Archiv der Kategorie: 2012-13

Als Christ in der Politik in steter Gratwanderung – Staatssekretär Ingo Rust ist durch Glauben geprägt und kirchlich engagiert

Veranstaltung am 29. April 2013

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Staatssekretär Ingo Rust (Foto: privat)

Dass man „als Christ in der Politik“ erfolgreich und glaubwürdig sein kann, davon überzeugte Ingo Rust die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Abschluss der Veranstaltungsreihe 2012/13.  Rust ist seit zehn Jahren Landtagsabgeordneter und seit 13 Monaten Staatssekretär für Wirtschaft und Finanzen und damit Stellvertreter des Ministers – und jüngstes Kabinettsmitglied.

Mitenscheidend für Ingo Rusts Lebensweg war die Konfirmation, die ihn für Christsein und mitmenschliches Engagement öffnete. Seine kirchliche Aufgeschlossenheit fiel dem Gemeindepfarrer auf, der ihn zum Hauskreis für jüngere Menschen im Pfarrhaus einlud. Alsbald steig er in die evangelische Jugendarbeit ein, gründete einen Jugendbibelkreis, half mit im Konfirmandenunterricht und leitete eine Reihe von Jugendfreizeiten. „Wer das bewältigt hat, ist auch anderen Aufgaben und Herausforderungen gewachsen“, meint Rust in Erinnerung an diesen frühen Verantwortungsstress. Gleichzeitig befasste sich Ingo mit Taubenzucht und spielte Fußball.

Ingo Rust absolvierte die Realschule in Ilsfeld und das Technische Gymnasium in Heilbronn. Er war Schülersprecher und in der Schülermitverwaltung. Erstmals mit der Politik in Berührung kam er durch die Organisation von Schülerprotesten gegen die Kürzung von Fahrkostenzuschüsse. Bildungsgerechtigkeit blieb seitdem für ihn ein Anliegen. Nach dem Wehrdienst studierte er an der Fachhochschule Esslingen und erhielt als Maschinenbauingenieur einen Lehrauftrag für Produktionsmanagement und gab schließlich seine Doktorarbeit zugunsten des Regierungsamts auf,

Sein Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit bracht dem 1996 in die SPD eingetretenen Ingo Rust die Anfrage, für den Gemeinderat zu kandidieren, und so wurde er mit 21 Jahren jüngster Gemeinderat in der Heilbronner Kreisgemeinde Abstatt, seiner Heimatgemeinde, wo er am 17. Januar 1978 geboren wurde (bzw. im Heilbronner Gesundbrunnen) und der er stets treu geblieben ist. Landtagsabgeordneter Wolfgang Bebber wurde auf den Jungspunt aufmerksam, machte ihn zu seinem Zweitkandidat, und als er 2003 sein Landtagsmandat aufgab, rückte Ingo Rust nach und war jahrelang jüngster Landtagsabgeordneter. Bereits 2006 avancierte zum Vorsitzenden des Finanzausschusses, und nach dem Regierungswechsel kam dann das Kabinettsamt auf ihn zu.

Rust: „Ich habe mich nie um ein Amt bemüht, das hat sich alles von selbst ergeben“ Wohl folgerichtig in Anerkennung seines vorangegangenen Engagements. Ingo Rust sieht sich in dieser Hinsicht von Gott begleitet und gelenkt und vertraut auf Gottes Plan. Er glaubt, dass er mit seinen Ämtern auch die Kraft erhält, sie gebührend auszuführen, so etwa  bei seiner ersten Rede als Parlamentsneuling zu Studiengebühren, bei seiner Berufung zum Vorsitzenden des wichtigsten Landtagsausschusses oder zum Staatssekretär mit höchst umfangreichen Verantwortungsbereichen: vom Denkmalschutz über landeseigene Gebäude, Städtebauförderung, Landesbeteiligungen, Mittelstandspolitik und Kammern bis zu den 70 Finanzämtern mit 20 000 Finanzbeamten.

Rust zitiert eine Reihe von Bibelstellen, die ein Engagement von Christen in Gesellschaft und Politik nahelegen. Sollen man sich also als Christ in der Politik betätigen? „Man“ soll nicht, sondern jeder soll sich nach seinen Gaben einbringen, in die Gesellschaft und für andere. Rust sieht sich nicht als christlicher Politiker („christlich ist schon im Namen einer anderen Partei vertreten“), sondern als Christ in der Politik, der sein Christ-Sein nicht als Aushängeschild trägt, sondern lebt. Rust war jahrelang kirchenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, gründete den Gebetsfrühstückskreis des Landtags, in dem sich allmonatlich bis zu 40 Abgeordnete aus allen Fraktionen zu Frühstück, Andacht bzw. Besinnung und Gebet treffen. Im Ehrenamt ist der junge Vater Vorsitzender des Kirchengemeinderats Abstatt sowie Vorsitzender der Kirchenbezirkssynode Marbach.

