Archiv der Kategorie: 2015-16

Für Muslime bestimmt der Glaube das Leben -Gemeindepfarrer Ralf Rohrbach-Koop lässt sich vom Islam auch faszinieren

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Pfarrer Ralf Rohrbach-Koop (Foto: Rolf Gebhardt)

„Jenseits von Vorurteilen und Verklärungen, Verzerrung und Verbrechen – was mich am Islam ernsthaft fasziniert: Eine gewagte Offenheit.“ So der Titel des Referats des Untereisesheimer Gemeindepfarrers Ralf Rohrbach-Koop bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Er war sich bewusst, dass er mit seinem Versuch einer überwiegend positiven Bewertung des Islam „gegen den Mainstream“, wo in einer Mehrheitsgesellschaft Islamkritik auf offene Ohren stößt, „leicht die Finter verbrennen kann und in die Ecke der Gutmenschen gesteckt werden könnte.“
Rohrbach-Koop, verheiratet mit einer Oberärztin, stammt aus einer frommen Familie im pietistisch-freikirchlichen Umfeld in Nordhessen und hat ein „umfängliches“ Studium der Theologie mit Dialog-Seminaren absolviert. Eng verbunden mit der Basler Mission ist er auch Bezirksbeauftragter für Ökumene, Mission und Entwicklung sowie der evangelische Koordinator der kirchlichen Partnerschaft Heilbronn mit Sabah, einer Provinz des muslimischen Staates Malaysia auf Borneo..
So manche Erfahrung und Erkenntnis mit dem Islam hat Rohrbach-Koop auch im Umgang mit muslimischen Mitbürgern, Nachbarn und Bekannten in seiner Gemeinde gewonnen, aber auch im Stuttgarter Osten und in Hamburg-Wilhelmsdorf – gemäß seiner Devise: “Nicht übereinander reden, sondern miteinander sprechen.” Wer etwa einen Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter muslimischen Glaubens habe, werde wohl schnell seine Islamphobie verlieren.
Leicht enttäuscht registrierte Rohrbach-Koop, dass im Auditorium kein einziger Muslim vertreten war. Auf den Hinweis, dass die Schuld nicht bei dem Veranstalter zu suchen sei, zumal der Termin öffentlich angekündigt war, meinte er, dass es bei den Muslimen zweifellos eine Scheu und Schwellenangst gebe, öffentliche und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Fremdheitsgefühl und Angstbesessenheit sei beiderseits – bei Einheimischen und zugewanderten Muslimen – anzutreffen. Deshalb warb er für ein “kritisch-konstruktives Miteinander von Verbündeten”.
Was Rohrbach-Koop am Islam am meisten beeindruckt, ist “die innere Dynamik der Frömmigkeit – die faszinosa muslimika”, die Hochachtung der heiligen Schrift, die Nähe zu Offenbarungsquellen des Glaubens. In vielen Teilen des Koran sei die Beziehung zur Bibel, zum Juden- und Christentum, nicht zu übersehen, so die Wertschätzung alttestamentarischer Gestalten wie auch von Jesus und Maria, wobei der Islam zwar den Kreuzes- und Erlösertod negiere, der Jungfrauengeburt aber voll vertraue. Und: “Alle drei monotheistischen Religionen bekennen sich zu Gott als den Schöpfer und Erbarmer, sind also gewissermaßen Glaubensgeschwister.” Für uns Christen sei jedoch die Göttlichkeit von Jesus Christus entscheidend – “den Juden ein Ärgernis, den anderen ein Gräuel.”
Gewalt und Verbrechen, die im Namen einer Religion begangen werden, bezeichnete Rohrbach-Koop als Machwerk von Teufel und Hölle. Ehrenmorde seien nicht auf Religion begründet, sondern auf Stammestraditionen. Wer die Rolle der Frau im Islam verurteile, sollte vorher mal Muslimas befragen.
Für Rohrbach-Koop ist jedem Menschen eine Gottesbeziehung angeboren. So sei in muslimischen Ländern jedes Kind von klein auf muslimisch gläubig und wachse ganz selbstverständlich geborgen in diesem den Alltag prägenden und strukturierenden Glauben auf: “Muslime haben ein Mindestgerüst an Frömmigkeit, an das man sich anlehnen kann, das dem Leben Richtung gibt.”
Angesichts der Fülle überwiegend schlechter Nachrichten aus dem islamischen Umfeld meinte Rohrbach-Koop, dass der Islam ähnlich breitgefächert und pluralistisch ist wie das Christentum, das in Deutschland vorwiegende und zunehmend liberal auftrete, aber auch ausgeprägt fromme, bibeltreue, pietistische, evangelikale und sektiererisch-esoterische Ausprägungen habe, und in Afrika und Lateinamerika fänden charismatische und pfingstlerische Kirchen den größten Zulauf.
Angesprochen auf die jüngste Behauptung aus dem politischen Raum, der Islam sei eigentlich keine Religion, sondern eine Ideologie wie etwa Kommunismus oder Nationalsozialismus, weil er nach der Staatsmacht, der islamischen Republik, und gar einer muslimischen Verfassung strebe, sagte Rohrbach-Koop, auch im Nachbeben der Reformation hätten sich ähnliche Tendenzen eingestellt. Er erinnerte an die dogmatisch-gewaltsame Theokratie in Genf unter dem Reformator Calvin, vom Papsttum und der Ketzerverfolgung im Mittelalter ganz abgesehen. Aber auch der Islam sei in der Lage (zu versetzen), Aufklärung und Demokratie anzunehmen und auch zu historisch-kritischer Betrachtung des Koran.

Gärten, Parks und Grünanlagen früher und heute – Annette Geisler machte die Geschichte der Heilbronner Gartenkultur lebendig

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Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

Heilbronn war und ist nicht nur eine bedeutende Handels- und Industriestadt, sondern auch eine  „grüne Stadt“, und das nicht nur infolge der Landesgartenschau 1985 und im Vorfeld der Bundesgartenschau 2019. Heilbronn zeichnet sich seit dem ausgehenden Mittelalter durch eine ausgeprägte Gartenkultur aus. Über die Geschichte der Gärten, Parks und Grünanlagen in Heilbronn berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus die Bibliothekarin des Heilbronner Stadtarchivs, Annette Geisler, die die 100 Zuhörer/innen mit charmanten Beschreibungen und eindrucksvollen Bildern wieder einmal begeistern konnte.

