Archiv der Kategorie: 2017-18

Heilbronner Hütte ist ein beliebtes Tourenziel – Gerhard Schwinghammer berichtet über den alpinen Vorposten Heilbronns

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Heilbronner Hütte (Foto aus dem Vortrag)

Einige tausend Heilbronner haben sie schon aufgesucht – die „Heilbronner Hütte: der alpine Vorposten Heilbronns an der Landesgrenze von Tirol und Voralberg, oder – wie sie Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel bei einem Besuch nannte – „der 10. Stadtteil Heilbronns“. Dieses Glanzstück der Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins (DAV) stellte dessen journalistischer Sprecher Gerhard Schwinghammer im Hans-Rießer-Haus den „Jungen Senioren“ umfassend in Wort und Bild dar – die letzte Veranstaltung der Reihe 2017/18, die von der „Heilbronner Stimme“ auf der Terminseite als „Tpip des Tages“ mit Bild der Hütte angekündigt wurde.

Für Gerhard Schwinghammer war es gleich zu Beginn ein Anliegen, hinzuweisen,twie wichtig es für Vereine ist, „mit der Zeit zu gehen“. Dass die DAV-Sektion Sektion Heilbronn 16 000 Mitglieder zählt, verdanke sie permanenten Anpassung an neue Gegebenheiten, um ihre Zukunftsfähigkeit zu erhalten, mit passenden Angeboten für neue Zielgruppen. Nach wie vor gibt es jährlich Dutzende von Wanderausflügen und Skiausfahrten. Es ist aber auch eine Mountainbike-Abteilung entstanden mit sektionseigener Downhill- und Freeride-Strecke. Nachdem der Heilbronner DAV 2002 mit dem Bau der Kletterhalle „diekletterarena“ vorgeprescht ist (66 000 Nutzer 2017), kam der Kletterturm auf der Böckinger Viehweide und der Kletterturm im Rahmen der Öhringer Landesgartenschau hinzu, und in diesem Jahr geht es um den Bau eines neuen Alpin-Zentrums, der Boulderhalle. Auf der Bundesgartenschau 2019 wird erst recht ein attraktives Kletterangebot gemacht: eine beeindruckende Kletterwand, Kinder-Boulderbereich und Klettersteig.

Der Heilbronner Alpenverein steht aber, laut Schwinghammer, in der Öffentlichkeit vor allem für den „Heilbronner Weg“, eine anspruchsvolle Bergroute zwischen Alpenvereinshütten, und mehr noch für die „Heilbronner Hütte“. Die erste – „alte“ – Heilbronner Hütte entstand 1899 im Taschenjöchl in Südtirol, geriet im I. Weltkrieg ins Kriegsgebiet und alsbald darauf verloren. Als 1926 bekannt wurde, dass im oberen Schönverwall ein Stützpunkt fehlt, waren die Heilbronner Alpenvereinsler emsig zur Stelle. 1928 konnte der damalige Vorsitzende, Geheimrat Peter Bruckmann, eine „neue“ Heilbronner Hütte mit 16 Betten und acht Matratzen einweihen. Eingeführt als Skitourenhütte ist sie seit 50 Jahren auf Sommerbetrieb  konzentriert.

Es war ein langer arbeitsamer Weg bis zur heutigen „Edelhütte“  mit 40 Schlafplätzen in 9 Zimmern, 60 Schlafplätzen in 9 Lagern, 3 gemütlichen Gasträumen, Boulderwand, Sonnenterrasse, Warmwasserduschen, Stiefelraum mit Trockenschrank, Bikegarage, E-Bike-Ladestation und Kneippbecken; und neben dem Haupthaus (seit1996) ein Selbstversorgerhaus mit Aufenthaltsraum, Küche und 28 Schlafplätzen. Permanent fallen Arbeiten in und rund um die Hütte an. Die Errichtung einer Biokläranlage bescherte der Hütte das DAV-Umweltsiegel. Hüttenwart Volker Lang nutzte seine beruflichen Kontakte zur Wilhelm-Maybach- und Johann-Jakob-Widemann-Schule, die Klassenfahrten zur Hütte starteten und deren Schüler sich zu „Frondiensten“ einteilen ließen. Im Rahmen eines Totalumbaus ab 2011 sorgten Tischlerklassen der Johann-Jakob-Widmann-Schule in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Heilbronn-Franken für die Ausgestaltung des Gemeinschaftsprojekts Außenfassade, und die Schreinerklassen für die sorgfältige komfortable und moderne Ausgestaltung der Räume – „eine beispiellose Gemeinschaftsleistung von Lehrern, Lehrlingen und Handwerksmeistern“, wie es anerkennend in der Presse hieß. 

Gerhard Schwinghammer trug dazu bei, dass die Hütte immer wieder zu außergewöhnlichen Ereignissen genutzt wurde, so auch für einen Handwerkskammertag. 2002 begleitete er den Autor Günter Haug aus Leingarten zur Hütte, woraus ein „Hüttenzauber“-Krimi entstand. Mit Wolfgang Heiler, dem Bezirksvorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenverbands, organisierte er einen Hüttenausflug. Ab 2010 gab es „Lesertouren“ der Heilbronner Stimme, immer mit einer Mitmach-Aktion. Bei der „Stimme-Tour“ 2017 mit Chefredakteur Uwe Heer sowie dem Heilbronner Marketing-Chef Steffen Schoch, und Buga-Hauptgeschäftsführer Hanspeter Faas gestaltete die Tortenkünstlerin Steffi Biedermann u.a. eine Bundesgartenschau-Torte. In diesem Jahr finden gar zwei „Stimme“-Touren zur Hütte statt.

Die Heilbronner Hütte liegt auf 2320 m Höhe, also jenseits der Baumgrenze, unterhalb des Strittkopfs (2604m). Sie ist eingebunden im „Natura 2000-Gebiet Verwall“, größtes Schutzgebiet Voralbergs, das viele Wanderer von der Tafamuntbahn aus über den Wiegensee durchqueren. Und sie gehört zu den acht Hütten der Verwall-Runde. Die Hütte wird seit über 40 Jahren bewirtschaftet von der Familie Immler aus Gaschurn. Der 70jährige Hüttenwirt Fredi Immler, der auch eine große Skischule betreibt, ist dabei, den Betrieb an seine Tochter Olivia zu übergeben. Die Hütte, die in den letzten Jahren neben tausenden Tagesgästen über 5000 Übernachtungen zählte, ist in diesem Jahr vom 22. Juni bis 30. September geöffnet und bewirtschaftet. Sie ist gut zu erreichen von der Silvretta-Alpenstraße über die Alpe Verbella oder von Gaschurn-Partenen.

Ein neues Verständnis für Pflegebedürftigkeit – Hausdirektor Schneider über die Zukunftsfähigkeit der Pflegeversicherung

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Michael Schneider (Foto: Rolf Gebhardt)

Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Der Anteil der älteren Personen und insbesondere der Hochaltrigen an der Bevölkerung wächst laufend. Damit erhöht sich auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Um das Pflegerisiko einzugrenzen wurde 1995 in Deutschland die Pflegeversicherung eingeführt. Seitdem gab es eine Reihe von gesetzlichen Reformen. Dennoch stellt sich die Frage: „Ist die Pflegeversicherung noch zukunftsfähig?“ Diesen Themenkomplex der sozialen Absicherung im Pflegefall verdeutlichte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Michael Schneider von der Evangelischen Heimstiftung, Hausdirektor von „Haus am See“ in Heilbronn-Böckingen, und auch sonst in mehreren ehrenamtlichen Funktionen tätig. 

