Archiv der Kategorie: 2013-14

Schäferei, Straußenfarm, Melkroboter, Tiermast – Erfolgsautorin Ulrike Siegel sprach über „Die Bauern und das liebe Vieh“

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Ulrike Siegel (Foto: Rolf Gebhardt)

Für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand ist die Industrie ausschlaggebend. Doch wir müssen uns ja auch ernähren. Und dafür brauchen wir die Landwirtschaft. die sich auch im Lauf der letzten Jahrzehnte in ihrer Struktur entscheidend verändert.hat, insbesondere in der „Fleisch-Produktion“ – vom kleinbäuerlichen Familienbetrieb mit Stallung bis zur agrarindustriellen Massentierhaltung. Was es damit auf sich hat, darüber berichtete die Bestseller-Autorin Ulrike Siegel bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Abschluss der Veranstaltungsreihe 2013/14.
Ulrike Siegel ist für die „Jungen Senioren“ keine Unbekannte. Vor vier Jahren las sie aus ihrer dreibändigen Bauerntöchter-Reihe. Von den Lebensgeschichten einiger dieser 60 Frauen, die auf dem Land aufgewachsen sind, gibt es auch einen Folgeband über ihr Schicksal in neuerer Zeit, sowie fünf weitere Bücher „vom Leben auf dem Lande“. Ulrike Siegel selbst stammt „vom Land“ , aufgewachsen auf einem Hof in der Heilbronner Landkreis-Gemeinde Brackenheim-Botenheim, wo sie sich auch 14 Jahre lang als „praktische Bäuerin“ betätigte, Landwirtschaftsmeisterin und Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft wurde, dann Agraringenieurin an der Fachhochschule Nürtingen, und auch mehrere Jahre in Lateinamerika, Afrika und Indien tätig war. „Nebenbei“ ist die Mutter von zwei Töchtern ehrenamtliche Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Hohebuch. Doch bekannt ist sie in erster Linie als Herausgeberin von Büchern, in denen sie Betroffene von Leben und Arbeit auf dem Land zu Wort kommen lässt. „Für die Dokumentation agrarkultureller Werte innerhalb biografischer Lebensentwürfe“ hat die heute 53jährige bereits 2010 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.
Jetzt wollte sie – wie vor fast einem Jahr vereinbart – eigentlich ihr neuestes Werk „Die Bauern und das liebe Vieh“ vorstellen. Doch es ist noch nicht erschienen, „wahrscheinlich im Herbst“. Allerdings steht noch nicht fest, ob der Titel so bleiben kann, denn unter der gleichen Bezeichnung l ist ein Agricola-Spiel auf den Markt gekommen. Zum anderen ist fraglich, ob darin der Bericht einer Tierwirtin von einem Staatsbetrieb für Schweinezucht erscheinen darf. „Moderne Tierhaltung in der Landwirtschaft ist ein vermintes Feld,“ meinte Ulrike Siegel lakonisch; polarisierende Perspektiven könnten da nicht ausbleiben.. „Doch noch viele Bauern kennen und lieben ihre Tiere.“
Und so begann sie, den Umgang mit und die Abhängigkeit von Tieren an zwei recht problemlosen Beispielen aufzuzeichnen. Eine Wanderschäferin aus Bad Wimpfen mit einer familiär betriebenen Schäferei mit 1600 Mutterschafen und Nachzucht schildert den Jahresverlauf zwischen Idylle und Harmonie sowie entbehrungsreichem, harten Leben, aber genügend Gründen für Zufriedenheit. Im zweiten Kapitel geht es um eine Straußenfarm in Norddeutschland, auf der die Wildtiere in einem großen Freigelände möglichst artgerecht gehalten werden, „alles vitale, schöne Jährlinge, die ihr Leben lassen müssen, damit wir existieren können“, so die Halter. Dann Puten-Zucht, die sich heute nur in ganz großen Ställen rentiert. „Wenn in Deutschland jährlich 38 Millionen Puten geschlachtet werden, können die nicht vom Freigelände kommen.“
Milchvieh: Hier ein Bio-Hof mit 50 Milchkühen, die zweimal am Tag traditionell gemolken werden. Dort ein Milchviehbauer mit 90 Kühen, die sich rund um die Uhr vor einem Melkroboter anstellen – „Entlastung von festen Arbeitszeiten“.Eine Halterin von 350 Milchkühen will nicht als Bäuerin angesprochen werden, sondern als „Herdenmangerin“. Für jeden Kuhboxplatz inklusive elektrischer Bürste wurden 5000 € investiert. Modernste Melkautomation mit 24 Melkplätzen.
Schließlich Schweinemast: Einmal auf einem 180 Jahre alten Schwarzwald-Hof, der mehr von den Erträgen der Forstwirtschaft lebt. Ein Betrieb, der sich dem „Boeuf de Hohenlohe“ und dem schwäbisch-hällischen Landschwein verschrieb. Oder agrarindustrielle Tiermast. „Schweinezucht ist Qualzucht“, so Ulrike Siegel, die auch auf Auswüchse in Schlachtereien hinwies.
Aber auch früher sei nicht alles besser und tierfreundlicher gewesen, so etwa im Hinblick auf rauhbeinige Wanderschlächter. Viehhaltung könne wohl nie ideal erfolgen, doch die Tiere wie tierische Nahrungsmittel verdienten Wertschätzung und dürften nicht zur billigen Ramschware verkommen. Ulrike Siegel: „Sündhaft billige Produkte werden auch sündhaft billigst produziert.“

Mit Rente lässt sich Lebensstandard nicht sichern – VdK-Bezirksvorsitzender Frank Stroh erwartet Zunahme der Altersarmut

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Frank Stroh (Foto: Rolf Gebhardt)

Ein Gespenst geht um in unserer Gesellschaft: Altersarmut – Bedrohung oder schon Realität, vermeidbar oder unabdingbar? Zu diesem Thema referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Vorsitzende des VdK-Kreisverbands Heilbronn, Fank Stroh.

