Archiv für den Monat Dezember 2020

Lebkuchen und Gewürze in der Weihnachtszeit

Apothekerin Friedelis Hartmann mit Geschichten über diese Köstlichkeiten / von Helmut Sauter

Advent und Weihnachten ist Lebkuchenzeit. So auch in diesem Dezember 2020, der geprägt ist vom Teil-Lockdown infolge der Corona-Pandemie, der ja auch die Weihnachtsmärkte sowie diverse Veranstaltungen und Feierlichkeiten zum Opfer gefallen sind. Auch das Vortragsprogramm der „Jungen Senioren“ konnte nicht fortgesetzt werden, so dass auch das Referat der Pharmazeutin Friedelis Hartmann über „Geschichten rund um den Lebkuchen und die Gewürze in der Weihnachtszeit“ nicht zustande kam. Sie hat eine 40jährige Berufszeit als Apothekerin in Lauffen hinter sich und ist im Ruhestand. Mit ihrem Mann, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht .D., und nachdem ihre drei Töchter eigene Familien haben, ist sie  nach Heilbronn gezogen und betätigt sich nach wie vor ehrenamtlich mit Vorträgen aus ihrem Berufsfeld in Kirchengemeinden und bei Landfrauen-Treffen. 

Gerne hätte sie auch im Hans-Rießer-Haus dieses Thema „life“ vorgetragen, doch da das nicht sein konnte, hat sie ihre diesbezüglichen Unterlagen für einen entsprechenden  Bericht zur Verfügung gestellt, um in dieser Advents- und Vorweihnachtszeit zumindest virtuell mit Duft und Geschmack von Lebkuchen(gewürzen) etwas festliche Atmosphäre zu vermitteln.

Wir alle kennen Lebkuchen, jenes süße, kräftig gewürzte, haltbare Gebäck, in vielfältigen Sorten und Formen fester Bestandteil der Weihnachtszeit, mitunter auch ganzjährig auf Jahrmärkten und Volksfesten angeboten. Wie so manch andere Köstlichkeit kommt auch Lebkuchen aus dem Orient, wo es schon vor 3500 Jahren mit Honig gesüßte Fladen als Luxusgut in der Antike gegeben haben soll; jedenfalls hat man solche „Honigkuchen“ als Grabbeigaben in Ägypten gefunden. Die Römer lernten jene „Honigkuchen“, die auch schon im Alten Testament Erwähnung finden, auf ihren Eroberungszügen kennen und integrierten dieses Gebäck in ihre Kultur – zum Verwöhnen von Kindern, als Geschenk für Arme und Kranke sowie als Opfergaben.

Kreuzritter brachten aus dem Vorderen Orient neue Geschmacksrichtungen nach Hause und Weltumsegler aus dem fernen Osten. Spätestens im Mittelalter hatte der  Lebkuchen Einzug in deutschen Landen gefunden. Die Bezeichnung Lebkuchen hat weniger mit „Leben“ zu tun, sondern ist wohl dem lateinischen Wort „libum“ für Fladen entlehnt, auch synonym für „laib“ als (ungesäuertes) Brot. Die Hersteller von Lebkuchen verkörperten jedoch eine andere Zunft als die (Brot-)Bäcker, nannten sich althochdeutsch „Lebzelter“ (für kleinere Lebkuchen) und später „Lebküchner“. Waren Lebkuchen ursprünglich als Fastenspeisen aus Klöstern geschätzt, so entwickelten sich in Süddeutschland regionale Lebkuchen-Spezialitäten, so insbesondere in Basel, Ulm, Augsburg, München und vor allem in Nürnberg. Sie waren damals die Handelsmetropolen, in denen man mit importierten Gewürzen in Berührung kam, die für die Zubereitung von Lebkuchen notwendig waren..

Es sind die Zutaten, die den Charakter der Lebkuchen bestimmen. Wasser, Milch und Fett spielen so gut wie keine Rolle. Lebkuchen enthalten vor allem viel Süßungsmittel, traditionell Honig (ersatzweise  auch Kunsthonig) – deshalb auch Honigkuchen. Die zuckerreiche Beschaffenheit gewährleistet die lange Haltbarkeit von Lebkuchen, Bei trockener Luft gibt der Lebkuchen schnell Feuchtigkeit ab und er wird dadurch fester, bei richtiger Lagerung (relative Luftfeuchte und Raumtemperatur) wieder weich. Die chemische Lockerung des Teiges erbringen die klassischen Lockerungsmittel Pottasche und Hirschhornsalz, heute auch vielfach erreichbar mit Backpulver und Natron. Die typischen Merkmale von Lebkuchen ergeben sich aus den verwendeten Lebkuchen-Gewürzen. Furore machte zuerst der Pfeffer, anfänglich aus Ceylon, dann aus Guayana, der wegen der langen Bezugswege Lebkuchen sehr teuer machte und die Händler – „Pfeffersäcke“ – in Verruf brachte. 

