Auf- und Abbrüche im Leben von Hölderlin

Martin Uwe Schmidt gibt Einblick in das komplexe Wirken des Dichters

Hölderlin? Da gibt es die Hölderlinstraße – in mehr als 600 Gemeinden in Deutschland, darunter gut drei Dutzend im Heilbronner Umland, natürlich auch in Hölderlins Geburtsstadt Lauffen,wo es auch „Hölderlin im Kreisverkehr“ gibt, Objekt eines Kunstwerks des Bildhauers Peter Lenk (von 2003), der Hölderlin in Beziehung zu anderen Figuren darstellt – und natürlich das Hölderlinhaus.

(Johann Christian) Friedrich Hölderlin kam am 20. März 1770 in Lauffen zur Welt, also vor 250 Jahren. Grund für die „Jungen Senioren“, im Hölderlin-Jahr 2020 zu seinem 250. Geburtstag, mehr über diesen bekannten und doch unbekannten Dichter zu erfahren. Oberstudienrat  a.D. Martin Uwe Schmidt nahm sich der Aufgabe an, Hölderlins dramatischen Lebenslauf und seine schwer zugängliche Dichtkunst darzustellen. . Da er die Zuhörer/innen mit Hölderlins langen und komplexen Gedichten verschonen wollte, stieg er ein mit dem noch recht verständlichen „Heidelberg“. Das nächste Gedicht „Neckar“ begann und endete zwar mit einer Hymne an Hölderlins Heimat-Fluss, aber dazwischen gedankliche Ausflüge in die von ihm verherrlichte Welt der antiken Mythologie und der griechischen Götter, was sein Lebensthema war. 

Hölderlin stammte – wie Schmidt es ausdrückte – aus den gebildeten Kreisen schwäbischer Ehrbarkeit: Sein Vater war der herzogliche Klosterhofmeister in Lauffen, starb jedoch schon, als Friedrich zwei Jahre alt war. Seine verwitwete Mutter, deren Vater Pfarrer in Cleebronn war, heiratete zwei Jahre später den aus Nordheim stammenden Schreiber und Weinhändler Johann Christoph Gock, der Bürgermeister in Nürtingen wurde, wohin die Familie 1774 zog. In der Oberamtsstadt wuchs der junge Hölderlin in großzügigen Verhältnissen auf und besuchte die Lateinschule von 1775 bis 1784. Sein geliebter Stiefvater starb bereits 1779. Hölderlin absolvierte erfolgreich die evangelischen Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn (niederes und oberes Seminar), jedoch nicht mit großer Begeisterung. Es folgte das Studium an der Universität Tübingen (1788-1793), wo Hölderlin im Evangelischen Stift jahrelang in fruchtbarem philosophischem Austausch ein Zimmer mit Friedrich Wilhelm Hegel und Friedrich Wilhelm Schelling, den er bereits aus Nürtingen her kannte, bewohnte. Auch wenn Hölderlin die „Galeere der Theologie“,  insbesondere unter der pietistischen  Ausrichtung, nicht liebte, schloss er das Theologiestudium ab und erwarb einen Magister in Philosophie.. 

Da Hölderlin – zum Leidwesen seiner Mutter – keinesfalls Pfarrer werden wollte, musste er sich als Hofmeister, Hauslehrer für Kinder reicher Familien, verdingen. Seine erste Stelle hatte er ab Ende 1793 im Schloss Waltershausen im Grabfeld bei Charlotte von Kalb auf Vermittlung von Friedrich Schiller, mit dem Hölderlin in literarischen Kontakt gekommen war und der auch eine Reihe von Hölderlins Schriften in seiner Zeitschrift „Thalia“ veröffentlichte. Nach gut einem Jahr wurde im Januar 1795 das Anstellungsverhältnis einvernehmlich gelöst und Hölderlin zog nach Jena. Hier klappte es jedoch weder mit einer Verbindung zu Goethe, die unglücklich verlief, noch mit einem Studium,, so dass er zur Jahresmitte 1795 Jena verließ..

Ab Anfang 1796 dann Hauslehrer in Frankfurt bei Bankier Jacob Gontard bei sehr vorteilhaften Bedingungen. Bedeutsam wurde die Begegnung mit der Hausherrin Susette Gontard, mit der sich eine kunstsinnige und wohl auch Liebesbeziehung entwickelte, und die in Hölderlins Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ als die weibliche Hauptfigur Diotima, die Priesterin der Liebe in Platons „Gastmahl“, verewigt wurde. Als diese Beziehung des Hofmeisters ruchbar wurde, musste Hölderlin Ende September 1798 das großbürgerliche Haus verlassen. Hölderlin wurde von seinem langjährigen Freund und Förderer Isaak von Sinclair, inzwischen Regierungsrat in Homburg (Taunus), in der kleinen Fürstenresidenz als Bibliothekar übernommen, und hatte hier die Möglichkeit, heimlich mit Susette in Kontakt zu treten.

Im Juni 1800 kehrte Hölderlin wieder nach Nürtingen zurück, lebte zeitweise in Stuttgart und als Hauslehrer im schweizerischen Hauptwil (Kanton Thurgau), dann wieder in Nürtingen. Anfang 1802 reiste er zu Fuß nach Bordeaux, um Hauslehrer in der Familie eines reichen deutschen Weinhändlers und Konsul zu werden. Doch er hielt es nur wenige Monate dort aus und kehrte Ende Juni 1802 aus Frankreich in einem verwahrlosten und verwirrten Zustand nach Nürtingen zurück. Isaac von Sinclair holte Hölderlin 1804 noch einmal nach Homburg. Der republikanisch gesinnte Sinclair wurde Anfang 1805 auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg verhaftet und gegen ihn ein Hochverratsprozess angestrengt. Hölderlin galt zwar als Mitwisser, doch wurden die Ermittlungen wegen seines bedenklichen Gesundheitszustandes schnell eingestellt. Hölderlin wurde in Tübingen in das Authenrieth-Klinikum eingeliefert und nach siebenmonatiger Behandlung als psychisch Kranker als unheilbar entlassen. Zum Glück fand Hölderlin eine Bleibe bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer, der den Dichter bewunderte. 37 Jahr lang wurde Hölderlin in der legendären Turmstube von Familie Zimmer wohlwollend betreut, ehe er am 7. Juni 1843 friedlich einschlafen durfte und seine Grabstätte im Tübinger Stadtfriedhof fand.

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