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Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.

Der ewige Superstar der klassischen Musik

Im Jubiläumsjahr 250 Jahre Ludwig van Beethoven: revolutionäres Genie

Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft, eingetragen im Taufregister der Pfarrei St. Remigius,  – und er wurde zum globalen Superstar der klassischen Musik. Dementsprechend wurde vor einem Jahr das „Beethoven-Jahr“ ausgerufen: mit weltweit unzähligen Konzert- und Festival-Programmen, Klanginstallationen,  Ausstellungen und Kongressen, schwerpunktmäßig in seiner Geburtsstadt Bonn und in seiner Hauptwirkungsstätte Wien. Die Pandemie des Coronavirus mit ihren vielfältigen Einschränkungsmaßnahmen hat jedoch bei den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstagsjahr von Ludwig van Beethoven zahlreiche Gedenk- und Jubelveranstaltungen verhindert. So auch bei den „Jungen Senioren“, wo der Unterländer Musikwissenschaftler Dr. Matthias Schwarzer in Wort und Ton das größte Musik-Genie würdigen wollte unter dem Titel „Musik ist höhere Offenbarung als die Weisheit und Philosophie“.

Diese Einschätzung trifft wohl sehr charakteristisch das kompositorische Wirken Beethovens: „Musik für die  Ewigkeit“, wie maßgebende Musikexperten meinen. Seine Kompositionen schwankten zwischen unbeschwert anmutender Virtuosität und schicksalsschwerer Dramatik – als Ausdruck seines Seelenlebens und seiner originären Persönlichkeit. Es war die unmittelbare gefühlsmäßige Wirkung seiner kraftvollen und explosiven Musik auf das Publikum, das den Mythos Beethoven als Neuerer der Musik begründete.

Beethovens außergewöhnliche musikalische Begabung wurde schon früh in seiner Kindheit von seinem Vater entdeckt, einem liederlichen Hofmusiker und Alkoholiker. Der junge Ludwig erhielt bereits im Mai 1784 eine bezahlte Stelle als zweiter Organist am Hof, wo sein ungewöhnliches Klavierspiel alsbald große Anerkennung und Bewunderung fand. 

Deswegen wurde er 1791 vom Kurfürsten zu einem Studienaufenthalt nach Wien geschickt, der Hauptstadt der klassischen Musik, die dann seine Wahlheimat wurde und wo der junge Beethoven auch kurzzeitig Unterricht bei Haydn bekam, sich aber selbst schon schnell als überlegen und vollendet empfand. Tatsächlich erweckte seine Art des Klavierspielens in dem musikalisch so aufgeschlossenen Wien großen Eindruck. Beethoven galt als der temperamentvollste Pianist und größte Improvisator seiner Zeit und war schließlich der populärste Komponist. Er sah sich von Anfang an als herausragender Künstler mit entsprechendem Anspruch und Selbstbewusstsein.  Das drückte sich auch aus im Umgang mit den ihn umwerbenden Verlegern und vor allem in seinem distanzlosen Auftreten in der Wiener Gesellschaft und dem Wiener Hochadel, von dem er anstandslos eine alljährliche Apanage bezog. 

Beethoven verdankt seine Sonderstellung wohl seiner künstlerischen Originalität als schöpferische Naturbegabung, die hergebrachte Musikformen gegebenenfalls missachtete und revolutionierte. Persönlich hingegen war er ein regelrechter Unflat. Mürrisch, argwöhnisch, launisch, aufbrausend, aber auch pedantisch, ein empfindlicher Misanthrop und chaotischer Messie, der in seinen 35 Wiener Jahren dutzende Male umzog und bestimmt 20 verschiedene Wohnungen hatte, in denen – wie Besucher berichteten – eine unbeschreibliche Unordnung herrschte. Gleichwohl verkehrte er in besten Kreisen, mitunter gut gekleidet,  mit Perücke oder wallender Künstlermähne, aber im Benehmen höchst unangepasst. Hier kam er auch mit gut verheirateten Damen in Kontakt, in der er sich auch verliebte, die aber standesgemäß wohl nie eine Verbindung mit ihm in Erwägung gezogen haben dürften. Dennoch gab sein Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ der Nachwelt Anlass für Spekulationen, ob Antonia Brentano oder Josephine Brunsvik, die er mehrmals in Prag traf, die Frau seiner Begierde war. 

Beethovens frühe Wiener Jahr waren – auch als frenetisch gefeierter dirigierender Kapellmeister – von Erfolg gekrönt, und der sollte sich eher noch mehren, obwohl Beethoven bereits als 28jähriger erstes Hörleiden spürte, das laufend zunahm, bis er – noch keine 40 – total ertaubte. Das hinderte ihn aber nicht, auch dann noch unvergängliche Musik zu hinterlassen. Er hatte das absolute Gehör und.eine enorme Musikbibliothek im Kopf. So ungeschickt und nachlässig er in persönlichen Dingen war, so nachhaltig und gewissenhaft war er im Komponieren, von Klavierkonzerten, Kammermusik, Orchesterwerken. Jeder Klavierschüler kennt seine dreiminütige Miniatur „Für Elise“, die Musikwelt schätzt seine Klaviersonaten, seine Violin- und Cellosonaten, „Eroica“, „Appassionata“, „Pastorale“, seine Streichquartetten, Sinfonien, seine einzige Oper „Fidelio“ (1814), die „Missa solemnis“ (1823), sein vielleicht gelungenstes Werk. Am bekanntestes aber ist Beethovens „Neunte“ von 1827, eine ungewöhnlich lange 70 minütige Sinfonie, mit der Schillers Gedicht interpretierenden „Ode an die Freude“. Aus 16 Takten daraus entstand die Europa-Hymne, die die Werte der Europäischen Gemeinschaft für Freiheit, Frieden und Solidarität ausdrückt.  

Beethoven starb nach langjährigem Leberleiden am 27.März 1827; über 20 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Wien teil; Schubert war einer der Fackelträger des Leichenzugs.

