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Fotografisch darstellen, wie die Natur wirklich ist – Roland Schweizers Multivisionsshow von Löwensteiner Bergen und von Island

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Es war wieder ein Highlight im Programm der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus: Die Multivisonsshow des renommierten Löwensteiner Fotokünstlers Roland Schweizer, von dem es heißt: „Er zeichnet mit seiner Kamera die Landschaften und  vermittelt ein Bild von der Natur, wie sie wirklich ist.“ In jahrzehntelanger Leidenschaft für die Kunst der Fotografie hat er eine Veranstaltungsform „DiaVision in Concert“ zu einem Markenzeichen multimedialer Bildpräsentation entwickelt. Darüber hinaus hat sich Schweizer mit zahlreichen Bildbänden und noch mehr Fotokalendern einen Namen gemacht und große Anerkennung gefunden für seine Arbeiten, die gleichermaßen seine Heimatverbundenheit wie seine Weltoffenheit erkennen lassen.

So galt denn auch der erste Teil von Schweizers Vorführungen Impressionen von den Löwensteiner Bergen und dem Sulmtal. Hier ist er aufgewachsen, in einem kleinen Weingärtnerbetrieb in Löwenstein, wo die Weinberge vor der Flurbereinigung sein Abenteuerspielplatz war, wo er sich nach wie vor wohlfühlt und wo er in der heimischen Natur auch immer wieder noch ein Stück Wildnis entdecken kann. 

Als Betrachter kann man nur schauen und staunen, was Schweizer da für einen Bildreichtum präsentiert, über eine Gegend, die man ja eigentlich zu kennen glaubt. Aber so in der Farbenpracht der Jahreszeiten hat man Rebhänge, Wiesen, Felder und Wälder noch nicht gesehen oder nicht gebührend beachtet, ebenso die harmonische bis spektakuläre Verbindung von Landschaft und Himmel. Immer wieder auch der Breitenauer See aus verschiedener Perspektive, und auch andere Gewässer. Dann die Gemeinden Löwenstein und Obersulm und ihre Ortsteile in der Ferne über der welligen Ebene.  

Schließlich noch eine „Bilderreihe Kindheit“ – eine anscheinend heile Welt von früher auf dem Land, wie sie wohl auch viele „junge Senioren“ erlebt und in Erinnerung haben: Die Oma im Garten, beim Kartoffelschälen, Opa und Enkel auf der Bank und beim Spazierengehen, der alte Schuster in seiner überladenen Werkstatt, Weinlese, Würstchen-Grillen am offenen Feuern, Brot- und Zwiebelkuchen-Backen im Backhäuschen und ihr Transport mit dem Bollerwagen, aber auch Erinnerungen an die Schulzeit, wie sie im Schulmuseum von Weiler lebendig wird.

Gespannt erwarteten die 140 „jungen Senioren“ die zweite Bilderschau nach der Kaffeepause: Schweizers fotografisches Lebensthema ist die Darstellung der möglichst unangetasteten Natur in ihrer atemberaubenden Schönheit der Poesie von Formen und Farben in der Magie des Lichts. Diese Motive findet Schweizer vornehmlich in Island, seiner zweiten Heimat, die er schon mindestens zwei Dutzend mal bereist hat und gerne auf Fotoseminaren vermittelt: Jenes Land aus Feuer und Eis, der Vulkane und Geysire, im äußerten Nordwesten Europas, etwa so groß wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen, die jedoch 70mal so viele Einwohner haben wie Island (ca. 350 000). Island entstand vor 25 Millionen Jahre durch vulkanische Aktivität, weil es im Bereich des mittelatlantischen Rückens einer tektonisch aktiven Bruchlinie der europäischen und amerikanischen Kontinentalplatten liegt. Man kann auf dieser Insel, die zu über 90 Prozent aus vulkanischem Ursprung und aus purer Wildnis besteht, erkennen, “wie die Erde entsteht“, so Schweizer. 

Dass Island noch immer noch in Bewegung ist, dem spürte Schweizer in der Bergwelt im Landesinnern nach. Da gibt es den größten Gletscher Europas, größer als alle Alpen-Gletscher zusammen, eine Fläche von der Größe der Mittelmeerinsel Korsika: Vatnajökull („Wassergletscher“). Unter seiner 400 m dicken Eisschicht liegen mehrere  aktive Vulkane. Erdstöße verändern laufend die Struktur der Landschaft. Bei dem Ausbruch des 2000 m hohen Bardabunga 2014, am Nordwestabbruch des Vatnajökull, war Schweizer vor Ort und erhielt als einer von einem knappen Dutzend Personen die Erlaubnis zur Beobachtung dieses imposanten Naturschauspiels aus der Nähe: Frappierende Bilder, wie aus der Glut des  Mittelpunkt der Erde 1000 Grad glühend heiße rote Lava in senkrechter Fontäne hunderte Meter hoch herausgeschleudert werden.. 

In seiner Bilderschau zeigte Schweizer, wie Feuer Schluchten ins Eis gräbt, Eiszapfen und Eisberge, Gletscherseen und zerfurchte Gletscherzungen, Fjorde, Steilküste, Geysire, brodelnde Schlammtöpfe und Dampfquellen. Dann wieder in allen Schattierungen leuchtende wellenförmige Landschaftsformationen, von unzähligen Wasserläufen durchzogen – über 30 hat Schweizer durchquert; Wasserfälle in breiter Front oder in schmaler Schlucht vor schwarzen Basaltsäulen, tosend und schäumend herabstürzend, aber auch eingefrorene Wasserfälle .Urtümliche düstere Schwemmlandschaften, in der sich ein einzelner Mensch verloren ausnimmt, aber auch exotische Vögel in blühender Tundra-Vegetation: isländisches Vulkanland in Herbstfarben und im Winterzauber, unterlegt von schmeichelnder oder dramatischer Musik – der Natur abgelauschte feinfühlige Foto-Kunst im spektakulären Spiel von Farben und Licht, wie sie kein Maler je  hervorbringen kann. Roland Schweizer bildet mit seinem Gefühl für Bilder die Sprache der Natur ab.

