Perfekter Staatsmann und moralische Instanz

Peter Goes würdigt Richard von Weizsäcker in seinem 100. Geburtsjahr

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Wir dürfen nicht am Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8.Mai 1945 nicht vom 30. Januar1933 trennen.“

Es war „die“ Rede mit jener Aufsehen erregenden Passage, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der bedingungslosen deutschen Kapitulation im Deutschen Bundestag in Bonn 1985 gehalten hat, die im Nachdenken über den Gang der Geschichte unpathetisch und schonungslos historische Vorurteile und weitverbreitete Fehldeutungen zum Tag der Niederlage und des verlorenen Kriegs klarstellte  Bei der Würdigung von Leben und Wirken Richard von Weizsäckers in seinem 100. Geburtsjahr hob der Heilbronner  Ruhestandspfarrer Peter Goes bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus die immense politische Bedeutung dieser Rede hervor: „Sie hat das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessert und im Grunde auch den Boden bereitet für die spätere Akzeptanz der deutschen Wiedervereinigung.“

Richard Karl von Weizsäcker erblickte am 15. April 1920 das Licht der Welt, und zwar in einer ehemaligen Königsresidenz des Neuen Schlosses in Stuttgart, wo heute eine Bronzetafel daran erinnert, allerdings in der Mansardenwohnung eines Seitenflügels, die noch zur Dienstwohnung von Fritz von Graevenitz (ehemaliger königlicher General), dem Vater seiner Mutter, gehörte. Sein anderer Großvater Karl Hugo von Weizsäcker (1853-1926) stand als Ministerpräsident von 1906 bis 918 ebenfalls im Dienst des württembergischen Königs Wilhelm II, der ihm 1916 den erblichen Freiherrenstand erhob.  

Wie Peter Goes aufzeigte, lässt sich die Ahnentafel der Weizsäckers zurückführen auf einen Niclas Waldsacker, der sich Mitte des 17. Jahrhunderts im Hohenloher Land niederließ und die Bernhardtsmühle bei Neuenstein betrieb. Aus dem bodenständigen Müllergeschlecht entwickelte sich eine verzweigte Nachkommenschaft, eine Öhringer Linie mit einem fürstlichen Mundkoch Gottlieb Jacob Weidsäcker (1736-98), von Theologen, Beamten, Politikern, Wissenschaftlern und Militärs, die zu Ruhm gelangten. 

Richards Vater Ernst Heinrich von Weizsäcker (1862-1951) machte Karriere in der kaiserlichen Marine (Korvettenkapitän) und versuchte, nach dem Krieg im diplomatischen Dienst Fuß zufassen. Als Marineattaché in Den Haag war er Anfang 1920 nach Stuttgart gekommen, wo mit Richard sein viertes Kind  geboren wurde. Durch den zahlreichen Ortswechsel seiner Familie (Schweiz, Dänemark, Norwegen) musste auch Richard mehrmals die Schule wechseln, konnte aber in Berlin Heimatgefühl entwickeln.

Nach Auslandssemestern in Oxford und Grenoble machte Richard den Kriegsdienst vom ersten Tag an mit, wobei schon am zweiten Tag sein geliebter Bruder Heinrich in der gleichen Infanteriedivision fiel. Richard, mehrfach ausgezeichnet und zweimal verwundet, erlebte das Kriegsende auf dem Gut seiner Großmutter am Bodensee und begann ein Jurastudium in Göttingen. Als sein Vater, der von 1938 bis 1943 Staatssekretär des Auswärtigen Amts (und danach auf eigenen Wunsch Botschafter im Vatikan) war, 1947 unter dem Vorwurf, Humanität, Frieden und Kriegsrecht verletzt zu haben, verhaftet wurde, engagierte sich der Jurastudent Richard als Hilfsverteidiger in dem spektakulären Wilhelmstraßen-Prozess beim US-Militärgericht in Nürnberg. Als Jurist machte Richard als erster in seiner Familie eine Karriere in der Wirtschaft, speziell bei dem Pharma-Unternehmen Boehringer in Ingelheim, zu dem familiäre Banden bestanden.

Weitblick, einflussreiche Freunde und gesellschaftliches Engagement bestimmten den Weg Richard von Weizsäckers. So war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages von 1964-79 und 1979-81, präsidierte vier Kirchentage. Der junge Helmut Kohl gewann  Richard von Weizsäcker als „politisches Talent“ für die CDU, verhalf ihm in den Bundestag und in den Bundesvorstand. Wie Goes darlegte, war Weizsäcker zwar ein geschliffener Debattenredner, aber nie ein strenger Christdemokrat. eher ein Parteiphilosoph, dem auch die Aussöhnung am Herzen lag und der die Verabschiedung der Ostverträge der Regierung Brandt/Scheel in seiner Fraktion durchsetzte. Er wurde 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin und kandidierte 1984 (im dritten Anlauf) für das höchste Staatsamt, in das er zweimal mit Rekordstimmenzahl gewählt wurde..

Für Goes war Richard von Weizsäcker als sechster Bundespräsident ein perfekter Staatsmann für alle Bürger, eine anerkannte moralischer Instanz im In- und Ausland, der als ehemaliger Frontsoldat ein überzeugender Vertreter des vereinigten Deutschlands wurde. Und Peter Goes konnte gar auf persönliche Beziehungen zu Richard von Weizsäcker verweisen, über seinen Onkel, den bekannten schwäbischen Theologen und Schriftsteller Albrecht Goes (1908-2000), dessen Kriegsnovelle Weizsäcker sehr schätzte und eine langjährige Verbundenheit zur Familie Goes pflegte, über den Tod am 31. 1. 2015 hinaus auch seine Witwe.

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