Helmut Sauter

Gemälde von Joseph Karl Stieler ca. 1820

Luciano Pavarotti, der große italienische Startenor

Eindrucksvolles Dokumentarfilm-Erlebnis im Arthaus-Kino Heilbronn

Ein faszinierendes Film-Erlebnis für die „Jungen Senioren“ hätte es werden können, als zum gewohnten Montag-Termin der große Saal des Hans-Rießer-Hauses nicht zur Verfügung stand: „Pavarotti“, die Musik-Dokumentation über das Leben des populärsten Opernsänger aller Zeiten,  im Kinostar Arthaus Heilbronn im Marra-Haus, jenem anspruchsvollen Filmtheater, das sich deutlich von den Multiplex-Kinos unterscheidet. Doch es war der erste Tag des zweiten Lockdown, sodass diese Sondervorstellung kurzfristig abgesagt werden musste.. 

Der bekannte und erfahrene amerikanische Regisseur Ron Howard, zweifacher Oacar-Preisträger, hat zwölf Jahr nach dem Tod des italienischen Star-Tenors Luciano Pavarotti in einem ungemein kraftvollen Dokumentarfilm, indem der begnadete Sänger seine Lebensgeschichte quasi selbst erzählt, ein cineastisches Denkmal gesetzt. Howard konnte das Privatarchiv von Pavarotti nutzen, so dass er auf eine Fülle von Material und Fotos, auch aus seiner Kindheit und Jugend, zurückgreifen konnte. Vor allem aber beeindrucken die Mitschnitte von Pavarottis Bühnenauftritten sowie  zahlreiche Interview-Schnipsel mit Agenten und Sängerkollegen. Seine biografischen Wegmarken werden chronologisch abgeschritten. So ergibt sich ein aussagekräftiges Porträt eines außergewöhnlichen Künstlers. Um dessen Bedeutung zu erfassen, muss man kein Opern-Fan sein. Ein gewisses Manko könnte es sein, dass die rasant schnellen Abläufe im Film vielleicht nicht die passende Atmosphäre aufkommen lassen.

Luciana Pavarotti wurde am 12. Oktober 1935 in Modena geboren. Sein Vater, ein ortsansäßiger Bäcker, war begeisterter Tenor im Chor der Stadt Modena, und ihm folgte Luciana hier nach. Pavarotti versuchte sich nach einem Pädagogik-Studium erst als Volksschullehrer, bevor er 1956 beschloss, seine viel gelobte Stimme zur Berufswahl zu nutzen. Sein sechsjähriges Studium des klassischen Gesangs finanzierte er zum Teil als Versicherungsvertreter, bis er 1961 im Opernhaus von Reggio nell’Emilia als Rodolfo in Puccinis La Bohème – seine spätere Paraderolle – debütiere und einen internationalen Gesangswettbewerb gewann. Es folgten Einladungen an die bedeutendsten italienischen und internationalen Opernhäuser; 1966 debütierte er an der Mailänder Scala, 1968 an der New York Metropolitan Opera. Von einem hellen leichten lyrischen Tenor entwickelte er sich auch in Richtung dramatischer Partien. Sein Repertoire wies lediglich 18 Opernpartien auf, alle in italienischer Sprache, aber er machte Opernaufführungen volkstümlicher.

Pavarotti war – neben Caruso – nicht nur der größte Operntenor aller Zeiten, sondern er wurde auch noch der größte Pop- und Musik-Star durch herausragende Liederabende Konzerte und Tourneen, so mit Solo-Konzerten im Londoner Hyde-Park 1992 vor 250 000 und 1993 im London Central Park vor 500 000 Zuhörern. Zum absolutem Highlight wurden „die die Tenöre“, gemeinsame Auftritte von Pavarotti mit José  Carreras und Placido Domingo. Ihr Konzert am 7. Juli 1990 in den römischen Caracalla-Thermen anlässlich der  Fußballweltmeisterschaft erreichten eine Milliarde Fernsehzuschauer in aller Welt. Des Erfolges wegen  trat das Trio auch noch bei den Fußballweltmeisterschaften 1994 in Los Angeles, 1998 in Paris und 2002 in Yokahama auf; Pavarotti zuletzt auch noch 2006 zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin. 

Auch dass Pavarotti sich mit Werken der Vokalkunst befasste, und gemeinsam mit anderen bekannten Sängern auftrat, tat seinem Ansehen keinen Abbruch An der Deutschen Oper in Berlin wurde er mal mit 115 Vorhängen und 67 Minuten ununterbrochenem Applaus gefeiert. Er eroberte die Hitparaden in vielen Ländern; mehr als 26 Millionen Tonträger wurden von Pavarotti verkauft.

Auch wenn Pavarottis Leben der Musik gewidmet war, führte er kein abgehobenes Leben. Er engagierte sich  für junge Sänger und für soziale Projekte, Kinderhilfen in Guatemala und im Kosovo. Er war aber auch ein Lebemann und ein Frauenheld, woran letztlich auch seine 40jährige Ehe scheiterte; mit Adua Veroni hatte er drei Töchter. 2001 heiratete er Nicoletta Mantovani, die 1993 seine Sekretärin geworden war und die nach seinem Tod durch hohe Erbansprüche und Vermögensverschiebungen eine schlechte Presse erhielt.

Pavarotti verstarb am 6. Juni 2007 an einem Krebsleiden in Modena, vier Jahre nach seinen Eltern. An die 100 000 Menschen nahmen an drei Tagen ans einem offenen Sarg im Dom in Modena von Pavarotti Abschied, seine Trauermesse wurde weltweit übertragen ,und zu seinen Ehren flog eine Formation von Kampfjets einer Kunstflugstaffel mit Rauchstreifen in den Farben grün, weiß, rot der italienischen Flagge, wie sonst nur bei Staatsbegräbnissen.

Ein faszinierendes Film-Erlebnis für die „Jungen Senioren“ hätte es werden können, als zum gewohnten Montag-Termin der große Saal des Hans-Rießer-Hauses nicht zur Verfügung stand: „Pavarotti“, die Musik-Dokumentation über das Leben des populärsten Opernsänger aller Zeiten,  im Kinostar Arthaus Heilbronn im Marra-Haus, jenem anspruchsvollen Filmtheater, das sich deutlich von den Multiplex-Kinos unterscheidet. Doch es war der erste Tag des zweiten Lockdown, sodass diese Sondervorstellung kurzfristig abgesagt werden musste.. 