Erinnerungen an die 1960er Jahre in Heilbronn – Impressionen von Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk

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Prof.Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Die 1960er Jahre in Heilbronn. Die allermeisten die zu diesem Thema erschienenen rund 150 „Jungen Senioren“ haben diese Zeit erlebt. Wie war das vor 50/ 60 Jahren? Der Heilbronner Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk berichtete darüber umfassend, detailliert und unterhaltsam im Hans-Rießer-Haus. Übrigens diente das damals neu erbaute Hans-Rießer-Haus ab September 1962 als zentraler Treffpunkt für organisierte und nicht organisierte Jugendliche und trug wesentlich mit zu dem sich entwickelnden neuen Lebensgefühl der Jugend bei.

Wie Schrenk darlegte, nehmen die 1960er Jahre in der Heilbronner Stadtgeschichte eine Art Zwischenstellung ein. „Sie bilden den Übergang von der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg zur Großstadt“. Konkret markierte dies Schrenk an drei Faktoren: So trat 1967 mit Paul Meyle der prägende Nachkriegs-Oberbürgermeister in den Ruhestand. Auf ihn folgte Dr. Hans Hoffmann, vormals Bürgermeister von Neckarsulm, der zwar 50,6 % der Stimmen bei der Wahl am 26. Juni 1966 erhielt, die jedoch wegen Formfehler für ungültig erklärt wurde, und erst bei der Neuwahl am 21. Mai 1967 mit 57 % „richtig“ gewählt wurde. Zum anderen erhielt das Heilbronner Wahrzeichen Kilianskirche am 1. Dezember 1968 den in großen Teilen kriegszerstörten und nun nachgeschnitzten Seyfer-Hochaltar (anstatt eines von Dekan Dr. Siegel favorisierten „modernen“ Altars) zurück, was als Symbol für den Abschluss des Wiederaufbaus angesehen wurde. Allerdings spürte die Heilbronner Bevölkerung nach dem „Wirtschaftswunder“ 1967 erstmals einen konjunkturellen Einbruch, doch alsbald kehrte der ökonomische Optimismus wieder zurück.

In den 1960er Jahren erlebte die Heilbronner Industrie laut Schrenk eine Blütezeit.Immer mehr Betriebe siedelten sich im Industriegebiet Neckar entlang der Austraße und rund um das Salzwerk an. Um mehr Platz für die expandierende Industrie zu schaffen, gab es Pläne, den Neckar in Richtung Norden einige Kilometer weiter westlich fließen zu lassen. Da gleichzeitig der Bau eiern Autobahn-Brücke über den Neckar anstand,ließ man die jetzige – neu- bzw. umgebaute – extrem lange Brücke errichten, um den Eventualitäten zu genügen. Es war auch die Zeit, als als der Handelskonzern Gustav Lichdi mit seinen vielen Filialen die Tante-Emma-Läden ablöste. Rasanten Zuwachs ergab sich auch für den Verkehrsfluss, so  dass an der Allee erste Ampeln eingerichtet wurden; die Zahl der Kraftfahrzeugzulassungen stieg 1967 auf über 25 000.

Schrenk berichtete auch über großes Aufsehen erregende Randerscheinungen. Da war 1961 der Mordfall Trümpy: Der Italiener Enrico Trümpy hatte seine Ehefrau, die  nicht in eine Scheidung einwilligen wollte, umgebracht und die Leiche in kleine Stücke zersägt. Dann der „Spätzles-Krieg. ausgelöst von einem Leserbrief im März 1965 in der Heilbronner Stimme, in dem es hieß: „Daß es in Schwaben ein Mehlteiggericht gibt, dass ebenso unappetitlich aussieht wie es mundet… das Letzte für jeden Feinschmecker-Gaumen.“ Das empörte die Volksseele und führte zu massiven Reaktionen, an die 200 weitere Leserbriefe und Veröffentlichungen darüber in der überregionalen Presse bis hin zum „Spiegel“. Große Empörung gab es im gleichen Jahr auch wegen des Kunstwerks von Dieter Läpple, die Kathchen-Figur am Kathchen-Brunnen: die Skulptur sei eine Beleidigung für alle Heilbronner Frauen.

Die Heilbronner Kulturszene entwickelte sich erfreulich. Das kleine Theater hatte seine Heimstätte im Gewerkschaftshaus. Das Musikleben gedieh. Neben verschiedenen Konzertchören gab es zwei gut besucht Orchester, das Heilbronner Sinfonie-Orchester und das Württembergische Kammerorchester, um die sich ein kommunalpolitischer  Streit wegen der städtischen Förderung entzündete. In den 60er Jahren begann auch der Ausbau des Deutschhofs zum neuen  Kulturzentrum mit Stadtbibliothek; im November 1967 wurde das Gewölbe zum Jugendkeller umgebaut. Enzo Pressutti machte 1962 über seinem Eiscafé am Kiliansplatz ein Tanzlokal auf.  Laut Schrenk gab es damals in Heilbronn rund 30 Kellerclubs und Jazzkeller. 