„Alles, was man sieht, ist fruchtbar. Das nächste sind Weinberge,und die Stadt selbst liegt in einer grünen Masse von Gärten. Der Anblick bietet einen ruhigen, breiten, hinreichenden Genuss.“ So zitierte Geisler den deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, als dieser bei seinem Heilbronn-Besuch zu seinem 48. Geburtstag im August 1897 beim Blick vom Wartberg dieses schöne Lob für die Stadt im Tal notierte. In der Heilbronner Kernstadt waren viele Grünanlagen und gepflegte Privatgärten zu erkennen und im Umfeld ausgedehnte Obst- und Gemüsegärten vor den grünen Wäldern im Osten und Süden. Der Wartberg war im 19. Jahrhundert – wie zeitgenössische Bilder zeigen – eine große Parkanlage der klassischen Gartenkunst, mit exotischen Bäumen, fast ohne Rebflächen, dem Wartbergturm, einer repräsentativen Gaststätte (1845 „neuer Wartberg“ anstelle des „alten Wartberg“ von 1792) und kleinen Pavillons, „wo auch poussiert und manche Heilbronner Ehe gestiftet wurde“, wie Annette Geisler anmerkte.

Bevorzugtes Naherholungsgebiet der Heilbronner war viele Jahrzehnte die Allee, hat Geisler recherchiert. Entlang der Ostseite der Altstadt wurden die Stadtmauern abgerissen und der Stadtgraben aufgeschüttet und darauf ab 1846 eine 800 m lang und 45 m breite Grünanlage mit Bäumen, Hecken, Büschen, Rasen und Blumenbeeten angelegt sowie auch Kinderspielplätze – eine beliebte Promenade für jung und alt. Und auch heute präsentiert sich die Allee (wieder) als ein stattlicher grüner Boulevard, der dem Auto-, Stadtbahn-, Rad- und Fußgängerverkehr gerecht wird.

Wichtige Impulse zur Verschönerung des mitunter durch die Industrialisierung beeinträchtigten Stadtbilds gingen von Heilbronner Bürgern aus, die 1846 eine Verschönerungskommission als Aktiengesellschaft gründeten, woraus 1863 der Verschönerungsverein wurde (heute Verkehrsverein). Dieser bemühte sich nicht nur um die chausseeartige Gestaltung der Allee sowie um einen freien Platz – begrünt und planiert – vor dem Bollwerksturm, sondern setzte auch die städtische Vorschrift durch, dass Neubauten an bestehenden Straßen mit Vorgärten angelegt werden sollten. Der Verschönerungsverein war 1887 der größte Heilbronner Verein mit 681 Mitgliedern, darunter alle Heilbronner Ärzte, Apotheker, Buch- und Musikalienhändler sowie 64 alleinstehende Damen. Er machte sich vor allem verdient um den Schweinsbergturm und die Köpferbrunnenanlage im Heilbronner Stadtwald, kümmerte sich aber auch um die „Begrünung düsterer Winkel“.

Wie Annette Geisler aufzeigte, wies das historische Heilbronn eine Reihe von großzügigen privaten Gartenanlagen bzw. Parks auf, neben großen Biergärten die Parks der Unternehmerdynastie Rauch/Feyerabend/Mertz sowie Cluss zwischen Neckar und Rosenberg, oder noch früher der riesige Sommergarten der Deutschordenskommende in Sontheim mit schnurgeraden Beeten und Wegen.

Vorläufer des Heilbronner Stadtgartens war der 1817 begründete Braunhardtsche Garten, in dem auch das erste „Harmonie“-Gebäude und ein „Aktientheater“ entstand, neben tausenden Blumen, Gehölzen, Sträuchern und Blumen auch Musikpavillon, Gartencafé und Wasserspiele. Als 1972 unter dem so beliebten Park eine Tiefgarage angelegt wurde, mussten für die Wurzeln der mächtigsten Bäume aufwändige Schächte gebaut werden: Deshalb gelten hier Flügelnuss, Trompetenbaum und Ahorn als die teuersten Bäume Deutschlands. Eine 450 jährige Privatgeschichte weist das verträume Trappenseegelände auf, dem sich der vielseitige Volkspark Pfühlpark mit Rosarium, Seen, Liegewiesen und Spielplätzen anschließt.

Heilbronn kann sich seit dem frühen 19. Jahrhundert großer Gärtnereien rühmen, die führend waren in der Rosenkultur und bei der Einführung neuer Blumen (Geranien, Hortensien, Dahlien, Azaleen, Magnolien). Und heute kann sich Heilbronn rühmen mit 50 000 Stadtbäumen – wichtige Funktion für Luft und Klima.

Hier im Anhang finden Sie 25  Bilder von Heilbronner Parkanlagen aus den vergangenen Jahrhunderten:

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Mehr Lebensqualität in der Endstufe des Lebens – Spezialisierte ambulante Palliativversorgung / würdige Begleitung bis zum Tod