Der bekannte und erfahrene amerikanische Regisseur Ron Howard, zweifacher Oacar-Preisträger, hat zwölf Jahr nach dem Tod des italienischen Star-Tenors Luciano Pavarotti in einem ungemein kraftvollen Dokumentarfilm, indem der begnadete Sänger seine Lebensgeschichte quasi selbst erzählt, ein cineastisches Denkmal gesetzt. Howard konnte das Privatarchiv von Pavarotti nutzen, so dass er auf eine Fülle von Material und Fotos, auch aus seiner Kindheit und Jugend, zurückgreifen konnte. Vor allem aber beeindrucken die Mitschnitte von Pavarottis Bühnenauftritten sowie  zahlreiche Interview-Schnipsel mit Agenten und Sängerkollegen. Seine biografischen Wegmarken werden chronologisch abgeschritten. So ergibt sich ein aussagekräftiges Porträt eines außergewöhnlichen Künstlers. Um dessen Bedeutung zu erfassen, muss man kein Opern-Fan sein. Ein gewisses Manko könnte es sein, dass die rasant schnellen Abläufe im Film vielleicht nicht die passende Atmosphäre aufkommen lassen.

Luciana Pavarotti wurde am 12. Oktober 1935 in Modena geboren. Sein Vater, ein ortsansäßiger Bäcker, war begeisterter Tenor im Chor der Stadt Modena, und ihm folgte Luciana hier nach. Pavarotti versuchte sich nach einem Pädagogik-Studium erst als Volksschullehrer, bevor er 1956 beschloss, seine viel gelobte Stimme zur Berufswahl zu nutzen. Sein sechsjähriges Studium des klassischen Gesangs finanzierte er zum Teil als Versicherungsvertreter, bis er 1961 im Opernhaus von Reggio nell’Emilia als Rodolfo in Puccinis La Bohème – seine spätere Paraderolle – debütiere und einen internationalen Gesangswettbewerb gewann. Es folgten Einladungen an die bedeutendsten italienischen und internationalen Opernhäuser; 1966 debütierte er an der Mailänder Scala, 1968 an der New York Metropolitan Opera. Von einem hellen leichten lyrischen Tenor entwickelte er sich auch in Richtung dramatischer Partien. Sein Repertoire wies lediglich 18 Opernpartien auf, alle in italienischer Sprache, aber er machte Opernaufführungen volkstümlicher.

Pavarotti war – neben Caruso – nicht nur der größte Operntenor aller Zeiten, sondern er wurde auch noch der größte Pop- und Musik-Star durch herausragende Liederabende Konzerte und Tourneen, so mit Solo-Konzerten im Londoner Hyde-Park 1992 vor 250 000 und 1993 im London Central Park vor 500 000 Zuhörern. Zum absolutem Highlight wurden „die die Tenöre“, gemeinsame Auftritte von Pavarotti mit José  Carreras und Placido Domingo. Ihr Konzert am 7. Juli 1990 in den römischen Caracalla-Thermen anlässlich der  Fußballweltmeisterschaft erreichten eine Milliarde Fernsehzuschauer in aller Welt. Des Erfolges wegen  trat das Trio auch noch bei den Fußballweltmeisterschaften 1994 in Los Angeles, 1998 in Paris und 2002 in Yokahama auf; Pavarotti zuletzt auch noch 2006 zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin. 

Auch dass Pavarotti sich mit Werken der Vokalkunst befasste, und gemeinsam mit anderen bekannten Sängern auftrat, tat seinem Ansehen keinen Abbruch An der Deutschen Oper in Berlin wurde er mal mit 115 Vorhängen und 67 Minuten ununterbrochenem Applaus gefeiert. Er eroberte die Hitparaden in vielen Ländern; mehr als 26 Millionen Tonträger wurden von Pavarotti verkauft.

Auch wenn Pavarottis Leben der Musik gewidmet war, führte er kein abgehobenes Leben. Er engagierte sich  für junge Sänger und für soziale Projekte, Kinderhilfen in Guatemala und im Kosovo. Er war aber auch ein Lebemann und ein Frauenheld, woran letztlich auch seine 40jährige Ehe scheiterte; mit Adua Veroni hatte er drei Töchter. 2001 heiratete er Nicoletta Mantovani, die 1993 seine Sekretärin geworden war und die nach seinem Tod durch hohe Erbansprüche und Vermögensverschiebungen eine schlechte Presse erhielt.

Pavarotti verstarb am 6. Juni 2007 an einem Krebsleiden in Modena, vier Jahre nach seinen Eltern. An die 100 000 Menschen nahmen an drei Tagen ans einem offenen Sarg im Dom in Modena von Pavarotti Abschied, seine Trauermesse wurde weltweit übertragen ,und zu seinen Ehren flog eine Formation von Kampfjets einer Kunstflugstaffel mit Rauchstreifen in den Farben grün, weiß, rot der italienischen Flagge, wie sonst nur bei Staatsbegräbnissen.

Der Film zeichnet das Bild einer Showgröße, eines Maestros, aber auch eines Familienmenschen und Wohltäter einer großen Persönlichkeit, der nicht nur mit seiner vielgerühmten Stimme,die bis zu neun hohe C bewältigte, sondern auch mit seinem offenen einnehmenden Wesen  und seinem Charme, seinem Talent zur Selbstdarstellung, Einzelne wie auch die Massen – das Publikum – begeisterte.

Helmut Sauter

Perfekter Staatsmann und moralische Instanz

Peter Goes würdigt Richard von Weizsäcker in seinem 100. Geburtsjahr

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Wir dürfen nicht am Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8.Mai 1945 nicht vom 30. Januar1933 trennen.“

Es war „die“ Rede mit jener Aufsehen erregenden Passage, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der bedingungslosen deutschen Kapitulation im Deutschen Bundestag in Bonn 1985 gehalten hat, die im Nachdenken über den Gang der Geschichte unpathetisch und schonungslos historische Vorurteile und weitverbreitete Fehldeutungen zum Tag der Niederlage und des verlorenen Kriegs klarstellte  Bei der Würdigung von Leben und Wirken Richard von Weizsäckers in seinem 100. Geburtsjahr hob der Heilbronner  Ruhestandspfarrer Peter Goes bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus die immense politische Bedeutung dieser Rede hervor: „Sie hat das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessert und im Grunde auch den Boden bereitet für die spätere Akzeptanz der deutschen Wiedervereinigung.“

Richard Karl von Weizsäcker erblickte am 15. April 1920 das Licht der Welt, und zwar in einer ehemaligen Königsresidenz des Neuen Schlosses in Stuttgart, wo heute eine Bronzetafel daran erinnert, allerdings in der Mansardenwohnung eines Seitenflügels, die noch zur Dienstwohnung von Fritz von Graevenitz (ehemaliger königlicher General), dem Vater seiner Mutter, gehörte. Sein anderer Großvater Karl Hugo von Weizsäcker (1853-1926) stand als Ministerpräsident von 1906 bis 918 ebenfalls im Dienst des württembergischen Königs Wilhelm II, der ihm 1916 den erblichen Freiherrenstand erhob.  