Auch wenn der Gewürzhandel für Industrie, Gewerbe und Haushalt längst schon fertig gemischtes Lebkuchen- und Glühweingewürz) anbietet (meist nur trockene Gewürze, bereits feinkörnig gemahlen), macht die heute zur Verfügung stehende Vielzahl von (rohen) Gewürzen den Reiz der verschiedenen Lebkuchen-Sorten aus: neben Pfeffer sind das Zimt, Nelken, Piment, Macis, Koriander, Ingwer, Anis, Sternenanis, Kardamon und Muskatnuss, zusätzlich weitere Aromen wie Schalen von Zitrusfrüchten. Generell unterscheidet man zwischen braunen Lebkuchen, zu denen auch Printen (mit Kandisstückchen), Dominosteine (mit Gelee, daneben Marzipan oder Persipan) und Basler Läckerli (vom Blech, mit kandierten Früchten) gehören, und Oblatenlebkuchen mit gemahlenen Mandeln und Haselnüssen) bzw. weiße Lebkuchen mit hohem Eianteil. Am populärsten sind die Spezialitäten aus Nürnberg, Aachen und Lübeck, die am volkstümlichsten mit Zuckerguss verzierte Bildlebkuchen, insbesondere Lebkuchenherzen bis hin zu Lebkuchenmännern oder Lebkuchenhäuschen.

Jedenfalls: „Kein Weihnachten ohne Lebkuchen“, so Friedelis Hartmann.

(Foto: Friedelis Hartmann)

Als Bauerntochter die Stallschwalben beneidet

Ulrike Siegel über das Leben im landwirtschaftlichen Familienbetrieb / von Helmut Sauter

Wie es früher war – das wollten wir in jüngeren Jahren gerne von unseren Eltern und Großeltern erfahren. Und danach fragen auch heute gelegentlich Kinder und Enkel uns „Junge Senioren“. Im Hans-Rießer-Haus sollte und wollte jetzt im Dezember 2020 die Autorin Ulrike Siegel (1961 im Brackenheimer Ortsteil Botenheim geboren) berichten, wie das Leben in den 60er und 70er Jahren in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb – einem Aussiedlerhof im Zabergäu – so war und darüber aus ihrem neuen Buch lesen: „Stallschwalben – autobiografische Geschichten einer Bauerntochter“  (Landwirtschaftsverlag, 192 Seiten, 14 €). Doch da der Corona-Lockdown dieses Vorhaben zunichte machte, ist hierzu eine Buchbesprechung angesagt.

Es waren diese Sommergäste, die Stallschwalben, die regelmäßig im Frühjahr kamen, ihre Familienstube oben im Stallgeviert über den wiederkäuenden Kühen und der Schweinebuchten bauten und im Herbst aufbrachen in eine ferne Welt – für die kleine Bauerntochter sehnsuchtsvoll unerreichbar. Ihr blieb nur der Heintje-Song „Ach Mutter, ach wär ich ein Schwalbenkind …“ Ulrike Siegel blieb – im Gegensatz zu den ungelebten Träumen ihrer Mutter – die Ferne jedoch nicht verschlossen. Mit fast 30 studierte sie noch Agrarwissenschaften und bereiste Lateinamerika, Afrika, Indien, Portugal und Kanada, wo sie einheimisches Bauernleben kennenlernte. Doch es blieb ihr die Heimatliebe und das stolze Bewusstsein ihrer Herkunft. Sie gründete ieine eigene Familie (zwei Kinder), wurde Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg (in Hohebuch) und veröffentlichte zehn Bücher aus und über das Leben auf Bauernhöfen. Vor gut zehn Jahren stellte sie bei den “Jungen Senioren“ eine dreibändige Reihe mit gesammelten Lebensgeschichten von 60 Bauerntöchtern aus ganz Deutschland vor. 