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Fachkraft in der Hospizarbeit: Ingrid Reischle (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Bereitschaft, sich mit dem Thema von Sterben und Tod auseinander zu setzen ist offenbar doch noch ziemlich unterentwickelt. Das zeigte sich auch am Besuch der „Jungen Seniorn“ im Hans-Rießer-Haus zur Veranstaltung: „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung Region Heilbronn“. Die Referentin Ingrid Reischle verstand es jedoch, diesem Komplex das Tabu und den Schrecken – etwa vor unerträglichen Schmerzen – zu nehmen. Sie ist gelernte Krankenschwester, „Fachkraft für die Krankenpflege“, mit spezieller Zusatzausbildung für die Hospizarbeit. Als solche ist sie je zur Hälfte beschäftigt bei der „SAPV. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung Region Heilbronn e.V.“, angesiedelt in Weinsberg, und dem Ambulanten Hospizdienst Heilbronn e.V., angesiedelt in Heilbronn in der Moltkestraße 25.
Reischle machte von Anfang an klar, um was es bei der Palliativversorgung bzw. Palliativmedizin geht: Behandlung und Betreuung von unheilbar Kranken und Sterbenden, wobei nicht die Heilung einer Krankheit, sondern die Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden – etwa Übelkeit oder Atemnot – im Mittelpunkt steht. Patienten also, die nicht mehr therapierbar sind, aber unter massiven Schmerzattacken leiden, soll ganzheitlich geholfen werden. Es geht hier nicht um Pflege, aber um Hilfe, um die Lebensqualität gegen Ende des Lebens möglichst noch zu verbessern. Das geschieht durch schmerzlindernde Mittel, je nach dem Leiden abgestimmte Morphin-Präparate. Reischle: „Es geht darum, nicht dem Leben mehr Tage, sondern dem Tag mehr Leben.zu geben.“
Wie Reischle erläuterte, hat der Gesetzgeber mit Wirkung zum 1. April 2007 die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung als individuellen Leistungsanspruch in das Sozialgesetzbuch aufgenommen. Seitdem hat jeder Versicherte in Deutschland das Recht auf diese neue Versorgungsform, die zum Ziel hat, auch solchen Patientinnen und Patienten eine Versorgung und Betreuung zu Haus zu ermöglichen, die einen besonders aufwändigen Betreuungsbedarf haben.
Damit wurde die Chance für den Ausbau und die Verbesserung der ambulanten Versorgung eröffnet, für das Heilbronner Land wahrgenommen von dem Weinsberger Arzt für Allgemeinmedizin, Sigmund Jakob, und Andreas Haupt, Leiter der DRK-Residenz Bad Friedrichshall, zur Gründung der SAPV als gemeinnütziger Verein, zuständig für den Stadt- und Landkreis Heilbronn.
SAPV wird insbesondere von Angehörigen von Patienten im fortgeschrittenen Stadium einer unheilbaren Erkrankung (meist Krebs) angefordert, und zwar über ärztlichen Verordnungsschein. Das Palliative-Care-Team (PCT) besteht aus erfahrenen Pflegekräften und Ärzten, die eine spezielle Weiterbildung in Palliativversorgung haben, sowie aus ehrenamtlichen Mitarbeitern der ambulanten Hospizdienste, laut Reischle derzeit 35 Personen, darunter sieben Männer. Die Aufgabe des Teams ist es, Angehörige in kritischen Situationen bei der Patientenversorgung zu begleiten und zu unterstützen, auch, um etwa einen ungewollten Krankenhausaufenthalt zu vermeiden, wollen doch die meisten Menschen lieber zuhause in vertrauter Umgebung sterben als in einer Klinik oder Heim. Das Team, zu dem auch Seelsorger, Psychiater oder Psychologen herangezogen werden können, kann aber auch in Kliniken und Pflegeheimen tätig sein.
Die Tätigkeit von Ingrid Reischle besteht etwa darin, bei einem Hausbesuch das Aufnahmegespräch zu führen, die Situation zu erfassen und Behandlung und Betreuung des/der Erkrankten mit der Familie und allen Beteiligten abzustimmen. Die Erstellung eines individuellen Behandlungsplans erfolgt in Absprache mit dem Hausarzt, ebenso die Verordnung von Medikamenten sowie Heil- und Hilfsmitteln zur Schmerzlinderung und vorausschauenden Symptomkontrolle. Regelmäßige Hausbesuche und eine ärztliche und pflegerische 24-Stunden-Rufbereitschaft sind gewährleistet. Auch ein Abschlussgespräch ist vorgesehen und eine Nachbetreuung der Angehörigen. Hierfür bietet sich auch in Kooperation das Trauercafé des Diakonischen Werks in Heilbronn in der Schellengasse an (jeden 1. und 3. Sonntag-Nachmittag).
Wie hält Ingrid Reischle so einen auch seelisch belastenden „Job“ aus? „Man muss die Endlichkeit des Lebens akzeptieren, und dann ist es eine schöne Aufgabe, Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt achtsam und würdig bis in den Tod zu begleiten.“ Entspannung findet Ingrid Reischle, Mutter von vier erwachsenen Kindern mit zwei Enkelkindern, im Sport bis hin zum Marathonlauf, sind doch ihre beiden Söhne erfolgreiche Langstreckenläufer.

Russische Weihnacht ist mehr als Fest der Liebe – Dr. Matthias Schwarzer über die Innerlichkeit des orthodoxen Kirchenlebens

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Dr. Matthias Schwarzer (Fotos: Rolf Gebhardt)

Rußland ist mehr als Oligarchie und Nationalismus, Alkoholrausch und Armut. Da gibt es auch die „russische Seele“ – und  und „russische Weihnacht“. Die vermittelte Dr. Matthias Schwarzer den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in Bild, Wort und Tondokumenten. Gleichzeitig gab der frühere Leiter der Jugendmusikschule Heilbronn und heutige musikwissenschaftliche Referent des Stadtarchivs Heilbronn einen Einblick in das russisch-orthodoxe Christentum.

Viel Zeit braucht man für einen Gottesdienst nach orthodoxem Ritus, normalerweise zwei Stunden, an hohen Feiertage wie an Weihnachten aber schon mal vier Stunden. Und man muss die ganze Zeit über stehen, denn Stühle und Bänke gibt es in einer orthodoxen Kirche nicht. Schwarzer entführte die Zuhörer/innen in die Moskauer Hauptkirche, die Christ-Erlöser-Kirche. Wer dort zur nationalen Hauptmesse an Heiligabend um 23 Uhr noch einen Platz bekommen will, muss mindesten schon drei Stunden vorher da sein. Zu den 3000 Gläubigen im Kircheninneren versammeln sich etwa noch doppelt so viele draußen vor den Kirchentoren. Aber dieser Gottesdienst, zelebriert vom Moskauer Patriarchen und auch besucht von den russischen Spitzenpolitikern, wird auch im Fernsehen übertragen, so dass Millionen Russen diese Weihnachtsmesse am Bildschirm miterleben können.

