Archiv für den Tag 5. Oktober 2020

„Eine Kunst, die dem Leben nachlauscht“

Dekan Christoph Baisch über Ernst Barlach zu seinem 150. Geburtsjahr

Start des neuen Programms 2020/21 der „Jungen Senioren Heilbronn“ im Großen Saal des Hans-Rießer-Hauses – in der Coronazeit unter veränderten Bedingungen: Nur ca. 33 Personen, nach telefonischer Anmeldung unter 07131 964431 (Dienstag und Mittwoch Vormittag), an festen Tischen platziert, nach Referat Kaffee und Gebäck serviert, Beachtung der Hygiene-Vorschriften. 

Ein gelungener Beginn mit dem Heilbronner Dekan Christoph Baisch, der über Leben und Wirken des expressionistischen Künstlers Ernst Barlach anlässlich seines 150. Geburtsjahres referierte. Ernst Barlach wurde am 2. Januar 1870 in Wedel (bei Hamburg) als ältester von vier Söhnen des Arztes Georg Barlach (1839-1864) geboren, verlebte seine Kindheit in Schönberg (Mecklenburg) und Ratzeburg (Holstein). Nach Kunststudium in Hamburg und Dresden sowie zweijährigem Aufenthalt in Paris arbeitete er ab 1897 als freischaffender Künstler, ohne großen Erfolg, so dass er  vorübergehend eine Lehrtätigkeit an einer Keramik-Fachschule im Westerwald aufnahm. 

Wie Baisch darlegte, kämpfte zu jener Zeit Barlach mit Existenzsorgen und Selbstzweifeln. Da erschien ihm 1906 eine achtwöchige Reise nah Russland mit seinem Bruder Nikolaus zu seinem dort ansässigen Bruder Hans als Ausweg. Tatsächlich bedeuteten – so Baisch – die Eindrücke in Russland für Barlach einen Neubeginn für sein künstlerisches  Schaffen, beeinflussten die künftige Gestaltung seiner Skulpturen, Druckgrafiken und kleinformatigen Plastiken. Er fand in Russland die Symbolik einer verblüffenden Einheit von Innen und Außen: „So sind wir Menschen alle Bettler und problematische Existenzen im Grunde“.

Wie Baisch herausstellte, wurde Barlach in jenem Jahr auch damit konfrontiert, dass er Vater geworden war, aus einer kurzen Beziehung mit der Näherin Rosa Schwab, die ihm auch Modell gestanden hatte. In zweijähriger teurer Auseinandersetzung kämpfte er um das Sorgerecht seines Sohnes Klaus, der erst einmal bei Barlachs in Güstrow wohnenden Mutter unterkam, während Barlach 1909 ein mit dem Villa-Romana-Preis verbundenes Stipendium in Florenz annahm. Inzwischen hatte Barlach seine  künstlerische Existenz weitgehend absichern können, da der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer Barlachs Arbeiten für ein festes Gehalt übernahm. Zudem lernte er das Bildhauer-Ehepaar Bernhard und Marga Böhmer kennen, das ihn unterstützte. Das ging so weit, dass sich Marga Böhmer 1927 scheiden ließ und Barlachs Lebensgefährtin bis zu seinem Tod wurde und später seinen Nachlass verwaltete. Dank der Hilfe von Bernhard Böhmer (der wieder heiratete) konnte Barlach in  Güstrow ein ansehnliches Atelierhaus am Inselsee beziehen, das heute die Zentrale der 1994 gegründeten Zentrale der Ernst-Barlach bildet.

In der Darstellung von Barlachs Kunst war Baisch eingestiegen mit einem Bild  von „Der Schwebende“,  1927 im Güstrower Dom entstanden, eine an Ketten vom Gewölbe über ein Gitter  hängende Bronzegestalt. „Geschlossene Augen und geschlossener Mund, nach innen gewandt, Schwere und Schmerz ausdrückend, symbolisch zwischen Leid und Erlösung, Erde und Himmel,“ so Baisch. Doch dieses „Güstrower Ehrenmal“ wurde schon zehn Jahre danach entfernt und später „für Kriegszwecke“ eingeschmolzen. Glücklicherweise hatten Freunde den Originalguss retten können, so dass „der Schwebende“ 1953 wieder seine Bestimmung im Dom zu Güstrow und eine Zweitausfertigung in der Kölner Antoniterkirche finden konnte.

Barlachs Werke entsprachen nicht dem nationalsozialistischen Zeitgeist und trafen auf vielfache Anfeindungen. Dabei hatte Barlach noch freudig den Kriegsbeginn 1914 begrüßt und sich auf den Felddienst gefreut. Doch schon nach wenigen Monaten hatte er zu viel Schlimmes erlebt, litt an den Leiden der Frontsoldaten und wurde im Februar 1916 „als Künstler“ entlassen. Doch seine Formgebungen stießen immer mehr auf offizielles Missfallen: Die von Baisch aufgezeigte  Darstellung einfacher Menschen mit ihren Lebensverhältnissen und ihrer Befindlichkeit, so „der blinde Bettler“.“ russische Bettlerin“, „der Einsame“, „die tanzende Alte“, „drei singende  Frauen“, „der singende Mann“ – Gestalten, wo Gewand und Körper regelrecht miteinander verschmelzen; sie galten als undeutsch und fremdrassig. Noch schlimmer die Kritik an dem Kieler Ehrenmal „Schmerzensmutter“ (1922) und die anderen Ehrenmale für Kriegsopfer in Magdeburg (1929) und Hamburg (1931), die von den Nazis entfernt wurden. Über 400 Barlach-Werke wurden als entartete Kunst aus öffentlichen Sammlungen verbannt und Barlach 1937 mit Ausstellungsverbot belegt. Barlach starb am 24. Oktober 1938 in einer Rostocker Klinik an Herzinfarkt und wurde in der Familiengrabstätte in Ratzeburg begraben, geziert von der Skulptur „der singende Klosterschüler“ (1931). 

Wie Baisch erläuterte, verkörperte Barlach „eine„Kunst, die dem Leben nachlauscht“, festgemacht an dem bekannten „Fries der Lauschenden“ (1935)  mit neun Holzfiguren. Auch wenn Barlach nicht unbedingt als christlicher Künstler anzusehen sei, so habe er doch als Dichter in Dramen das Gute und  Böse thematisiert, Glaube als Wohltat und Glück, das Ringen mit Gott: „Ich habe keinen Gott. aber Gott hat mich.“