Warum zeigt sich für diese Problematik ausgerechnet der VdK kompetent, wo er doch gegründet wurde für die Interessenwahrnehmung von Kriegsversehrten, Kriegerwitwen, Kriegswaisen und dergleichen und eigentlich längst totgesagt wurde? „Der VdK hat sich längst zum größten Sozialverband Deutschlands fortentwickelt“, erklärte Stroh: Mit 1,7 Millionen Mitglieder bundesweit, davon 220 000 in Baden-Württemberg und 6300 im Kreisverband Heilbronn (Stadt und Land). Stroh, der auch dem VdK-Bezirksvorstand Nordwürttemberg angehört, war in seiner Berufslaufbahn u.a. Gewerkschaftssekretär der IG Metall-Verwaltungsstelle Neckarsulm und dann Pressesprecher des IG-Metall-Bezirksleiters Berthold Huber. Zudem war er vor 14 Jahren mit dem Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth Mitbegründer der Bürgerinitiative Region Heilbronn-Franken e.V. Laut Stroh befasst sich der VdK laufend mit Anliegen und Beratungen von Menschen mit sozialen Problemen und versteht sich so auch als sozialpolitisches Sprachrohr, nicht zuletzt im Hinblick auf die Herausforderungen durch den demografischen Wandel mit einem zunehmend wachsendem Bevölkerungsanteil der über 60Jährigen, insbesondere der Hochaltrigen.

Damit müssen die Sozialsysteme fertig werden, speziell das gesetzliche Rentensystem. Mit der grundlegenden Rentenreform 1957 wurde die bruttolohnbezogene dynamische Rentenversicherung eingeführt. Das ursprünglich angepeilte Ziel eines Rentenniveaus von 70 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts wurde jedoch nie erreicht, betonte Stroh. Vielmehr zeigt das Rentenniveau eine laufend sinkende Tendenz und ist inzwischen auf knapp unter 50 Prozent gefallen. Mit einer weiteren Absenkung auf 46 Prozent bis 2020 und auf 43 Prozent bis 2030 ist nach der derzeitiger Beschlusslage zu rechnen, erklärte Stroh.

Diesem Modell zugrunde liegt der Standardrentner, der 45 Jahre lang ein Entgelt im Höhe der aktuellen durchschnittlichen Bruttobezüge aller Versicherte erhalten hat. Danach ergibt sich eine Monatsrente von ca. 1300 Euro. Doch diese Bedingungen erfüllen nur 40 Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen, so Stroh. Das führt dazu, dass die Durchschnittsrente für Männer heute niedriger ist als 1100 € und bei Frauen etwa bei 750 liegt. Vergleichsweise erhalten Beamte, die nach wie vor 72 Prozent ihrer letzten Bezüge bekommen, im Schnitt 2500 € monatliche Pension.

Stroh verwies zudem auf die Anhebung der Regelaltersgrenzen seit Anfang 2012 in Stufen auf 67 Jahre und darauf, dass seit 2005 die Renten – abhängig von Jahr des Rentenbezugs – mit steigendem Anteil versteuert werden müssen, schrittweise bis zu 100 Prozent im Jahr 2040. Der Anspruch auf Grundsicherung, den vor allem viele alleinstehende Frauen wegen ihrer niedrigen Renten  hätten, werde wegen der hohen bürokratischen Hürden nur unzureichend wahrgenommen. Ein Erwerbstätiger mit Durchschnittseinkommen (ca. 30 000 €/Jahr) brauche Versicherungspunkte aus 27 Jahren, um eine Rente etwa in Höhe der Grundsicherung (aktuell 764 €) zu bekommen.

Da es heute unmöglich sei, mit der gesetzlichen Rente seinen Lebensstandards u sichern,  komme man nicht um frühzeitige private zusätzliche eigene Altersvorsorge herum, meinte Stroh als Botschaft für die jüngeren Berufstätigen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Riester-Rente habe sich als Flop erweisen, Betriebsrenten sind selten geworden und unterliegen zudem – wie Direktversicherungen – voll der Kranken- und Pflegeversicherung (18 Prozent), und überhaupt mache das niedrige Zinsniveau sichere Kapitalanlagen für die Alterssicherung unattraktiv.

Für Stroh ist es ein Unding, dass in dem reichen Deutschland das Rentenniveau im Vergleich der 34 OECD-Länder im unteren Drittel liegt. Die Einkommens- und Vermögensentwicklung vergrößere zunehmend die Schere zwischen Arm und Reich; die untere Hälfte der Einkommensbezieher verfüge nur über ein Prozent des gesamten Privatvermögens. Stroh: „Es gilt, diesem sozialen Sprengstoff durch ein gerechteres Steuersystem zu begegnen und bedrohlicher Altersarmut und Pflegenotstand durch Sicherung und Ausbau einer solidarischen Gesellschaft.“

„Du bist einzigartig . . . in deiner Geschichte“ – Peter Goes theologisch und psychologisch auf der Spur nach dem Lebenssinn

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Peter Goes (Foto: Rolf Gebhardt)

