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Was aus Nachkommen von Scharfrichtern wurde – Helmut Belthle zeigt interessante Lebensläufe auf, auch aus seiner Familie

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Helmut Belthle, Nachkomme von Scharfrichtern (Foto: Rolf Gebhardt)

Scharfrichter war seit dem Mittelalter die gängige Berufsbezeichnung für die, „die mit der Schärfe des Richterbeils oder des Richterschwerts die Todesstrafe vollstreckten“. Seit der Professionalisierung des Strafvollzugs im 13.Jahrhundert war Scharfrichter – auch Synonym für Henker – ein angestrebter Beruf, nicht immer unbedingt ehrsam, aber doch irgendwie angesehen und ganz lukrativ. Die Aufgabe eines Scharfrichters war auch oft mit der des Abdeckers zusammengelegt, der Tierkörperbeseitigung, Scharfrichter kannten sich aus in Anatomie und Tierkrankheiten. Es bildeten sich regelrechte Scharfrichter-Dynastien für jeweilige Basteien heraus: Eheschließungen fanden vorrangig in entsprechenden Familien statt. Söhne von Scharfrichtern konnten zwar keine Berufe in Handwerkerzünften erlernen, wohl aber studieren, und so haben auch etliche erfolgreich aus ihrem Milieu herausgefunden, mitunter mit einem „Gschmäckle“ behaftet.

Helmut Belthle aus Ludwigsburg, Ministerialrat im Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg, berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus über Nachfahren deutscher Scharfrichter-Familien und ihre Wirkungsstätten. Helmut Belthles Vorfahren waren Scharfrichter, so Johann Belthle (1649-1725) wie dessen Nachkommen Georg Adam Belthle (1697-1766) und Georg Friedrich Belthle (1757-1824) als letzter Scharfrichter Tübingens; das „Karlsruher Richtschwert“ im Rechtshistorischen Museum Karlsruhe (im Gebäude des Bundesgerichtshof) stammt von ihm. Dessen Sohn, Dr. Friedrich Belthle (1784-1869) brachte es zum hoch dekorierten Stabsarzt in königlich-französischen Diensten des Regiments Hohenlohe in Grenoble, zum Ritter der Ehrenlegion; er wurde Wohltäter für die Stadt Tübingen (Immobilien-Stiftungen)  und der Universität (Stiftung eines Lehrstuhls), und nach ihm ist die Belthlestraße in Tübingen benannt. 

Helmut Belthle verwies auf weitere Belthle: So Friedrich Belthle (1829-1869), in Bebenhausen als Sohn eines allseits geachteten Forstrats und Revierförsters geboren und Mechanikus in Tübingen gelernt. Er kam 1855 nach Wetzlar in die damals schon bekannte Mikroskopen-Werkstatt des jungen Carl Kellner, der wenige Tage danach an Tuberkulose starb. Belthle heiratete im gleichen Jahr dessen Witwe und führte die Werkstatt fort; 1867 verließ das tausendste Mikroskop die Werkstatt. Belthles Kollege und Teilhaber Ernst Leitz wurde zu Begründer der Wetzlarer Leitz-Werke. Dann Theodor Belthle, 1926 Erfinder des Brausepulvers, der mit seinem Schwager in Bad Cannstatt die Robert Friedel GmbH („Frigeo“) gründete, eng verbunden mit „Ahoj“. Nach einem Tod 1949 wurde der nach Remshalden umgezogene Betrieb von seinen Söhnen Robert und Theodor weiterführt und 2002 von dem Süßwarenhersteller Katjes übernommen.

Wie Belthle entdeckte, betätigten sich zwei Scharfrichter-Nachfahren literarisch: Eric Carle, 1929 in den USA geboren, dessen Eltern dorthin ausgewandert und wegen Heimweh 1935 wieder nach nach Stuttgart zurückgekehrt waren. Eric Carle machte später in Amerika Karriere als Autor und Illustrator von unzähligen Kinderbüchern, wobei das 1965 erstmals erschienene Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zu einem Weltbestseller wurde. Der 1970 in München geborene Radio- und Fernsehjournalist Oliver Pötzsch erfuhr bei der Erforschung seiner Familiengeschichte, dass er Nachfahre der bekannten Henkerdynastie Kuisis (16. bis 19.Jahrhundert) in Schongau ist und verarbeitete als freier Schriftsteller diese Recherchen in der siebenbändigen „Die Henkerstochter-Saga“.