Die Jugend gewann an Gewicht. Die Gaffenberg-Freizeiten erfreuen sich großer Beliebtheit, wurden selbst von Kindern aus der neuen Partnerstadt Beziers wahrgenommen. Im Sport wurde Heilbronn (nicht nur) durch den mehrfachen Weltmeister Karl-Heinz Losch zur Rollkunstlauf-Hochburg. Die Heilbronner Gymnasien wurden ausgebaut.1961 entstand die Staatliche Ingenieurschule Heilbonn (die 1971 zur Fachhochschule wurde). Da konnte Heilbronn auch nicht unberührt bleiben von den wilden 68ern. Es kam zu radikalen Schulaktionen, Aufbegehren gegen die Elterngeneration und gegen politisches Geschehen. Die Frauenmode ging vom Rock über Minirock zu Hosenanzug und Jeans.

Zum 1. Januar 1970 wurde Heilbronn zur Großstadt, dank der Eingemeindung von Klingenberg. Aber die 100 000-Einwohnerzahl stand sowieso bevor. Nicht zum Zuge kam der ehrgeizige Plan von OB Hoffmann,. aus Heilbronn ein Stadtgebilde entlang des Neckars von Lauffen bis Neckarelz zu machen, andererseits aber auch nicht die Auflösung des Stadtkreises Heilbronn in einem vergrößerten Landkreis Heilbronn.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ – Prälat Harald Stumpf erklärt die Jahreslosung – und sein Ausscheiden

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Prälat Harald Stumpf (Foto: Ralf Gebhardt)

In christlichen Kreisen ist es guter Brauch, sich mit der Jahreslosung zu befassen. Das taten auch die „Jungen Senioren“ auf ihrer ersten Veranstaltung in neuen Jahr, traditionell mit dem Heilbronner Prälaten. Harald Stumpf ging erst einmal auf die Entstehung der Jahreslosung ein. Sie gibt es seit 90 Jahren. 1930 wurde sie erstmals von dem Stuttgarter Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1938) herausgegeben: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht.“ (Röm. 1 16a) Diesen Bibelvers hatte er gewählt in Absprache mit dem Dachverband der Evangelischen Jungmännerbünde (Vorläufer des CVJM). Seit 1928 war Riethmüller Leiter des Evangelischen Reichsverbands weiblicher Jugend in Berlin-Dahlem und wurde 1935 Vorsitzender der Jugendkammer der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung durch das Nazi-Regime wehrte. Unter Riethmüllers Vorsitz wurde auch das Kreuz auf der Weltkugel als Symbol für die Evangelische Jugend festgelegt- heute auch noch über dem Eingang zum Hans-Rießer-Haus sichtbar. Wie Prälat Stumpf weiter erläuterte, werden die Jahreslosungen seit 1960 von einer  Ökumenischen Kommission jeweils für vier Jahre im voraus festgelegt.

Stumpf meinte, wir könnten auch noch beschwingt in das neuen Jahrzehnt der 20er Jahre gehen mit der Jahreslosung von 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Aber auch die Jahreslosung 2020 ist wegweisend: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)  Was hat es mit dieser Aussage auf sich. Stumpf zitierte dazu aus seinem Neujahrsbrief, der an Gesprächspartner und  Wegbegleiter in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, an Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Mitarbeitende in Kirche und Diakonie ging:

„Vertrauen ist ein großes Geschenk. Bei vielen Gesprächen mit Verantwortungsträgern in meiner Prälatur im Rahmen der Bezirksvisitationen oder bei Beratungs- und Konfliktgesprächen in den Kirchengemeinden habe ich das ganz beglückend erlebt. 

Die Jahreslosung erschließt sich nur aus ihrem Zusammenhang der  Heilungsgeschichte, der sie entnommen ist:  Der Vater eines behinderten Sohnes hat von Jesus und seinen Heilungen gehört. Er macht sich auf den Weg zu ihm, trifft Jesus aber nicht persönlich an, sondern nur seine Jünger. Er hofft, dass auch die ihm helfen können. Aber seine Hoffnung wird enttäuscht. Die Jünger können seinem Sohn nicht helfen. Da kommt Jesus. Der frustrierte Vater überfällt Jesus mit einem Redeschwall und erzählt im alles. Jesus schimpft mit seinen Jüngern und nennt sie ein ;ungläubiges Geschlecht‘. Dann erst wendet er sich dm behinderten Kind zu, das gerade einen Anfall hat. Der verzweifelte Vater fragt Jesus: ,Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und  hilf uns!‘ Aber Jesus hilft immer noch nicht, sondern sagt nur. ;Alle Ding sind möglich dem, der glaubt.‘ Das bringt den Vater vollends zur Verzweiflung. Sein Glaube ist ihm zwar verloren gegangen, aber er will dennoch weiter daran glauben, dass Jesus ihm und seinem Sohn hilft. Er ist hin- und hergerissen und schreit diesen paradoxen Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!‘ Und dann geschieht es. Jesus hilft dem Sohn und hilft so auch dem verzweifelten Vater. … Der ungläubige Glaube hat nicht vergeblich geglaubt.“

Prälat Stumpf bekräftigt, dass unser Glaube kein fester Besitz ist, das auch Zweifel dazugehören. Er belebte seine Ausführungen mit von den „Jungen Senioren“ gemeinsam gesungenen (von einem befreundeten Dekan) neu gedichteten alten Kirchenlied („Auf dem Weg in neue Zeiten…. “), am Klavier begleitet von Stumpfs Frau Annette, sowie einem modifizierten Segensgebet aus dem 4. Jahrhundert und dem Vaterunser. 