Weihnachten ist für Russen das zweitgrößte religiöse Fest, nach Ostern. Es ist für sie mehr als ein „Fest der Liebe“, es ist ein Fest der Seele und der Sinne. Im Osten wie im Westen steht zu Weihnachten natürlich die Geburt Jesu im Mittelpunkt, doch die russische Weihnachtsmesse ist – wie eigentlich alle orthodoxen Gottesdienste – mit viel mehr religiöser Liturgie und Feierlichkeit aufgeladen, die aus einer tiefen innerlichen Frömmigkeit gespeist wird, meinte Schwarzer.

Der Gottesdienst ist geprägt von Buntheit und vielerlei Liedgut – gregorianische und kanonische Gesänge, gesungene Psalmen – und Lichterprozessionen, duftenden Weihrauchkesseln und blumengeschmückten Kerzen sowie Ikonenkult als Gebetszustand und Glaubensgegenstand. In beeindruckender Pracht die hohen Kleriker in kostbaren Brokatgewändern und vergoldeten Bischofsmützen. Das verbindende Element zu Gemeinde und Volk bildet der Chor, der die Gläubigen in die gemeinsamen Gesänge einstimmt und zu Gemeinschaftsgefühl verhilft.

Schwarzer machte deutlich, dass in Rußland das eigentliche Weihnachtsfest ja erst am 7. Januar gefeiert wird, da Russland die Umstellung auf den weltweit gebräuchlichen Gregorianischen Kalender nicht mitgemacht und am Julianischen Kalender festhielt, wobei sich ein Rest von jährlich elf Minuten ergibt, der sich inzwischen zu einer Differenz von 13 Tagen ausgewirkt hat. Dem voraus geht für orthodoxe Christen eine 40tägige Fastenzeit, denn nur nach einer körperlichen und geistigen Reinigung können Gläubige mit reinem Herzen Gottes Sohn empfangen. Generell ist Enthaltsamkeit angesagt. Es gibt viel Suppe, Brei und Kohlgemüse zum Essen, denn man soll auf Fleisch und Milchprodukte verzichten, in dieser Zeit montags, mittwochs und freitags bis zur Abendmesse auch auf Fisch, Pflanzenöl und Wein. Das eigentliche Weihnachtsfestmal findet am Weihnachtstag nach der Frühmesse im Familienkreis statt.

Die weihnachtliche Festzeit geht laut Schwarzer bis zum 12. Januar,  Heilige Drei Könige, die Taufe des Herrn, die Nachfestzeit gar bis 19. Januar; in diesen zwölf Nächten ist auch Mummenschanz angesagt. Zwar gibt es auch in Rußland Weihnachtsbäume und weihnachtlichen Schmuck, doch Weihnachtsgeschenke vom Weihnachtsmann sind eher nicht üblich. Süßigkeiten und kleine Aufmerksamkeiten bringt höchstens direkt am Neujahrstag (1. Januar)  „Väterchen Frost“, wie überhaupt dann die zu dieser Zeit meist vorherrschende trockene Kälte nach dem unwirtlichen Spätherbst von den Russen geschätzt wird und die Fastenzeit, zumindest früher, auch Überblick über die Wintervorräte geben sollte.

Der 7. Januar ist in Rußland erst seit 1991 wieder offizieller Weihnachtsfeiertag, denn seit der Oktoberrevolution 1917 war die orthodoxe Kirche an den Rand gedrängt.Schon seit Peter dem Großen war die Kirchenverwaltung eingeschränkt, die Mehrheit der gläubigen Bevölkerung aber blieb unberührt von Säkularisierung, nachdem die russische Orthodoxie seit 988 ein selbstständiges Patriarchat bildete. Nach dem Zusammenbuch des Kommunismus und der Sowjetunion ist die russische Orthodoxie in ihrer ganzen byzantinischen Pracht wieder hergestellt und ein tragendes Element des russischen Nationalismus.

Der Bismarck-Mythos blühte auch in Heilbronn – Historiker Bernhard Müller über den Kult um den „Eisernen Kanzler“

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Das Bismarck-Denkmal in Heilbronn (Foto: wikicommons/gemeinfre/ P.Schmelzle)

„Bismarck“ gehört zweifellos zu den markantesten Namen der deutschen Geschichte. Otto von Bismarck prägte als preußische Ministerpräsident und vor allem als erster deutscher Reichskanzler Deutschlands Geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde er glorifiziert. Über den „Bismarck-Mythos“ in Deutschland und auch in Heilbronn referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Lokalhistoriker Studiendirektor i.R. Bernhard Müller: Gleichsam ein Beitrag zum „Bismarck-Jahr 2015“, wenngleich 200 Jahre nach Bismarcks Geburt diesmal sich nach Müllers Beobachtungen die entsprechenden Gedenkveranstaltungen überraschenderweise ziemlich in Grenzen gehalten habe.  „Der Blick auf Bismarck ist nüchterner und differenzierter geworden, und auch die gegenwärtigen Politiker wollen Bismarck nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen“, so Müller.

Viele kennen Bismarck als Denkmalsfigur. 197 Bismarck-Denkmäler gibt es laut Müller in Deutschland. Und auch Heilbonn kann ein stattliches Bismarck-Denkmal vorweisen. Wie Müller darlegte, hat unmittelbar, nachdem 1898 „Fürst Bismarck aus dem Leben geschieden“ war, ein enger Ausschuss honoriger Heilbronner Bürger mit Oberbürgermeister Hegelmaier an der Spitze, in der Heilbronner Zeitung in einer halbseitigen Anzeige an die Mitbürger verkündet, „der Begründer des Reichs, der Vater unserer Einheit, Deutschlands stolzer, ruhmgekrönter Sohn lebt nur noch in seinen Werken und in unserem Gedächtnis“ und für die baldige Errichtung eines Denkmal Bismarcks geworben, „dem großen Kanzler zur Ehre, der Stadt Heilbronn zur Zierde“.