Alfred Theodor Ritter,, Jahrgang 1953, der in dritte Generation mit seiner Schwester Marli Hoppe-Ritter die Schokoladenfabrik Ritter („Ritter Sport“) in Waldenbuch führt, hat ebenfalls Scharfrichter-Urahnen. Der studierte Psychologe Alfred Ritter, der 1997 als Öko-Manager des Jahres ausgezeichnet wurde, ist auch Mitbegründer der Ritter Gruppe, Vakuumröhren-Kollektoren und ökologischer Heizgeräte und einer großen bäuerlichen Kakao-Genossenschaft in Nicaragua sowie eines  Kunstmuseums. Scharfrichter-Vorfahren hat auch Reinhard Scheer (1863-1928), der es vom Leutnant zur See 1885 zum Admiral und Stabschef der deutschen kaiserlichen Marine 1917/18 brachte und zum Held der Seeschlacht von Skagerrak (1916) wurde. In der Öffentlichkeit eher noch bekannter sind zwei Persönlichkeiten mit Scharfrichter:Vorfahren: Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, (1867-1945), nebst ihrem Bruder, der Ökonom Conrad Schmidt (1863-1932), die Belthle ebenso ausführlich würdigte wie den Schauspieler, Komponisten und Kapellmeister  Albert Lortzing (1801-11851), der mit seinen volkstümlichen Opern Weltruhm erlangte.

Der letzte deutsche Scharfrichter, so Belthle, war Johann Reichhart (1893-1972), der während der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit über 3000 Hinrichtungen (darunter auch der Geschwister Scholl) mit der Guillotine ausführte und nach 1945 im Auftrag der US-Militärregierung 156 Repräsentanten des Nationalsozialismus am Galgen henkte.  Als letzter Krimineller in Deutschland wurde im Februar 1949 n Tübingen der Raubmörder Richard Schuh hingerichtet, 95 Tage vor Abschaffung der Todesstrafe.

Europa zwischen Demokratie und Populismus – Europa-Union-Kreisvorsitzender Heinrich Kümmerle gibt Bescheid

800px-Flag_of_EuropeEuropa – das „politische  Europa“ verfolgt uns täglich in den Nachrichten. Am 26. Mai diesen Jahres haben wir ein neues Europäisches Parlament gewählt, wir haben eine neue (deutsche)  Kommissionspräsidentin, aber noch keine (vollständige) neue Kommission, und noch immer belastet uns der leidige „Brexit“. Ganz abgesehen von den Populisten, die uns Europa noch madiger machen wollen. Da ist es an der Zeit, dass auch die „Jungen Senioren“ über Europa etwas Positives zu hören bekommen von einem „überzeugten und bekennenden Europäer“: Heinrich Kümmerle, Vorsitzender der Europa-Union Heilbronn, sprach im Hans-Rießer-Haus „frei von der Leber weg“ unterhaltsam über die verschiedenen Aspekte Europas. Der 57jährige Diplompädagoge war gut 30 Jahre bei der Bundeswehr, in Deutschland, Europa und draußen in der Welt – und lebt seit 2015 permanent und gerne in seiner Heimatstadt Heilbronn – und in Europa.

Wir sind Heilbronner/in, Baden-Württemberger/in, Deutsche/r, Europäer/in, Weltbürger/in. Wir identifizieren uns wohl mehr mit unserem Wohnort und unserem Land als mit Europa. Europa ist ein Erdteil, und Europäer setzen sich aus vielen Ethnien zusammen. Kümmerle: „Wir sind alle Migranten“. Viele von uns haben einen „Zuwanderungshintergrund“, wenn die Eltern nicht in Deutschland geboren, sondern vielleicht als Vertriebene und Flüchtlinge „aus dem Osten“ gekommen sind. Für gewisses „Fremdsein“ kann es schon genügen, das Bundesland gewechselt zu haben. Wir haben eventuell Verwandte in Frankreich, England oder Amerika, mitunter leben auch unsere Kinder dort. Nationale Grenzen spielen heute keine große Rolle mehr. 