Wer hätte nicht schon mal über den Sinn seines Lebens, über die Sinnhaftigkeit seines Tun und Handelns, nachgedacht oder etwa auch mehr oder weniger verzweifelt geklagt, dass das doch alles keinen Sinn habe. Der Mensch ist offenbar ein Wesen auf der Suche nach dem Sinn. Dem Sinn des Lebens auf der Spur – wissenschaftlich und theologisch – ist seit langem Pfarrer i.R. Peter Goes, und seine Einsichten und Erkenntnisse vermittelte er den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.
Ist es der Sinn des Lebens, einfach nur glücklich zu sein? Sinn – Lebenssinn – ist doch wohl mehr als Glück, über das Peter Goes vor Jahresfrist bei den „Jungen Senioren“ „sinnvoll“ referiert und erläutert hatte, wie man Glück anstreben und erreichen kann. Auf der Spurensuche nach dem Sinn im Leben begab sich Peter Goes, der Theologie in Tübingen, Basel und Bonn studiert hatte, natürlich in theologische Gefilde, gibt es doch in allen Weltreligionen – zuvorderst im Christentum – Vorstellungen, Regeln und Definition vom Sinn des Lebens im göttlichen Heil. Doch neben Antworten aus der Bibel hat Peter Goes auch sozio-kulturelle und psychologische Erklärungen parat, hat er doch auch ein Zusatzstudium am C.G.-Jung-Institut in Zürich absolviert, der Forschungsstätte für analytische Psychologie und Psychotherapie. In der für ihn prägenden Begegnung mit den Werken des Schweizer Geisteswissenschaftlers Carl Gustav Jung (1875-1961) entdeckte Goes die Psychosomatik in ihrer Bedeutung für therapeutische Heilungsprozesse, was ihm nicht zuletzt auch als Klinikseelsorger hilfreich – und oft auch sinnführend für Patienten –war.
Denn – so Peter Goes: „Nichts Schlimmeres gibt es als eine Sinnkrise, das totale Gefühl der Sinnlosigkeit, der Sinnleere.“ Das hat Goes selbst wiederholt erlebt – an Krankenbetten, wenn Schwerverletzte oder chronisch Kranke verzweifelt danach fragen, was für ein Sinn das Leben nun noch für sie hat. Oder wenn vom Tode naher geliebter Verwandten betroffene oder durch existentielle Lebensschicksale aus der Bahn geworfene Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Im Sinn-Verlust, im Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, entstehen laut Goes Krankheitssymptome, was zur Depression und Verzweiflung führen kann, bis hin zum Suizid. Wenn einer psychisch krank ist, ist er Einsichten, Liebe, Freuden und Hoffnungen nicht mehr zugänglich.
Damit es nicht so weit kommen muss, sollte die Sinnfrage positiv angegangen werden, meinte Goes. Am Anfang könnte eine Sinn-Analyse stehen, die Frag nach den tragenden Grundlagen. Für viele Menschen ist Beruf und Arbeit maßgeblich für die eigene Identität. Doch wer im Job keinen Sinn sieht, geht lustlos und ohne Engagement seiner Aufgabe nach und fühlt sich unglücklich, wie Goes aus seelsorgerischen Gesprächen erlebte. Auch familiäre, eheliche und andere die Seele bedrängende Probleme können den Lebenssinn in Frage stellen. Dann gilt es, die Krise als Chance zu nutzen. Es reicht nicht aus, die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Auch gute Entlohnung, hohes Einkommen, ja selbst Reichtum und Besitz(streben) machen nicht den Sinn des Lebens aus.
„Es muss einem daran gelegen sein, aus der Sinnentleerung herauszukommen, gegebenenfalls aus dem Hamsterrad des Alltagstrotts“, so Goes. Dazu gibt es immer wieder Möglichkeiten und Handreichungen, doch in erster Linie liegt es bei einem selbst, den Sinn des eigenen Lebens zu ergründen und zu erkennen. Man muss sich nicht nach anderen ausrichten wollen, auch mal Nein sagen können, gemäß seinen spezifischen Talenten und Interessen den eigenen Weg finden. Nach Ansicht von Goes sollt man sich eher vor Reizüberflutung schützen, Freude an sinnlichen Momenten, an Naturerlebnissen, Stimmungen und Atmosphären haben. Nicht zuletzt besteht für Goes sinnerfülltes Leben in sinnerfüllten Beziehungen, im Erleben persönlicher Wertschätzung.
Diese Erkenntnisse hat Peter Goes auch aus der Lektüre von Schriften bedeutender Geister und persönlichen Begegnungen etwa auf Buchmessen. Da zeigt sich auch die Verwandtschaft von Peter Goes – als Neffe wie auch geistig – zu dem geschätzten Theologen und Schriftsteller Albrecht Goes (1908-200), denn auch Peter Goes ist Autor von Lyrik-Büchern. So liegt es nahe, dass er den Sinn auch poetisch fasst, etwa in dem Gedicht „Du bist einzigartig“: Du bist einzigartig / in deinem Fühlen / in deinen Tränen / in deinen Träumen / in deiner Freude / in deinem Lächeln / in deinen Gedanken / in deiner Geschichte / und trägst deinen / einzigen Auftrag / der Schöpfung in dir.

Arabischer Frühling in Ägypten unter Militärjoch – Johannes Söhner in Kontakt mit der jungen islamischen Demokratiebewegung

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Proteste in Ägypten (Foto: wikicommons/Essam Sharaf)

Ägypten – das Land mit 7000jähriger Geschichte, das Land der Pharaonen und der antiken Weltwunder der Pyramiden von Gizeh und des Leuchtturms von Alexandria. Wenn man heute an Ägypten denkt, dann weniger an das uralte Kulturland, sondern an Ägypten als das Land, von dem die Revolution des „arabischen Frühlings“ ausging. Wie hat sich diese Demokratiebewegung entwickelt und was ist aus den hochgespannten Erwartungen geworden? Darüber informierten bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Johannes Söhner aus Böblingen und der junge Islamwissenschaftler Sherif Afifi aus Ägypten, der gerade dabei ist, in Deutschland zu promovieren.

Johannes Söhner ist seit 20 Jahren als hauptamtlicher Jugendreferent in der Evangelischen Jugendarbeit tätig, zudemTouristik-Manager. Neben seiner innerkirchlichen Aufgaben in Böblingen hat er aktuell den Jugendgemeinderat mit aufgebaut, die Stadtjugendring geleitet und begleitet und vielfältige Schulungsarbeit mit ehrenamtlich tätigen jungen Menschen geleistet. Bereits im März 1989 hatte er an einem Workshop in der „Müllstadt“, in dem Kairoer Stadtteil Moytamadea, teilgenommen, woraus 1992 in Stuttgart die Gründung des Vereins „Yalla“ (Yalla ist ein arabisches Wort und bedeutet „auf geht’s“) entstand, eine Plattform für soziale Projekte, die auch zusammen arbeitet mit den katholischen Ordensschwestern Boromäer (Hilfsfonds Schwester Maria-Kairo e.V.), die oberhalb von Kairo eine Ambulanz und einen deutschen Kindergarten unterhalten.