Schneider ging speziell auf das Anfang 2017 in Kraft getretene zweite und dritte Pflegestärkungsgesetz ein, das mit 37 weiteren Gesetzen verknüpft ist. Kernstück der vom Deutschen Bundestags beschlossenen großen Pflegereform ist ein neues Verständnis des Begriffs „Pflegebedürftigkeit“. Bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit geht es nunmehr ausschließlich darum, wie selbstständig sich jemand versorgen kann. Anstelle der vorigen drei Pflegestufen sind fünf Pflegegrade getreten, bei denen festgelegt wird, wer welche Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommt. Durch  diese Einstufung ist es möglich, Art und Umfang der Leistungen besser auf die persönliche Situation der Pflegebedürftigen abzustimmen. Schneider hob hervor, dass dabei erstmals auch die Fälle von Alterskrankheiten, vor allem Demenz, berücksichtigt werden, „wird doch die Pflege von Demenzkranken künftig verstärkt an Bedeutung zunehmen“. Nach wie vor prüfen in der Regel Gutachter/innen des Medizinischen Dienstes der Kankenversicherung (MDK), ob und welche Pflegebedürftigkeit gegeben ist. 

Während sich bislang der Pflegebegriff an den Defiziten der Bedürftigen ausrichtete (welchen Hilfeanspruch haben sie), orientiert er sich jetzt an den (verbliebenen) Fähigkeiten (was können sie noch). Dabei werden sechs verschiedene Module und zwei zusätzliche Informationen zur Beschreibung der Beeinträchtigung festgelegt mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung: Es geht um Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten sowie Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstständigkeit (mit 40 Prozent Einstufung der höchste Anteil), Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen und Belastungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Die nach Punkten bewerteten fünf Pflegegrade reichen von „geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ (Pflegegrad 1)  bis „schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“ (Pflegegrad 5).

Der Geldbetrag, der für die Erstattung der Betreuungs- und Entlastungsleistungen von der Pflegekasse zur Verfügung steht, beträgt im vollstationären Bereich in den fünf Pflegegraden aufsteigend 125 €, 770 €, 1262 €, 1775 € und 2005 €. In der ambulanten Versorgung gibt es 125 €, 316 €, 545 €, 728 € und 901 €, bei Pflegesachleistungen 0 €, 689 €, 1298 €, 1612 € und 1995 €. Hinzu kommen Ansprüche bei Pflegegraden 2 bis 5 für Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege und Tages- bzw. Nachtpflege in teilstationärer Pflege.

Schneider wies ausdrücklich darauf hin, dass die Pflegepflichtversicherung keine Vollkasko-Versicherung ist, dass also eine Finanzierungslücke in der Pflege bleibt. Dieser Eigenanteil, der früher von der Höhe der Pflegebedürftigkeit abhing, wird von der Pflegeeinrichtungen unter Beachtung ihres Personalschlüssels einheitlich für die Pflegegrade von 2 bis 5 festgelegt und beinhaltet die umgelegten Kosten der Häuser für Unterkunft und Verpflegung sowie pflegebedingten Aufwand, außerdem eine Ausbildungsumlage und anteilige Investitionskosten, die insbesondere bei Renovierungen und Neubauten verstärkt zu Buche schlagen. Dieser Eigenanteil für einen Heimplatz beträgt in der Regel 2000 € im Monat und meist mehr. Wie Schneider anmerkte, können diesen Betrag immer weniger Rentner und Rentner bezahlen. Bevor das Sozialamt einsteigt, müssen Vermögenswerte weitgehend aufgebraucht und gegebenenfalls die Kinder sozialverträglich zur Kostendeckung mit herangezogen werden. 

Schneider wies darauf, dass der Beitragssatz in der  Pflegepflichtversicherung von 1,00 Prozent 1996 auf inzwischen 2,55 Prozent gestiegen ist. Es stellt sich für ihn die Frage, wie angesichts des fortschreitenden demografischen  Wandels dieses System aufrecht erhalten werden kann, wenn man davon ausgeht, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von derzeit rund drei Millionen in den nächsten 25 Jahren um 50 Prozent steigen dürfte und immer mehr stationäre Versorgung in Anspruch nehmen werden..Es bedürfe da einer alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung insbesondere im Hinblick auf eine bedarfsgerechte Leistungsstruktur für Demenz-Erkrankte, ein Systemwechsel im Sinne einer Pflegevollversicherung – und das bei einem steigenden Bedarf an gut ausgebildeten und gut bezahlten Pflegekräften.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten – Der Orientalist Matthias Hofmann analysiert Saudi-Arabien und den Iran

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Matthias Hofmann (Foto: Rolf Gebhardt)

„Saudi Arabien versus Iran – der Kampf um die Vorherrschaft als Regionalmacht.“ Mit diesem Titel ist der entscheidende Wettstreit im Krisen- und Konfliktherd Naher und Mittlerer Osten benannt und gleichzeitig die Dauerfehde in der religiösen Ausrichtung des Islam. Der Medienwissenschaftler, Historiker und Orientalist Matthias Hofmann beleuchtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Hintergründe, Zusammenhänge und aktuelle Situation dieser komplexen Auseinandersetzung. Hofmann ist geboren in Teheran, wo sein Vater für den Chemiekonzern Hoechst tätig war; er ist u.a. als Oberstleutnant der Reserve mit Afghanistan-Erfahrung interkultureller Berater der Bundeswehr in Nah- und Mittelostfragen.

„Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter und Prophet.“ Diese Aussage gilt für alle Muslime. Doch bei der Frage, wer der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds ist, herrscht im Islam keine Einigkeit. Die Mehrheit der Muslimen, die Sunniten, verehren die drei Männer, die nach Mohammeds Tod 632 dem Propheten als rechtsgeleitete Kalifen folgten, Für eine muslimische Minderheit, die Schiiten, ist der vierte Kalif Ali, ein Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, dessen einziger rechtmäßiger Nachfolger. Dieser Ali wurde in den Wirren des frühen Islam von Widersachern getötet, und seitdem gibt  es eine zweifache Ausrichtung des Islam, deren nationale Vertreter – hier Saudi Arabien als Hort der sunnitischen Lesart und  dort der Iran (Persien) als Heimat der Schiiten – sich feindlich gegenüber stehen. 

Nach Hofmanns Darlegungen wird dieser religiöse Streit längst überlagert von einem politischen Kampf. . Dies macht sich nicht zuletzt fest in einer Art Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sowohl in Syrien wie in Jemen. Diese beiden Streitnächte werden jedoch im internationalen Konsens laut Hofmann unterschiedlich wahrgenommen. So werde Saudi-Arabien insbesondere von den USA hofiert und als Bündnispartner anerkannt, während der Iran als Hort des Bösen und des Terrorismus abgestempelt werde.

Hofmann stellte heraus, dass US-Präsident Donald Trump auf seiner ersten Auslandsreise das saudi-arabische Königshaus in Riad besuchte und bilaterale Handelsverträge im Umfang von 380 Milliarden Dollar, davon 110 Milliarden für den Kauf von Rüstungsgütern in den USA, vereinbarte. Andererseits unternimmt Trump alles, um das das 2015 von Iran abgeschlossene Wiener Nuklearabkommen mit den Weltmächten und der UN-Atombehörde zu hintertreiben und den Iran mit weiteren Sanktionen zu belasten. 