„Wir gehören zu aller erst zu den „Homos“, meinte Kümmerle, und verortete ganz großzügig die Urentstehung der Gattung Mensch auf „vor vier Millionen Jahre“; vor über 200 000 Jahre kam der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch. Und dann hat es noch mal 195 000 Jahre gedauert, bis erste Hochkulturen entstanden. Andererseits noch recht kurze Zeitspannen, wenn man bedenkt, dass das Universum vor 14 Milliarden Jahren im Urknall entstand und unser Planet Erde vor fünf Milliarden Jahre. Und wir Europäer, leiten unsere – kulturelle – Herkunft, wie Altbundespräsident Heuß sagte, „von drei Hügeln“ her, von der Akropolis (dem antiken Griechenland), von Rom (dem römischen Weltreich) und von Golgatha (dem Christentum). Da sollten wir, so Kümmerle, mit Europa nicht ungeduldig werden. Auch genau wie Rom „nicht an einem Tag gebaut worden ist“, sei Europa eine Sache von Generationen.

Wurde Europa eher mit Abendland gleichgesetzt, so kam die allgemeine Begrifflichkeit Europa wohl erst vor wenigen Jahrhunderten auf, so mit der Kolonialisierung und im Gegensatz zu Amerika. Die erste europäische internationale Organisation bildete sich, so Kümmerle, am 5. Mai 1945 in London, der Europarat mit zehn Gründungsländern. Deutschland kam im Sommer 1950 hinzu. Heute gehören dem Europarat, der parlamentarische Versammlungen an seinem Sitz in Straßburg abhält, 47 europäische Staaten mit einer Bevölkerung von 820 Millionen Menschen an. Nichtmitglieder sind lediglich der Staat Vatikanstadt und (noch nicht) Weißrussland und Kosovo. Laut Satzung hat der Europarat die Aufgabe, den engen Zusammenhang zwischen seinen Mitgliedsländern zu verwirklichen. Er soll auch eintreten für Menschenrechte und demokratische Grundsätze. Diesen Anliegen ist auch der  Europatag am 5. Mai gewidmet. Der Europarat ist nicht mit der Europäischen Gemeinschaft verbunden.

Weitere Etappen zur „europäischen Einigung“: 1951 Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. (EGKS). 1957: Europäischer Verträge. Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom). 1967: Vertrag zur Fusion der drei Gemeinschaften EGKS, EWG und Euratom zu den Europäischen Gemeinschaften. 1979: Erste Direktwahl zum Europäischen Parlament; Schaffung eines  Währungssystem (Einführung des ECU), 1992: Vertrag von Maastricht über die stärkere Integration; aus der EG wird die EU (Europäische Union). 1989: Elf EU-Staaten erfüllen die Kriterien zum Beiritt in die Währungsunion (EWU). 1999/2002:  Einführung des Euro in 11 (derzeit 20) Länder.

Wenn wir heute das Projekt Europa in Gefahr sehen, das uns 70 Jahr Frieden, gemeinsame Währung und Wegfall der Grenzkontrollen gebracht hat, so liegt das an wirtschaftlichen Ungleichheiten der Mitgliedsländern, an dem misslichen Austrittsverfahren Großbritanniens und vor allem in dem zunehmenden Populismus hin zu nationalistischem  Gedankengut in einigen Ländern, was auch auf Deutschland übergegriffen hat und mit menschlich verständlichen Argumenten viele Mitbürger betört. Bis zu einem Bundesstaat Europa nach dem Vorbild des Föderalstaats Deutschland ist noch ein weiter Weg, konstatierte Kümmerle. Erfolge sind greifbar, aber generell gilt auch für Europa: Einfache Lösungen gibt es nicht, und es gibt nichts umsonst. „Wir aller müssen uns stark machen für Europa und die Demokratie“, so Kümmerle.

Bauhaus mehr als Flachdach-Würfelarchitektur – Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz über 100 Jahre Bauhaus

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Dr. Martina Kitzing-Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

100 Jahre Bauhaus: Die 1919 in Weimar begründete Bewegung hat auch nach 100 Jahren nichts von ihrer reformerischen Kraft verloren. Davon zeugen im Jubiläumsjahr 2019 zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, Sendungen in Funk und Fernsehen, Bücher, Filme und Ausstellungen in Deutschland, aber auch im Ausland. Um einen konzentrierten Überblick über das Bauhaus-Wesen zu erhalten, haben die „Jungen Senioren“ die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz aus Löwenstein, die sich mit zahlreichen Vorträgen und Museumsführungen einen Namen gemacht hat, ins Hans-Rießer-Haus eingeladen.