Wie Peter Goes aufzeigte, lässt sich die Ahnentafel der Weizsäckers zurückführen auf einen Niclas Waldsacker, der sich Mitte des 17. Jahrhunderts im Hohenloher Land niederließ und die Bernhardtsmühle bei Neuenstein betrieb. Aus dem bodenständigen Müllergeschlecht entwickelte sich eine verzweigte Nachkommenschaft, eine Öhringer Linie mit einem fürstlichen Mundkoch Gottlieb Jacob Weidsäcker (1736-98), von Theologen, Beamten, Politikern, Wissenschaftlern und Militärs, die zu Ruhm gelangten. 

Richards Vater Ernst Heinrich von Weizsäcker (1862-1951) machte Karriere in der kaiserlichen Marine (Korvettenkapitän) und versuchte, nach dem Krieg im diplomatischen Dienst Fuß zufassen. Als Marineattaché in Den Haag war er Anfang 1920 nach Stuttgart gekommen, wo mit Richard sein viertes Kind  geboren wurde. Durch den zahlreichen Ortswechsel seiner Familie (Schweiz, Dänemark, Norwegen) musste auch Richard mehrmals die Schule wechseln, konnte aber in Berlin Heimatgefühl entwickeln.

Nach Auslandssemestern in Oxford und Grenoble machte Richard den Kriegsdienst vom ersten Tag an mit, wobei schon am zweiten Tag sein geliebter Bruder Heinrich in der gleichen Infanteriedivision fiel. Richard, mehrfach ausgezeichnet und zweimal verwundet, erlebte das Kriegsende auf dem Gut seiner Großmutter am Bodensee und begann ein Jurastudium in Göttingen. Als sein Vater, der von 1938 bis 1943 Staatssekretär des Auswärtigen Amts (und danach auf eigenen Wunsch Botschafter im Vatikan) war, 1947 unter dem Vorwurf, Humanität, Frieden und Kriegsrecht verletzt zu haben, verhaftet wurde, engagierte sich der Jurastudent Richard als Hilfsverteidiger in dem spektakulären Wilhelmstraßen-Prozess beim US-Militärgericht in Nürnberg. Als Jurist machte Richard als erster in seiner Familie eine Karriere in der Wirtschaft, speziell bei dem Pharma-Unternehmen Boehringer in Ingelheim, zu dem familiäre Banden bestanden.

Weitblick, einflussreiche Freunde und gesellschaftliches Engagement bestimmten den Weg Richard von Weizsäckers. So war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages von 1964-79 und 1979-81, präsidierte vier Kirchentage. Der junge Helmut Kohl gewann  Richard von Weizsäcker als „politisches Talent“ für die CDU, verhalf ihm in den Bundestag und in den Bundesvorstand. Wie Goes darlegte, war Weizsäcker zwar ein geschliffener Debattenredner, aber nie ein strenger Christdemokrat. eher ein Parteiphilosoph, dem auch die Aussöhnung am Herzen lag und der die Verabschiedung der Ostverträge der Regierung Brandt/Scheel in seiner Fraktion durchsetzte. Er wurde 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin und kandidierte 1984 (im dritten Anlauf) für das höchste Staatsamt, in das er zweimal mit Rekordstimmenzahl gewählt wurde..

Für Goes war Richard von Weizsäcker als sechster Bundespräsident ein perfekter Staatsmann für alle Bürger, eine anerkannte moralischer Instanz im In- und Ausland, der als ehemaliger Frontsoldat ein überzeugender Vertreter des vereinigten Deutschlands wurde. Und Peter Goes konnte gar auf persönliche Beziehungen zu Richard von Weizsäcker verweisen, über seinen Onkel, den bekannten schwäbischen Theologen und Schriftsteller Albrecht Goes (1908-2000), dessen Kriegsnovelle Weizsäcker sehr schätzte und eine langjährige Verbundenheit zur Familie Goes pflegte, über den Tod am 31. 1. 2015 hinaus auch seine Witwe.

Die optische Revolution des Jan van Eyck

Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz erläuterte neuartige Malkunst

Auch wenn er nicht so im Blickpunkt steht: Jan van Eyck, ein flämischer Maler des Spätmittelalters, gilt als der Begründer einer neuen wirklichkeitsgetreuen Kunstepoche sowie einer vollendeten Maltechnik. Die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz aus Löwenstein stellte den  berühmtesten Vertreter der niederländischen Malerei bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vor und erläuterte anschaulich seine beeindruckenden Hauptwerke, die von grundlegender Bedeutung für die Überwindung mittelalterlicher Tradition hin zum Naturalismus wurden. 

Jan van Eyck wurde um 1390 in der flämischen Kleinstadt Maaseik geboren und dürfte daher auch seinen Künstlernamen ableiten. Wie Kitzing-Bretz erklärte, weiß man über seine Kindheit, Jugend und Ausbildung praktisch nichts. Öffentliche Erwähnung habe er erst gefunden, als er 1422 in den Dienst Herzog Johann III., Graf von Holland und Herzog von Niederbayern-Straubing, getreten sei. Angestellt als Kammerdiener betätigte er sich in der Residenz zu Den Haag als Hofmaler. Als der Herzog 1425 starb, fand van Eyck, der inzwischen wegen seiner Kunst – im Stile eines Buchmalers – gerühmt worden war, eine Anstellung bei Philipp dem Guten in Lille, dem damals prächtigsten Hof Europas. Der Künstler blieb bis zum Lebensende in vielerlei Aufgabenbereichen Dienste des Hofs Philipps III., wenngleich van Eyck ab 1430 seinen Lebensmittelpunkt in Brügge, der damals wirtschaftlichen Metropole Flanderns, hatte, wo er ein Haus erwarb, heiratete und sein erstes Kind Philipp den Guten zum Paten bekam, berichtete Kitzing-Bretz. Jan van Eyck starb auch in Brügge 1441 und wurde am 9. Juli dort in der Kirche Sint-Donaas beigesetzt. 