Die 80 Millionen Einwohner zählende Islamische Republik Iran, die zurückgeht auf die 2500 Jahre alte persische Kulturnation, entstand im Zuge der Revolution von 1979, die die Schah-Herrschaft ablöste, erläuterte Hofmann. Höchste Autorität ist der von einem Expertenrat auf Lebenszeit gewählte Revolutionsführer, mit einem Wächterrat als Kontrollorgan für die Konformität von Gesetzen mit dem Islam. Immerhin konnte sich im vergangenen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen der moderate Hassan Rahani gegen konservative Konkurrenten durchsetzen, was für eine öffnungsbereite Zivilgesellschaft spricht. 

Der Iran ist, so Hofmann, der eigentliche Gewinner des „Arabischen Frühlings“, der „Arabellion“ von 2010, wie auch der verfehlten Irak-Kriege der USA. In Syrien hat sich der Iran als Verbündeter des Assad-Regimes sowie durch Unterstützung der libanesischen Hisbollah eine wichtige Machtpostion aufgebaut, während die auch von Saudi-Arabien und zeitweise von den USA unterstützten verschiedenen radikalislamischen Rebellengruppen ins Hintertreffen geraten sind. So scheint heute eine Lösung des Syrien-Konflikts ohne den Iran und den anderen zum Teil gegenläufig agierenden Mächten Russland und Türkei unmöglich. Zudem sei in dem schiitisch dominierten Südost-Irak praktisch ein iranisches Protektorat entstanden. 

Das königliche Herrscherhaus Saudi-Arabiens, eine absolute Monarchie wahabitischer Auslegung, aus deren streng-konservativer Ideologie sich auch das sunnitische Terrornetzwerk Islamischer Staat speist, fürchtet die Erstarkung des Iran und und dessen Einflüsse in benachbarten Golfstaaten, trotz dortiger US-Militärstützpunkte. Gleichzeitig hegt Saudi-Arabien laut Hofmann selbst Pläne für Atomwaffen. Das in Ölreichtum schwimmende Land, das 33 Millionen Einwohner – davon ein Viertel Ausländer – zählt, hat im Zuge seiner Ölpreispolitik seine Wohlstandsbasis reduziert, was den erst 32jährigen Kronprinz Mohammed bin Salman zu einschneidenden Reformen,, insbesondere bei Frauenrechten, veranlasst hat. Hofmann hält dadurch möglicherweise die Stabilität des Königshauses, das sich als Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina sieht, gefährdet, durch den Widerpart der in ihrer Tradition beschnittenen reichen Prinzenfamilien sowie den erzkonservativen Klerikern. Andererseits setzt Hofmann gewisse Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen und politischen Aufbruch sowohl in Saudi-Arabien wie im Iran durch eine zumeist gut gebildete Bevölkerung mit einem überdurchschnittlich hohen Akademikeranteil bei den Frauen.

Faszination von Glocken und ihrem Geläute – Sachverständiger Dr. Hammer erklärt das Glockenensemble der Kilianskirche

Unter den Glocken in Kiliansturm (Foto: Rolf Gebhardt)

Unter den Glocken im Kiliansturm (Foto: Rolf Gebhardt)

Glockengeläute – alle kennen es. Es gehört untrennbar zu Deutschland und überhaupt zum akustischen Rahmen des christlichen Abendlandes. Doch mit der zunehmenden Entfremdung von Kirche und Glauben mehren sich Beschwerden über frühes Morgenläuten und den nächtlichen Stundenschlag der Kirchenglocken, so dass sich der Oberkirchenrat der evangelischen Landeskirche in Württemberg zu Richtlinien für die Handhabung von Glockenläuten veranlasst gesehen hat: „Das Läuten der Kirchenglocke zum Gottesdienst, zu kirchlichen Amtshandlungen und zum Gebet gehört – entsprechend altem Herkommen – zum verfassungsrechtlich anerkannten und geschützten Dienst der Kirche.“ Was für ein kultureller Schatz Glocken und Glockengeläut darstellen, erfuhren die „Jungen Senioren“ bei einer Exkursion in die Kilianskirche Heilbronn, wo der der von der Landeskirche berufene Glockensachverständige im Nebenamt, Oberstudienrat Dr. Horst Hammer aus Stuttgart, in eindrucksvoller Weise die Entstehung und liturgische Bedeutung des Geläutes der Kilianskirche erläuterte und in den Glockenraum führte.

Glocken haben allerdings keineswegs europäischen oder christlichen Ursprung, Vielmehr gab es aus Metall gefertigte Glocken nachweislich schon vor 4000 Jahren in China, berichtete Hammer. Von dort gelangte Glocken über Südasien und den Vorderen Orient in den Mittelmeerraum, wo sie in vorchristlicher Zeit von den Griechen und Römern zur Eröffnung von Märkten oder Bädern, zum Herbeirufen von Sklaven und Soldaten  sowie zum Totenkult verwendet wurden. Nachdem im späten 4. Jahrhundert das Christentum zur römischen Staatsreligion geworden war, wurde die Glocke zum weithin hörbaren Instrument zur Einladung zum Gottesdienst und Gebetsaufruf. Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, setzte um 529 im Kloster auf dem Monte Cassino die Regel der Acht-Stunden-Gebete mit Glockengeläute im Tagesablauf mit liturgischen Schwerpunkten ein. Im Jahre 802 auf der Reichssynode in Aachen bekräftigte Kaiser Karl der Große die Rolle der Glocke für liturgische Anlässe. Wie Hammer darlegte, ergab sich fortlaufend die mittelalterliche Tradition des dreimaligen Gebetszeitläuten: Am Morgen zur Erinnerung an die Auferstehung Jesu, zur Mittagszeit im Gedenken an die Kreuzespein Jesu verbunden mit der Bitte um inneren und äußeren Frieden, und am Abend zur Erinnerung der Menschwerdung und Grablegung Jesus sowie zur Mahnung an den eigenen Tod. Auch die Reformation habe diese Tagesläuten-Tradition nicht abgeschafft. Glocken strukturierten jeden einzelnen Tag km kirchlichen Sinne, erklangen und erklingen Glocken zum Gottesdienst und bei Beerdigungen, Jahrhundertelang waren sie auch wichtige Kommunikationsmittel als Feuer-, Gerichts- oder Wetter-Glocken – „Botschaftsläuten“.

Horst Hammer, gebürtiger Heilbronner, wurde nach eigenem Bekunden schon mit fünf Jahren vom Glocken-Enthusiasmus gepackt, als er mit seinem Vater  in der Kilianskirche 1959 erstmals das Geläute der neuen Gloriosa- und der Bet-Glocke hörte. Beim Bombenangriff am 4. Dezember 1944 war das alte Geläut aus dem Glockenturm abgestürzt.  Aus dem Erz der zerstörten Glocken wurde, so Hammer, 1953 die fast vier Tonnen schwere Dominica gegossen. Nach der Gloriosa, der mit über fünf Tonnen damals schwersten Glocke in Württemberg, und der Betglocke kamen 1963 die Kreuzglocke, die Zeichen- und Totenglocke und die Taufglocke hinzu sowie die erhalten gebliebenen mttelaltrlichen Feuerglocke und Evangelistenglocke.

Hammer erläuterte eingehend die Funktionen der Nachkriegsglocken, gegossen in der Heilbonner Glockengießerei A. Bachert, und der beiden historischen Glocken (die Feuerglocke läutet solistisch  nur am 4. Dezember um 15 Uhr) und verdeutlichte die Schlagtöne der Glocken, die perfekt und plangemäß einzeln und in Kombinationen von dem Kilianskirchen-Mesner Gerd Bäuerle angesteuert wurden. So wird bei Hauptgottesdiensten an Festtagen ein siebenstimmiges Plenum mit einem melodischen Geläut ermöglicht, wie es zur Blütezeit des Glockenwesens im Mittelalter bevorzugt wurde. Das gesamte Geläute sämtlicher Kirchen in Heilbronn ist abgestimmt nach dem Ton der Dominica.