Es war der damals schon als Avantgarde-Architekt bekannte Walter Gropius (1883-1969), der ein halbes Jahr nach dem verheerenden Weltkrieg, an dem er auch teilgenommen hatte, sein Formen- und Ideen-Konzept „für eine bessere Welt“ begründen konnte. Er wurde im April 1919 erster Direktor des Staatlichen Bauhauses Weimar, ein Zusammenschluss der in Weimar bestehenden Hochschule für Bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule zu einer neuartigen Schule, woraus die weltberühmte Talentschmiede geworden ist. Für Gropius ginge es darum, wie Kitzing-Bretz darlegte, Kunst und Handwerk (wieder) zusammen zu bringen. Handwerklich-technisches Können bildete in seinem Verständnis die unerlässliche Grundlage allen künstlerischen Schaffens, wie das ja schon in der mittelalterlichen Bauhütte durch Zusammenarbeit der Gewerke zur Schaffung großartiger Bauwerke führte.  

Auch wenn man mit Bauhaus in erster Linie Baukunst verbindet, so umfasste die Idee der Bauhaus-Ästhetik nicht nur Architektur sondern auch formschön gestaltete Gebrauchsgegenstände. Herzstücke des Bauhauses waren die Werkstätten, im Endeffekt elf an der Zahl, in der die eigentliche Ausbildung eines neuen Typs von Künstlern stattfand: idealtypisch drei jährige Werkstattlehre mit Gesellenprüfung, dann Architekturstudium.

Vom Bauhaus zeigten sich – zur Überraschung von Gropius – eher mehr junge Frauen als Männer angezogen. In der gesellschaftlich noch fragilen Gleichberechtigung arbeiteten sie allerdings weniger mit Eisen und Glas, sondern strickten und hägelten, wobei sie allerdings auch Bedeutendes leisteten. Kitzing-Bretz zeigte dies am Beispiel von Gunta Stölzl, eine Bauhaus-Studentin der ersten Stunde, die als Werkmeisterin der Weberei-Werkstatt anspruchsvolle Textilbespannungen sowie Teppiche und Webereien in strengen aber farbigen Mustern und Streifen erarbeitete.

Eine andere Bauhaus-Studentin, Alma Siedhoff-Buscher, wechselte von der Weberei-Werkstatt in die Holzbildhauerei und entwarf 1923 für die große Bauhaus-Ausstellung die Ausstattung des Kinderzimmers im Versuchshaus am Horn, basierend auf einem quadratischen Idealplan in der Nähe des Weimarer Ilmparks. In dieser Zeit kreierte sie auch verschiedene Kinderspielzeuge wie das bis heute produzierte „kleine Schiffbauspiel“, das Kitzing-Bretz im ersten Bild ihres Vortrags demonstrativ zeigte: Es dokumentiert beispielhaft die geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Dreieck mit den Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die der Bauhaus-Reformideen exemplarisch zugrunde liegen.

Der Erfolg des Bauhauses hatte auch wesentlich damit zu tun, dass es Gropius gelang, berühmte Künstler als Lehrer zu gewinnen: Paul Klee, Johannes Itten, Lyonel Feininger Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer – als Schmelztigel innovativerAnstöße. Kitzing-Bretz informierte aber auch über die wechselvolle Bauhaus-Geschichte. Als die thüringische Landesregierung die Bauhaus-Mittel stark kürzte, erfolgte 1925 der Umzug in die aufstrebende Industriestadt Dessau. Hier entstand das neue Lehrgebäude mit dem prägnanten Namen BAUHAUS; bekannt auch wegen seiner vollverglasten Fassaden sowie den Treppenaufgänge mit eigenem Farbsystem zu den Klassenräumen.

In Dessau entstanden auch jene Musterhäuser für die Lehrkräfte in der Bauhaus-Formensprache, in quadratischer schnörkelloser Würfelarchitektur, weiße Kuben, übers Ecke gezogene Fenster, Flachdach. 1928 schied Bauhaus-Gründer Gropius aus aus und wurde freier Architekt in Berlin. Unter den neuen Direktoren Hannes Meyer und ab 1930 Ludwig Mies van der Rohe gewann die Architektur mehr Bedeutung hinsichtlich der Schaffung neuer Siedlungen gemäß dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. 