Wenn  man schon so wenig über die Vita eines großen Künstlers weiß, sollte man seine Werke für sich sprechen lassen, meinte Kitzing-Bretz. Was sie tatsächlich aussagen können, das demonstrierte  die Kunsthistorikerin in einer fachlich-spezifischen Auswertung gleich zu Anfang umfangreich am Bild des als Arnolfini-Hochzeit von 1434 bekannten 84 x 62 cm großen Tafelbildes aus der National Gallery London.  Der Name Arnolfini klingt italienisch. Es dürfte sich um einen reichen Vertreter einer Kaufmanns- und Bankiersfamilie aus Norditalien handeln, die in der Hafen- und Handelsstadt Brügge, damals südliche Niederlande, florierende Niederlassungen unterhielten. Man sieht links jenen Arnolfini, gekleidet in edlem dunklen Tuch mit Pelzbesatz. Er hält seine rechte Hand gleichsam zum Schwer, eine für die damalige Zeit eindeutig typische Geste im Rahmen einer Eheschließung. Die linke Hand reicht er seiner Frau, ein zeitgemäßes Zeichen, wenn sich zwei Personen unterschiedlichen Standes das Eheversprechen geben. Seine Frau mit hellgrauer Haube („unter der Haube“) trägt in anmutiger Körperhaltung ein bodenlanges faltenreich-fließendes grünes Kleid, das ihren gewölbten Bauch zeigt. Laut Kitzung-Bretz weist das nicht darauf hin, dass die Braut schwanger ist (zu jener Zeit undenkbar), sondern hebt die Fruchtbarkeit der Frau hervor. Ihre Unschuld und Reinheit symbolisieren  im Accessoire auch die merianischen Farben weiß und blau und zu ihren (verdeckten) Füßen ein kleines Hündchen als Symbol der erwarteten ehelichen Treue. Auf dem Dielenboden vor dem Bräutigam scheinbar achtlos hingelegte Holzpantinen sollen ausdrücken. dass der  Raum, in dem das Sakrament der Ehe gespendet wird, „heiliges Land“ ist. 

Dass es sich bei der Traustube um einen vermögenden Haushalt handelt, zeigen nicht nur am Rande Glasfenster zum Teil mit Butzenscheiben, sondern auch der von der Decke hängende aufwändig gestaltete Messing-Kronleuchter, allerdings nur mit einer brennenden Kerze, als ewiges Licht die Anwesenheit Gottes darstellend. Noch mehr verrät der runde Spiegel oben mittig zwischen den Brautleuten, konvex gemalt, mit einem Rahmen voller winziger Passionsszenen. der – in der Vergrößerung – das Paar von hinten in der Tiefe des Raumes zeigt, im Hintergrund ein üppig ausgestattetes Himmelbett und mit Blick auf weitere Personen im Türrahmen, Trauzeugen. Und darüber ein Signet des Künstlers, dass er 1434 diese Hochzeit erlebt hat.

Kitzing-Bretz bewies ihre Beobachtungsschärfe auch an anderen Gemälden des ,Jan van Eyck, die mit ihren faszinierenden Details sowie der Tiefe und Transparenz der Farben zum Charakteristikum der frühen niederländischen Malerei wurden. Höchst beeindruckend das Bild des Kanzlers Nicolas Rolin in frommer Gebetshaltung gegenüber der demutsvollen Madonna mit Kind, vor drei Arkaden, die den Blick frei geben auf ein vielschichtiges Stadtbild. Und natürlich van Eycks bekanntestes Werk, der monumentale dreiteilige Genter Altar von 1435, ein Meisterwerk der Feinmalerei, in der Domkirche Sankt Bavo in Gent.

Jan van Eyck wurde von Philipp auch in diplomatischer Mission auf Auslandsreisen gescheckt, so auch mit einer Delegation 1428, die in Philipps Namen um die Tochter König Johannes I., Isabella, anhielt; van Eyck malte die Infantin, damit sich sein Her ein Bild seiner zukünftigen Braut machen konnte. Jan van Eyck porträtierte bekannte Zeitgenossen, schuf auch vergoldete Statuen und dekorierte fürstliche Residenzen. Seine überlieferten Gemälden sind Glanzstücke und Anziehungspunkte in den größten Museen der Welt.

Auf- und Abbrüche im Leben von Hölderlin

Martin Uwe Schmidt gibt Einblick in das komplexe Wirken des Dichters

Hölderlin? Da gibt es die Hölderlinstraße – in mehr als 600 Gemeinden in Deutschland, darunter gut drei Dutzend im Heilbronner Umland, natürlich auch in Hölderlins Geburtsstadt Lauffen,wo es auch „Hölderlin im Kreisverkehr“ gibt, Objekt eines Kunstwerks des Bildhauers Peter Lenk (von 2003), der Hölderlin in Beziehung zu anderen Figuren darstellt – und natürlich das Hölderlinhaus.

(Johann Christian) Friedrich Hölderlin kam am 20. März 1770 in Lauffen zur Welt, also vor 250 Jahren. Grund für die „Jungen Senioren“, im Hölderlin-Jahr 2020 zu seinem 250. Geburtstag, mehr über diesen bekannten und doch unbekannten Dichter zu erfahren. Oberstudienrat  a.D. Martin Uwe Schmidt nahm sich der Aufgabe an, Hölderlins dramatischen Lebenslauf und seine schwer zugängliche Dichtkunst darzustellen. . Da er die Zuhörer/innen mit Hölderlins langen und komplexen Gedichten verschonen wollte, stieg er ein mit dem noch recht verständlichen „Heidelberg“. Das nächste Gedicht „Neckar“ begann und endete zwar mit einer Hymne an Hölderlins Heimat-Fluss, aber dazwischen gedankliche Ausflüge in die von ihm verherrlichte Welt der antiken Mythologie und der griechischen Götter, was sein Lebensthema war. 