Dann ging es in Gruppen auf der schmalen Wendeltreppe den Kiliansturm hinauf in die etwa 50 qm große und 9 m hohe Glockenstube, wo ein über 14 Tonnen schweres Gesamtgeläute von acht Glocken hängt. Hinzu kommt im Turmhelm eine nicht läutbare  Glocke, die Schlagglocke von 1691. Hier gewannen die „Jungen Senioren“ eine plastische und original-akustische Vorstellung von den Kilianskirche-Glocken, wie Tonhöhen und Klangcharakter durch Größe und Formgebung bestimmt werden, durch Anschlagen der Klöppel in Eigenschwingungen der Glocken. Wie Hammer erklärte, hat sich an ihrer Herstellung seit dem 13. Jahrhundert fast nichts geändert: Gemäß dem Schiller-Gedicht „Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt“, wird geschmolzenes Metall – nach wie vor rund 80 % Kupfer und 20%  Zinn –  für Bronze-Glocken in Lehmform gegossen, also Glockenkern, „falsche Glocke“ und Glockenmantel.

Von der Wunderwelt der Honigbienen – Bienenzüchter Otto Rapp voller Begeisterung für den Superorganismus

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Otto Rapp (Foto: Rolf Gebhardt)

„Summ, summ, summ, Bienchen, summ herum. Such in Blumen, such in Blümchen dir ein Tröpfchen, die ein Krümchen.“ Diese Textzeile eines altbekannten Liedes charakterisiert treffend die herkömmliche Vorstellung vom Bienenleben. Wie vielfältig die „Wunderwelt der Honigbienen“ ist, erläuterte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der leidenschaftliche Bienenzüchter Otto Rapp, der viele Jahre Vorsitzender des Bienenzüchtervereins Stuttgart war und heute noch an die 20 Bienenvölker betreut.

Otto Rapp ist als Sohn eines Bienenzüchters quasi mit Bienen und Bienenhaus aufgewachsen. Auch wenn der gelernte Diakon später auf ganz anderen Feldern tätig war, so als Seemannsmissionar und Airport- und Messe-Seelsorger, blieb ihm doch der Geruch von Wachs und Waben sowie der „Bienensound“ stets vertraut. Und so schmerzt es ihn, dass seit geraumer Zeit von Bienen nur in wehmütiger Tonlage die Rede ist und man allenthalben vom Bienensterben und überhaupt vom Massenschwund von Insekten und Vögeln spricht.  Zweifellos ist die biologische Vielfalt in Gefahr – mit unabsehbaren Folgen. Dem Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein wird das Wort zugeschrieben: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ So dramatisch schätzt Rapp die Situation zwar längst nicht ein, doch er verweist auf den Leistungsumfang der „Bestäuber der Welt“, der nach internationalen Studien mit einem dreistelligen Milliardenbetrag angesetzt wird. 80 Prozent aller Wild- und Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen, insbesondere von Bienen, von denen es unzählige Arten gibt.

In vielen Gegenden ist in den letzten Jahrzehnten ein Rückgang von Insekten und Hautflügler, zu denen neben den Bienen Wespen und Ameisen gehören, um gut zwei Drittel festgestellt worden. Erkennbar wird das jedem Autofahrer, dem früher bei längeren Ausfahrten im Sommer die Windschutzscheibe seines Wagens voller Fliegen verschmiert war. Ihnen wird Lebensraum und Nahrungsgrundlage geraubt durch den Strukturwandel insbesondere in der Landwirtschaft, die auf Chemie setzt, auf Dünger, Spritzmittel und Pestizide. Auch der Klimawandel spielt dabei eine Rolle. Im Zuge der industrialisierte Agrarwirtschaft und der Flurbereinigung entstehen zunehmend Monokulturen mit einer „ausgeräumten“ Landschaft, sind vielfach die bunten Blütenstreifen am Feldrand verschwunden. Auch wenn man wieder um eine Verbesserung der Ökosysteme bemüht ist – ohne die mühevolle Arbeit der Imker könnten die Honigbienen nicht überleben..

Bienen, die es schon seit Jahrmillionen gibt, wurden bereits in der Antike wegen ihres Honigs geschätzt. Rapp verwies darauf, dass in allen Weltreligionen Bienen Erwähnung finden, nicht zuletzt im Alten Testament, wo ja Moses sein Volk in das Land führen will, „wo Milch und Honig fließt“. Und schon immer wurde dem Honig auch eine heilsame Wirkung zugeschrieben. Heute hat sich rund um Bienenprodukte gar eine regelrechte Naturheilkunde, die Api-Therapie, entwickelt. Im frühen Mittelalter gab es die ersten gewerbsmäßigen Honigsammler, die „Zeidler“, die in eigenen Waldbäumen die Bienen in ihren Baumhöhlen „ausbeuteten“. Derzeit gibt es in Deutschland rund 10 000 Imker, mit wieder steigender Tendenz. Imkerei ist eine hochspezialisierte und aufwändige Kulturleistung geworden, die sich um Betreuung und Vermehrung von Honigbienen sorgt. Dazu gehört nicht zuletzt der Schutz der Bienen vor der Varroa-Milbe.

“Honigbienen bilden einen Superorganismus, ein komplexer Mikrokosmos“, stellte Rapp voller Hochachtung heraus. Alles dreht sich um die Bienenkönigin (mit entwickeltem Geschlechtsapparat), die permanent um- und (mit Gelée Royal) versorgt wird. Beim „Hochzeitsflügen“ lässt sie sich von bis zu 30 Drohnen begatten, legt dann täglich bis zu 2500 Eier („Stifte“). Aus unbefruchteten Eiern entstehen Drohnen, die später aus den Stöcken vertrieben werden (nach Begattungsvorgang sind sie sofort tot), aus befruchteten Eiern die Arbeitsbienen (oder zur Schwarmzeit in besonderen Zellen einige wenige Königinnen). 

Wenn es warm und trocken ist, fliegen die Bienen aus auf der Suche nach nektar- und pollenreichen Blüten . Die Bienen saugen mit ihrem Rüssel aus den Blüten Nektar in ihren Magen, füllen zugleich die Borstenkörbchen in ihren Hinterbeinen mit den Pollen der Pflanze, die sie zum Teil bei der nächsten angeflogenen Blüte verlieren. Die Blüte ist bestäubt und kann Früchte bilden. Wenn Kundschafterinnen eine ertragreiche Nahrungsquelle entdeckt haben, vollführen sie einen „Schwänzeltanz“, worauf sich ob dieser Bienensprache Zehntausende Bienen zum neuen Standort in Bewegung setzen. Mit spezieller Navigation finden sie bis zu drei Kilometer zielsicher zum Stock und richtigen Eingang zurück.

So ein Bienenvolk mit 60 000 Bienen erbringt innerhalb von zehn Tag 80 kg Honig, sagte Rapp und erklärte die „flügelbetriebene Klimaanlage“ der Bienen, die ausgefeilte Wabenstruktur eines Bienenstocks sowie das Honigschleudern. Die „Jungen Senioren“ konnten sich von der Rapp’schen Honigqualität überzeugen, von Raps-, Linden- und Waldhonig, die Rapps Frau in gefälligen Gläsern preisgünstig anbot.