Infolge des zunehmenden Einflusses der Nazibewegung, die der verhassten Lehranstalt bolschewistisches Gedankengut unterstellte, erfolgte 1933 die Selbstauflösung des Bauhauses. In den 14 Jahren seines Bestehens, in denen 1250 Studenten die Kunst- und Bauakademiee absolvierten, wurde das Bauhaus zur Ideenschmiede für moderne Wohnkultur, aber auch für die Verknüpfung künstlerischer Arbeit mit Handwerk und maschineller  Serienproduktion. Davon zeugen der Wassily-Stuhl von Marcel Breuer oder die Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld, heute noch gefragt,und von Kitzing-Bretz bildlich vorgestellt. Sie schloss ihren Vortrag mit einem Bild des Gemäldes „Bauhaustreppe“ von Oskar Schlemmer, heute im New Yorker Museum of Modern Art. befindet. 

An der Armut Afrikas sind wir nicht unschuldig Oikocredit -Bildungsreferentin Dr. Christina Alff beklagt unfairen Handel

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Oikocredit-Referentin Dr. Christina Alff bei den Jungen Senioren (Foto: Rolf Gebhardt)

Afrika – in der Vorstellung vieler ein armer, verlorener Kontinent, schlecht regierte Staaten, Korruption, Misswirtschaft, junge Leute aus kinderreichen Familien ohne Perspektiven drohen Europa zu überrennen … Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus referierte die Bildungsreferentin des Oikocredit-Förderkreis Baden-Württemberg, Dr. Christina Alff, die selbst jahrelang für den Entwicklungsdienst der Bundesregierung in verschiedenen Ländern Afrikas tätig war, über „Die Armut in Afrika und die Folgen für uns“. Gleich zu Anfang verwies sie auf die immer wieder betonte Verantwortung Europas und Deutschland, vordringlich die Fluchtursachen in Afrika zu bekämpfen, also nachhaltig für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen beizutragen. Dass das nicht so einfach ist, zeigte sie auch an fehlgeschlagenen – an sich guter – Projekte auf. 

Einen Hauptgrund dafür und überhaupt für die missliche Wirtschaftslage Afrikas sieht die erfahrene Entwicklungswissenschaftlerin in der internationalen und insbesondere europäischen „unfairen Handelspolitik“. Es ist vor allem die EU-Agrarpolitik, die auch heute noch den höchsten Posten (49 Prozent) im EU-Budget ausmacht. Jeder EU-Bürger zahlt pro Jahr 112 € für Agrarförderung. Die Landwirtschaft ist in Deutschland nur noch eine Marginale, obwohl wir im Ernährungssektor einen Luxusstandard haben. Versorgte 1949 bei uns ein Landwirt lediglich zehn Menschen, so sind es heute rund 250 – dank rasanter Fortschritte in Methoden und Mitteln. Es gibt in Deutschland nur noch 285 000 landwirtschaftliche Betrieb mit 640 000 Beschäftigten, die weniger als zwei Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erbringen. 

Alff skizzierte die Situation in Afrika, wo noch über 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, in erster Linie von Selbstversorgung, Subsistenzwirtschaft. Und das trotz zunehmender Verstädterung mit schnell wachsenden Millionenstädten. Die Regierungen würden sowieso die ländliche Gebiete vernachlässigen und lieber das virulente Konfliktpotential in den Großstädten einzudämmen versuchen, so Alff. Die afrikanische Bevölkerung wächst explosionsartig, hat sich seit 1900 verzehnfacht, auf 1,3 Milliarden (doppelt so viel wie in Europa leben), und wird bis 2050 auf drei Milliarden ansteigen. Da bleiben Versorgungsprobleme nicht aus, gerade im Hinblick auf den Klimawandel mit zunehmenden Dürren und Überschwemmungen. Nach wie vor gibt es Regionen, wo Unterernährung und Hunger herrscht.  