Am 30. Juli 1903 war es dann so weit – die Einweihung des Denkmals für den „Eisernen Kanzler“, der ja auch schon zu Lebzeiten in Heilbronn legendäres Ansehen genossen hatte, am Westufer das Neckar neben der Brücke (am heutigen Kurt Schumacher-Platz: Ein 1,7 Tonnen schweres monumentales Denkmal-Ensemble in umgrenztem Gelände: Auf einem 5 m hohen Sockel steht die 4 m hohe Bronzefigur Bismarck im Militärmantel, gestützt auf einen Gehstock, und vor dem Standbild wachen zwei sphinxhafte Eckposten mit den Gesichtszügen der bekrönten und geflügelten Germania; eine fast an heidnische Kultstätten erinnernde Anlage.

Das Denkmal hat beide Weltkriege überstanden. Erst 1991 wurde es demontiert, generalüberholt, und 1995 erhielt das „neue“ Bismarck-Denkmal seinen neuen Platz im gerade errichteten Heilbronner Bismarck-Park an der Bismarck-Straße auf dem ehemaligen Gelände der alteingesessenen Firma Kuvert-Mayer vor drei neuen repräsentativen Wohn- und Geschäftshäusern.

Müller verwies im Bild auf ein noch mächtigeres und dominierenderes Bismarck-Denkmal, nämlich das noch heute erhaltene in Hamburg auf einem kleinen Hügel mit Blick auf das Hafengelände. In einer Denkmal-Beschreibung aus dem Jahre 1911 heißt es dazu: „So steht er in unserer Geschichte da, reckenhaft, fast übermenschlich, unerschütterlich, der Bahnbrecher und Behüter einer neuen Zeit. Er gehört zu den sechs Größten, welche unsere Geschichte vornehmlich bestimmt haben …“

Müller würdigte Wirken und Verdienste von Otto von Bismarck. Er wurde am 1. April 1815 auf dem Gut Schönhausen an der Elbe geboren, von seiner ehrgeizigen Mutter schon als Sechsjähriger auf ein Internat nach Berlin geschickt, wo  später auch Jura studierte. 1849 wurde er Abgeordneter des Preußischen Landtags, 1859 Gesandter am Zarenhof in St. Petersburg, 1862 preußischer Ministerpräsident, führte Kriege gegen Dänemark und Österreich, gründete 1867 den Norddeutschen Bund, mit Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer. 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg wurde Bismarck nach der Kaiserproklamation in Versailles und Gründung des Deutschen Reichs Reichskanzler und quasi zum nicht unumstrittenen Urheber des Sozialstaats und fast wider Willen zum Begründer deutscher Kolonien (ab 1884). Als er 1890 von dem jungen Kaiser Wilhelm II entlassen wurde, war das für einige überfällig, für andere und für Bismarck bedauerlich, wie eine berühmte Karikatur zeigte: „Der Lotse geht von Bord“.

Für Müller ging es vor allem darum, den Kult aufzuzeigen, der um Bismarck getrieben wurde, selbst mit Firmenreklame, so von Knorr. Der Bismarck-Mythos lebte insbesondere im und nach dem I. Weltkrieg und  in der Nazi-Zeit auf, wenngleich Bismarcks Rolle als ehrlicher Makler des Ausgleichs, als Vertreter eines „gesättigten“ Deutschlands und Friedenspolitikers mit einem komplexen System von Bündnissen, hierzu nicht passen wollte. Müller: „Bismarck, der ‚weiße‘ Revolutionär, beeindruckt und polarisiert bis heute.“

Als deutsche Christen schuldig wurden an Juden -Schuldekan i.R. Dieter Petri referiert über den Antisemitismus im 3. Reich

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Dieter Petri (Foto: Rolf Gebhardt)

9. November 2015. An diesem Tag spricht bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Schuldekan i.R. Dieter Petri aus Bietigheim-Bissingen über „Christen und Juden im 3. Reich“. 77 Jahre zuvor, in der in die Geschichte eingegangenen „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Deutschland die meisten jüdischen Gotteshäuser – 191 Synagogen – in Brand gesteckt und 26 000 Juden verhaftet und viele später in Konzentrationslager gebracht.

Pfarrer Petri beginnt seinen Vortrag mit einem Bild, das die Heilbronner Synagoge an der Allee zwischen Postamt und Hallenbad zeigt und im nächsten Bild das Skelett der großen Kuppel der Synagoge: „um 5 Uhr des 10. November 1938 steht die Heilbronner Synagoge in Flammen, um 7 Uhr auch die Kuppel. Die Feuerwehr beschränkt sich auf den Schutz der umliegenden Gebäude.“ Die 1877 im klassisch-maurischen Stil fertiggestellte Synagoge für die damals 900 jüdischen Mitbürger in Heilbronn war nicht nur eins der schönsten Bauwerke in Heilbronn, sondern galt auch als Höhepunkt der neo-orientalischen Stilphase im Synagogenbau; die Heilbronner Synagoge, von einer gewaltigen Kuppel mit zwölf Rundbogenfenstern überwölbt, wurde vom Staat Israel 1988 auf einer Sonderbriefmarke verewigt.

Dieter Petri versucht in seinem Referat der Frage nachzugehen: „Wie konnte es dazu kommen, dass im Namen des deutschen Volkes sechs Millionen europäische Juden ermordet wurden?“  Einen latenten bis aggressiven Antisemitismus gab es im christlichen Europa seit vielen Jahrhunderten, selbst schon bei den Kirchenvätern in Nordafrika, so Anklageschriften von Augustinus gegen die Juden als Christus-Mörder. Laut Petri hatte der Reformator Martin Luther 1523 in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen, doch als die von ihm gewünschte breite Bekehrung der Juden – er kannte eigentlich keinen Juden – nicht stattfand, in verschiedenen „Judenschriften“ Judenhetze betrieben.

Eine allgemeine Judenfeindschaft aus gesellschaftlichen Gründen machte sich all die Zeit breit.