Im Fasten Erlösung suchen bei Jesus Christus – Pfarrer Rossnagel erläuterte das christlich-religiöse Verständnis von Fasten

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Pfarrer Roland Rossnagel (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist Fastenzeit: Seit Aschermittwoch – dem Ende von Karneval und Fasching – markiert dieser lateinisch “Dies Cinerum“ genannte Tag den Beginn der 40tägigen Fastenzeit (46 Kalendertage, die sechs Sonntage sind fastenfrei), die endet mit dem Osterfest, das das Konzil von Nicäa im Jahr 325 auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond (in Jerusalem) festsetzte und frühestens auf den 22. März – Beginn des Frühlings – fallen kann. Die evangelische Kirche wirbt in der Fastenzeit traditionell mit der Fastenaktion „7 Wochen ohne“, in der zum Verzicht aufgerufen wird, was einem im Alltag lieb geworden ist, woran man sich gewöhnt hat, also etwa Verzicht auf Nikotin oder Alkohol oder Süßigkeiten, auf Fernsehen oder Computer, Notebook, Handy, Smartphone, Tablet. Es gibt aber auch „Plus-Fasten“, in dem man sich bemüht,  jeden Tag zusätzlich etwas zu tun, was man sonst vernachlässigt, also eine sozialen Dienst, jemanden helfen und unterstützen, oder gar täglich einen Bibelvers meditieren, einen Psalm lesen.

Für nicht wenige der „Jungen Senioren“, die zu dem Thema „Fasten ist modern“ in das Hans-Rießer-Haus gekommen waren, bedeutet Fasten wohl der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel oder Getränke, aber mehr im Sinne von Heilfasten, zur Entschlackung des Körpers, zur Vorbeugung von Krankheiten, eventuell unter medizinischer Anleitung, und auch zwecks Gewichtsverlust, zum Abnehmen. Der Referent, der katholische Stadtpfarrer Roland Rossnagel, Pfarrer am Deutschordensmünster St. Peter und Paul und zudem Stellvertretender Dekan von Heilbronn-Neckarsulm, stellte hingegen gleich zu Anfang klar, dass er hier nicht als Ernährungsberater sondern als Theologe über Fasten spricht.. Fasten im Christentum habe nichts mit Diät zu tun hat, sondern diene seit ältesten Zeiten religiösen Zielen, jetzt in der Fastenzeit zur Vorbereitung auf die Auferstehung Christi, in der Osternacht durch die Erneuerung des Taufversprechens.

„Fasten ist ein Begriff aus den großen Weltreligionen“, erklärte Rossnagel. Fasten sei insbesondere im jüdischen Denken fest verankert. Jüdische Krieger hätten vor den Gefechten gefastet, man habe gefastet zur Dämonen-Abwehr, wenn man sich also nicht mehr als Herr im eigenen Haus gefühlt habe, Fasten sei eine Begleiterscheinung in der Trauer von lieben Verstorbenen und schließlich ein wesentliches Element am Versöhnungstag Jom-Kippur, dem höchsten und persönlichsten  Feiertag im Judentum. Jedesmal gehe es den Juden beim Fasten darum, mit Gott in Beziehung zu treten, von ihm gehört und angenommen zu werden.

Generell beinhaltet Fasten laut Rossnagel die Möglichkeit, magische Kräfte zu empfangen, die menschliche Endlichkeit zu überwinden, die Immanenz des Lebens auszuloten, also die Beschränkung menschlicher Erfahrung und Erkenntnis auf das innerweltliche Sein – auf dem Wege zur Transzendenz, der Überschreitung der Grenzen des menschlichen Bewusstseins vom Diesseits. Wir können uns nicht aus uns heraus wirklich glücklich machen, ist Rossnagel überzeugt, sondern nur im Religionsgefühl in geistiger Berufung jenseits von Raum und Zeit. Das Leben in dieser Welt erscheine und bleibe vergänglich und könne so eine Himmelssehnsucht auslösen, wie sie etwa in den großen gotischen Kathedralen zum Ausdruck komme.

Rossnagel konstatierte heutzutage eine Auflösung von Milieus, Autoritäten und Institutionen, die Kirche nicht ausgenommen. Der Mensch sei jedoch in allerlei Abhängigkeiten verwoben. Wenn man sich ihrer bewusst werde, gehe es darum, sie auszuhalten, zu kompensieren beziehungsweise für sich fruchtbar zu machen, und nicht darum,  sich ihnen zu entziehen und sie zu verdrängen, etwa mit Alkohol oder Tabletten, was einen Teufelskreis nach sich ziehe oder in die Sackgasse der Verzweiflung münde. In der religiösen Aufforderung zum Fasten biete sich ein Weg der Erlösung aus dem Zwiespalt der Abhängigkeiten an, quasi in einer Heilsbeziehung von Mensch und Gott mit Jesus als Bräutigam.

Gott, der große unbekannte Schöpfergott, sei darauf angewiesen, dass seine Wirklichkeit erfahrbar wird, meinte Rossnagel, und verwies darauf, dass wir in Jesus Christus das Göttliche erkennen können.Wenn sich der Mensch bewusst werde, dass ihm die Einheit und damit das Glücksempfinden genommen sei, bleibe unendliche Traurigkeit. In dieser Verlorenheit eröffne sich ihm im christlichen Fasten der Weg zur Innigkeit und Verinnerlichung des Christus-Geheimnisses, der Selbsterlösung. Schließlich gelte ja auch seit altersher  das Gebot, dass Christen am Freitag fleischlos leben sollten – in Gedenken an Jesu‘ Kreuzestod. Ein solcher symbolischer Verzicht soll helfen, sich durch Askese auf das Leben mit Gott zu besinnen. Und generell empfahl Rossnagel, in unserer schnelllebigen Zeit hin und wieder wenigsten mal zwei Atemzüge lang innezuhalten, loszulassen und zu spüren, was ist, wenn nichts ist ….

Zu guter Letzt sei in dieser Passionszeit – der Zeit der Besinnung und Buße – erinnert an jene 40 Tage, die (der Jude) Jesu fastend und betend in der Wüste verbrachte.

 

Die Gefäße schützen gegen Schlaganfall – Oberarzt Dr. Felix Elser über Ursachen, Symptome und Behandlungen

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Großes Interesse an medizinischen Themen (Foto: Rolf Gebhardt)

Schlaganfall:  „Mit einem Mal sah ich das Licht, / es war sehr hell, doch störte nicht, / nun lieg ich da – ich weiß warum: / ein kleiner Schlag, er haut mich um. / Bilder seh‘ ich leicht verschwommen, / rechts der Arm ist sehr benommen, / öfter fühl‘ ich Schwindel steigen, / chaotisch sich die Werte zeigen; / kaum noch Puls, der Blutdruck steigt, / ein kleiner Anfall sich hier zeigt. / Ruhe und auch der Verzicht / wird ab sofort zur höchsten Pflicht.“

Moderatorin Karen Thanhäuser vom Beirat gab mit dem Zitieren eines Gedichts von Rudolf Lindner aus dem Jahr 2004 eine Steilvorlage zu dem Vortrag über Herz und Schlaganfall bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer Haus. Es oblag Dr. Felix Elser, Oberarzt – Internist, Kardiologe, Angiologe – der Medizinischen Klinik I im SLK-Klinikum Am Gesundbrunnen, das Phänomen Schlaganfall unter medizinisch-ärztlichen Gesichtspunkten zu erklären.