Rust kann ausführlich die gewachsenen Beziehungen von Staat und Kirche begründen, vom Gottesbezug in der Verfassung bis zum Kirchenstaatsvertrag und der gegenseitigen Unterstützung im Sozialbereich. Als Christ in der Politik sieht sich Rust in einer permanenten Gratwanderung, gerade wenn es um ethische Fragen geht, generell im Spannungsfeld von Herausforderung und Hoffnung, empfindet seine Glaubensverankerung aber auch als Standortvorteil. Rust:“Und betet zum Herrn für sie, die Verantwortung tragen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche.“

Bäume und Menschen haben vieles gemeinsam – Eine spirituelle Waldführung am Jägerhaus mit einem Förster-Ehepaar

Veranstaltung am 22. April 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

„Lehrmeister Wald: uralt und unsagbar weise“. Unter diesem Themenanspruch stand eine alternative und spirituelle Waldführung mit der Heilbronner Stadtförsterin Dr.Gunda Maria Rosenauer und dem Untergruppenbacher Revierförster Jörg Kuebart. An die 100 „Junge Senioren“ folgten dieser Einladung zum Heilbronner Jägerhaus.

Just zu dieser Themenführung stand auf dem Kalender ein weltweiter Aktionstag: Der „Tag der Erde“, der seit 1990 alljährlich am 22. April in 175 Länder begangen wird und die Wertschätzung für die natürliche Umwelt stärken soll. Eine – unausgesprochen – bessere Vorgabe hätte es für Försterin Rosenauer, die auch Diplom-Pädagogin und sowieso vielseitig ausgebildet und erfahren ist, nicht geben könnnen. Sie machte gleich eingangs Parallelen zwischen Bäumen und Menschen deutlich : „Die Herkunft, der Untergrund, ist entscheidend.“

Es gibt nun mal unterschiedliche Voraussetzungen für Entstehung und Heranbildung. Jede Baumart hat andere ideale Standorterfordernisse hinsichtlich Boden- und Umweltbedingungen. Die Buche braucht mehr Schatten, die Eiche mehr Licht, braucht Platz zum Wachsen. Eichen sind Pfahlwurzler, Fichten Flachwurzler. Aber alle Bäume müssen gut verwurzelt sein,um sich voll ausbilden zu können, wobei das Verhältnis von Wurzeln und Kronen in etwa entsprechend ist. Es bedarf der Geduld, wenn Bäume heranwachsen, und sie wachsen ihr Leben lang,  reagieren flexibel auf die Wechselfälle, haben je nach Jahreszeit Stillstands- bzw. Erholungsphasen und erneuern sich ständig, Verletzungen werden „überwallt“, doch gibt es auch Wunden, an denen sie zugrunde gehen.

Die Natur, darauf machte die Försterin besonders aufmerksam, nimmt zuerst – Wasser, Nähstoffe, Sonne – , bevor sie gibt. Und dann kann sie großzügig sein, verschwenderisch. So können von einer  Eiche 40 000 Eicheln abfallen. Bäume leben einzeln, und doch in der Gruppe des Waldes. Der sich gegenseitig beeinflussende Lebensraum ist die Gemeinschaft – für Bäume und Natur wie für die Menschen. Jeder Baum ist für den Wald wertvoll, sei es ein Solitär- oder Pionierbaum oder ein kranker oder umgestürzter Baum. Gerade vermeintlich minderwertiges und kaputtes Holz bietet Heimat für unzählige Lebewesen, Nestbauer und Höhlenbewohner aller Art.

„Das Ökosystem Wald“ beinhaltet einen vernetzten Stoffkreislauf mit verzwickten Nahrungsketten“, erläuterte Förster Kuebart. Bei jeder Buche und Eiche sind hunderte von Käferarten angesiedelt. Die in den Rinden und von den Blättern lebenden Insekten sind unverzichtbare Nahrung für Vögel. Die toten Teile des Waldes dienen vielen Tieren und Pflanzen – Pilzen und Bakterien vor allem – zur Ernährung. Flechten sind Lebensgemeinschaften von Algen und Pilzen. Assimilation und Dissimilation ergänzen sich, halten den Energiefluss im Gang. Zersetzungen sind unentbehrlich für die Mikrowelt des Bodens, in dem pro Quadratmeter Milliarden Mikroorganismen leben und „schaffen“, auch tausende Arten von Milben.