Als Kind und Jugendliche rebellierte Ulrike Siegel (mehr innerlich) gegen die bäuerlichen Tugenden wie Fleiß und Sparsamkeit, beneidete Freundinnen, die zu Hause nicht mithelfen mussten, im Stall und auf dem Feld, bei schönem Wetter ins Freibad gingen und mit ihren Eltern in den Urlaub fuhren, während ihr “Urlaub“ an einem Sommermittag auf einer Baumwiese bei Grillwurst und süßer Limonade stattfand oder allerspätestens an der Endstation der Zabergäubahn endete. Es war da wenig tröstend, wenn die Mutter von dem Glück sprach, in der freien Natur aufzuwachsen, mit großem Haus und mit Tieren – wenn man mit dem verräterischen Geruch von Kühen und Schweinen belastet und in der Schule einer Geruchskontrolle unterworfen war.

Den Alltag dieses bäuerlichen Lebens zwischen Tradition und Moderne schildert Ulrike Siegel eindrucksvoll jenseits von Romantik und Verteufelung in gut lesbaren Kapiteln. Als sie zwei war, zogen ihre Eltern mit ihr und der nächstjüngeren Schwester von dem zu eng gewordenen Hof mitten im Dorf zwei Kilometer außerhalb auf einen selbst gebauten Aussiedlerhof („zwei Jahre harte Handarbeit“), Stallungen für zehn Kühe und 40 Mastschweinen sowie Wiesen, Äcker und Weinbau. Zwei jüngere Schwestern kamen hinzu, auf die die Größeren aufpassen mussten, wenn Vater und Mutter im Stall und Flur von früh bis spät zu tun hatten – und auch sie zunehmend arbeitsmäßig eingebunden wurden. Wo der Stundenplan aufhörte, begann der Arbeitsplan. „Es wurde gemacht, was gemacht werden musste.“ Die glücklichsten Tage und Abende waren die zwischen den Jahren in der warm beheizten Weihnachtsstube.

Es waren karge Zeiten, im Existenzaufbau. Man versorgte sich weitgehend selbst, sparte überall, wo es nicht weh tat, wie bei Spülmittel und Klopapier. „Was man nicht verbraucht, muss man nicht erarbeiten.“ Und wenn dann Geld auf das Konto einbezahlt wurde, war das mehr als nur eine Zahl. Es war die unendliche Mühe, noch mehr Handgriffe, Sorgen, schlaflose Nächte, es waren Schweine, Ferkel, Bullen, Milch, Getreide, Rüben und Trauben. 

Mit dem Traktor fuhren die Eltern in den Ort, zum Milchhäusle, zur Chorprobe, zur Kirche, zum Elternabend. Ein Auto kam erst 1971, der erste Fernseher 1974. Der Agrarmarkt war im Umbruch. Da war es schwer, sich gegen die Devise zu stemmen, „wachse oder weiche“. Und so stringent war auch der Spruch nicht: „Hast du Schweine, hast du Scheine, hast du Kühe, hast du Mühe.“ 

Ulrike Siegel schildert auch kleinere und größere Unfälle auf dem Hof. Wie „Blind-Radfahren“ und eine als Fußballtor zweckentfremdete Fensteröffnung über der Garage ihr einen Kopfverband bzw. einen heiklen Klinikaufenthalt bescherten. Schlimm und dramatisch wurde es, als ihre Mutter erfuhr, dass sie Brustkrebs hat; hinzu kam noch Knochenkrebs. Nach sieben sorgenvollen Jahren mit Operationen und Chemotherapien verstarb die Mutter, konnte zuhause im Krankenbett „loslassen“. Zu dieser Zeit hatte Ulrike Siegel sich bereits entschlossen, nach Schulabschluss auf dem Hof zu bleiben und ihn mit dem Vater zu bewirtschaften. In diesen zehn Jahren machte sie zwei Meisterprüfungen, in Landwirtschaft und landwirtschaftlicher Hauswirtschaft. Eine der jüngeren Schwestern übernahm dann den Hof. So hat die „Weiberwirtschaft“ sich dann doch bewährt.

Ulrike Siegel versteht es auch, in ihrem Buch das dörfliche Leben einzufangen, die sozialen Beziehungen und Kontrollen mit Verwandte, Nachbarn, Geschäftspartnern und lokalen „Institutionen“. Sie betreibt keine Nestbeschmutzung, sondern setzt vielmehr ihren Eltern quasi ein Denkmal und damit auch den landwirtschaftlichen Familienbetrieben, insbesondere den Aussiedlerhöfen. (Fotografin: Claudia Fy)