Einem Schlaganfall liegt eine akute Durchblutung des Gehirns mit neurologischen Ausfällen zugrunde. So heißt es fachmännisch. Dennoch: „Schlaganfall ist nicht gleich Schlaganfall“, so Dr. Elser. Es gibt verschiedenartige Ursachen und Ausprägungen. Meist führen verschleppte Blutgerinsel (Embolien) aus Arterien – aus der Halsschlagader oder aus der linken Herzkammer – dazu, dass sich Hirngefäße verengen oder verschließen und so akuten Sauerstoffmangel verursachen, aber auch entzündliche Gefäßerkrankungen.

Die Symptome und neurologischen Ausfälle sind unterschiedlich. Häufig äußert sich ein Schlaganfall durch Gefühlsstörungen in einer Körperhälfte bis hin zu halbseitiger  Lähmung, auch mit Schlaffheit und Taubheitsgefühlen an einem Arm oder im Gesichtsbereich, so hängende Mundwinkel. Sensibilitätsstörungen treten auf, Wahrnehmungsstörungen, Gangstörungen, Gleichgewichtsstörungen mit Fallneigung, aber auch Augenzittern, Doppelsehen und Schwindel, Störungen des Schmerz- und Temperatur-Empfindens, aber auch extreme Kopfschmerzen. Anzeichen für Schlaganfall sind auch Sprach- und Sprechstörungen, verwaschenes Sprechen und Formulierungsschwierigkeiten. Wenn Schlaganfall im Schlaf auftritt, können Betreffende oft nicht mehr sprechen. kaum aufstehen, nicht mehr gehen.

Es ist eine bekannte Tatsache: Beim Schlaganfall kommt es auf jede Minute an. Je früher ein Schlaganfall registriert und behandelt wird, umso besser ist es. Dr. Elser nennt ein Zeitfenster von optimal ein bis eineinhalb Stunden, maximal bis sechs Stunden für eine erfolgreiche Versorgung. Schlaganfall-Betroffene beziehungsweise Personen, die die Symptome bei anderen erkennen, sollen sofort 112 anrufen, eine integrierte Rettungsstelle bei der Feuerwehr, wo der dortige Rettungsassistent anhand einer gezielten Befragung die passende Diagnose geben kann,  gegebenenfalls den Notarzt beordert. Am besten ist es, wenn der Schlaganfall-Patient schnellstmöglich in spezielle Schlaganfall-Station – „Stroke Unit“ – kommt, wie es sie in der Klinik am Gesundbrunnen gibt. Hier werden nach international vereinbarten Standards unverzüglich die notwendigen medizinischen Maßnahmen vorgenommen, betont Dr. Elser.

Bei der notfallmedizinischen Versorgung arbeitet ein Team von Fachärzte verschiedener Richtungen zusammen. Zuerst gilt es, die Symptome richtig zu deuten, Vorhofflimmern und Herzrhythmusstörungen zu erkennen, festszutellen, ob Hirnblutung vorliegt. Blutgerinsel werden medikamentös aufgelöst und Maßnahmen zur Verbesserung der Blutfließeigenschaften eingeleitet, gerinnungshemmende Medikamente eingesetzt. Vielfach hält man heute nach wie vor an dem bewährten Marcumar fest, meint Elser, auch wenn es eine Anzahl neuer Medikamente gibt, die jedoch mitunter etwa auf Nierenschädigungen untersucht werden müssen. Elser. „Gut eingestellte Marcumar-Patienten sollten dabei bleiben.“ In einer Schlaganfall-Klinik werden Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel des Patienten laufend überwacht, die Vitalfunktionen abgesichert, bei hochgradiger Verengung der Halsschlagader eine operative Korrektur vorgenommen.

Auch nach einem Krankenhaus-Aufenthalt ist ein Schlaganfall-Patient noch nicht über den Berg. Die Sozialstation der Klinik leistet Hilfestellung bei der Nachsorge. Gegebenenfalls kommen spezielle Rehabilitationseinrichtungen zur Unterstützung der natürlichen Heilungsvorgänge und zur Verhinderung von schweren Folgeschäden infrage. Wer schon mal einen Schlaganfall gehabt hat, hat eine mehrfach so hohes Risiko, wieder einen Schlaganfall zu bekommen.

Wichtig ist also, seine Gefäße zu schützen. Das gilt  auch allgemein. Hauptrisikofaktoren für Schlaganfall sind Rauchen, Übergewicht und Diabetes Mellitus, generell auch Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und Fettstoffwechsel-Störungen, ferner gewisse Vorerkrankungen und Arteriosklerose.  Durchblutungsstörungen und Herzerkrankungen sollten frühzeitig erkannt werden. Nicht zuletzt gibt es  genetische Dispositionen. Auch wenn man sich noch so gesund ernährt, körperlich aktiv ist, keine Risikofaktoren zu haben scheint – niemand, erst recht nicht im Alter, ist hundertprozentig gegen Schlaganfall gefeit, konstatiert Dr. Elser.

HeilbronnerAquarell-Maler mit vielen Facetten – Kunstkenner Norbert Jung über Leben und Werk des Künstlers Albert Hammel

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Norbert Jung mit einem Originalbild von Albert Hammel (Foto: Rolf Gebhardt)

Maler Hammel: Für die wenigsten – aber immerhin doch für einige – ist er ein Begriff. Und die ihn kennen, schätzen seine farbenprächtigen Bilder und Motive. Der Heilbronner Pädagoge Norbert Jung,,ambitionierter Heimatforscher und Kunstkenner, würdigte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus das Leben und Wirken, die bildnerischen Werke, des Malers Albert Hummel, der jahrzehntelang in der Heilbronner Kunstszene eine wichtige Rolle spielte. Er gehört zu den fünf heimischen Künstlern, von denen ein Bild im Heilbronner Rathaus an der Wand vor dem Großen Ratssaal angebracht ist, und auch im Städtischen Museum Heilbronn findet man ein Bild von Hammel.

Albert Hammel wurde am 18. März 1883 als jüngster Sohn eines Heilbronner Schlossers geboren. Nach dem Besuch der Mittelschule machte er eine Grafiker-Lehre und war danach als Lithograph bei verschiedenen Betrieben tätig, in lithographischen Anstalten, Druckereien und auch als Designer bei der Silberwarenfabrik Bruckmann, berichtete Jung. Sein Berufsweg führte ihn auch nach München, wo er zeitweise auch die Münchner Akademie besuchte. Nach Heilbronn zurückgekehrt machte er auch die Bekanntschaft von Adolf Hölzel (1853 -1934), ein Wegbereiter der neuen Malerei, und durch ihn auch mit dem Journalisten Theodor Heuss, was Hammel nach eigenen Angaben auch zum „Schüler von Hölzel“ an der der Stuttgarter Akademie werden ließ..

Der Ausbruch des Weltkriegs 1914 versetzte Hammel in nationale Begeisterung. Er ließ sich 1915 freiwillig in das Württembergische Infanterieregiment einziehen, wurde auch rasch Gefreiter. Ihm wurden zwar Führungsqualitäten bescheinigt, doch wegen Krämpfe infolge eines Gehirngeschwulst als nicht tauglich für den Fronteinsatz erachtet und aus dem Militärdienst entlassen.

1918 heiratete Hammel die Tochter des Heilbronner Mittelschulrektors und Mundartdichters Gustav Adolf Freudenberger, die Sängerin Johanna, die später auch als Musiklehrerin tätig war. Die Ehe blieb kinderlos. Als technischer Zeichner in einer Maschinenfabrik fand Hammel nicht seine Bestimmung, und so entschloss er sich ab 1920 zu einer Existenz als freischaffender Künstler, nachdem er sich als Mitbegründer des Künstlerbundes Heilbronn hervorgetan hatte.