Hölderlin stammte – wie Schmidt es ausdrückte – aus den gebildeten Kreisen schwäbischer Ehrbarkeit: Sein Vater war der herzogliche Klosterhofmeister in Lauffen, starb jedoch schon, als Friedrich zwei Jahre alt war. Seine verwitwete Mutter, deren Vater Pfarrer in Cleebronn war, heiratete zwei Jahre später den aus Nordheim stammenden Schreiber und Weinhändler Johann Christoph Gock, der Bürgermeister in Nürtingen wurde, wohin die Familie 1774 zog. In der Oberamtsstadt wuchs der junge Hölderlin in großzügigen Verhältnissen auf und besuchte die Lateinschule von 1775 bis 1784. Sein geliebter Stiefvater starb bereits 1779. Hölderlin absolvierte erfolgreich die evangelischen Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn (niederes und oberes Seminar), jedoch nicht mit großer Begeisterung. Es folgte das Studium an der Universität Tübingen (1788-1793), wo Hölderlin im Evangelischen Stift jahrelang in fruchtbarem philosophischem Austausch ein Zimmer mit Friedrich Wilhelm Hegel und Friedrich Wilhelm Schelling, den er bereits aus Nürtingen her kannte, bewohnte. Auch wenn Hölderlin die „Galeere der Theologie“,  insbesondere unter der pietistischen  Ausrichtung, nicht liebte, schloss er das Theologiestudium ab und erwarb einen Magister in Philosophie.. 

Da Hölderlin – zum Leidwesen seiner Mutter – keinesfalls Pfarrer werden wollte, musste er sich als Hofmeister, Hauslehrer für Kinder reicher Familien, verdingen. Seine erste Stelle hatte er ab Ende 1793 im Schloss Waltershausen im Grabfeld bei Charlotte von Kalb auf Vermittlung von Friedrich Schiller, mit dem Hölderlin in literarischen Kontakt gekommen war und der auch eine Reihe von Hölderlins Schriften in seiner Zeitschrift „Thalia“ veröffentlichte. Nach gut einem Jahr wurde im Januar 1795 das Anstellungsverhältnis einvernehmlich gelöst und Hölderlin zog nach Jena. Hier klappte es jedoch weder mit einer Verbindung zu Goethe, die unglücklich verlief, noch mit einem Studium,, so dass er zur Jahresmitte 1795 Jena verließ..

Ab Anfang 1796 dann Hauslehrer in Frankfurt bei Bankier Jacob Gontard bei sehr vorteilhaften Bedingungen. Bedeutsam wurde die Begegnung mit der Hausherrin Susette Gontard, mit der sich eine kunstsinnige und wohl auch Liebesbeziehung entwickelte, und die in Hölderlins Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ als die weibliche Hauptfigur Diotima, die Priesterin der Liebe in Platons „Gastmahl“, verewigt wurde. Als diese Beziehung des Hofmeisters ruchbar wurde, musste Hölderlin Ende September 1798 das großbürgerliche Haus verlassen. Hölderlin wurde von seinem langjährigen Freund und Förderer Isaak von Sinclair, inzwischen Regierungsrat in Homburg (Taunus), in der kleinen Fürstenresidenz als Bibliothekar übernommen, und hatte hier die Möglichkeit, heimlich mit Susette in Kontakt zu treten.

Im Juni 1800 kehrte Hölderlin wieder nach Nürtingen zurück, lebte zeitweise in Stuttgart und als Hauslehrer im schweizerischen Hauptwil (Kanton Thurgau), dann wieder in Nürtingen. Anfang 1802 reiste er zu Fuß nach Bordeaux, um Hauslehrer in der Familie eines reichen deutschen Weinhändlers und Konsul zu werden. Doch er hielt es nur wenige Monate dort aus und kehrte Ende Juni 1802 aus Frankreich in einem verwahrlosten und verwirrten Zustand nach Nürtingen zurück. Isaac von Sinclair holte Hölderlin 1804 noch einmal nach Homburg. Der republikanisch gesinnte Sinclair wurde Anfang 1805 auf Betreiben des Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg verhaftet und gegen ihn ein Hochverratsprozess angestrengt. Hölderlin galt zwar als Mitwisser, doch wurden die Ermittlungen wegen seines bedenklichen Gesundheitszustandes schnell eingestellt. Hölderlin wurde in Tübingen in das Authenrieth-Klinikum eingeliefert und nach siebenmonatiger Behandlung als psychisch Kranker als unheilbar entlassen. Zum Glück fand Hölderlin eine Bleibe bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer, der den Dichter bewunderte. 37 Jahr lang wurde Hölderlin in der legendären Turmstube von Familie Zimmer wohlwollend betreut, ehe er am 7. Juni 1843 friedlich einschlafen durfte und seine Grabstätte im Tübinger Stadtfriedhof fand.

„Eine Kunst, die dem Leben nachlauscht“

Dekan Christoph Baisch über Ernst Barlach zu seinem 150. Geburtsjahr

Start des neuen Programms 2020/21 der „Jungen Senioren Heilbronn“ im Großen Saal des Hans-Rießer-Hauses – in der Coronazeit unter veränderten Bedingungen: Nur ca. 33 Personen, nach telefonischer Anmeldung unter 07131 964431 (Dienstag und Mittwoch Vormittag), an festen Tischen platziert, nach Referat Kaffee und Gebäck serviert, Beachtung der Hygiene-Vorschriften. 

Ein gelungener Beginn mit dem Heilbronner Dekan Christoph Baisch, der über Leben und Wirken des expressionistischen Künstlers Ernst Barlach anlässlich seines 150. Geburtsjahres referierte. Ernst Barlach wurde am 2. Januar 1870 in Wedel (bei Hamburg) als ältester von vier Söhnen des Arztes Georg Barlach (1839-1864) geboren, verlebte seine Kindheit in Schönberg (Mecklenburg) und Ratzeburg (Holstein). Nach Kunststudium in Hamburg und Dresden sowie zweijährigem Aufenthalt in Paris arbeitete er ab 1897 als freischaffender Künstler, ohne großen Erfolg, so dass er  vorübergehend eine Lehrtätigkeit an einer Keramik-Fachschule im Westerwald aufnahm. 