Die Waldführung erstreckt sich auf Teile des Heilbronner Walderlebnispfades, wobei  nicht alle der 17 Stationen der 4 km langen Strecke berührt wurden, wohl aber das in mühevoller Kleinarbeit geschaffene Labyrinth und das attraktive Vogelorgel-Rad, das die Stimmen der Vögel unserer Wälder erklingen lässt, bis hin zu dem in einer Baumscheibe verewigten Plinius-Wort: Die Bäume und der Wald sind das höchste Geschenk, das die Erde den Menschen bietet. Bei so viel Waldmystik durfte ein kultischer Tanz um Bäume bei sphärischer Musik nicht fehlen – ein etwas schwieriges, aber verbindendes Unterfangen bei so vielen Teilnehmer/innen: mit je vier Schritte seitwärts, nach vorn und zurück und Hin- und Herwiegen. Abschluss dann bei Kaffee und Kuchen im Waldhaus.

Hier stand das Försterehepaar für Fragen bereit: Nachhaltigkeit steht im Vordergrund der Bewirtschaftung der Reviere. Beide legen Wert darauf, dass weniger Nutzholz eingeschlagen wird als zuwächst und dass fünf Prozent der Fläche frei gehalten wird für „natürlichen Wald“, der sich selbst überlassen bleibt.Zum Schluss gab Kuebart das muntere Heinz-Erhard-Gedicht von der Made zum Besten und Rosenauer einen ernsten Witz: Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen, du siehst aber schlecht aus. Entgegnet der, das ist kein Wunder, ich habe Homo Sapiens. Meint der erste, das ist nicht schlimm, das habe ich auch mal gehabt, das vergeht.

Der Naumburger Meister und seine Meisterwerke – Prof. Udo Kretzschmar vermittelte die Kunstfiguren des heimlichen Waldensers

Veranstaltung am 15. April 2013

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Adelheid von Burgund des Naumburger Meisters (Foto: wikipedia commons/von user: Kolossos)

Eine besondere Kirchenführung und kunstgeschichtliche Betrachtung erlebten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus bei einem virtuellen Besuch des Naumburger Doms St. Peter und Paul, der zu den wertvollsten Baudenkmälern Europas gehört. Naumburg gab den Namen für den „Naumburger Meister“, einen namentlich nicht bekannten Steinbildhauers des 13. Jahrhunderts, der im Naumburger Dom die wohl bedeutendsten Kunstwerke des europäischen Mittelalter schuf.

Darüber berichtete Prof. Udo Kretzschmar, in einem anspruchsvollen Vortrag, technisch optimal  mit jeweils passenden Bildern hinterlegt von Prof. Franz-Josef Leven. Kretzschmar, der Gründer und langjähriger Direktor des Heilbronner Lehrerseminars war, und Leven hatten zuletzt 2011 den Naumburger Dom bei der de Naumburger Meister gewidmeten  Landesausstellung besucht. Kretzschmar wies eingangs darauf hin, dass das 13. Jahrhundert mit Nibelungenlied, Parzifal und Tristan und Isolde verbunden ist, aber auch eine Zeit des Umbruchs war. Der Niedergang der königlichen Macht führte zum Ausbau von Landesherrschaften, so auch an der Saale, wo wohl der Naumburger Domherr die Verbindung zu jenem überragenden Künstler aufnahm, der der um 1240 für den Mainzer Dom tätig war. Offenbar hatte dieser die hochgotische Reliefkunst im Nordfrankreich erlernt und war mit seinem Werktrupp über Amiens, Noyon, Reims und Metz – in den dortigen gotischen Kathedralen lassen sich seine Spuren nachweisen – nach Mainz gekommen. Dort schuf er für den Westlettner u.a. ein Reiterbildnis, das die Legende der Mantelteilung des heiligen Martin von Tours mit dem Bettler darstellt, berühmt geworden als „Bassenheimer Reiter“, denn als 1683 der Westlettner abgebrochen wurde, ließ der damalige Domherr das Relief über dem Seitenaltar der Pfarrkirche seines Heimatorts Bassenheim (bei Koblenz) anbringen.

Für Kretzschmar spricht vieles dafür, dass der Naumburger Meister ein heimlicher Waldenser, Schon Ende des 12. Jahrhunderts war es zum Aufbruch vitaler Armuts- und Predigtbewegungen gekommen, die – wie die Waldenser – den kirchlichen Heilsanspruch unterliefen, weil sie ohne kirchliche Genehmigung das Evangelium auslegten.  Die Waldenser, die wie die Urchristen in Armut lebten, waren jedoch kaum greifbar, weil sie ohne Organisation und Leitung auskamen.Als kirchliche Gegengewichte entstanden in jener Zeit die Bettlerorden Franziskaner und Dominikaner. Das Werk des Meisters vornehmlich in Naumburg weist denn auch einen vorreformatorischen protestantischen Charakter, auf. Das zeigt sich an der eindrucksvollen Ansammlung von Stifterfiguren um Westchor – das Fehlen von Heiligenfiguren in einem sakralen Raum.

