Die optische Revolution des Jan van Eyck

Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz erläuterte neuartige Malkunst

Auch wenn er nicht so im Blickpunkt steht: Jan van Eyck, ein flämischer Maler des Spätmittelalters, gilt als der Begründer einer neuen wirklichkeitsgetreuen Kunstepoche sowie einer vollendeten Maltechnik. Die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz aus Löwenstein stellte den  berühmtesten Vertreter der niederländischen Malerei bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vor und erläuterte anschaulich seine beeindruckenden Hauptwerke, die von grundlegender Bedeutung für die Überwindung mittelalterlicher Tradition hin zum Naturalismus wurden. 

Jan van Eyck wurde um 1390 in der flämischen Kleinstadt Maaseik geboren und dürfte daher auch seinen Künstlernamen ableiten. Wie Kitzing-Bretz erklärte, weiß man über seine Kindheit, Jugend und Ausbildung praktisch nichts. Öffentliche Erwähnung habe er erst gefunden, als er 1422 in den Dienst Herzog Johann III., Graf von Holland und Herzog von Niederbayern-Straubing, getreten sei. Angestellt als Kammerdiener betätigte er sich in der Residenz zu Den Haag als Hofmaler. Als der Herzog 1425 starb, fand van Eyck, der inzwischen wegen seiner Kunst – im Stile eines Buchmalers – gerühmt worden war, eine Anstellung bei Philipp dem Guten in Lille, dem damals prächtigsten Hof Europas. Der Künstler blieb bis zum Lebensende in vielerlei Aufgabenbereichen Dienste des Hofs Philipps III., wenngleich van Eyck ab 1430 seinen Lebensmittelpunkt in Brügge, der damals wirtschaftlichen Metropole Flanderns, hatte, wo er ein Haus erwarb, heiratete und sein erstes Kind Philipp den Guten zum Paten bekam, berichtete Kitzing-Bretz. Jan van Eyck starb auch in Brügge 1441 und wurde am 9. Juli dort in der Kirche Sint-Donaas beigesetzt. 

Wenn  man schon so wenig über die Vita eines großen Künstlers weiß, sollte man seine Werke für sich sprechen lassen, meinte Kitzing-Bretz. Was sie tatsächlich aussagen können, das demonstrierte  die Kunsthistorikerin in einer fachlich-spezifischen Auswertung gleich zu Anfang umfangreich am Bild des als Arnolfini-Hochzeit von 1434 bekannten 84 x 62 cm großen Tafelbildes aus der National Gallery London.  Der Name Arnolfini klingt italienisch. Es dürfte sich um einen reichen Vertreter einer Kaufmanns- und Bankiersfamilie aus Norditalien handeln, die in der Hafen- und Handelsstadt Brügge, damals südliche Niederlande, florierende Niederlassungen unterhielten. Man sieht links jenen Arnolfini, gekleidet in edlem dunklen Tuch mit Pelzbesatz. Er hält seine rechte Hand gleichsam zum Schwer, eine für die damalige Zeit eindeutig typische Geste im Rahmen einer Eheschließung. Die linke Hand reicht er seiner Frau, ein zeitgemäßes Zeichen, wenn sich zwei Personen unterschiedlichen Standes das Eheversprechen geben. Seine Frau mit hellgrauer Haube („unter der Haube“) trägt in anmutiger Körperhaltung ein bodenlanges faltenreich-fließendes grünes Kleid, das ihren gewölbten Bauch zeigt. Laut Kitzung-Bretz weist das nicht darauf hin, dass die Braut schwanger ist (zu jener Zeit undenkbar), sondern hebt die Fruchtbarkeit der Frau hervor. Ihre Unschuld und Reinheit symbolisieren  im Accessoire auch die merianischen Farben weiß und blau und zu ihren (verdeckten) Füßen ein kleines Hündchen als Symbol der erwarteten ehelichen Treue. Auf dem Dielenboden vor dem Bräutigam scheinbar achtlos hingelegte Holzpantinen sollen ausdrücken. dass der  Raum, in dem das Sakrament der Ehe gespendet wird, „heiliges Land“ ist. 

Dass es sich bei der Traustube um einen vermögenden Haushalt handelt, zeigen nicht nur am Rande Glasfenster zum Teil mit Butzenscheiben, sondern auch der von der Decke hängende aufwändig gestaltete Messing-Kronleuchter, allerdings nur mit einer brennenden Kerze, als ewiges Licht die Anwesenheit Gottes darstellend. Noch mehr verrät der runde Spiegel oben mittig zwischen den Brautleuten, konvex gemalt, mit einem Rahmen voller winziger Passionsszenen. der – in der Vergrößerung – das Paar von hinten in der Tiefe des Raumes zeigt, im Hintergrund ein üppig ausgestattetes Himmelbett und mit Blick auf weitere Personen im Türrahmen, Trauzeugen. Und darüber ein Signet des Künstlers, dass er 1434 diese Hochzeit erlebt hat.

Kitzing-Bretz bewies ihre Beobachtungsschärfe auch an anderen Gemälden des ,Jan van Eyck, die mit ihren faszinierenden Details sowie der Tiefe und Transparenz der Farben zum Charakteristikum der frühen niederländischen Malerei wurden. Höchst beeindruckend das Bild des Kanzlers Nicolas Rolin in frommer Gebetshaltung gegenüber der demutsvollen Madonna mit Kind, vor drei Arkaden, die den Blick frei geben auf ein vielschichtiges Stadtbild. Und natürlich van Eycks bekanntestes Werk, der monumentale dreiteilige Genter Altar von 1435, ein Meisterwerk der Feinmalerei, in der Domkirche Sankt Bavo in Gent.

Jan van Eyck wurde von Philipp auch in diplomatischer Mission auf Auslandsreisen gescheckt, so auch mit einer Delegation 1428, die in Philipps Namen um die Tochter König Johannes I., Isabella, anhielt; van Eyck malte die Infantin, damit sich sein Her ein Bild seiner zukünftigen Braut machen konnte. Jan van Eyck porträtierte bekannte Zeitgenossen, schuf auch vergoldete Statuen und dekorierte fürstliche Residenzen. Seine überlieferten Gemälden sind Glanzstücke und Anziehungspunkte in den größten Museen der Welt.

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