„Engagement für Völkerverständigung, Kulturaustausch und soziale Gerechtigkeit“ ist das Vereinsziel von „Yalla“. Unter diesem Aspekt leitete Johannes Söhner im Frühjahr 2013 eine  Gruppe von 20 motivierten jungen Menschen aus dem Stuttgarter Raum im Rahmen eines bilateralen Austauschen von islamischer Demokratiebewegung mit der traditionellen christlichen Demokratie. Die Partnerorganisation „Lifemakers“ mit über 15 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern ermöglichte ganz unterschiedliche Projektarbeiten, die hautnahe Einblicke in den ägyptischen Alltag boten. Diese beiden Wochen in Kairo und Alexandria  fielen in die Zeit von massiven Auseinandersetzungen mit Anhängern der Regierung Mursi und dem fundamentalistischen Islam.

Söhner erinnerte daran, dass am 25. Januar 2011 die Demonstrationen gegen des Regime des seit 1981 regierenden Präsidenten Hosni Mubarak begannen, dem Amtsmissbrauch, und Korruption vorgeworfen wurden. Wochenlang versammelten sich hunderttausende Tahrir-Platz in Kairo, dem „Platz der Befreiung“, wovon Sherif Afifi Bilder zeigte. „Muslime und Christen Seite an Seite, die gemeinsam Zuflucht in Moscheen und Kirchen fanden“, so Söhner.  Am 11. Februar 2011 zwang der Oberste Militärrat Mubarak zum Rücktritt und übernahm die Führung des Landes. Die Armee wollte sich zwar der parlamentarischen Kontrolle entziehen, doch kam es immerhin zu Wahlen zur Volksversammlung, aus der im Januar/Februar 2012 die schon vorher im Untergrund gut organisierten Muslimbrüder und Salafisten mit einer Mehrheit von 70 Prozent hervor gingen.

Mitte Juni 2012 wurde Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt, doch mit echter Demokratie hatte er wenig im Hut. Eine Verfassung machte nicht liberale Grundrechte sondern das islamische Recht, die Scharia, zur Hauptwurzel der Rechtsprechung. Die ägyptische Gesellschaft sollte islamisiert werden. Dagegen und überhaupt gegen den autoritären Regierungsstil Mursis und Manipulationen durch die Muslimbrüder gab es vermehrt  massive Demonstrationen, bis Anfang Juli 2013 das Militär Mursi für abgesetzt erklärte und verhaftete – und nun selbst autoritär herrscht. Laut Söhner fand Yalla“immer wieder Möglichkeiten für direkte Hilfen für die medizinische Behandlung von Opfern und Verletzten im Zusammenhang mit der ägyptischen Revolution.

Doch in Ägypten als Zentrum und Symbol der demokratisch-islamischen Erhebung mangelt es weiter an Rechtsstaatlichkeit und Reformprozessen. In dem mit fast 90 Millionen Menschen volkreichsten Staat Afrikas – Land der krassen Gegensätze – re regiert das Chaos, gehen die die Wirtschaft beherrschenden Militärs brutal gegen die Islamisten vor, die Mursi wieder haben wollen und die aus Wut und Rache die Christen bekämpfen. Doch die Zivilgesellschaft ist erwacht. Johannes Söhner: „Die ägyptische Jugend ist zwar vielfach ohne Arbeit und ohne wirtschaftliche Perspektiven, doch unverzagt bereit, sich ohne Angst für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

Bestes Heilmittel gegen Rückenschmerzen ist Bewegung – Dr. Jürgen Kußmann klärt auf, wie man dem Verschleißprozess entgegen wirkt

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Das Kreuz mit dem Kreuz: Rückenschmerzen hat fast jede und jeder mal, vielfach auch chronisch. Über das Leiden mit Wirbelsäule und Bandscheiben informierte die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Dr. Jürgen Kußmann. Er ist Arzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Notfallmedizin, Chirotherapie, Physikalische Therapie und Sozialmedizin. 25 Jahre lang war er an Orthopadie-Kliniken tätig, wo er „kaputte Knochen repariert“ hat, und seit einigen Jahren im Reha-Bereich, derzeit ärztlicher Leiter für ambulante orthopädische Rehabilitation bei Meyer Training und Therapie in Untergruppenbach.
Fehlhaltung und Rundrücken müssen nicht unbedingt weh tun, meinte Kußmann einleitend. Andererseits lassen sich Schmerzen an Schulter und Rücken nicht immer exakt auf körperliche Ursachen zurückführen, mitunter würde da viel reinprojiziert. Vielfach bestünde eine Wechselwirkung zwischen körperlichen und seelischen Leiden. „Da kann es sein, dass Ihnen bei Stress und in depressiven Phasen das Kreuz und sonst noch alles weh tun, und nach Trauer- oder Problembewältigung, wenn sie gut drauf sind, spüren Sie nichts mehr.“
Häufig sind Rückenschmerzen jedoch echt und nachweisbar. Das hängt nun einmal zusammen mit der Wirbelsäule, die das Rückenmark umschließt und schützt, ein bewegliches gekrümmtes Achsenskelett, das den Oberkörper stabilisiert und im Rücken stützt, den Kopf trägt und Beine mit Schultern und Armen verbindet. Dr. Kußmann zeigte dies plausibel und anschaulich an bildhaften Darstellungen auf. Unsere 24 Wirbel im Hals-, Brust- und Lendenbereich sind untereinander verbunden mit Wirbelgelenken, an denen Bänder und Muskeln hängen, die für Beweglichkeit sorgen. Die Wirbel werden gut gepolstert durch Bandscheiben, mit Wasser gefüllte etwa fünf Millimeter dicke Puffer, die jeden Stoß oder Druck bei Bewegen oder Gehen abfedern.
Diese elastischen Verbindungsschienen zwischen zwei Wirbeln bestehen aus einem faserigen Ring und einem gallertartigen Kern. Doch die Krux ist, dass die Bandscheiben im Laufe des Lebens, spätestens ab dem 30. Lebensjahr immer mehr austrocknen und Stöße nicht mehr so gut abfedern; die Elastizität der Wirbelsäule geht allmählich verloren. Der mit dem Alter zunehmende Verschleißprozess mit Abnutzungserscheinungen muss also nicht zwangsläufig krankhaft bedingt sein, kann jedoch zu einer zusätzlichen Belastung der Wirbelkörper führen, so dass Wirbelsäulen-Beschwerden auftreten, Rückenschmerzen, die durch Muskelverspannungen noch verstärkt werden.
Zu einer meist schlagartig auftretenden, sehr schmerzhaften Erkrankung kommt es bei einem Bandscheibenvorfall, wenn also die Bandscheibe rausspringt, der gallertartige Kern nach außen drückt und die umliegenden Nerven reizt oder sie gar entzündet.und mitunter auch das Rückenmark schädigt. Es kommt zu starken Rückenschmerzen mit Auswirkungen auf auf Spinalnervenwurzeln, oft verbunden mit Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungen, Versagen der Muskelsteuerung. Exakt lassen sich die Ursachen feststellen durch Aufnahmeverfahren wie Computertomographie oder – nicht durch Strahlen belastet – mit neuer Kernspin- oder auch Magnetresonanztomographie.Bei fortschreitenden Lähmungserscheinungen ist eine schnelle Bandscheibenoperation erforderlich, um bleibende Schäden zu verhindern. Doch soweit muss es nicht kommen,meint Dr. Kußmann- Als Osteopath sucht er die Krankheit nicht nur im Knochenleiden, sondern im Wissen um das funktionierende Zusammenspiel von Bindegewebe, Muskeln, Organen, Knochen und Gelenken kann er mit den Händen Verspannungen und Blockaden auflösen. Wenn schon Knochenschwund vorliegt, also die bei Frauen nach den Wechseljahren relativ schnell fortschreitende Osteoporose mit Rückenschmerzen aufgrund von Wirbelkörperverformungen, ist eine Therapie angesagt mit Bädern und Krankengymnastik, am besten Wassergymnastik.
Dr. Kußman ist überzeugt: „Man kann seine Wirbelsäule sein ganzes Leben lang elastisch halten, indem man sich recht viel bewegt,“ gemäß dem Grundsatz, „Vorbeugen ist besser als Leiden“. Er empfiehlt sowohl Ausdauertraining, regelmäßiges Joggen oder (Nordic)Walken, als auch Muskelaufbau durch Gymnastik oder an Geräten. „Es geht um Durchsaftung der Gelenkschmiere.“ Bis ins hohe Alter und auch bei Beschwerden könne man so etwas für Fitness und Gesundheit tun.