In den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts wurden von dem Naumburger Meister und seiner Künstlerwerkstatt zwölf lebensgroße Standbilder der etwa 200 Jahr vorher verstorbenen Dom-Stifter dargestellt, zum Teil inschriftlich bezeichnet: Im Chorbogen ein Quartett mit dem Grafen Dietmar, dem Richter Syzzo, dem Domherrn Wilhelm und dem Grafen Thimo. Im Übergang zum Chorquadrat folgen die Hauptstifter-Ehepaare Hermann und Riglindis sowie Ekkehard und Uta. Das Chorquadrat bilden dann ein Konrad, Gräfin Gerburg (Inbegriff des Frauenideals im Zeitalter des Minnesangs), deren Gatten Dietrich (Bruder von Wilhelm) und Brechta. Kretzschmar berichtete über die Schicksale, die sich hinter diesen ersten individuellen Menschenbildern verbergen und interpretierte deren Ausdruck, insbesondere der beiden so unterschiedlichen Brüder Ekkehard und Hermann und ihrer Gemahlinnen, der aristokratischen Markgräfin Uta, stolz, kühl und anmutig, und der resoluten, lebensfrohen Reglindis. Kretzschmar: „In ihren Gesichtern spiegeln sich Schuld und Verrat , Macht, Geld und Gewalt, Gnadenfürbitte, Verzweiflung und Melancholie wider.“

Als der Westchor baulich an den spätromanischen Dom angeschlossen wurde, entstand der Westlettner, der – einzigartig in der Kunstgeschichte – nicht eine Trennschranke zwischen dem Raum des Profanen und dem Allerheiligsten (der Geistlichkeit) darstellt, sondern eine Pforte zum Chor der Stifter: Man geht unter den ausgebreiteten Armen der leidenden Christusfigur (im dreiarmigen Kreuz der Waldenser) hindurch, vorbei an den seitlichen Figuren der Maria und  Johannes des Täufers. An der Brüstung der Lettnerbühne sind Reliefs mit Darstellungen des Passionsgeschehens angebracht, „weniger sakramental als realistisch“, so Prof. Kretzschmar.

Hedwig Heuss war jahrelang die First Lady – Annette Geisler vom Stadtarchiv würdigte unbekanntere Heilbronnerinnen

Veranstaltung vom 8. April 2013

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Annette Geisler, Stadtarchiv Heilbronn (Foto: Rolf Gebhardt)

Heilbronner Frauen? Da fällt einem auf Anhieb fast automatisch das „Käthchen von Heilbronn“ ein. Doch diese Kleist-Figur hat ja eigentlich nichts mit Heilbronn zu tun. Dabei gab es in der jüngeren Geschichte Heilbronns genügend Heilbronnerinnen mit interessanten Lebensschicksalen, die – auch wenn sie weithin nicht so bekannt (geworden) sind – es verdient haben, öffentlich bekannt(er) gemacht zu werden. Annette Geisler, Bibliothekarin beim Stadtarchiv Heilbronn, befasst sich seit längerem mit der Erforschung Heilbronner Frauenbilder und präsentierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Reißer-Haus einen bunten Strauß Heilbronner Frauenpersönlichkeiten.

Annette Geisler begann mit einer Frau Heuss. Aber sie meinte nicht jene Elly Heuss-Knapp, die 44 Jahre lange die Ehefrau des Journalisten, Politikers und ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss war und die auch einem Heilbronner Gymnasium ihren Namen gegeben hat. Es geht um Hedwig Heuss, die Frau des älteren Bruders von Theodor Heuss, Ludwig Heuss (1881-1932): Dieser hat die 1883 in Reutlingen geborene Hedwig 1908 geheiratet. Er selbst war Stadtarzt und Schularzt in Heilbronn, wo auch Hedwig Heuss die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte. In ihrem Haushalt hat sich auch Theodors Heuss`einziger Sohn, Ernst Ludwig (1910-1967), oft aufgehalten; Hedwig hatte auch einen Sohn: Conrad Heuss (1914-45). Als Arzt-Gattin war die gelernte Krankenschwester Hedwig stark sozialfürsorgerlich engagiert. So stellte sie den Heilbronner Frauenverein auf die Beine, der sich dafür einsetzte, dass Heilbronner Müttern ausreichend spendenfinanzierte Milch in sterilisierte Form zur Verfügung gestellt wurde. Denn die damals hohe Kindersterblichkeit – 38 Prozent in Böckingen – wurde vielfach auf verdorbene Milch zurück geführt. Sie setzte sich auch mit ein für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für minderbemittelte Frauen; so wurden im I. Weltkrieg Uniformmäntel zum Ausbessern nach Heilbronn gebracht

Interessant: Hedwig war länger „First Lady“ als Elly, denn nach deren Tod am 19. Juli 1952 nahm Theodor Heuss seine Schwägerin als offizielle Begleitung in seiner Amtszeit (1949-1959) mit aufs diplomatische Parkett, wo die „lebenskluge uneitle“ Frau auch mit der Königin von England und dem Kaiser von Äthiopien zusammen kam. Und sie übernahm auch ganz selbstverständlich den Vorsitz im von Elly 1950 gegründeten und geleiteten Muttergenesungswerk.