Wie Baisch darlegte, kämpfte zu jener Zeit Barlach mit Existenzsorgen und Selbstzweifeln. Da erschien ihm 1906 eine achtwöchige Reise nah Russland mit seinem Bruder Nikolaus zu seinem dort ansässigen Bruder Hans als Ausweg. Tatsächlich bedeuteten – so Baisch – die Eindrücke in Russland für Barlach einen Neubeginn für sein künstlerisches  Schaffen, beeinflussten die künftige Gestaltung seiner Skulpturen, Druckgrafiken und kleinformatigen Plastiken. Er fand in Russland die Symbolik einer verblüffenden Einheit von Innen und Außen: „So sind wir Menschen alle Bettler und problematische Existenzen im Grunde“.

Wie Baisch herausstellte, wurde Barlach in jenem Jahr auch damit konfrontiert, dass er Vater geworden war, aus einer kurzen Beziehung mit der Näherin Rosa Schwab, die ihm auch Modell gestanden hatte. In zweijähriger teurer Auseinandersetzung kämpfte er um das Sorgerecht seines Sohnes Klaus, der erst einmal bei Barlachs in Güstrow wohnenden Mutter unterkam, während Barlach 1909 ein mit dem Villa-Romana-Preis verbundenes Stipendium in Florenz annahm. Inzwischen hatte Barlach seine  künstlerische Existenz weitgehend absichern können, da der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer Barlachs Arbeiten für ein festes Gehalt übernahm. Zudem lernte er das Bildhauer-Ehepaar Bernhard und Marga Böhmer kennen, das ihn unterstützte. Das ging so weit, dass sich Marga Böhmer 1927 scheiden ließ und Barlachs Lebensgefährtin bis zu seinem Tod wurde und später seinen Nachlass verwaltete. Dank der Hilfe von Bernhard Böhmer (der wieder heiratete) konnte Barlach in  Güstrow ein ansehnliches Atelierhaus am Inselsee beziehen, das heute die Zentrale der 1994 gegründeten Zentrale der Ernst-Barlach bildet.

In der Darstellung von Barlachs Kunst war Baisch eingestiegen mit einem Bild  von „Der Schwebende“,  1927 im Güstrower Dom entstanden, eine an Ketten vom Gewölbe über ein Gitter  hängende Bronzegestalt. „Geschlossene Augen und geschlossener Mund, nach innen gewandt, Schwere und Schmerz ausdrückend, symbolisch zwischen Leid und Erlösung, Erde und Himmel,“ so Baisch. Doch dieses „Güstrower Ehrenmal“ wurde schon zehn Jahre danach entfernt und später „für Kriegszwecke“ eingeschmolzen. Glücklicherweise hatten Freunde den Originalguss retten können, so dass „der Schwebende“ 1953 wieder seine Bestimmung im Dom zu Güstrow und eine Zweitausfertigung in der Kölner Antoniterkirche finden konnte.

Barlachs Werke entsprachen nicht dem nationalsozialistischen Zeitgeist und trafen auf vielfache Anfeindungen. Dabei hatte Barlach noch freudig den Kriegsbeginn 1914 begrüßt und sich auf den Felddienst gefreut. Doch schon nach wenigen Monaten hatte er zu viel Schlimmes erlebt, litt an den Leiden der Frontsoldaten und wurde im Februar 1916 „als Künstler“ entlassen. Doch seine Formgebungen stießen immer mehr auf offizielles Missfallen: Die von Baisch aufgezeigte  Darstellung einfacher Menschen mit ihren Lebensverhältnissen und ihrer Befindlichkeit, so „der blinde Bettler“.“ russische Bettlerin“, „der Einsame“, „die tanzende Alte“, „drei singende  Frauen“, „der singende Mann“ – Gestalten, wo Gewand und Körper regelrecht miteinander verschmelzen; sie galten als undeutsch und fremdrassig. Noch schlimmer die Kritik an dem Kieler Ehrenmal „Schmerzensmutter“ (1922) und die anderen Ehrenmale für Kriegsopfer in Magdeburg (1929) und Hamburg (1931), die von den Nazis entfernt wurden. Über 400 Barlach-Werke wurden als entartete Kunst aus öffentlichen Sammlungen verbannt und Barlach 1937 mit Ausstellungsverbot belegt. Barlach starb am 24. Oktober 1938 in einer Rostocker Klinik an Herzinfarkt und wurde in der Familiengrabstätte in Ratzeburg begraben, geziert von der Skulptur „der singende Klosterschüler“ (1931). 

Wie Baisch erläuterte, verkörperte Barlach „eine„Kunst, die dem Leben nachlauscht“, festgemacht an dem bekannten „Fries der Lauschenden“ (1935)  mit neun Holzfiguren. Auch wenn Barlach nicht unbedingt als christlicher Künstler anzusehen sei, so habe er doch als Dichter in Dramen das Gute und  Böse thematisiert, Glaube als Wohltat und Glück, das Ringen mit Gott: „Ich habe keinen Gott. aber Gott hat mich.“

Veranstaltungsreihe 2020/21 beginnt

Die Jungen Senioren zu Corona-Zeiten:

Normalerweise steht jeder Nachmittag unter einem abgeschlossenen Thema. Versierte Referent*innen halten einen Vortrag über 40 bis 45 Minuten. Danach gab es die letzten 30 Jahre eine Kaffeepause, in der das Gehörte in kleiner Runde diskutiert werden konnte. Nach einer anschließenden Fragerunde an den Referenten / die Referentin wurde die Veranstaltung in der Regel gegen 16:30 Uhr beendet.

Wie wir es in diesem ‚Corona-Jahr‘ detailliert handhaben werden, können wir leider erst kurzfristig mitteilen, da wir die Entwicklung der Pandemie abwarten müssen. Der momentane Stand der Dinge ist, dass wir deutlich weniger Zuhörer*innen haben können, diese sich zuvor anmelden müssen und wir trotz steigender Unkostenbeiträge unseren kulinarischen Pausensnack reduzieren müssen.

Aber wir starten zuversichtlich ins neue Semester und freuen uns auf alle unsere Referent*innen, die uns von Neuem eine interessante Vortragsreihe bieten werden.

Bitte achten Sie gegen Ende September auf unsere Veröffentlichungen in der Heilbronner Stimme oder fragen Sie nach den neuesten Entwicklungen an per mail (sonja.albrecht@diakonie-heilbronn.de) oder per Telefon 07131 9644 31.

Wir freuen uns auf Sie!