Nach der Kaffeepause stellte sich Stumpf Fragen zur Prälatur und Landeskirche. Dabei verdeutlichte er, dass er als Prälat nicht Dienstvorgesetzter für die 14 Dekanate des Sprengels ist, sondern als Regionalbischof in erster Linie Seelsorger ist und bei Visitationen und Pfarrstellenbesetzungen in den 380 Kirchengemeinden mitwirkt. Neben der Prälatur Heilbronn gibt es in der Württembergischen Landeskirche drei weitere Prälaturen – Stuttgart, Reutlingen und Ulm. Die vier Prälaten sind Mitglieder im Oberkirchenrat, dem unter Vorsitz des Landesbischofs noch acht Dezernenten sowie der Leiter des diakonischen Werks angehören. 

Stumpf machte noch eine Mitteilung, die die „Jungen Senioren“als erste erfuhren: Er habe, 62jährig, den Antrag auf vorzeitigen Ruhestand gestellt, der von der Kirchenverwaltung am Freitag (10. Januar) genehmigt worden sei, so dass er zur Jahresmitte nach achteinhalb Jahren aus dem Amt ausscheide: „Die Würde ist auch eine Bürde“, auch aus gesundheitlichen Gründen, und um sich mehr seiner Familie (vier Kinder, sechs Enkelkindern) widmen zu können, Gleichzeitig sei auch bereits der neue Heilbronner Prälat bestimmt: Der („zupackende“) Nagolder Dekan Ralf Albrecht, seit 2008 Vorsitzender der pietistischen „Christusbewegung Lebendige Gemeinde“ und als LG-Landessynodaler Vorsitzender des landeskirchlichen Gesprächskreises Lebendige Gemeinde; der Prälat ist gleichzeitig auch Prediger an der Heilbronner Kilianskirche. 

Bedeutender Heilbronner Komponist und Chorleiter – Musikwissenschaftler Lothar Heinle über Robert Edler (1912-1986)

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Lothar Heinle (Foto: Rolf Gebhardt)

Robert Edler? Für die meisten „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus ist Edler als Chorleiter ein Begriff. Einige haben unter seinem Dirigat in Chören gesungen. So ein Besucher, der seit Jahrzehnten Mitglied des inzwischen ziemlich geschrumpften Männergesangsvereins Urbanus ist und sich noch gut erinnert an das aufregende Vorsingen bei der Aufnahme(prüfung) und wie Edler die Jugendlichen zu zusätzlichen Stimmübungen vor den sonntäglichen Chorproben verpflichtete.

Über Leben und Wirken von Robert Edler referierte der Musikwissenschaftler Lothar Heinle. 1965 in Heilbronn geboren studierte Heinle seinen naturwissenschaftlichen Interessen gemäß  Chemie, doch dann führte ihn seine Neigung zu einem Zweitstudium der Musik. Er ist als freiberuflicher Musikwissenschaftler tätig ist, dank seiner stimmlichen Begabung und Ausbildung sowie hochdeutschen „Muttersprache“ auch in Sprechrollen, wie wieder am Vorabend bei der Einführung und Erläuterung zum Weihnachtskonzert des Heilbronner Sinfonieorchesters (HSO) in der „Harmonie“ mit der New Yorker Sopranistin Janice Dixon, worauf er auch gleich  von „jungen Seniorinnen“ angesprochen wurde. Heinle ist Heilbronnern auch als Musikkritiker bekannt sowie als Zweiter Vorsitzender des Philharmonischen Chors, zu dessen 200jährigem Bestehen 2018 er eine beachtliche Festschrift vorgelegt hat.

Als Experte für experimentelle Musik sowie als Komponist fand Heinle den Zugang zu Edler im Heilbronner Stadtarchiv, wo Edler einen großen kompositorischen Nachlass der Stadt hinterlassen hat, mit dessen Sichtung Heinle betraut wurde; in der Schriftenreihe des Stadtarchivs hat Heinle ein Edler-Porträt verfasst („Heilbronner Köpfe VII“). Edlers Lieder, von denen Heinle auch Klangbeispiele zu Gehör brachte, fanden  Eingang in vielen Chorliederbüchern, und so wurde Edlers Schaffen auch jüngst gewürdigt in einem Buch über 20 Chorkomponisten in Württemberg aus fünf Jahrhunderten.

Robert Edler wurde am 1. November 1912 in Heilbronn geboren. Sein Vater war Entwerfer und Modelleur im Atelier der Firma Bruckmann und betätigte sich auch als Kunstmaler. Der junge Robert Edler wurde mit seinen Kompositionsversuchen schon früh gefördert von dem Heilbronner Kapellmeister Philipp Rypinski. Ab 1929 studierte er am Neuen Konservatorium für Musik in Stuttgart. Danach blieb, wie Heinle hervorhob, Edlers Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Heilbronn.1933 wurde er vom Stadttheater Heilbronn als Zweiter Kapellmeister verpflichtet und 1934 unter acht Bewerbern als jüngster Dirigent mit der Leitung des 1842 gegründeten  Männergesangverein „Urbanus“, aus dem Weingärtnerstand hervorgegangen, ausgewählt. 