Theodor Heuss, war der erste, der nach dem Krieg die Ehrenbürgerschaft der Stadt Heilbonn bekam, übrigens zeitgleich mit dem ersten Innenminister des Landes, Fritz Ulrich (1888-1969). Ulrichs Frau Berta stammte auch aus Reutlingen (1890 geboren), war dort Direktrice. Auch sie stand ihrem Mann stets couragiert zur Seite, insbesondere während seiner von den Nazis erzwungenen Zeit als „tausendjähriger Wengerter“, so mit einem Nähbedarfsgeschäft. Wie Geisler erkundete, veröffentlichte Berta Ulrich bereits 1939 eine regelrecht revolutionäre Schrift, „Der menschliche Weg“, in der sie postulierte, dass Kinder Aufziehen eine gesellschaftliche Aufgabe sei und man die Menschen ab 55 Jahre von Erwerbsarbeit freistellen sollte, damit sie ihre Talente anderweitig einbringen könnten.

Dann Wilhelmine Mayer, Tochter des Stadtschultheißen, seit 1842 die Frau des berühmten Heilbronner Arztes Dr. Robert Mayer (1814-1878), dem Entdecker physikalischer Grundgesetze. Laut Geisler war die Arztfrau, die sieben Kinder das Leben schenkte, ihrem Mann in allen Stürmen des Lebens eine getreue Stütze, insbesondere seitdem er (ab 1850) immer wieder von Depressionsanfällen heimgesucht wurde.

Schließlich Victoria Wolff (1903-1992), wohlsituierte Tochter des Lederwarenfabikanten Victor und Cousine von Albert Einstein. Sie war erst mit dem Heilbronner Textilfabrikanten Dr. Alfred Max Wolf verheiratet, im Exil in den USA mit Dr. Erich Wolff. Als Drehbuchautorin und Schriftstellerin kam sie in Kalifornien zu großem Ansehen, besuchte nach 1949 auch immer wieder Heilbronn.

Die erste junge Frau, die in Heilbronn Abitur machte, war laut Geisler die 1886 geborene Lina Marquardt, deren Eltern durchsetzten, dass Lina 1907 „unspektakulär“ am Karlsgymnasium Abitur machen konnte; sie wurde später Medizinerin und Bildungspropagandistin.

Annette Geisler hat noch zahlreiche weitere Heilbronnerinnen würdigen können.

Genialer Mechaniker: Pfarrer Philipp-Matthäus Hahn – Junginger sprach über den Erfinder von Waagen und astronomischen Uhren

Veranstaltung vom 25. März 2013

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Doppelglobusuhr nach einem Entwurf von Philipp Matthäus Hahn um 1785 (Foto von Flominator (Diskussion) (Eigenes Werk) via Wikimedia Commons)

Wenn von schwäbischen Tüftlern die Rede ist, dann darf einer keineswegs vergessen werden – der Pfarrersohn und Theologe Philipp-Matthäus Hahn, der Erbauer von astronomischen Uhren, Waagen und Rechenmaschinen. Über diesen genialischen Menschen – Mathematiker, Erfinder und Pfarrer – referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, Pfarrer i.R. Martin Junginger aus Weinsberg – auf schwäbisch.

Am 26. November 1739 in einem Pfarrerhaushalt in Scharnhausen auf den Fildern geboren lernte Philipp-Matthäus Hahn von seinem Vater und Großvater wohl mehr als in der Schule. Schon als Zehnjähriger interessierte er sich für Sternenkunde, und mit 13 Jahren baute er seine ersten Sonnenuhren. Das Landexamen blieb ihm ebenso verwehrt wie das Tübinger Stift. Die Strafversetzung seines Vaters nach Onstmettingen auf der Balinger Alb – einem entlegenen, armen Landstrich – wurde für den damals 17Jähigen insofern zu einem regelrechten Glücksfall, als er hier den gleichaltrigen Schulamtsprovisor Gottfried Schaudt traf, um die kärglichen Einnahmen eines Dorfschulmeisters aufzubessern, ein Handwerk, die Uhrmacherei, erlernte. Gemeinsam konstruierten die beiden Technik-Begeisterten Sonnen-, Mond- und Sternenuhren.