Im Nationalsozialismus bekam der Antisemitismus zunehmend eine rassische Note, und die Nazis nahmen allzu gern die Formulierung des preußischen Historiker Heinrich von Treitschke auf: „Die Juden sind unser Unglück, obwohl gerade in Deutschland Juden in Kultur, Politik und Wissenschaft eine mitprägende Rolle gespielt haben. In einer pseudowissenschaftlichen Lehre wurden Juden als minderwertige Menschen betrachtet, und so richtete sich der Judenhass auch auf solche Juden, die getauft waren; seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte im Zuge der „Judenemanzipation“ ein ziemlich umfangreicher Glaubensübertritt von Juden stattgefunden, die sich so als Deutsche assimilieren wollten. Petri verweist diesbezüglich auf das Parteiprogramm der NSDAP von 1920: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Bluts ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Petri mache deutlich, dass auch die Christen in Deutschland anfällig für diese Rassenideologie waren, speziell die evangelische Kirche, verkörpert von den „Deutschen Christen“, denen Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 einen großen Aufschwung brachte. So wurden nicht nur Pfarrer jüdischer Abstammung abgelehnt, sondern auch Nichtarische aus der Kirche gewiesen. Petri streut in diesem Zusammenhang die Anekdote ein, dass aufgrund dieser wiederholten Aufforderung des Pfarrers Christus vom Kreuz steigt und den Gottesdienst verlässt . . .

Immerhin, so schränkt  Petri ein, gelang die von den Nazis geplante Gleichschaltung der evangelischen  Kirche nicht vollständig, was er insbesondere am Widerstand der „Bekennenden Kirche“  festmachte: „Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe.“ (1936) Neben Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller und Paul Schneider hebt Petri auch die mutige Bußpredigt des württembergischen Pfarrers Julius von Jan am Bußtag 1938 (worauf er abgestraft und des Landes verwiesen wurde) hervor. Die evangelische Kirche aber beteiligte sich nicht am Widerstand gegen Hitler und rief auch nicht dazu auf. Petri kritisiert auch eine unzureichende kirchliche Aufarbeitung nach dem Krieg. In dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 habe sich die Evangelische Kirche in einem halbherzigen Schritt solidarisch mit den Schuldigen erklärt, aber geschwiegen zur Judenvernichtung, der „Shoa“.

Heilbronn bei Willkommenskultur gut aufgestellt – Integrationsbeauftragte Victoria Hepting: „Vielfalt ist unsere Zukunft“

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Die Heilbronner Integrationsbeauftragte Victoria Hepting (Foto: Rolf Gebhardt)

Angesichts der angespannten Problemsituation, die die politische wie mitunter auch die private Diskussion bestimmt, wie der ungezügelte Zustrom von mehr als einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr in Deutschland „zu schaffen“ ist und auch die humanitär und demografisch begründete  Willkommenskultur zum Teil in Misskredit geraten ließ, erscheint eine Veranstaltung etwas gewagt, die zum Thema hat: „Vielfalt ist unsere Zukunft – Willkommenskultur der Multikulti-Stadt Heilbronn“. Die Referentin Victoria Hepting, Integrationsbeauftragte der Stadt Heilbronn, die aufgrund ihrer Ausbildung (u.a. Masterstudium  in London) auch interkulturelle Kompetenz vorweisen kann, verstand es jedoch durchaus, die Aussage dieses Titels zu rechtfertigen.

Heilbronn ist tatsächlich eine Multikulti-Stadt. Gut 20 Prozent der Einwohner Heilbronns haben einen ausländischen Pass; der Anteil der Ausländer hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt. Jeder zweite Heilbronner hat einen Migrationshintergrund, ist Zuwanderer. Darunter versteht man Menschen, die oder deren Eltern im Ausland geboren und zugewandert sind; in der dritten Generation gelten sie als „Bio-Deutsche“. Der Anteil der Heilbronner Bürger mit Migrationshintergrund steigt, je jünger die Altersgruppe ist. Bei den Sechs- bis Zehnjährigen in Heilbronn haben laut Hepting bereits 69 Prozent – also mehr als zwei Drittel – einen Migrationshintergrund; in den Grundschulen Heilbronns liegt dementsprechend der Anteil der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund zwischen 27 und 92 Prozent (Dammschule).

So gesehen ist in Heilbronn genügend Nachwuchs da, um den durch die demografische Entwicklung der Einheimischen – deren Anteil bei Älteren und Hochaltrigen wächst überdurchschnittlich – bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung mittelfristig mehr als auszugleichen. Die Geburtenzahl der Ausländer und der Familien mit Migrationshintergrund ist verhältnismäßig deutlich höher als die der Deutschen. Insofern ist tatsächlich Vielfalt unsere  Zukunft. Es wächst eine Einwanderungsgeneration nach, die gemäß des Generationenvertrags (in einem sozialversicherungspflichtigen Job) die Renten sichern kann.

Dass die Bevölkerungszahl Heilbonns in den letzten Jahren von 120 000 auf 125 000 gestiegen ist (trotz Abwanderungen), liegt weniger am Zuzug (etwa aus dem Landkreis) oder von Flüchtlingen, sondern an legal zugewanderten Ausländern, und zwar von fast ausschließlich jüngeren Personen. Dazu zählen in erster Linie ausländische Studenten durch den Ausbau der Hochschule und des BildungsCampus sowie von ausländischen Fachkräften, die überwiegend von hiesigen Firmen im Ausland – mitunter über ausländische Niederlassungen – angeworben worden sind. Heilbronn steht in Baden-Württemberg und auch deutschlandweit mit an der Spitze, was der Anteil von Ausländern und Mitbürgern mit Migrationshintergrund betrifft. In Heilbronn sind über 140 Nationen vertreten.