Edlers Heilbronner Musiklaufbahn wurde unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg. 1941 zur Grundausbildung eingezogen kam Edler zur Gebirgsdivision nach Nordnorwegen, wo er nicht nur Musikprogramme mitgestaltete, sondern auch an neuen Kompositionen arbeitete und neben militärischen Zeichnungen auch zahlreiche kleinformatige Aquarelle von der Tundralandschaft fertigte. 1943 heiratete der Obergefreite Edler die aus Essen stammende Büroangestellte Hedwig Berta Olek (1912-2006). Nach dem Rückzug und der Teilnahme an Abwehrkämpfen in Südwestdeutschland kam Edler in die Hände der US-Armee, von der er den Entlassungsschein aus dem Militärdienst erhielt und die wichtige Arbeitserlaubnis als Dirigent. So dirigierte Edler in den ersten Nachkriegsjahren zahlreiche Musiktheateraufführungen des Heilbronner Theaters. Ab 1948 betätigte er sich als freischaffender Komponist und Chorleiter, Neben dem Heilbronner Männergesangverein Urbanus dirigierte er auch Gesangvereine in Kochendorf, Willsbach, Eschenau und Frankenbach. Bereits 1947 wurde Edler zum Kreis-Chormeister gewählt und 1951 Gau-Chormeister. Ab 1969 unterrichtete er auch an der Trossinger Hochschule für Musikerziehung. 

In den 60er und 70er Jahren kamen in der Festhalle Harmonie eine Reihe von Edlers groß besetzten Werke für Solisten, Chor und Orchester zur Aufführung. Zum 125jährigen Bestehen von Urbanus 1966 wurde Edler  mit der Komposition eines  Festwerks beauftragt, eine eindrucksvolle Uraufführung in moderner Tonsprache unter seiner Leitung mit den Nürnberger Symphonikern. Zur Feier von „600 Jahre Selbstverwaltung“ Heilbronn entschied sich Edler zur Vertonung der sperrigen „Sonette an Orpheus“ von Raine Maria Rilke,  die schließlich je zur Hälfte vom Liederkranz und eines eigens von Edler extra zusammengestellten Konzertchor, dem späteren „Madrigalchor Edler“, aufgeführt wurde. Mit diesem Madrigalchor hatte Edler danach auch bundesweit anspruchsvolle Aufführungen und spielte drei Langspielplatten ein.

Robert Edler verstarb am 14. August 1986. Er war 1970 mit der Goldenen Münze und 1982 mit dem Ehrenring der Stadt Heilbronn ausgezeichnet worden. Wie Heinle in einer Gesamtschau darlegte, sah sich Robert Edler im Chorgesang zwar schwerpunktmäßig dem Besingen von Heimat und Wein verpflichtet, doch in vielen seiner Kompositionen flossen auch – volkstümlich weniger gewürdigte – Inspirationen der Zwölftontechnik und der elektronischen Musik ein, zum Teil komponiert unter dem Pseudonym Max Orrel.

In Würde altern – vom geglückten Alter(n) – Der katholische Pfarrer Dr. Wolfgang Gramer gibt „jungen Senioren“ Bescheid

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Pfarrer Dr. Wolfgang Gramer (Foto: Rolf Gebhardt)

Älter und alt werden, das Alter – das ist den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus“ aus Erfahrung vertraut. Trotzdem oder gerade deswegen sind sie neugierig , wie andere – „Fachleute“ zumal – mit diesem unausweichlichen Lebensprozess umgehen, welche Einsichten und Ratschläge sie haben. Das vorgegebene Thema „In Würde altern“ mochte der Referent eher unter dem Aspekt „geglücktes Alter(n)“ betrachten:  Dr. Wolfgang Gramer aus Bietigheim-Bissingen konnte kürzlich sein goldenes Priesterjubiläum in der Diözese Rottenburg-Stuttgart feiern, er war in der Theologenausbildung tätig, war Gemeindepfarrer und in seinen letzten zehn Berufsjahren „Buschpfarrer“ in Nordwest-Argentinien. 

Dass die Menschen heute später und gesünder altern, zeigte Gramer an seinem Familienbeispiel auf. Sein Vater erlitt als 59jährigr ein Jahr vor seiner Pensionierung als Polizist einen Schlaganfall. Wolfgang Gramer selbst stellte sich mit 69, ein Jahr vor seiner Pensionierung, in der argentinischen Pampa die Frage, welche Ziele er sich für seinen Ruhestand stecken sollte. Dazu gehörte unter anderem, es fertigzubringen, mal alle 32 Beethoven-Klaviersonaten zu spielen. Gramer hat schließlich über die Musikästhetitk des Philosophen Theodor W. Adorno promoviert und auch zahlreiche Konzerte gegeben und dirigiert.

Der heute 77jährige Ruhestandspfarrer relativierte aber sogleich seinen Ehrgeiz. Sinnvolle Gestaltung des dritten Lebensabschnitts – ja! Aber gelassen und offen sein, was passiert, was auf einen zukommt. Hierzu Gramers Grundsatz: „Mein Leben ist mehr als meine Leistung!“ Man solle den Wert des Lebens, es eigenen wie des Mitmenschen, nicht an der erbrachten Leistung festmachen, denn schließlich habe jeder Mensch Wert und Würde von Gott geschenkt bekommen. Und man solle über sein Lebensschicksal (möglichst) nicht klagen. So beherzige auch er stets den Wahlspruch seiner früh verstorbenen Mutter, „Du weißt nicht, wozu es gut ist“, wenn einem Unangenehmes widerfährt. Man solle also nicht sagen, das kommt von Gott, Gott will mich prüfen, Gott straft mich. Vielmehr: „Gott ist Liebe“. Es gelte, die Spuren seiner Liebe zu entdecken, Angst vor der Zukunft zu überwinden, Widerstandskräfte aufzubauen, „denn vielleicht kann doch wieder etwas Gutes entstehen“

