schwester Wienand zur Seite gestanden hatte, die Abteilungsleitung der diakonischen Einrichtung, die – um die mit dem Namen Mitternachtsmission verbundene Assoziation zum Rotlichtmilieu eine Stigmatisierung der begleiteten Frauen zu vermeiden – ab 1975 den übergeordneten Begriff „Beratungsstelle für Frauen“ trug. Seit Dezember 2016 wurde für die heute sehr vielfältigen Dienste der ursprüngliche Namen Mitternachtsmission wieder eingeführt. Laut Gutmann beschreibt der Begriff Mitternachtsmission den biblischen Auftrag von der Vermittlung der christlichen frohen Botschaft und die Sendung von Gott zu den in Not geratenen Menschen und ihnen gegebenenfalls auch um Mitternacht zu helfen. Neben dieser sozialmissionarischen Ausrichtung gelte für alle Arbeitsbereiche die drei im Logo verankerten Grundsätze „Beziehungsorientierung, Niederschwelligkeit, Professionalität“.

Alexandra Gutmann informierte in rhetorisch sympathischer und in mitreißender Weise von der Betätigung in den vielfachen problematischen Arbeitsfelder der Mitternachtsmission, die von einem „bunten engagierten Team“, von dem zwei junge Personen anwesend waren, getragen wird. Zentrale Anlauf- und Beratungsstelle ist ein Haus in der Steinstraße 8, „nächtlich beleuchtet von dem angrenzenden Gefängnis“, mit psychologischer, seelsorgerlicher und psychosozialer Beratung sowie Erziehungs- und Suchtberatung.

Nach wie vor gibt es „Mitternachtsmission klassik“ als eine von fünf Arbeitsbereichen. Gutmann: „Wir suchen die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten – auch mit einem Kontaktmobil – da auf, wo ihr Lebensmittelpunkt ist.“ In der Szene, auf dem Straßenstrich, im Zuhause, im Rotlicht, in Bars und Terminwohnungen, aber auch im Obdachlosen- oder Flüchtlingsheim. Natürlich gebe es auch junge und älter gewordene Frauen, die das vermeintlich leicht verdiente Geld im Sexgeschäft gesucht haben und nicht mehr davon wegkommen. Gutmann berichtete aber auch von Prostituierten, die aus osteuropäischen oder afrikanischen Ländern mit allerlei Versprechungen nach Deutschland gelockt worden sind und hier in die Prostitution gezwungen wurden. Sie werden ebenso in völliger Abhängigkeit gehalten wie aus Flüchtlingsheimen rekrutierte „Liebedienerinnen“. Da ist es schwer, für sie „einen Ausstieg in einen Einstieg“ zu finden.

Verstärkt – mit steigenden Fallzahlen – hat die Mitternachtsmission Zugang zu von häuslicher Gewalt Betroffenen. Gewalt gegen Frauen nehme leider in unserer aufgeklärten Gesellschaft eher zu oder Gewalterfahrung werde öfter bekannt, beobachtete Gutmann. Das ziehe sich durch alle soziale Schichten und Kulturen hin. Alle drei Tage stirbt in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. Damit es nicht so weit komme, gehe es darum, von Gewalt bedrohten Frauen – meist infolge von Trennungsabsichten – einen sicheren Schutzraum zu bieten. In einem neuen Konzept werde am Standort der Beratungsstelle ab 2022 ein Frauen-und Kinderschutzhaus für schutzbedürftige nicht hochbedrohte Frauen entstehen. Außerdem werde es anonyme Schutzunterkünfte für hochbedrohte Frauen und Kinder aus Sicherheitsgründen an stetig wechselnden Standorten geben. Die Mitternachtsmission ist darüber hinaus eine landesweit tätige Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel mit dezentral geschützten Unterkünften.

Als lokal sehr sinnvoll und wichtig haben sich zwei weitere Arbeitsbereiche ergeben: „Südstadtkids“ und „Nordstadtkids“: In der Heilbronner Südstadt die Einbindung von jährlich bis zu 300 Kindern aus prekären Lebenssituationen in vielfältigen aufbauenden Angeboten, In der Nordstadt mobile Betreuung von bis zu 200 Kindern aus Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünften im Kiosk am Industrieplatz, an einem Standort in der Kleiststraße und bei umliegenden Spielplätzen. Gutmann: „Wir helfen ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen, konstruktives Denk- und Sozialverhalten zu erlernen und eigene Talente zu entwickeln – mit Empathie und Gottvertrauen.“