Trotz des massiven Anstiegs des Flüchtlingsstroms sind in Heilbronn bisher in diesem Jahr mehr Ausländer auf legalem Wege zugezogen (5000) als Illegale. Allerdings, das machte auch Hepting deutlich, wird sich auch in Heilbronn die Zahl der Flüchtlinge zunehmend erhöhen. Nach dem  „Königsteiner Schlüssel“ (abhängig von Einwohnerzahl und Steueraufkommen) muss Baden-Württemberg im bundesweiten Verteilsystem 13 Prozent der Asylbegehrenden aufnehmen, und 1,2 Prozent davon (von den Landeserstaufnahmestellen) entfallen auf den Stadtkreis Heilbronn. Wie Hepting mitteilte, wird sich die Zahl der Flüchtlinge, die in Heilbronn ankommen werden, von zuletzt monatlich 120 auf 230 im Monat erhöhen. Es sei das erklärte Ziel der Stadt, sie in festen Gebäuden oder Hallen statt in Zelten und Wohncontainern unterzubringen.

Hier kommt die als vorbildlich geltende Heilbronner Willkommenskultur ins Spiel, um Zugangsbarrieren zu senken und Integration zu fördern: Das beginnt mit dem kostenfreien Kindergarten für alle mit der Möglichkeit von Sprachförderung und Ganztagesbetreuung. Wesentliche Förderangebote für lebenslanges Lernen kommen von der von der Dieter-Schwarz-Stiftung finanzierten Akademie für innovative Bildung und Management (AiM), u.a. mit Team-Teaching (Sprachlehrer, die Fachlehrer begleiten). 120 Eltern-Multiplikatoren stehen bereit, sowie 70 qualifizierte kulturelle Mittler in Beratungsstellen, die jeweils 40 Sprachen abdecken. Am wichtigsten ist auch Hepting zufolge eine gute Sprachschulung, um einen baldigen Ausbildungs- bzw. Berufseinstieg zu ermöglichen und die Fremden hier heimisch werden zu lassen.

Paul Tillich – Erneuerer der protestantischen Theologie – Pfarrer Matthias Treiber würdigt den Deutsch-Amerikaner als Grenzgänger

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Der Deutsch-Amerikaner Paul Tillich, der als einer der weltweit einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts gilt, ist am 22. Oktober 1965 79jährig in Chicago gestorben – ein Anlass, zum 50. Todestag diesen Theologieprofessor und Religionsphilosophen bei den „Jungen Senioren“ zu würdigen. Dies tat aktuell Matthias Treiber, Pfarrer der Matthäus-Gemeinde in Heilbronn-Sontheim, zugleich Pressepfarrer der Gesamtkirchengemeinde und des Kirchenbezirks Heilbronn sowie kompetenter Betreiber des Internet-Blogs http://www.junge-senioren-heilbronn.de. Für Treiber ist Tillich „ein Theologe für heute und morgen“, dessen Schriften ihn dazu angeregt haben, seine Theologiestudium in Tübingen und Hamburg fortzusetzen und über den er gerne promoviert hätte, wenn ihm nicht landeskirchlich zu einem zusätzlichen Journalistik-Studium geraten worden wäre.

Paul Tillich wurde am 20. August 1886 in einem Pfarrhaus in Starzeddel (im heutigen Landkreis Guben) geboren, studierte Theologie und Philosophie an den Universitäten von Berlin, Tübingen und Halle, promovierte in Breslau mit einer Arbeit über Schelling, wurde Pfarrer in Berlin und meldete sich zu Beginn des Weltkriegs als Militärpfarrer. Der Krieg wurde – mit dem Zusammenbruch der bürgerlichen Kultur – für ihn zum Umbruch und Aufbruch. Er begab sich in eine Hochschulkarriere und schloss sich gleichzeitig den Religiösen Sozialisten an. Doch schon im April 1933 wurde ihm als ziemlich erstem nichtjüdischem deutschen Hochschulprofessor die Lehrerlaubnis entzogen. Noch im gleichen Jahr emigrierte er mit seiner zweiten Frau Hannah nach New York, wo ihm Freunde zu einer Anstellung am Union Theological Seminary verhalfen, wo er fast 20 Jahre lehrte. Auch wenn ihm die englische Sprache zeitlebens schwer fiel, publizierte er alsbald in Englisch, wechselte zwischen der philosophischen und theologischen Fakultät, gewann aber zunehmend Ansehen und Einfluss und wurde zu seiner Emeritierung 1955 mit der höchsten akademischen Würde Amerikas ausgezeichnet. Danach konnte er sich die Universitäten in Harvard und Chicago zu Lehrtätigkeiten aussuchen. Im Paul Tillich Park im Bundesstaat Indiana, wo seine Urne beigesetzt wurde, erinnert eine Büste an den großen Denker, der 1962 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und der 1965 anlässlich des 40jährigen Bestehens des Nachrichtenmagazins „Time“ im Waldorf-Astoria-Hotel den Festvortrag gehalten hatte.

Pfarrer Treiber überraschte seine Zuhörerschaft gleich zu Anfang seines Referats mit einem Bild von Tillich auf der Titelseite der „Time“, was ihn ja auch als „deutsch-amerikanischen Grenzgänger“ auswies. Die Grenze war laut Treiber überdies ein Lebensthema von Tillich, denn „die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis, denn hier werden Freiheit und Bedrohung unentrinnbar erfahren“, so Tillich; es gehe um Überschreiten von Grenzen zum Absoluten.

Und da nähert man sich Gott, denn im Verständnis von Tillich kann Gott nur jenseits der Welt sein, als Urgrund des Seins, „Gott ist das Sein selbst“. Laut Treiber ist für Tillich Gott kein Wesen,denn dann wäre er eine Existenz und endlich. Ein heilig Ding wäre zu wenig, eine Idee zu abstrakt. Gott ist auch kein Patriarch, der ethische Forderungen stellt, sonst wäre er ein Götze. Eins werden mit dem Gott des Seins manifestiert sich in der Liebe – „Gott ist die Liebe“. Gott ist geoffenbart in Jesus, den Christus.es ist das Paradox der christlichen Botschaft, dass das Absolute in einem Menschen sichtbar geworden ist, doch ist auch diese Offenbarung nur in Symbolen auszudrücken.
Die Erbsünde, entmoralisiert verstanden, ist für den Menschen bedingt durch den Umstand, dass er stets verschiedene Möglichkeiten der Entscheidung hat. Das ist für ihn Freiheit und Schicksal zugleich, macht ihn aber unvollkommen und unerlöst. Doch in der Rechtfertigung – die auch von Tillich hochgeschätzte Lehre Martin Luthers – wird jeder Mensch ohne sein Zutun als vollkommen mit allen Fehlern „angenommen“.