Gleichwohl riet Gramer, sich der Situation des Alters zu stellen. „Alles in der Natur kann altern und absterben, Pflanzen und Bäume, so auch der menschliche Körper und möglicherweise der Geist.“ Natürlich versuche der Mensch heute, den natürlichen Alterungsprozess aufzuhalten oder zu verlängern. Doch schließlich habe alles ein Ende, auch das schönste und verdienstvollste Leben. Da wäre es schön, wenn man sich in geeigneter Form auf das Ableben, das Sterben vorbereite, auf den letzten Gang. Da sei bei unheilbarer Krankheit wohl die Intensivstation der Klinik nicht der beste Ort, eher das Hospiz, eine segensreiche Einrichtung, wo viele Todgeweihte noch eine für sie wunderbare Zeit verbringen konnten und können. Die Fortschritte der modernen Medizin seien gewaltig, vor allem auch die Tatsache, dass man vor einem qualvollen Sterben eigentlich keine Angst mehr zu haben braucht. Das Ende des irdischen Lebens ist nun mal unvermeidbar. Was danach kommt? Menschen mit Nahtod-Erfahrung haben, so Gramer – „das wunderbare Licht geschaut, im Tod Gott von Angesicht zu Angesicht“: die christliche Verheißung vom ewigen Leben.

Doch bevor es so weit ist, wollen wir noch leben, auch noch was erleben. Im Alter sind einem andere  Dinge wichtig als in der Jugend und im prallen Leben. Man müsse bereit sein, dem Alter Tribut zu zollen, Grenzen akzeptieren, meinte Gramer, der heute nicht mehr den Heilbronner Weg machen will und nicht wie eine „Pistensau“ mit Skiern die Hänge herunter brettern. sondern sich an den kleinen Dingen des Leben erfreuen, schöne Aussichten genießen und die Wunder der Natur entdecken und wertschätzen. Im Alter sei halt „Maßhalten“ angesagt, auch beim Essen und Genießen, aber dabei solle man es sich auch nicht unnötig schwer machen. Man soll erkennen, was einem gut tut, mehr Erholung als Anspannung suchen. Und wohl den Großeltern, die bei ihren Kindern und Enkelkindern erleben, wie das Leben weiter geht.

Wolfgang Gramer hatte aber auch konkreten Empfehlungen parat: „Dankbar  rückwärts – mutig vorwärts – gläubig aufwärts!“ Und dann die „fünf  L: lachen, laufen lernen, lieben, loslassen!“ Der Mensch hat keineswegs „nichts zum zum Lachen“, sondern er kann lustig und lebensfroh sein, von Herzen lachen. Er sollte laufend unterwegs sein, sich viel an frischer Luft bewegen. Es ist nie zu spät zum Lernen, zu neuen Erkenntnissen zu kommen, aufzuspüren , was andere umtreibt. Liebe ist die eigentliche Kraftquelle des Lebens; Empathie, Achtsamkeit  und Zärtlichkeit kann auch im Alter  noch wachsen, und sich annehmen. Loslassen schließlich will gelernt sein, ist hilfreich gerade im Alter, „wo,man nicht mehr muss.“

Wolfgang Gramer erfreute die „Jungen Senioren“ am Anfang, in der Pause und zum Schluss noch mit Liedern am Klavier und zur Gitarre, wobei in guter Adventssimmung fast alle gerne mitsangen.

Um das Weihnachtsfest ranken sich viele Riten – Pfarrer Steven Häusinger (nicht nur) über die Geschichte des Weihnachtsbaums

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Pfarrer Steven Häusinger (Foto: Rolf Gebhardt)

Am Tag nach dem ersten Advent finden die „Jungen Senioren“ im Großen Saal des Hans-Rießer-Hauses in der rechten Ecke einen großen traditionell geschmückten erleuchteten Weihnachtsbaum vor. Da trifft es sich gut, dass der Heilbronner Pfarrer der evangelischen Nikolai- und Wartberg-Kirchengemeinde, Steven Häusinger, einen Streifzug durch die Geschichte des Weihnachtsbaums anbietet. Der uns so selbstverständliche und vertraute Weihnachtsbaum hat nämlich eine durchaus interessante Herkunfts- und Entstehungsgeschichte – eng verknüpft mit der des Weihnachtsfestes.

Weihnachten ist nun mal das christliche Fest zur Feier der Geburt von Jesu Christi. Doch wann Jesus tatsächlich geboren ist, entzieht sich der historischen Überlieferung, bekannte Häusinger. Die frühen Christen verlegten die Feier auf das hergebrachte jüdische Lichterfest Chanukka im Dezember und verlegten die Taufe Jesu auf den 7. Januar, heute noch das eigentliche Weihnachtsfest der orthodoxen Christen. In der Antike wurde sowieso am 25. Dezember die Wintersonnenwende gefeiert,  dazu im vorderasiatischen Raum die Geburt des indischen Lichtgottes Mithras und bei den Römern ein Fest zu Ehren des Gottes Saturn am Tag Sol Invictus. Die römischen Päpste wollten diese heidnischen Kulte verdrängen durch das Fest zur Feier der Geburt Christi, das spätestens unter Papst Liberius 354 am 25. Dezember begangen und 381 auf dem 2.Konzil von Konstantinopel von Kaiser Theodosius für allgemein gültig erklärt wurde. Und bei der Ausbreitung des Christentums über die Alpen nach Norden wurde die Christi-Geburtsfeier an Stelle der altgermanischen Sonnwendwendfeier, dem Julfest, am 25. Dezember übernommen. Das Wort Weihnachten selbst ist belegt seit dem 12. Jahrhundert, als ein Gedicht des fahrenden Sängers Spervogel entdeckt wurde, in dem der mittelalterliche Plural „zeden wihen nahten“ – „in den heiligen Nächten“ – vorkam.