Im Jahr darauf konnte Hand schließlich ein Theologiestudium an der Uni Tübingen aufnehmen, allerdings als armer Stadtstudent mit Kost und Logis bei einem Handwerker. „Ein Hungerleben für den jungen Hahn“, wie Junginger darlegte. Mit dem Einbau einer Sonnenuhr am Balinger Kirchturm verdiente er erstmals eigenes Geld. Mit einem Teil davon kaufte er sich eine alte Taschenuhr, um sie zu zerlegen und zu untersuchen. Immerhin war er mit 20 Jahren Magister der Theologie. Zeitweise war er auch Vikar bei Dekan Friedrich Christoph Oetinger in Herrenberg. Als Hahns Vater verstarb übernahm der 25jährige Hahn das Pfarramt Onstmettingen und richtete mit seinem Freund Schaudt, nunmehr gelernter Uhrmacher, im Pfarrhaus eine mechanische Werkstatt ein. Hier beschäftigte er ach minderjährige Geschwister. Ein technischer und geschäftlicher Durchbruch gelang mit dem Bau einer Pendel- bzw. Neigungswaage, die ähnlich funktioniert wie heute noch Briefwaagen. Hinzu kamen hydrostatische Waagen, mit denen man das Mostgewicht des Weins oder den Feingehalt von Gold messen konnte. Der „Onstmettinger Mechaniker-Pfarrer“wurde in diesen elf Jahren zum Begründer einer aufblühenden Waagenindustrie auf der Zollernalb, die noch um 1900 einen Marktanteil von über 60 Prozent hatte. Das Onstmettinger Heimatmuseum gibt davon noch heute beredt Auskunft, wie Junginger berichtete; der Referent war selbst von 1979 bis 1990 Pfarrer in Onstmettingen.

Auch Herzog Karl Eugen wurde auf Hahn aufmerksam und berief ihn 1770 auf die Pfarrstelle in Kornwestheim, und 1781 kam er gegen ziemliche Widerstände auf die beste Pfarre Württembergs in Echterdingen. Seine Erfindungs- und Konstruktionsgabe war schier grenzenlos. Ein Glanzstück war die 1774 entstandene monumentale astronomische Uhr, die neben der normalen Zeiteinteilung (Stunden, Minuten, Sekunden) und astronomischer Zeit (Wochen, Monate, Tierkreiszeichen) auch die Weltzeit nach der „heiligen Chronologie Bengels“ über 8000 Jahren bis zur erwarteten Wiederkunft Christi im Jahre 1836 zeigte; von der apokalyptischen Dimension der Uhr rückte Hahn später ab. Diese kosmische Uhr wurde von dem Herzog sowohl Goethe (1779) als auch Kaiser Joseph II. vorgeführt. Auch andere Berühmtheiten der Zeitgeschichte besuchten die Hahnischen Werkstätten. Hahn vervollkommnete Taschenuhren und schuf Rechenmaschinen mit allen vier Grundrechenarten bis zwölfstelligen Summen. Nicht vollenden konnte er eine Weltmaschine, die alle kalendarischen und astronomischen Feinheiten vereinigen sollte. Hahn starb 50jährig 1790.

Hahn, der auch Freundschaft pflegte mit dem widerborstigen Dichter Schubart während dessen Haft auf dem Hohenasperg und mit Herder im Briefwechsel stand, räumte stets seinem Pfarrdienst Priorität ein. Oft hielt er mehrere Predigten am Sonntag. Er war ein hochgeschätzter Theologe, auch Vertrauter von Franziska von Hohenheim. Einige verbliebene dicke Tagebücher geben Kenntnis von seinem geistlichen und pädagogischen Wirken, seinem Denken und Privatleben. Hahn war zweimal verheiratet, zuletzt mit einer Tochter des Pfarrer-Originals Johann Friedrich Flattich.

Anerkannter Schulpionier und umstrittener Naturforscher – Historiker Bernhard Müller über Lehrerseminar-Gründer Friedrich Reinöhl

Veranstaltung vom 11. März 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Friedrich Reinöhl – Namensgeber einer Grundschule in Heilbronn-Böckingen – genießt einerseits einen hervorragenden Ruf als Schulpionier, ist anderseits jüngst wegen seiner umstrittenen Rassenhygienelehre im Nazi-Reich in Verruf geraten. Über beide Aspekte von Reinöhls Schaffen informierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

„Botaniker und Vererbungsforscher – Bahnbrecher einer modernen Lehrerausbildung – Kämpfer für die geistige Freiheit des Lehrerstandes und der Volksschule“. Mit diesen Worten wurde Friedrich Reinöhl auf einer – inzwischen in der Versenkung verschwundenen – Ehrentafel der Reinöhl-Schule gewürdigt. Im Grunde sind dies nach wie vor gültige Zuschreibungen, wenngleich als Naturforscher mit Vorbehalt.