Die EU-Agrarpolitik trägt nach Ansicht von Alff mit ihrem Subventionssystem dazu bei, die landwirtschaftlichen Grundlagen in Afrika weiter zu schwächen. Zwar ist das Volumen der europäischen Agrarexporte nach Afrika angesichts des vergleichsweise bescheidenen Konsummarktes verhältnismäßig bescheiden, doch in Einzelbereichen von gravierender negativer Auswirkung. Da ist das bekannte Hähnchen-Beispiel: In Deutschland und Europa boomt der Geflügel-Konsum. Bei Hähnchen kommen hier fast ausschließlich Brust und Schlegel in den Handel. „Hähnchenreste“ (Hals, Füße usw.) werden, nachdem sie nicht mehr für Viehfutter verarbeitet werden dürfen, von den Großkonzernen („keine Lebensmittelverschwendung“) „anderweitig verwertet“: in Containern nach Westafrika auf die Märkte gebracht, tiefgefroren, die Tiefkühlkette meist durchbrochen, aber zu Dumpingpreisen von unter ein Euro pro Kilo, was den heimischen Hühnerzüchtern die Absatzchancen nimmt. Da also Investitionen in die heimische Geflügelwirtschaft unrentabel sind, hat man in diesen Ländern längst Alarm geschlagen.

Oder Tomaten: Sie werden in riesigen Treibhausanlagen in Andalusiern gezüchtet, wo oft von afrikanischen Migranten illegal beschäftigt sind, und vielfach als Tomatenmark nach Afrika exportiert, wo eigentlich für Tomatenanbau beste Verhältnisse sind. Ähnlich widersinnig erscheint es, europäische Milchüberschüsse als Trockenmilch auf afrikanische Märkte zu bringen, meint Alff. Schließlich Kakao: Die Elfenbeinküste und Ghana sind die größten Kakao-Anbauer, doch nicht in großen Plantagen, sondern überwiegend kleinbäuerlich, mit viel Kinderarbeit. Solche Strukturen sind äußerst abhängig von der Marktmacht der großen Schokoladenkonzerne wie Mars und Nestle und laborieren bei den großen Preisschwankungen am Existenzminimum. Wenn dann in Westafrika die industrielle Weiterverarbeitung zu Endprodukten erfolgen soll, stehen für den Export in den Norden schier unüberwindliche Zollbarrieren entgegen.

Alff berichtete über weitere Beispiele, wo mit diskriminierenden EU-Handelsverträgen die heimischen Märkte untergraben werden, während Auflagen von IWF und Weltbank afrikanische Länder zu marktwirtschaftlichem Wohlverhalten zwingen. Auch mit Altkleiderspenden – Export von gebrauchten Klamotten nach Afrika – tue man kaum was Gutes, schädige die nationale Textilindustrie. Besser sei es so Alff, „gutes Geld als Gestaltungsmittel für gesellschaftlichen Wandel einzusetzen“, so „in Menschen investieren“ bei Oikocredit für Verbesserung der Lebensumstände von Kleinbauern durch Mikrofinanzierung via dortiger Partnerorganisationen. Derzeit laufen Projektfinanzierungen für gut eine Milliarde Euro.

Reise-Impressionen aus Armenien – Dekan Christoph Baisch berichtet von dem ältesten christlichen Land

Armenien

Foto: Christoph Baisch 

Auch der Beginn des neuen Programms der „Jungen Senioren“ wurde eingeleitet mit einem Vortrag des Heilbronner Dekans. Nachdem vor einem Jahr der gerade neu ins Amt gekommene Dekan Christoph Baisch über seine Vita berichtet und seine „Heilbronner Weg-Gedanken“ dargelegt hatte, wartete er nicht mit einem primär theologischen Thema auf, sondern mit Impressionen einer Reise nach Armenien (organisiert von seiner Frau Bärbel Koch-Baisch für die „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Brüder“), von der er vor wenigen Tagen zurückgekommen war.

Armenien, auf der Grenze zwischen Europa und Asien liegend, sei geprägt von einer Art geographischem und kulturellem Spagat, so Baisch. Diese Spannung zwischen zwei Polen finde sich in vielerlei Hinsicht in diesem Land. 

Da ist zum einen das Symbol Armeniens, der biblische Berg Ararat (5137 m), an dessen Hängen nach biblischer Überlieferung Noah mit seiner Arche nach der Sintflut angelandet ist – und seine Wirklichkeit. Das eindrückliche Berg- und Gletschermassiv ist immer präsent – hat man doch von der armenischen Hauptstadt Eriwan bzw. Jerewan eine spektakuläre Sicht auf den nur 20 km entfernten Ararat. Und doch sieht die politische Wirklichkeit so aus, dass der Ararat aktuell gar nicht auf armenischem, sondern in türkischem Territorium liegt, unerreichbar wegen der geschlossenen Grenze zwischen der Türkei und Armenien.