Was den „Weihnachtsbaum“ anbetrifft, so gab es von jeher in unterschiedlichen Kulten „heilige Bäume“, wurden Bäume als Symbol des Lebens verehrt. Konnte ein geflochtener Zweig das Zepter des Mächtigen symbolisieren, so dann auch in christlich-jüdischer Tradition die Dornenkrone des Gekreuzigten und letztlich auch das Kreuz. Wie Häusinger darlegte, war es in jener frühmittelalterlichen Zeit, als nur Wenige lesen und schreiben konnte, üblich, Geschichten in Bildern zu vermitteln. Und so gab es mindestens schon im 14. Jahrhundert Krippenspiele während der gottesdienstlichen Christi-Geburt-Feier.

Ein geschmückter Weihnachtsbaum ist seit dem 16.Jahrhundert belegt und wurde vor etwa 150 Jahren allgemein üblich. Der Weihnachtsbaum erfuhr dabei immer wieder Bezüge zum „Paradiesbaum“, in biblischer Überlieferung der Baum der Erkenntnis von Adam und Eva, und für die verbotene Frucht kam der Apfel ins Spiel. Äpfel waren in früheren Jahrhunderten in hiesigen Gefilden eine Rarität und wie Nüsse als Winterfrucht begehrt. Und so war ein Apfel erster Schmuck am Weihnachtsbaum und erstes Geschenk, alsbald erweitert um Zuckerzeug und Zierrat und insbesondere Kerzen als Symbol des Lichts, das mit der Geburt Jesu Christi in die Welt gekommen ist. Weihnachten mit Weihnachtsbaum wurde also gefeiert am Weihnachtstag, dem 25. Dezember, nach Ablauf der als Fastenzeit geltenden Adventszeit zur Vorbereitung auf die Ankunft Jesu. Die „Bescherung“ von Geschenken – als Symbol für das Geschenk Gottes in seinem Sohn – geschah ursprünglich in den dunklen Morgenstunden, doch dies verschob sich überwiegend mit der gottesdienstlicher Feier zunehmend auf den Abend zur „heiligen Nacht“.

Wenn man bedenkt, dass dem Sinn nach Weihnachten ein dezidiert christliches Fest war, so ist es heute mehr oder weniger zu einem Familienfest geworfen, bei dem in der Regel die Feier von Christi Geburt (fast) keine Rolle spielt, wenngleich zu Weihnachten – im guten alten Bruch – die Kirchen so voll wie sonst nie sind. Weihnachtsbäume werden in aller Regel in deutschen Wohnzimmern zu und am Heiligen Abend geschmückt und illuminiert. Im öffentlichen Raum werden Christbäume aufgestellt und geschmückt bereits (spätestens) zum 1. Advent, gibt es Prachtexemplare auf großen Plätzen und vor markanten Gebäuden und vor allem – in kleinerer  Ausführung, und mit und ohne Schmuck – in Geschäften und rund um die Buden auf den Weihnachtsmärkten. Für Häusinger ein Grund, den ausufernden  Weihnachtsrummel zu thematisieren.

„Der Konsumrausch scheint zur eigentlichen Religion unserer Zeit zu werden“, meinte er. Durch subtile Werbung und Angebote würden immer neue Wünsche geweckt. Viele Bürgerinnen und Bürger suchten in dieser verworrenen Welt ihre Zufriedenheit im Konsum. Der moderne Mensch sei zunehmend auf der Suche nach individuellem Glück und persönlicher Erfüllung, die man aber kaum nachhaltig im Einkaufserlebnis finden könne. Vielmehr mangele es in unserer Gesellschaft an Gemeinsinn und persönlichem Miteinander.

Gerade die Weihnachtsmärkte – auch wenn sie von frohen Weihnachtsliedern beschallt werden – täuschten darüber hinweg, wie weihnachtliche Lichter ehemals die verschneiten Winterdörfer verzauberten und der durchweg armen Bevölkerung ihre Sehnsucht nach besseren Lebensbedingungen bedienten.

Aus dem wechselvollen Leben der Familie Knorr – Bestseller-Autor Gunter Haug über sein Buch „Die Päcklessuppen-Dynastie“

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Gunter Haug (Foto: Rolf Gebhardt)

„Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“. So der Titel eines neuen Buches des Bestseller-Autors Gunter Haug, das er bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vorstellte. Da wusste jede(r) Bescheid: „Knorr ist Heilbronn – und Heilbronn ist Knorr!“ Ein Spruch, wie er auch in dem Buch zitiert wird – und das, wo in diesen Tagen Tausende in der Innenstadt für den Erhalt des traditionsreichen Knorr-Werks in Heilbronn demonstriert haben. 