Friedrich Reinöhl wurde 1870 in Bissingen unter Teck geboren, wo ihm später auch die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde. Nach seinem Studium, das er mit Dr. rer.nat. abschloss, trat er 1905 in die damalige Schulbehörde (Konsistorium) ein und beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Lehrerausbildung in der Volksschule. 1912 wurde er erster Rektor des neu gegründeten  Ev. Lehrerseminars Heilbronn, ein pompöser Neubaus unterhalb des Wartbergs. Bei der Einweihung des Lehrerseminars am 21. September 1912 verkündete Reinöhl als seine Maxime für die Lehrerausbildung: „Der Unterricht soll die Selbstständigkeit der Schüler wecken … und die Eigenart der Schüler berücksichtigen“. Überhaupt, so stellte Müller heraus, propagierte Reinöhl eine auch für heutige Verhältnisse moderne Lehrmethode und Unterrichtsform.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Unterricht an Elementarschulen in der Regel von nicht weiter ausgebildeten Kräften erteilt, bestenfalls von Pfarrern, aber auch von Studenten und Handwerkern, so dass man nicht von einem flächendeckend überzeugenden Grundbildungswesen sprechen konnte. Die Herausbildung von Lehrerseminaren Ende des 19.Jahrhunderts war da schon ein großer Fortschritt. Sie entstanden zumeist in ländlichen Regionen, so in Württemberg etwa in Künzelsau und Saulgau, um das dortige Begabungspotenzial zu erschließen. In dem stattlichen Seminargebäude in Heilbronn, das nahezu eine Million Mark kostete, befanden sich großzügige Lehr-, Arbeits- und Schlafräume für angehende Volksschullehrer, die in der Regel mit 19 Jahren ihre erste Dienstprüfung machen konnten.

Reinöhls pädagogischer Reformehrgeiz ging jedoch über das Lehrerseminar hinaus. So trat er zu Beginn der Weimarer Republik 1919 wieder in die nunmehr republikanische Schulverwaltung ein und wurde noch im gleichen Jahr oberster Beamter – „Präsident“ – im Konsistorium in Stuttgart, der Schulbehörde für das (evangelische) Volksschulwesen in Württemberg: „Vom Bauernbub zum Präsidenten“. Hierbei erwarb er sich eine Reihe von Verdienste um das „Schulwesen für 95 Prozent aller Schüler“, so mit der Einführung der  gemeinsamen Grundschule für alle (alternativ für vier, sechs oder acht Jahren).

Nach seiner Pensionierung 1935 widmete sich Reinöhl verstärkt seinem eigentlichen Studiengebiet, der Naturkunde. In diesem Bereich hatte er schon in seiner aktiven Zeit Vorträge gehalten und Standardwerke zur Pflanzen- und Tierzucht verfasst. Nun näherte er sich dem nationalsozialistischen  Gedankengut und gab für Pädagogen eine Abstammungslehre heraus, indem er als Rassehygieniker das NS-Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses begrüßte. Von der Uni Tübingen wurde er mit Dr. med. h.c. ausgezeichnet.

Reinöhls Anbiederung an die NS-Ideologien ist heute nicht mehr vermittelbar und ist – nach Bekanntwerden in den letzten Jahren – für die Reinöhl-Schule nicht tragbar,  hat sie sich doch dem Leitbild verpflichtet: „Wir fördern jedes Kinder nach seiner Begabung und Fähigkeit.“ Diese gut 100 Jahre alte „Volksschule“, die ursprünglich Westraßenschule und von 1933-45 Hindenburgschule hieß, wurde 1952 nach dem damals in Zaberfeld wohnenden Reinöhl (der dort 1957 verstarb) benannt. Die Schule hat jüngst diesen NS-belasteten Namen abgelegt und nennt sich ab nächstem Schuljahr Grundschule  Alt-Böckingen.

Das Heilbronner Lehrerseminar – die erste überregionale Bildungseinrichtung Heilbronns – wurde 1937 im Zuge einer bildungspolitischen Umstrukturierung im Dritten Reich geschlossen. Es wurde daraus ein Hauswirtschaftliches Seminar. Bei dem Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 wurde auch dieses Gebäude erheblich zerstört. Eine Wiederbelebung eines Lehrerseminars in Heilbronn war anfangs nicht vorgesehen, wohl aber in Künzelsau. Der renovierte Gebäudekomplex, dessen Inneres – Treppenhaus, Säle – noch an das alte Lehrerseminar erinnert, beherbergt heute die Lindparkschule, eine Gehörlosenschule.

Ein Lehrerseminar, und zwar für die Aus- und Fortbildung von Gymnasiallehrer, entstand Anfang der 70er Jahre in Heilbronn an der Stuttgarter Straße, das heutige Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung, von 1973 bis 1997 geleitet von dem Gründungsdirektor Prof. Udo Kretzschmar, wo auch Referent Bernhard Müller viele Jahre Ausbildungsdozent für Geschichte war. Unter dem gleichen Dach ist diesem Seminar seit 1984 auch eine Ausbildungsstätte für Lehrer an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen angeschlossen, wo  Absolventen von Pädagogischen Hochschulen eine einsemestrige Praxisausbildung absolvieren.