Märchen von in Tieren verzauberten Menschen – Die Erzählerin Petra Anna Schmidt deutet Märchen der Brüder Grimm

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Petra Anna Schmidt (Foto: Rolf Gebhardt)

Als Kinder sind wir durchweg mit Märchen aufgewachsen, wobei die Märchen der Brüder Grimm die bekanntesten und beliebtesten waren und sind. Die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus machten jetzt wieder Bekanntschaft mit Grimms Märchen, vorgetragen von der Erzählerin Petra Anna Schmidt aus Tübingen, die dabei auch gleich Deutungen nach lieferte.

„Es war einmal . . .“ So fangen alle Märchen an. Es war einmal ein Hexenhaus oder ein Schloss, eine Zauberin oder ein Räuber, eine unverstandene Prinzessin und ein verliebter Jüngling. Grimms Märchen sind voll von für uns heute unrealistischen Behausungen, Gestalten und Begebenheiten. Und doch wurden und werden diese Geschichten von Kindern „verschlungen“, tauchen die Kinder gerne ein in eine bunte Märchenwelt, lassen sich verzaubern , ängstigen und erfreuen von Geschehnissen und Lebensprozessen, die mit dem realen Leben wenig bis gar nichts  und oft auch nichts mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu tun haben. „Im Gegensatz zu Erwachsenen brauchen Kinder keine Erklärungen, Deutungen und Übersetzungen von Märchen“, meinte die Erzählerin, denn „Kinder denken analog und Erwachsene logisch.“

„Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, die sich brüderlich liebten; aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie wollten ihr ihre Macht rauben.“ So beginnt das weniger bekannte Grimms Märschen „Die Kristallkugel“, das Petra Anna Schmidt als erstes vortrug. Also verwandele die Zauberin den ältesten Sohn in einen Adler und den mittleren in einen Walfisch, während der jüngste vorzeitig flieht. Er macht sich auf den Weg zu einem Schloss, wo er die verwünsche Königstochter erlösen möchte. Durch die Begegnung mit zwei streitenden Riesen kommt er in den Besitz eines Wünschhuts, der ihn prompt ans Ziel bringt. Die Königstochter auf dem Schloss leidet an einem Fluch, dass sie für jeden alt aussehen lässt. Nach Erfüllung einer ganzen Folge gefährlicher Teilaufgaben gelangt er n den Besitz einer Kristallkugel, die den Zauberer besiegt, „Da eilt der Jüngling zu der Königstochter, und als er in in ihr Zimmer trat, so stand sie da im vollen Glanz ihrer Schönheit, und beide wechselten voll Freude die Ringe  miteinander.“

Der Erzählerin zufolge verkörpern verzauberte Menschen in Tiergestalten Eigenschaften von Menschen, die noch nicht ganz zur  Reife gekommen sind., der in vielen Mächten vorkommende Wald das Bild für das Ungewisse und Unheimliche, und Riesen stehen für unkultivierte Kräfte. Märchen zeigten oft, dass es sich lohne, die „Komfortzone von Hotel Mama“ zu verlassen und sich aufzumachen Unvorhersehbare, meist mit einem hehren Ziel, das zu erreichen einem auch nach Umwegen und Schwierigkeiten vergönnt ist. Märchen zeigten  auch, dass wer arm und verkannt ist, nicht verzagen müsse, dass andererseits Reichtum und Privilegien nicht das Glück bedeuten, sondern dass dazu etwas kommen müsse wie Liebe und Erfüllung.