Bedeutsam auch die weite Spanne zwischen früher Kirchengeschichte und heutigem gelebten Glauben. Hier zeige sich dann auch die theologische Bedeutsamkeit einer Reise nach Armenien, so Baisch.

Das Christentum verdankt sich in Armenien der Missionstätigkeit der Propheten Bartholomäus und Thaddäus; zudem hat die Glaubensstärke von Gregor, dem Erleuchter, den damaligen König Trdat III so überzeugt, dass dieser bereits im Jahre 301 das Christentum als Staatsreligion einführte. Dadurch erweist sich Armenien als das älteste christliche Land der Welt. 

Bei seinen Impressionen ließ Dekan Baisch die reiche christliche Vergangenheit und Gegenwart Armeniens in Bildern lebendig werden. Dazu gehört in erster Linie die Vielzahl an Klöstern, Kirchen und Kapellen, z.T. im Status von UNESCO-Weltkulturerbe, die teilweise bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Die meist recht kleinen Kirchen, faszinierend eingebettet in die oft gebirgige Landschaft, sind Variationen eines Grundtypus aus massiven grauen Steinquader, von kreuzförmigem Grundriss, darüber eine steinerne Kuppel. Sie weisen vielfach eindrücklichen Steinschmuck an ihren Fassaden auf. 

Als Besonderheit in der religiösen Tradition stellte Dekan Baisch die Kreuzsteine vor, reich verzierte Gedenk- und Grabsteine von höchster Steinmetz-Kunst, die in ihrem zentralen Mittelfeld immer ein Kreuz zeigen. Die Besonderheit dabei: Das Kreuz ist an seinen Enden dargestellt wie austreibende Äste, ein Schmuck-Element von theologischer Bedeutung. Denn so rückt das Kreuz weniger als Ort des Leidens, sondern vor allem als Quelle des neuen Lebens in den Blick. Dekan Baisch brachte diesen künstlerischen Grundzug in Beziehung mit der theologischen Prägung der Armenischen Kirche, die schon im 5. Jh. eigene Wege ging, indem sie die göttliche Seite Jesu Christi besonders stark betonte.

Heute gehört die überwiegende Bevölkerungsmehrheit der Armenier der armenisch-apostolischen Kirche an, mit einem Katholikos als geistlichem Oberhaupt in einer ähnlichen Stellung wie der Papst in der katholischen Kirche, wenngleich Aufbau und Liturgie den orthodoxen Ostkirchen ähnelt. Geistliches Zentrum ist das Kloster Etschmiadsin, in seiner Bedeutung für die armenische Kirche dem Vatikan in der katholischen Kirche vergleichbar. 

Als weitere Polarität verwies Dekan Baisch auf die Spannung zwischen dem großen Machtbereich des Armenischen Großreichs im 1.Jh.n.Chr. und den vielfältigen Ohnmachtserfahrungen, von langen Zeiten der Fremdherrschaft bis zu Verfolgung und Ermordung. Zum unauslöschlichen traumatischen Ereignis kam es 1915/16 mit dem Völkermord an den Armeniern durch die osmanischen Jungtürken, dem rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen. Die Auseinandersetzung um die Anerkennung dieser Ereignisse als Genozid belastet bis heute das politische Verhältnis zwischen der Türkei und Armenien. Dekan Baisch verwies darauf, welche identitätsstiftende Bedeutung in solchen Ohnmachtserfahrungen das armenische Christentum und damit zusammenhängend auch die Rettung armenischer Handschriften hatte, die in dem eigens im 5. Jh. entwickelten armenischen Alphabet überliefert sind. Ein großer Schatz solcher Handschriften befindet sich in der Matenadaran-Bibliothek in Jerewan. An den Genozid erinnert eine eindrückliche Gedenkstätte in Jerewan.

Baisch stellte in Bildern auch andere Seiten Armeniens vor Augen, so den auf 1900 m gelegenen Sewansee, fast doppelt so groß wie der Bodensee. Durch überdimensionierten Wasserentzug für Bewässerungsanlagen verlor er vorübergehend bis zu 20 m Wasserstand, was das Umland verändert hat.