Die Türkei könnte Europa zum Vorteil gereichen – Hofmann referierte über die kontroverse Frage eines EU-Beitritts der Türkei

Veranstaltung vom 4. März 2013

Foto: Rolf Gebhardt

Foto: Rolf Gebhardt

Gehört die Türkei zu Europa? Über diese konfliktbeladene Frage referierte der Orientalist Matthias Hofmann bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Wie erwartet, ein zwar aus dem Besucherkreis gewünschtes aber gleichwohl brisantes Thema, das stark durch Emotionen belastet ist, aber auch „Kontroversen im Einigungsprozess“ – so der Untertitel – zur Sprache bringt.

Nahezu drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland, und fast alle sind Muslime. Es ist gerade die tatsächliche und latente Präsenz des Islam, der allzu leicht in den Verdacht des Islamismus gerät („Islamphobie“) , der in der Bevölkerung die Abneigung gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft weckt. Dabei ist die Türkische Republik, die die mit ihrer Gründung im Jahre 1923 durch Mustafa Kemal mit dem Ehrennamen „Atatürk“ („Vater der Türken“) in einer Kulturrevolution den Osmanismus ablöste und sich westlichen Prinzipien zuwandte, nicht nur eine parlamentarische Mehrparteien-Demokratie, sondern auch dezidiert ein säkularer Staat, betonte Matthias Hofmann. „So wie Deutschland“, denn die Trennung von Staat und Religion gehört zum konstitutiven Grundbestand europäischer Überzeugungen. Bei allen Vorbehalten gegen die religiöse Verschiedenheit: Dass der Islam nicht zum christlich geprägten Europa passe, könnte kein Argument gegen den Türkei-Beitritt sein, zumal Europa neben jüdischen, christlichen und humanistischen auch durchaus islamische Wurzeln hat.

Hofmann merkte an, dass es im säkularen Deutschland ganz selbstverständlich eine Reihe christlicher Feiertage und staatlicher Kirchensteuereinzug gibt. Andererseits gibt es in der Türkei auch ein dem Amt des Ministerpräsidenten angegliedertes Präsidium für religiöse Angelegenheiten, dem auch der in Deutschland tätige Moscheeverband DITIB angehört, also eine staatliche transnationale religiöse Organisation. Auch wenn der Laizismus (noch) zum Selbstverständnis des türkischen Staats gehört,  so wird dieser Bestandteil der Staatsideologie des Kemalismus in der aktuellen Regierungszeit von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) stärker islamisiert, und die Anerkennung nicht staatlich kontrollierter Religionen ist längst nicht ausreichend gegeben.

Dennoch: Die Türkei gehört zu Europa. Seit Jahrzehnten nimmt die türkische Nationalmannschaft an der europäischen Fußball-Europameisterschaft teil, und die Türkei gehört auch anderen europäischen Sportverbänden an. Schon 1959 bewarb sich die Türkei als assoziiertes Mitglied der EWG, aufgenommen im Assoziierungsabkommen 1963, erhielt Ende 1999 den Status eines EU-Beitragskandidaten und 2002 Reformpakete zur Erfüllung der Kriterien. Seit 2005 laufen offizielle Beitrittsverhandlungen. Gleichzeitig hat beiderseits der Glaube an eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgenommen. Das von Bundeskanzlerin Merkel favorisierte Konzept einer privilegierten Partnerschaft ist für die Türkei keine Alternative und wurde jüngst auch nicht mehr angesprochen.

Hofmann hob besonders hervor, das die Türkei, die ja auch der Nato und der OECD angehört,  in den letzten Jahrzehnten erheblich an wirtschaftlicher Stärke und politischem Einfluss in Nahost-Region gewonnen hat. Die Türkei ist mit ihren Pipeline-Systemen ein Korridor für den Zugang zu den energiereichen Kaukasus-Ländern. So gesehen könnte Europa von einem Türkei-Beiritt – gerade angesichts der zunehmenden Verschiebung der Gewichte – geostrategisch und sicherheitspolitisch enorm profitieren, und ein Türkei-Beiritt wäre eine Tür nach Zentralasien.

Die Türkei hat so ziemlich als einziges Land während der Bankenkrise Wirtschaftswachstum erreicht. Der transnationale Handel zwischen Deutschland und der Türkei beträgt 30 Milliarden Euro. Gegenseitige Investitionen nehmen zu. Jährlich reisen vier Millionen Deutsche in die Türkei, 150 000 überwintern dort und 50 000 sind dauerhaft in der Türkei lebende deutsche Residenten.

Natürlich bleiben neben religiösen vor allen kulturelle Unterschiede, die sich primär bei der anatolischen Landbevölkerung bemerkbar machen, kaum in den Wirtschaftszentren, gehört doch die zehn Millionen Einwohner zählenden Metropolregion Istanbul zu den fortschrittlichsten der Welt. Was gefühlsmäßig gegen den EU-Beitritt der Türkei spricht, ist, dass das Land mit demnächst 80 Millionen Einwohnern einen maßgeblichen politisch-parlamentarischen Einfluss in der EU hätte.