Denen helfen, die durch das Raster fallen – Alexandra Gutmann über Entwicklung und Dienste der „Mitternachtsmission“

BILD 2020-03-09 Alexandra Gutmann - Mitternachtsmission Heilbronn

Alexandra Gutmann (Foto: privat)

Internationaler Frauentag am Sonntag, 8. März 2020: Aus diesem Anlass fand wie gewohnt im Bundestag eine parlamentarische Debatte statt, bei der es generell um Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen ging, aber auch um einen Aufruf zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und zum Ausbau von Frauenhäusern und besseren Opferschutz. Gerade diese Thematik bestimmte die Veranstaltung der „Jungen Senioren“ am Tag nach dem Frauentag im Hans-Rießer-Haus mit Alexandra Gutmann,, der Leiterin der „Mitternachtsmission“ in Heilbronn, 

Mitternachtsmission! Die Mitternachtsmission hat zweifellos christliche Wurzeln, hat jedoch mit Mission im herkömmlichen Sinn nichts zu tun, vielmehr damit, Menschen in mehr oder weniger ausweglosen Lebensverhältnissen – „die durch das Raster fallen“ – wieder in geordneten Bahnen zu verhelfen. Angefangen hatte das damit, dass 1955 die erste Leiterin Schwester Knapp ihren diakonischen Auftrag darin sah, Frauen, die sich nach Kriegsende in Heilbronn prostituiert hatten, aufzusuchen und zu begleiten. Zu dieser Zielgruppe kamen über die Jahre chronisch abhängige sowie straffällige Frauen dazu.1979 wurde das Frauen- und Kinderschutzhaus unter der zweiten Leiterin Schwester Marianne Wienand eröffnet. 

Als dann der personelle Wechsel anstand, übernahm Anfang 2000 die aus Südbaden stammende 30jährige Diplom-Sozialarbeiterin Alexandra Gutmann, die bereits fünf Jahre lang Schwester Wienand zur Seite gestanden hatte, die Abteilungsleitung der diakonischen Einrichtung, die – um die mit dem Namen Mitternachtsmission verbundene Assoziation zum Rotlichtmilieu eine Stigmatisierung der begleiteten Frauen zu vermeiden – ab 1975 den übergeordneten Begriff „Beratungsstelle für Frauen“ trug. Seit Dezember 2016 wurde für die heute sehr vielfältigen Dienste der ursprüngliche Namen Mitternachtsmission wieder eingeführt. Laut Gutmann beschreibt der Begriff Mitternachtsmission den biblischen Auftrag von der Vermittlung der christlichen frohen Botschaft und die Sendung von Gott zu den in Not geratenen Menschen und ihnen gegebenenfalls auch um Mitternacht zu helfen. Neben dieser sozialmissionarischen Ausrichtung gelte für alle Arbeitsbereiche die drei im Logo verankerten Grundsätze „Beziehungsorientierung, Niederschwelligkeit, Professionalität“.

Alexandra Gutmann informierte in rhetorisch sympathischer und in mitreißender Weise von der Betätigung in den vielfachen problematischen Arbeitsfelder der Mitternachtsmission, die von einem „bunten engagierten Team“, von dem zwei junge Personen anwesend waren, getragen wird. Zentrale Anlauf- und Beratungsstelle ist ein Haus in der Steinstraße 8, „nächtlich beleuchtet von dem angrenzenden Gefängnis“, mit psychologischer, seelsorgerlicher und psychosozialer Beratung sowie Erziehungs- und Suchtberatung.

Nach wie vor gibt es „Mitternachtsmission klassik“ als eine von fünf Arbeitsbereichen. Gutmann: „Wir suchen die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten – auch mit einem Kontaktmobil – da auf, wo ihr Lebensmittelpunkt ist.“ In der Szene, auf dem Straßenstrich, im Zuhause, im Rotlicht, in Bars und Terminwohnungen, aber auch im Obdachlosen- oder Flüchtlingsheim. Natürlich gebe es auch junge und älter gewordene Frauen, die das vermeintlich leicht verdiente Geld im Sexgeschäft gesucht haben und nicht mehr davon wegkommen. Gutmann berichtete aber auch von Prostituierten, die aus osteuropäischen oder afrikanischen Ländern mit allerlei Versprechungen nach Deutschland gelockt worden sind und hier in die Prostitution gezwungen wurden. Sie werden ebenso in völliger Abhängigkeit gehalten wie aus Flüchtlingsheimen rekrutierte „Liebedienerinnen“. Da ist es schwer, für sie „einen Ausstieg in einen Einstieg“ zu finden.

Verstärkt – mit steigenden Fallzahlen – hat die Mitternachtsmission Zugang zu von häuslicher Gewalt Betroffenen. Gewalt gegen Frauen nehme leider in unserer aufgeklärten Gesellschaft eher zu oder Gewalterfahrung werde öfter bekannt, beobachtete Gutmann. Das ziehe sich durch alle soziale Schichten und Kulturen hin. Alle drei Tage stirbt in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. Damit es nicht so weit komme, gehe es darum, von Gewalt bedrohten Frauen – meist infolge von Trennungsabsichten – einen sicheren Schutzraum zu bieten. In einem neuen Konzept werde am Standort der Beratungsstelle ab 2022 ein Frauen-und Kinderschutzhaus für schutzbedürftige nicht hochbedrohte Frauen entstehen. Außerdem werde es anonyme Schutzunterkünfte für hochbedrohte Frauen und Kinder aus Sicherheitsgründen an stetig wechselnden Standorten geben. Die Mitternachtsmission ist darüber hinaus eine landesweit tätige Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel mit dezentral geschützten Unterkünften.

Als lokal sehr sinnvoll und wichtig haben sich zwei weitere Arbeitsbereiche ergeben: „Südstadtkids“ und „Nordstadtkids“: In der Heilbronner Südstadt die Einbindung von jährlich bis zu 300 Kindern aus prekären Lebenssituationen in vielfältigen aufbauenden Angeboten, In der Nordstadt mobile Betreuung von bis zu 200 Kindern aus Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünften im Kiosk am Industrieplatz, an einem Standort in der Kleiststraße und bei umliegenden Spielplätzen. Gutmann: „Wir helfen ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen, konstruktives Denk- und Sozialverhalten zu erlernen und eigene Talente zu entwickeln – mit Empathie und Gottvertrauen.“