Jung hat sich auf Hammels Spuren begeben und sein Malerstudio in der Cäcilienstraße 37. ausgemacht: Im Erdgeschoss ein Friseurgeschäft, darüber eine Mietwohnung und oben Hammels Atelier mit Blick auf das städtische Heilbronn. Gewohnt hat das Ehepaar Hammel in der Pühlstraße zur Miete. Hammel war laut Jung ein schaffiger, fleißiger Mensch, doch er musste schon um seinen Lebensunterhalt kämpfen. Auf Reisen nach Österreich und in die Schweiz, nach Italien und Frankreich, kam er zu neuen Anregungen. Berglandschaften faszinierten ihn sein Leben lang, aber vor allem Lokalmotive von Heilbonn und Umgebung finden sich in seinen Bildern immer wieder. Insbesondere nahm er sich Hölzes Rat zu Herzen: Beteiligung an Ausstellungen. Und so war Hammel auf zahlreichen Ausstellungen vertreten.

Jung zeigte auch auf, dass sich Hammel über die Mitgliedschaft in einer NSDAP-nahen Kulturortsgruppe  auch für Nazi-Gedankengut einspannen ließ. So für die Titelgestaltung eines Liederheftes zum ersten Heilbronner Liederfest im dritten Reich im Juli 1934: „Sieg Heil! Schwabensänger“. Oder 1941 für den Patenschutzbrief der Stadt Heilbronn für ein U-Boot.

Der Bombenangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 machte auch Hammels Atelier und Wohnung ein Ende, und Hammel übersiedelte nach Lauffen am Neckar, wo er im Klosterhof eine neue künstlerische Wirkungsstätte fand. So entstanden in seinem Spätwerk viele Bilder aus der Lauffener Gegend. Ein Nachkriegshöhepunkt war für ihn, dass er (gemeinsam mit seinem Talheimer Malerkollegen Hanns Reeger) 1953 mit der Restaurierung des historischen Uhrengiebels m Heilbronner Rathaus, der astronomischen Kunstuhr von Isaac Habrecht aus dem Jahre 1580, beauftragt wurde. Hammel starb am 24. Dezember 1958,in Lauffen, fand aber auf dem Heilbronner Friedhof seine Ruhestädte, die Jung an anonymem Platz entdeckte.

Jung gab anhand von Fotos einen guten Überblick übe Hammels Schaffen mit unterschiedlichen Arbeitstechniken wie Plakatkunst, Zeichnung,Holzschnitt, Radierung, Ölmalerei, doch in erster Linie war er ein Aquarell-Maler. Laut Jung verfügte Hammel über ein gut ausgestattetes Atelier und und ließ in seinen Werken vielfach auch modernere Elemente anklingen, so in Stilleben. Auch eine Reihe von Selbstporträts fertigte Hammel, die ihn  meist als ernsten, in sich gekehrten Mann zeigen, wenngleich er auch, so Jung, sich gegen Kritik stets selbstbewusst und vehement zur Wehr setzte.

Märchen und ihre Symbole sind voller Weisheiten … und können praktische Lebenshilfen bieten, meint Petra Anna Schmidt

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Petra Anna Schmidt im Hans-Rießer-Haus (Foto: Rolf Gebhardt)

Märchen – Volksmärchen zumal – sind ein kultureller und nationaler Schatz. Deshalb hat die Deutsche Unesco-Kommission auch im Dezember 2016 das Märchenerzählen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wie man von diesem Schatz und Erbe profitieren kann, das vermittelte die professionelle Geschichtenerzählerin Petra Anna Schmidt den Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in anschaulicher und hilfreicher Auslegung.

Die ältere Generation ist in der Regel gut vertraut mit der Märchenwelt, denn Märchen erzählt zu bekommen und selbst zu lesen gehörte zu ihrer Kindheit. Mit dem Aufkommen der Medien-Vielfalt haben Märchen für die heutigen Kinder zwar nicht mehr diesen hohen Stellenwert wie früher, werden aber wohl noch immer gerne aufgenommen. Märchen wurden jedoch ursprünglich für Erwachsene erzählt, „und zwar aus gutem Grund“, so Petra Anna Schmidt. Denn die Allerwenigsten konnten lesen und schreiben, und so wurden sie mit verschlüsselten Geschichten mit unterschiedlichen Lebensumständen vertraut gemacht. Deshalb hat Schmidt speziell für Erwachsene ein Programm „Märchen entdecken“ entwickelt, in dem sie Hintergründe und Symbolik der Märchen erklärt. „Märchen sind voller Weisheiten und praktischer Lebenshilfe“, meint die Erzählerin, „jedoch verpackt in einer Bildsprache, die moderne Menschen meist nicht mehr verstehen.“  In ihrem Programm übersetzt sie sozusagen diese Bildsprache in die geläufige Alltagssprache,

Das tat Petra Anna Schmidt diesmal anhand des Grimmschen Märchen „Die Alte im Wald“, eingestimmt mit anheimelnden Flöten-Klängen: Da ist also ein „armes Dienstmädchen, das mit seiner Herrschaft auf einer Kutsche durch den Wald fährt. Sie werden von Räubern überfallen und getötet, bis auf das Mädchen, das sich verstecken  konnte. Verzweifelt kauert es allein an einem Baum, Gott anbefohlen, als ein weißes Täubchen zu ihr hin geflogen kommt, ihr einen kleinen goldenen Schlüssel bringt, und ihr ein passendes Schloss in einem großen Baum zeigt, wo sie zu essen findet. Später bring ihr das Täubchen noch Schlüssel, die ihr in Bäumen zu einem weichen Bett und zu Kleidern wie für eine Königin verhelfen. Nachdem das Mädchen neues Selbstvertrauen gewonnen hat, bittet das Täubchen das Mädchen, in eine Hütte zu gehen, die dortige Hausherrin nicht zu beachten und einen schlichten Ring unter den dort aufbewahrten vielen prächtigen herauszusuchen und zu ihm zu bringen.

Das Mädchen tut, was die das Täubchen ihr aufgetragen hat, findet die Hütte, ignoriert die alte Frau, die sie daran hindern will, in den Nebenraum zu den Schmuckschätzen zu gehen. Als das Mädchen bemerkt, dass die Alte sich mit einem Vogelkäfig wegschleichen will, entreißt ihr das Mädchen den Käfig, nimmt dem dort gefangenen Vogel jenen schlichten Ring aus dem Schnabel, eilt damit davon und lehnt sich an einen Baum, um auf das Täubchen zu warten. Da spürt sie, wie sich die Zweige des Baus um sie schmiegen und wie sich der Baum in einen schönen jungen Mann verwandelt, der sie an sich drückt und küsst. Er ist der Sohn eines Königs, den die Alte in einen Baum verwandelt hatte und nur ein paar Stunden am Tag als Taube umher fliegen durfte. Das Mädchen hat den Zauber gebrochen, indem sie der Alten den Ring entwendet hat. Das ehemalige Dienstmädchen und der Königssohn heiraten und werden glücklich.