Wie Treiber darlegte, gilt Tillich auch als ein Erneuerer der protestantischen Theologie. Und da kommt das „protestantische Prinzip“ ins Spiel. Dank Christus kann alles kritisiert werden, auch die Religion, denn sie ist unvollkommen. Also gilt es, die überkommenen biblischen Werte und Begriffe „in Achtung der katholischen Substanz“ unter den heutigen Umständen verständlich zu machen, um Antworten auf Fragen zu finden, die sich aus konkreten Situationen ergeben. Deshalb ist für Treiber Paul Tillich „ein Theologe für heute und morgen“. „Es gilt, gesprächsfähig zu bleiben, auch gegenüber anderen Regionen und Kulturen, und auch gegenüber der Jugendkultur und ihren Fragen,“ gab Treiber den „jungen Senioren“ mit auf den Weg.

„Du sollst Dir kein Bildnis machen . . .“ – Dekan Friedrich analysiert Bilderverbot in den monotheistischen Religionen

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Dekan Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Angesichts der gegenwärtigen Bilderflut in der faszinierenden Vielfalt ihrer  medialen Gestaltung erscheint das Bilderverbot in den monotheistischen Religionen ziemlich obskur. Zur Eröffnung der neuen Veranstaltungsreihe der „Jungen Senioren Heilbronn“ im Winterhalbjahr 2015/16 im Hans-Rießer-Haus hat sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich diesem strittigen Thema angenommen und einen tiefgründigen Überblick über die Entwicklung des Kunstverständnisses seit den Zeiten des Alten Testaments dargeboten.

„Alle drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – beziehen sich auf das alttestamentliche ‚Bilderverbot‘, wie es festgeschrieben erscheint, im 2. Gebot des Dekalogs, der 10 Gebote.“ So machte der Dekan gleich zu Beginn die Brisanz klar, und er verwies auf die radikale Befolgung im fundamentalistischen Islam in jüngster Zeit, mit der Zerstörung von „Welterbe“-Stätten wie der Buddha-Statue Bamivan in Afghanistan (2001) durch die Taliban und der antiken Denkmäler in Palmyra in Syrien durch ISIS (2015) sowie die islamischen Attacken gegen Mohammed-Karikaturen, gipfelnd im Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“.

Nach Friedrichs Rückblick hielt sich das Judentum weitgehend an die „Exodus“-Vorschrift: „Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Abbild, weder von dem, was oben im Himmel, noch was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Und nach islamischem Verständnis ist mit dem unbedingten Bekenntnis der Einheit Gottes die Abbildbarkeit des Schöpfers und die von Lebewesen unvereinbar: Aus Furcht, dass ein Bild oder eine Skulptur zum Gegenstand der Anbetung wird, denn im Islam ist nur Allah anbetungswürdig. Friedrich zeigte auf, wie in der islamischen Kunst das Vermeiden bildlicher Darstellungen zu einer überragenden Rolle von Schrift (Kalligraphie) wurde, in Verbindung mit der  großen Bedeutung des Wortes gleichsam als Träger der Offenbarung, ferner von Ornamentik für die islamische Architektur.

Dekan Friedrich wies nach, dass das alttestamentarische Bilderverbot keineswegs gegen das menschliche Gestalten und auch nicht gegen die Kunst gerichtet sein kann und im Neuen Testament sowieso aufgehoben sei. Er zitierte hier den Schweizer Theologen und Literaten Kurt Marti: „Mit Christus wird alle Kunst grundsätzlich profan, das heißt, sie tritt völlig in den Dienst des Menschen.“ Mit der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion sei zwangsläufig eine neue Kunst entstanden, die repräsentieren musste. Friedrich ging auch auf den Bilderstreit dre Ostkirche im 8. Jahrhundert ein, was schließlich zur Unterscheidung von „Urbild“ und „Abbild“ führte und das Instrument des Ikonenschreibens hervorbrachte: der Urheber Gott führt dem Künstler die Hand.

In der von Rom bestimmten Westkirche seien die Bilder von Anfang an wesentlich pragmatischer  gesehen worden, gemäß der Aussage von Gregor dem Großen: „Was für die Gebildeten die Schrift ist für die Ungebildeten das Bild.“ So entstand ausgangs des Mittelalters eine wahre Bildersucht in Kirchenräumen und ein mit Aberglauben durchsetztem und Ablasswesen verbundenem Bilderkult.

Aus dieser Entwicklung muss laut Friedrich auch das Ansinnen der Entmachtung der Bilder im Zuge der Reformation verstanden werden, als Zwingli und Calvin für eine rigoroses Verbannung der Bilder aus der Kirche eintraten und selbst die Darstellung des Kruzifix als Götzenbild auslegten. Martin Luther hingegen, wiewohl auf den Vorrang des Wortes pochend, habe eine differenziertere Haltung zu den Bildern gehabt und sich ausgesprochen für Bilder, die nützlich sind, weil sei dem „Zeugnis“ und dem „Gedächtnis“ dienen. So sei schon früh nach der Reformation eine protestantische Kunst entstanden, die von dieser didaktischen Funktion geprägt wurde.

Eine neue Ära der Kunst zog Friedrich zufolge herauf mit der „Erfindung des Gemäldes“ in der niederländischen Kunst und in den gestalterischen Innovationen der italienischen Renaissance,  quasi „die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion“. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sei festzustellen, dass die Kunst getrennt von der Kirche ihren eigenen selbstständigen Weg nimmt. Heute, so Friedrich, ist die Frage nicht mehr, ob es Kunst in der Kirche geben darf. Er bekräftigte die Aussage der landeskirchlichen Kunstpreis-Ausschreibung, dass Bilder „auch Geheimnisse wahren und feste Sehgewohnheiten hinterfragen. Kunst kann Gegensätzliches und Widersprüchliches zusammenbringen und Unaussprechliches ausdrücken.“.