Vom Leben in den 70er Jahren in Heilbronn

Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk macht diese Zeit lebendig

Mit der Zeit vor 40 bis 50 Jahren speziell in Heilbronn konfrontiert zu werden, dürfte für die „Jungen Senioren Heilbronn“ durchaus reizvoll sein. Deshalb wurde auch das Thema „Heilbronn in den 1970er Jahren“ in das Programm aufgenommen. Doch der im Januar im Hans-Rießer-Haus vorgesehene Vortrag von Prof. Dr. Christhard Schrenk, Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, musste leider auch wegen der Reglementierungen aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. 

Nachdem Schrenk vor einem Jahr bei den „Jungen Senioren“ das Leben und Geschehen der 60er Jahre in Heilbronn dargelegt hatte, so wollte er nun dieses Mal Erinnerungen an die70er Jahre wecken. Grundlage dafür die 2014 initiierte Reihe „Wissenspause“ im Deutschhof,  wo 2018 die 1970er Jahr an der Reihe waren. In zehn „Wissensgesprächen“ hatte Schrenk ausgewählte Zeitzeugen eingeladen und selbst bestens vorbereitet und gut vertraut mit den Fakten kenntnisreiche Fragen gestellt. Zur Dokumentation hat das Stadtarchiv ein reich bebildertes Buch herausgegeben und Schrenk selbst dazu ein ausführliches Resümee verfasst, das diese Zeit der jüngeren Stadtgeschichte prägnant lebendig werden lässt.

„Das zentrale innerstädtische  Handlungsumfeld in den Jahren um 1970 war die Entwicklung von Heilbronn zur Großstadt und zum Oberzentrum der Region,“ stellt Schrenk heraus. Es kam zu den Eingemeindungen von Klingenberg (1970), Kirchhausen (1972), Biberach (1974) sowie Frankenbach und Horkheim (1974). wodurch die Einwohnerzahl von Heilbronn, die sich mit kommunalpolitischen Anstrengung als kreisfreie Stadt (Stadtkreis) behauptete, (auch durch Zuzug)  auf 117 000 kletterte (sowie 5000 bis 6000 Angehörige der US-Armee). Durch die Eingemeindungen kam es zur Ausweisung neuer begehrter Wohn- und Gewerbegebiete. Für Schulen wurden in den 70er Jahren 100 und für Sportstätten 75 Millionen DM aufgewendet. 

„Alles in Heilbronn sollte modern und verkehrsgerecht werden“, so Schrenk. Das Heilbronner Verkehrsamt warb für die Stadt mit dem Slogan „Heilbronn im Schnittpunkt europäischer Autobahnen“: die neuen Autoahnen Richtung Mannheim, Würzburg und Nürnberg. In der Innenstadt wurden Fußgängerzonen und an der Allee Fußgängerunterführungen errichtet, 1971 unter der Festhalle Harmonie eine Tiefgarage, und weiter nördlich das Shoppinghochhaus mit Hotel und dem Südfunk-Regionalstudio Heilbronn. Der autofreie Rathausplatz ermöglichte dort die Einführung eines Wochenmarktes sowie Weindorf und Weihnachtsmarkt. 1969 wurde das Kaufhaus Merkur und 1970 das alte Theater gesprengt. Das alte Stadtbad am Wollhausplatz wurde 1972 abgerissen. Hier erfolgte 1975 die Erweiterung des neuen Wollhauszentrums mit vorgelagertem Busbahnhof. Unweit vom Kaufhaus Horten entstand der Kaufhof. Heilbronn sollte eine attraktive Einkaufsstadt werden.

Entscheidend bestimmt wurde das gewollte großstädtische Wachstum durch Oberbürgermeister Dr. Hans Hoffmann (1967-1983), mehr Stadtmanager als Stadtrepräsentant, „rational und emotionslos“, wie ihn Zeitzeugen erlebten. Schrenk erinnert auch an den Ersten Bürgermeister Dr. Karl Nägele und dessen Nachfolger 1974 Ministerialrat Dr. Manfred Weinmann, an die Finanzbürgermeister Hermann Bosch (1970-1977) und Peter Giebler (1977-1981), Sozial- und Kulturbürgermeister Erwin Fuchs (1964-1979 und Baubürgermeister Herbert Haldy (1971-1983). Bei den Gemeinderatswahlen 1971 und 1975 erreichte die SPD die Mehrheit. Schrenk verweist auf damals bekannte Politiker: Entwicklungshilfeminister Dr. Erhard Eppler (SPD), der mit 50,5 % der Erststimmen das Heilbronner Direktmandat gewann; Egon Susset (CDU), der über die Landesliste und 1976 per Direktmandat ins Parlament kam und Dieter Spöri (SPD) über die Landesliste; die Landtagsabgeordneten Günter Erlewein (SPD) und Ulrich Stechele (CDU).

Politisch waren die 70er Jahre ziemlich wechselvoll, wie Schrenk in einem nationalen  Exkurs aufzeigt: Koalitionsregierung von SPD und FDP unter Kanzler Willy Brandt (mit den Ostverträgen), sein Rücktritt wegen der Guillaume-Affäre, Kanzlerschaft von Helmut Schmidt (mit Nato-Doppelbeschluss). Hinzu kamen wirtschaftliche Probleme: Ölkrise, steigende Preise und Arbeitslosenzahlen. 

In dieser Zeit verlor Heilbronn zahlreiche Betriebe, so Flammer, Wolko, Tscherning und Bruckmann, durch Wegzug Dautel und die Zuckerfabrik, dessen Gelände frei wurde für Wohnhochhäuser. Während das Neckarsulmer Audi-Werk verzweifelt aber erfolgreich gegen die Schließung kämpfte („Marsch der 700“ zum Heilbronner Marktplatz 1975), glänzte Telefunken an der Theresienwiese in der Halbleitertechnik mit 7000 Beschäftigten. Und es entstand die größte Weinkellerei Württembergs durch Zusammenschluss der Genossenschaften Heilbronn, Erlenbach und Weinsberg. Generell bahnte sich in den 70er Jahren der Wandel vom produzierenden Gewerbe zum Dienstleistungssektor an, konstatiert Schrenk, und nicht zuletzt erinnert er auch an die damalige Hoch-Zeit des Heilbronner Fußballs in der 2. und 3. Liga.

Gegebenenfalls wird Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Schrenk bei passender Gelegenheit doch noch seinen Vortrag „Heilbronn in den 70er Jahren“ bei den “Jungen Senioren“ halten (mit Bildmaterial) und mit ihnen Erinnerungen austauschen. 

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