Dieser Auslegung entspricht auch das Märschen „Das Eselein“: Eine Königin jammert, dass sie kein Kind hat, und gebiert dann einen Esel.Sie will ihn ersäufen, aber der Vater lässt das fröhliche Kind aufziehen, und es lernt vom Spielmann Laue spielen. Als es sein Spiegelbild im Wasser sieht, wandert das Eselein traurig fort zu einem Schloss, wo es wegen seines Lautenspiels eingelassen, doch für sein Aussehen verlacht wird. Es verlangt, beim König zu sitzen. Der zeigt ihm auch seine Tochter, und er gewinnt das Eselein dank seines feinen Betragens auch lieb. Als das Eselein traurig  heim will und sich nicht aufmuntern lässt, gibt ihm der König seien Tochter zur Frau. In der Hochzeitsnacht streift das Eselein die Haut ab und ist ein schöner Mann. Als dies dem König zugetragen wird, verbrennt er die Eselshaut. Der Jüngling will fliehen, aber der König macht ihn zu seinem Erben, und er erbt auch noch das Königreich seines Vaters.

Nach allerlei Verwicklungen und scheinbaren Aussichtslosigkeiten wird also am Ende alles gut. So auch beidem dritten vorgetragenen und ebenfalls „verzauberten“ Grimms Märchen „Jorinde und Joringel“ .Wiedergabe und Aufbau der Märchen machen deutlich, dass ihre Sammler und Gestalter, die Brüder Jacob Grimm (1785-63) und Wilhelm Grimm (1786-1859), begnadete Volkskundler und Sprachwissenschaftler waren, die mit Recht über die Jahrhunderte ihren gebührenden Platz in der deutschsprachigen Literaturgeschichte für Kinder und Erwachsene gefunden haben.

Eigene Würde macht christliches Menschenbild aus – Prälat Hans-Dieter Wille über Wertebewusstsein und Gewissensverantwortung

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Prälat i.R. Hans-Dieter Wille (Foto: Rolf Gebhardt)

Im christlichen Abendland, dem wir uns zugehörig fühlen, gibt es prägnante Vorstellungen von christlichen Werten, die das christliche Menschenbild ausmachen. Zur Debatte darüber referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus wieder einmal der ehemalige Heilbronner Prälat Hans-Dieter Wille (Tübingen), der kurzfristig für den erkrankten Prälat i.R. Paul Dietrich (Weilheim/Teck), sein Vorgänger, eingesprungen war.

Den Einstieg lieferte Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, gegen den just an diesem Tag der spektakuläre Prozess wegen Steuerhinterziehung angelaufen ist. Ging der Anklagesatz noch von 3,5 Millionen € hinterzogenen Steuern aus, gestand der 62jährige ein, 18,5 Millionen € dem Fiskus entzogen zu haben (und am zweiten Prozesstag ging die Steuerfahndung von mindestens 27,2 Millionen € aus). Da stellte sich für Wille die Frage: „Nehmen Menschen in leitender Stellung für sich eine andere Moral in Anspruch?“ Er verwies dabei auch auf den 30 Jahre langen Steuerbetrug der Feminismus-Ikone Alice Schwarzer oder auf die massive Bestechungsaffäre im Siemens-Konzern. In unserer Wertevorstellung wie auch vor dem Gesetz sei  Steuerbetrug ebenso wie auch Korruption nun mal kein Kavaliersdelikt, sondern ethisches Fehlverhalten und strafbar. Doch von den „Steuersündern“ sei so gut wie nie ein grundehrliches Schuldbekenntnis zu hören, dass jemand selbstkritisch zu seiner Schuld steht. Das zeige sich auch bei der „Vorteilsnahme“ von Beamten und Politikern wie in Dopingvergehen von Spitzensportlern. „Da fehlt Einsicht, Reue und Anstand.“

Aber auch wenn „Kapitalverbrechen“ in Vorstandsetagen an den Tag kämen, dürfe in der Bevölkerung nicht der Eindruck entstehen, wer ehrlich ist, ist der Dumme. Ein solch fragwürdiger  Kulturwandel in der Wertedebatte werde zunehmend wettgemacht durch die sich verbreiternde Einsicht, dass sich Ehrlichkeit und Wertebewusstsein auch in der Wirtschaft, im unternehmerischen Handeln, letztlich lohnt, wenn das Unternehmen gutes Renommee hat – in der gesellschaftlichen Wertschätzung, bei den Kunden und insbesondere auch bei den Mitarbeitern, die sich  mit ihrem Betrieb und ihrer Arbeit identifizieren können. „Führen mit Werten gewinnt Kontur“, meinte der Alt-Prälat und hob hervor, dass zunehmend mehr Top-Manager sich einem Verhaltens- und Ehrenkodex verpflichten, auch wenn sie unter dem Druck der Leistungsverantwortung stehen.

Wille stellte die Frage in den Raum: „Inwieweit ist der ‚Wert‘ einer Person abhängig von seinen Leistungen oder Fehlleistungen?“ Und er schob auch gleich seine Antwort nach: Der Mensch gehe darin nicht auf, weil seine Person unantastbar sei, er jenseits aller Bewertungen eine Würde und einen Auftrag habe. Schließlich sei auch in unserem Grundgesetz als Kernsatz der Schutz der Menschenwürde verankert: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen . . .“

Andererseits: „Dem Menschen wird zugemutet, sein Tun zu verantworten und zu seiner Schuld zu stehen“, so Wille. Den eigenen Wert bewerte der Mensch oft darin, was er wert sei im Ansehen bei  Dritten, wie er von Mitmenschen wertgeschätzt werde. Allzu gerne orientiere man sich an denjenigen, die das Sagen haben. Dies sei nicht immer glücklich – siehe prominente Steuersünder. Auch warnte Wille vor Neid und Missgunst, denn der Mensch sei nicht „geldwert“ ausgerichtet, sondern habe seinen eigenen – personalen – Wert., eine ihm von Gott zugesprochene Würde – ein Beitrag zur Humanisierung der Menschheit. Deswegen müsse der Mensch auch nicht unter der Last von Schuld und Versagen zerbrechen. Die Bibel sei voll von Geschichten, dass Gott gefallene Menschen nicht fallen lasse. Auch wenn Lebensformen zerbröseln, brauche man nicht zu verzweifeln, denn man sei nicht allein nur auf sich gestellt. Da sei das Gebet die Therapie schlechthin, man können mit Gott alles bereden, „denn Gott hört sich alles an.“

Alt-Prälat Wille machte deutlich, dass es gelte, auch in einem Wertekonflikt gewissenhaft und vernünftig zu handeln. Christentum sei schließlich auch eine Gewissensreligion, die vom Menschen verlange, im Tun und Handeln sein Gewissen mitsprechen zu lassen. Gewissen ergebe sich nicht von selbst, sondern entwickele sich an Erfahrungen und Werten, maßgeblich mit gebildet durch christliche Erziehung und Lehre.Im vom Gewissen getragenen Verantwortungsgefühl könne die Freiheit eines Christenmenschen auch darin bestehen, herausgefordert zu sein zur Zivilcourage.