Petra Anna Schmidts eigene Deutung zu diesem Märchen, „wie sich Wandlung vollzieht“: Ein Dienstmädchen, als Angestellte nicht unbedingt arm, aber arm in der Lebensperspektive, macht im Wald – auf sich selbst gestellt – dank der Unterstützung durch das Täubchen einen Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit durch und weiß sich schnell auf neue Situationen einzustellen. Schmidt: „Wir können alle in Schwierigkeiten geraten, uns kann im Leben viel geraubt werden, aber es komm darauf an, dass wir es schaffen, aus der misslichen Situation wieder herauszukommen.“

Und da kommen die Symbole ins Spiel: Der in Märchen immer wieder auftauchende Wald steht laut Schmidt für das Unbewusste, mit dem der „Held“ konfrontiert wird und mit der Selbstfindung in der Natur das Stadium des Unerlöstseins verlässt. Die Taube hat eine vielschichtige Bedeutung, nicht zuletzt für Liebe. Der Schlüssel kann Symbol sein für einen Lösungsansatz. Die alte Frau – die „Alte“ – verkörpert das überholt-Gestrige, allzu konservative Bande, von denen man sich befreien muss, um eine glücklichere Gegenwart und Zukunft zu gestalten: hier die grantigen oder bösen Alten, dort die guten und sympathischen Jungen, denen die Zukunft gehört. Und was Männer- und Frauenrollen in Märchen betrifft, so muss man sehen, dass in jedem Menschen sowohl männliche wie weibliche Anteile stecken.

Generell meint Petra Anna Schmidt brauchen Erwachsene für Märchen eine passable Deutung, eine tiefenpsychologische Interpretation, während Kinder die Fähigkeit haben, selbst bei anscheinend grausamem Geschehen in der ihnen eigenen inneren Schau verträgliche Selbstbildnisse entstehen zu lassen, so dass ihnen Märchen durchaus emotionale Nahrung und Impulse geben können.

Mutige Frauen auf Reisen in exotische Länder – Ulrike Kieser-Hess über „frühe“ Abenteuerinnen und Forschungsreisende

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Ulrike Kieser-Hess (Foto: Rolf Gebhardt)

„Mut statt Hut im Gepäck. Hinter diesem faszinierenden Titel verbarg sich eine Reportage über allein reisende Frauen vor mehr als 100 bzw. 200 Jahren, die von brennendem Interesse für das Fremde getrieben in mühevoller und gefährlicher Mission Erfahrungen in fremden Ländern sammelten und darüber Artikel und Bücher verfassten. Fünf Porträts solcher Frauen wurden den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus von Ulrike Kieser-Hess aus Lauffen anschaulich vermittelt. Sie ist gelernte Journalistin, Lokalpolitikerin und u.a. VHS-Referentin.

Im 18., 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es insbesondere Frauen aus der englischen Oberschicht, die aufregende Reisen in exotische Länder unternahmen und darüber berichteten.

Da ist zum ersten Lady Hester Stabhope1776,  in einer angesehenen Familie im britischen Kent geboren, die in jungen Jahren Haushälterin bei einem Onkel, dem Premierminister, war. Ausgestattet mit scharfem Intellekt und Geschmack für Exzentrik wurde sie eine der ersten Abenteuerinnen der frühen Neuzeit. Der Libanon wurde zu ihrer zweite Heimat. Von1810 bis zu ihrem Tod 1839 lebte sie in einem  verlassenen Bergkloster, von ihr ausgestattet in pseudoorientalischem Prunk, auch ein Anziehungspunkt europäischer Globetrotter. Sie verstand es, mit den dortigen zerstrittenen Bergstämmen der Drusen gut klarzu kommen und wurde von ihnen als „Königin der Wüste“ und „Mysterie Lady of  the Orient“ verehrt. Als erste westliche Frau kam sie in die Ruinenstadt Palmyra, von den Beduinenstämmen gefeiert.

Auch eine Französin machte von sich reden: Alexandra David-Néel. 1868 in einem Pariser Vorort geboren wurde sie zu einer bekannten Reiseschriftstellerin und Erforscherin der tibetischen Kultur und des Buddhismus. Mit 17 zu einer erster Reise in die Schweiz „ausgerissen“ studierte sie danach orientalische Schriften und Sprachen, schloss sich 1891 bei einer Reise nach Indien und Ceylon einer theosophischen Gesellschaft an, hatte ein Engagement als Sopranistin in Indochina und war Theaterleiterin in Tunis. Sie heiratete 1904 Philippe Néel, von dem sie sich zwar bald wieder scheiden ließ, der jedoch mit ihr in Verbindung blieb. Bei einer Auslandsreise 1911 lernte sie den Dalai.Lama kennen. Sie unternahm monatelange Reisen im Himalaja, wurde in den Stand eines Lamas erhoben, durchstreifte die Wüste Gobi, bereiste Persien, Burma, Japan, Korea und China, stets begleitet von Lama Yongen, der ihr Adoptivsohn wurde. 57Jährig erreichte sie, als tibetische Pilgerin verkleidet, die verbotene Stadt Lhasa. Als anerkannte Wissenschatflerin starb sie hundertjährig.

Verdient um die Erforschung der Lepra machte sich Kate Marsden (1859-1913). Die englische Krankenschwester kam im Russisch-Türkischen Krieg 1817 in Bulgarien erstmals mit Lepra-Infizierten in Berührung und entschloss sich zum Kampf gegen die als unheilbar und hoch ansteckend geltende Krankheit. 1890 kam sie auf Einladung der Zarin nach St. Petersburg. Sie studierte in mehreren Ländern Lepra-Behandlungsmethoden, reiste dann von Moskau auf beschwerlichen Wegen durch Sibirien nach Jakutien und warb darauf für die Unterstützung der dort als Ausgestoßene lebenden Leprakranken. 1897 entstand eine nach ihren Plänen erbaute Leprastation in Wiljuisk.

Eine ganz außergewöhnliche britische Forschungsreisende war Gertrude Bell (1868-1926), Tochter eines liberalen Industriellen und Wissenschaftlers, mit einer Stiefmutter als Vertraute. Nach einem für Frauen ungewöhnlichem Studium in Oxford – mit höchster Auszeichnung, aber ohne akademischem Grad beendet – verkehrte sie in London sowie in Bukarest (1888/89) und Teheran (1893) in höchsten gesellschaftlichen Kreisen, auch in Deutschland und in Italien, machte sich vorübergehend als Alpinistin im Berner Oberland einen Namen und unternahm zwei Weltreisen. Um die Jahrhundertwende bereiste die selbstbewusste rothaarige grünäugige Bell auf unbekannten Routen den Nahen Osten, erwarb sich das Vertrauen von Scheichs und rivalisierenden Stammesführern. Ihr Buch „Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens“ machte Furore. Auch als Archäologin wurde sie bekannt. Eine abenteuerliche Reise führte sie durch Zentralarabien. Als die Briten im Weltkrieg sich in Mesopotamien engagierten, versicherte sich der britische Geheimdienste der Dienste der kenntnisreichen Orientalisten, die von 1917 bis zu ihrem Tod in Bagdad in politischer Mission lebte und maßgeblich an der Grenzziehung des zukünftigen Staates Irak beteiligt war.

Und schließlich kam Kieser-Hess auf eine Frau zu sprechen, über deren absonderliches Lesben u.a. ein Film („Anna und der Konig“, mit Jodie Forster) gedreht wurde. Als Ann Henriett-Emma Edwards 1831 in Indien geboren und 1915 in Montreal gestorben. Nach kurzer Ehe mit Thomas Leon Owens wurde sie als Anna Leonowens berühmt mit ihren Memoiren über ihre fünf Jahre als Englischlehrerin der 57 Kinder des siamesischen Königs Mongkut in Bangkok. Laut Kieser-Hess hat sie jedoch nicht nur über ihre Erlebnisse am Hofe und über ihre Reisen „geschummelt“, sondern auch über ihre Herkunft, die sie in Wales ansiedelte.