Gunter Haug, 1955 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und heute wohnhaft in Schwaigern, schrieb schon in jungen Jahren für Zeitungen, studierte Neuere Geschichte, Europäische Kulturwissenschaft und Geschichtliche Landeskunde in Tübingen, wurde Rundfunk- und Fernsehjournalist, ehe er freier Schriftsteller und auch Verleger wurde. Er schreibt vornehmlich biografische Tatsachenromane, am Anfang an die Familiengeschichte seiner Frau angelehnt, aber auch Schwaben-Krimis. Sein erster Roman „Niemands Tochter“ wurde gleich ein großer Erfolg und erreichte bislang eine halbe Million Leser/innen.  Zu seinen historischen Romanen zählen „Robert Bosch – ein Mann, der die Welt bewegte“ (2009), „Gottlieb Daimler – der Traum vom Fahren“ (2010), „Fräulein Mercedes – ein Mädchen erobert die Autowelt“ (2011) „Ferdinand Porsche – ein Mythos wird geboren“ (2012), “Ferdinand Graf Zeppelin“ (2013), „Schwäbische Sternstunden – wie wir Weltspitze wurden“ (2015) und schließlich „Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“ (2018), die sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte des Firmengründers und seiner Familie.

Begonnen hatte es damit, dass Carl Heinrich Theodor Knorr, am 5. Mai 1800 in Meerdorf unweit von Braunschweig geboren, nach einigen beruflichen Umwegen und nach dem Tod seiner Frau als Handlungsreisender einer Hanauer Zichorienfabrik in Heilbronn die sechs Jahre jüngere Kaufmannstochter Caroline Seyffardt kennenlernte, vom Main an den Neckar umzog und sie am 29. April 1838 – gegen die Skepsis des Schwiegervaters – heiratete. Der unternehmerisch ambitionierte Knorr errichtete noch im gleichen Jahr ein Spezereiwarengeschäft in der Kramgasse und entschloss sich alsbald zum Bau einer Zichorienfabrik zur Herstellung von „Gesundheitscaffee“ (später als „Muckefuck“ populär), nachdem er Großgarter Bauern zu Anbauverträgen für die im Unterland unbekannten Zichorienwurzeln gewinnen konnte. Es gelang ihm, über 50 Arbeiter zu beschäftigen, mehr als alle Heilbronner Ölmühlen zusammen, doch der von körperlichen Schwächen und Krankheiten heimgesuchte Knorr tat sich zunehmend schwer im Wettbewerb mit dem Konkurrenzfabrikanten Heinrich Franck aus Vahingen/Enz.

Da traf es sich glücklich, dass Emma, seine Tochter aus erster Ehe, 1849 den Kaufmann Friedrich Cloß heiratete. Dessen Bruder August Cloß übernahm 1855 von Knorr die Heilbronner Zichorienfabrik. Über die Cloßens kamen die Knorrs in familiäre Verbindung zu dem Stadtarzt Robert Mayer (um dessen wissenschaftliche Reputation und sein Denkmal sich Emma Cloß sehr einsetzte), zu Bankier Gustav Rümelin und dem Tübinger  Oberamtsrichter Gottlob Hegelmaier, dem späteren Heilbronner Oberbürgermeister. 

Nach 17 Jahren als Zichorienfabrikant entschloss sich Knorr 1856 zu einer neuen Unternehmung, einer Tuchfabrik auf dem Hefenweiler, die er schon gut ein Jahr später schließen musste. Nächster Versuch: eine Engro-Handlung für Landesprodukte. in die 1867 Sohn Karl (1843-1921) und 1871 Sohn Alfred (1846-1895) eintraten. Die Söhne befassten sich früh mit dem Gedanken, preisgünstige wohlschmeckende verpackte Suppen herzustellen. Da kam es ihnen zupass, als sie erfuhren, dass Carl Grünberg gestorben war, der Erfinder der Erbswurst, mit der im Krieg 1870/71 Soldaten verpflegt worden waren und von der Bismarck gesagt haben soll, sie sei für den Kriegserfolg so wertvoll gewesen wie zwei komplette Bataillone. Voller Wagemut wurden in der Rosenbergstraße Grundstück und Gebäude angemietet. Anfang 1875 entstand C.H. Knorr – Mühlenfabrikate, Landesprodukte, Suppenstoffe. Am 20 Mai 1875 starb Carl Heinrich Knorr, geehrt als ein Mann, der es vom Habenichts zum geachteten Heilbronner Unternehmer gebracht hatte. 

Haug schilderte anschaulich Erfolge und Niederlagen, Höhen und Tiefe im Leben des Knorr-Gründers, meist in Dialogform, unterlegt von Zeitereignissen und Anektdoten, ebenso wie die Entwicklung nach seinem Tod: Fünf Jahre nach ihren ersten Mischungsversuchen konnten die Knorr-Brüder im Frühjahr 1880 ihre erste fertige Suppenmischung auf den Markt bringen. Erbswurst und Victoria-Patentsuppen machten Furore auf der legendären Nodpolar-Expediton von Fridtjof Nansen 1893. Karl Knorr wurde 1897 zum Kommerzienrat ernannt. Dann die wechselvolle Geschichte der 1899 gegründeten C. H. Knorr AG  bis 1921. Die Zeit danach ist nicht mehr Gegenstand des historischen Romans: Mondamin, Maizena, CPC, Bestfoods, Unilever nur noch Randnotizen – von der modernsten Suppenfabrik 1969, 1987 Verlegung des Konzernsitzes von Hamburg nach Heilbronn; Reduzierung der Mitarbeiterzahl von 1800 auf 600. Jetzt droht Stilllegung, Die Knorr-Erbswurst fand 2018 ihr Ende. Die Weltmarke Knorr wird bleiben – Knorr in Heilbronn wohl nicht.