Die DDR erwies sich als „Fußnote der Geschichte“ – Historiker B. Müller analysierte, was vom „anderen Deutschland“ übrig blieb

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StD i.R. Bernhard Müller (Foto: Rolf Gebhardt)

An Rosenmontag ließen es sich rund 100 „Junge Senioren“ nicht nehmen, ins Hans-Rießer-Haus zu kommen zu einer Geschichtsstunde der besonderen Art über eine von allen voll miterlebte Zeitgeschichte – die DDR, und was von ihr bleibt. Darüber referierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller, der „das andere Deutschland“ vor und nach der Wende ausführlich bereist und erforscht hat.

Der Titel des DDR-Vortrags, „eine Fußnote der Geschichte“, geht zurück auf den Schriftsteller Stefan Heym, der – 1913 in Chemnitz geboren – 1933 emigrierte und 1952 aus den USA in die DDR übersiedelte, sich in seinen Romanen mit der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Menschen in unterschiedlichen Regimen auseinandersetzte, einer der Wortführer der DDR- Bürgerrechtsbewegung war und 1994 in Berlin ein Direktmandat für die PDS gewann.

Auch Geschichtswissenschaftler sind durchweg der Meinung, dass von der DDR langfristig nichts übrig bleibt, so Müller. Dabei sei ja die DDR nicht der erste deutsche Staat, der untergegangen ist. Er nannte Preußen, 1947 nach 300 Jahren offiziell aufgelöst. Einen „Diktaturen-Vergleich“ der 40jährigen DDR und der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft im „Tausendjährigen Reich“ hielt Müller für unzutreffend, da er das Hitler-Regime verharmlose und den DDR-Staat dämonisiere.

Nichtsdestoweniger begann Müller seine DDR-Analyse mit einer „Diktaturerzählung“. Als der II. Weltkrieg endete und die Rote Armee den Osten Deutschlands besetzte, wurde mit der Gruppe Ulbricht, ein Kommando deutscher Exilkommunisten aus Moskau, 1949 aus der Sowjetzone ein  Staat von Stalins Gnaden etabliert, eine Diktatur der Pläne, die aber ihre Bürger hinter Mauern und Stacheldraht wegsperren musste, damit sie nicht alle weglaufen. Und so bildete sich ein Unrechts- und Überwachungsstaat heraus, eine Erziehungs-, Betreuungs- und Bevormundungsdiktatur mit permanenter Bespitzelung der Bürger durch die allgegenwärtige Staatssicherheit (Stasi).

Und doch entwickelte sich aus diese Zwangslage heraus ein weit verbreitetes Gefühl für Solidarität und Gerechtigkeit, barg auch das Leben unter dem DDR-Regime „bei allen Sorgen und Nöten eine Fülle von privatem Glück in sich“. So Müllers „Arrangement-Erzählung“ nach Zeitzeugen. Dann die „Fortschrittserzählung“: Die Deutsche Demokratische Republik wollte das bessere Deutschland sein, Arbeiter- und Bauernstaat mit kollektivierter Landwirtschaft und volkseigenen Betrieben.und mit einer Kulturpolitik im Zeichen des ideologisch-erzieherischen Auftrags der SED.

Letztere hat laut Müller immerhin direkt oder indirekt auch im vereinten Deutschland renommierte Künstler hervorgebracht: So Eberhard Richter als der bestbezahlte deutsche Maler, Musiker wie Hans Eisler und Rolf Biermann, sowie vor allem Literaten, die zumindest vorübergehend in der DDR ihre Heimat gefunden und/oder unter Repressalien gelitten hatten, angefangen von Berthold Brecht über Heym, Johnson, Kunze, Kunert, Loest und Zwerenz bis Jurek Becker und Heiner Müller. Anna Seghers und Christa Wolf. Geblieben sind auch historisch wertvolle Bauwerke, wenngleich die DDR-Führung Altstädte verkommen ließ und lieber  in Prestigebauten im Zuckerbäckerstil und in trostlosen Plattenbausiedlungen investierte.

Hingegen sind, nachdem die territorialer Spaltung überwunden war, von der Grenzziehung durch die Mauer kaum noch wahrnehmbare Spuren übrig geblieben. Die Erinnerung an den real existierenden Sozialismus wurde in den Abfalleimer der Geschichte verbannt. Als die DDR 1989 ihr 40jähriges Bestehen feierte, war sie wirtschaftlich und politisch am Ende, das ein Jahr später kam.

Laut Müller bleibt als Erbreichtum in Erinnerung: Die friedliche Revolution durch den unerschütterlichen Mut der Bürgerrechtsbewegung, von ökologischen und kirchlichen Gruppierungen, die in kirchlichen Räumen Resonanzboden fanden, und „ob man will oder nicht“ eine Verbreiterung der deutschen Parteienlandschaft nach links durch die aus SED und PDS hervorgegangene „Linken“, die aktuell die drittstärkste Partei im Bundestag darstellt, während von dem kirchlich-religiösen Aufbruch und den Bürgerrechtlern wenig übrig geblieben ist. Der Sog der Konsumwirtschaft hat die ehemalige DDR und ihre Bevölkerung verführt und überwältigt. Immerhin gibt es jetzt eine Reihe maßgeblicher Bundespolitiker mit jahrzehntelanger DDR-Vergangenheit, so Innenminister de Maizière, Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck.

Eine Großbäckerei ohne fertige Backmischungen – Besichtigung der Holzofenbäckerei Mitterer mit handwerklicher Backkultur

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In der Bäckerei Mitterer (Foto: Rolf Gebhardt)

Nachdem eine Woche zuvor die „Jungen Senioren“ in Hans-Rießer-Haus vom Seniorchef des Bäckerei-Filialisten Härdtner, Rolf Härdtner, mit dessen Vorstellungen von nachhaltigem Lebensstil und gesunder Ernährung vertraut gemacht wurden, lernten sie jetzt eine moderne Großbäckerei kennen, die sich nach wie vor dem traditionellen Backwesen und der Handarbeit verpflichtet fühlt.

Schauplatz: Die Holzofenbäckerei und Konditorei der Mitterer GmbH in Heilbronn-Sontheim, die Härdtner 1986 übernommen hatte. Hier bekamen die ca. 100 Besucher/innen auch einen Eindruck davon, warum am gleichen Tag der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks einen Antrag zur Aufnahme der deutschen Brotkultur in die Unesco-Liste des immateriellen Welterbes gestellt hatte. Deutschland ist bekanntermaßen das Land mit den weitaus meisten Brotsorten.

Doch zu sehen bekam man zuerst einmal kein Brot, sondern die regionale Spezialität Seelen und wie sie hergestellt werden. Da lag also 15 Kilo Seelen-Teig au feinem Brett, und die beiden Bäcker griffen sich mit geschickten Handgriffen kleine Teigmassen, formten sie scheinbar wahllos in die Länge und platzierten sei auf ein weiteres Brett – rund 100 Stück. Da wird einem klar, warum all Seelen im Ladenregal ganz unterschiedlich aussehen, „individuell“ und ohne genormtes spezifisches Gewicht. Bestreut mit Hagelsalz, Sesam und Kümmel werden sie in die „Schublade“ des (als solchen nicht zu erkennenden) Holzofens geschoben, wo sie eine halbe Stunde „backen“.

Dieser Holzofen war eine Stunde vorher hochgefahren worden, und vor dem Backvorgang war seine Höchsttemperatur schon um einiges gefallen. Dass in einer Großbäckerei ein Backofen noch mit Holz – Pellets – befeuert wird, ist schon ein Unikum. Diese traditionelle Backmethode ist auch nur möglich, weil die Härdtners, die schon immer technisch aufgeschlossen waren, eine Brenntechnik entwickelt haben, bei der das Holz nicht zu Asche wird, sondern zu 98 Prozent verbrennt, nahezu rückstandsfrei. Da gehen weder Rauch noch Ruß noch CO in die Luft.

Die Brezel-Bäckerei wird natürlich auch besichtigt und wie per Hand rasant der charakteristische Einschnitt in die Brezel-Teiglinge vorgenommen wird, 12 000 Brezel pro Tag. Man kommt vorbei am Tisch, wo die Äpfel per Hand geschält werden und wirft einen Blick in die „warme“ und in die „kalte“ Konditorei. Anschließend im Vorraum genießen die Besucher/innen an Tischen bei Kaffee süße und salzige Produkte aus dem Betrieb, und Rolf Härdtner steht ihnen Rede und Antwort.

Man erfährt, wie „beim Härdtner“ Wert auf herkömmlichen Qualitätsstandard gelegt wir. Das Mehl kommt von Mühlen aus dem Umkreis, dem Teig wird eine so lange Ruhezeit zugebilligt, wie er optimal braucht. Gebacken wird er ausschließlich mit Zusatz von selbst gemachtem Natursauerteig. Auf Fertig-Backmischungen wird generell verzichtet,:„Keine Chemie, alles Naturprodukte, kein Zucker – die hochwertigen und kontrollierten Rohstoffe kommen alle aus der Region.“

Um Mitternacht geht es los in der Bäckerei. Zuerst kommt der Heizer, dann allmählich die Bäcker und Konditoren, fast alle im Betrieb ausgebildet. Mindestens 40 Personen sind täglich im Einsatz. Wichtig ist nicht zuletzt eine perfekt organisierte Versandabteilung. Bis zu viermal am Tag werden die Filialen mit frischer Ware beliefert und dafür gesorgt, dass sie auch gegen Ladenschluss noch ausreichend versorgt sind. Was übrig bleibt, wird „leider“ zu Tierfutter; „Brot von gestern zum halben Preis“ gibt es kaum noch. 14 verschiedene Brötchen-Sorten und 60 Brotsorten sind im Angebot, jedoch unterschiedlich vertreten in den einzelnen Filialen.

Die Nachfrageschwerpunkte sind örtlich und vor allem landsmannschaftlich sehr verschieden, weiß Rolf Härdtner, der 1961 als Lehrling in der von seinen Eltern Herrmann und Emma Hädtner 1938 in der Neckarsulmer Neubausiedlung Viktorshöhe gegründeten Bäckerei und Konditorei eingetreten war. Hier befindet sich die angestammte Großbäckerei. 1982 wurde die zum Verkauf stehende Heilbronner Demeter-Bäckerei Böhringer erworben. Von den Unterländer Filialen sind einige bei Lidl, Kaufland und in Baumärkten angesiedelt, Backstuben-Cafés in Heilbronn bei Galeria Kaufhof, am Kiliansplatz und jüngst im Heilbronner Bankhaus. Auch gibt es einen Azubi-Laden am Wollhaus. Schließlich ist Härdtner seit 1992 noch stark präsent in Sachsen mit zwei Betrieben, mit „Ottendorfer Mühlenbäcker“ und „Unser Bäcker“, wo auch Demeter in den Regalen geführt wird.

Änderungen im Jahresprogramm

Bitte beachten Sie die aktuellen Änderungen im Jahresprogramm 2013/14:

Den Termin am 10 März übernimmt Prälat i.R. Hans-Dieter Wille, Tübingen, unter dem Titel: „Die Debatte um die christlichen Werte und das christliche Menschenbild“.

Herr Dr. Kussmann hält seinen Vortrag „Warum schmerzt der Rücken?“ am 24. März und dafür
Herr Stroh seinen Vortrag über „Altersarmut“ am 14. April.

> Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.