Baisch berichtete aber auch von Siedlungen der Jesiden und der russischen Minderheit der Molokanen und vom friedlichen Auskommen der Bevölkerungsgruppen miteinander sowie aus der Millionenstadt Eriwan. Hier sind einerseits Plattenbau-Viertel aus der Sowjetzeit zu finden, aber auch große stillgelegte sowjetische Industrieanlagen. Zugleich wird der „sozialistische Charme“ konsequent abgelöst von modernen Prachtbauten. Auf dem See am zentralen Platz der Republik wird allabendlich eine farbenprächtige und klangvolle Wasserschau inszeniert.

Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg – „Junge Senioren“ angetan von Abschlussausflug ins Hohenloher Land

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Zum Abschluss eine Exkursion der Jungen Senioren (Foto: Rolf Gebhardt)

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe 2018/19 der „Jungen Senioren“ ergab sich wieder ein interessanter Informationsausflug, diesmal quasi eine Wiederholung der beliebten Exkursion von vor zwei Jahren, nämlich ins Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg. Wiederum wurde die Fahrt geleitet von Beiratsmitglied Kurt Pöhler, ein braver Freund und Förderer der Waldenburger Einrichtung, der kenntnisreich in rühriger Weise den Busfahrer von Hofmann-Reisen durch die heimischen Lande dirigierte. Pöhler unterhielt nicht nur mit Anekdoten und Gedichten, sondern  machte auch auf Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten entlang der Stecke aufmerksam.

Besichtigung war erst einmal angesagt im Ortskern des Luftkurorts Waldenburg, Der Bus hielt am Marktplatz, wo der Phönixbrunnen von Hermann Koziol an die Zerstörung Waldenburgs im April 1945 erinnerte, aber auch an den Wiederaufbau. Die Evangelische Stadtkirche verdient natürlich einen Besuch, 1594 im Renaissancestil als Hallenkirche errichtet und danach mehrmals umgebaut. Ein Kleinod der bildreiche „Konfessionshochaltar“ aus dem Jahr 1653,  in dem 1971 die umgebaute und erneuerte Ehrlich-Orgel Weise eingefügt wurde. Dann die aus dem 17. Jahrhundert in der Art zeitgenössischer Volkskunst bemalte Steinkanzel, die in vier Tafeln mit Szenen aus  dem  Alten und dem Neuen Testament zeigt,. Faszinierend das große farbige Kirchenfenster (2003) mit den acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt,  dargestellt in acht Medaillons mit Hände-Motiven, und das kleinere Glasfenster „Geheimnis des Glaubens“, aus der Waldenburger Werkstatt der Glaskünstler Prof. Hans Gottfried von Stockhausen bzw. Ada Igensee. 

Nicht zu übersehen auch die Grabdenkmale, so das des letzten Grafenpaars Philipp Gottfried Graf von Hohenlohe und seiner Gemahlin, mit dessen Tod 1679 die evangelische Waldenburger Linie des Hauses Hohenlohe ausgestorben ist. Seit 1679 residiert im nahen Schloss, das gründet auf einer mittelalterlichen Burg, eine katholische Linie, die dort Ende des 18. Jahrhunderts katholische Schlosskirche erbaute. Man schaute auch ergriffen in 65 Meter Tiefe des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Brunnen. Und es blieb noch Zeit, von der Stadtmauer aus dem 15.Jahrhundert herunter zu blicken auf die vielgestaltige Hohenloher Ebene und den Beginn des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald, um sich zu vergewissern, dass das auf einen 500 m hohen Bergsporn gelegene Bergstädtchen mit Recht  den Namen „ Balkon Hohenlohes“ trägt.

Und schließlich das Kinderdorf Waldenburg: Im großen Saal des Zentralgebäudes warteten schon schön gedeckte Tische für Kaffee und Kuchenauswahl auf die rund 50 „jungen Senioren“, die von Wolfgang Bartole herzlich begrüßt wurden. Bartole, in Heilbronn-Horkheim wohnhaft, ist seit fast 20 Jahren Vorstand des Albert-Schweitzer-Kinderdorf e.V., zuständig für Wirtschaft und Finanzen. Nach einem Einführungsfilm informierte er über die Einrichtung und beantwortete Nachfragen. Angefangen hatte alles Mitte der fünfziger Jahre, als die 1883 geborene Margarete Gutöhrlein, nach einem bewegten Legen in Schwäbisch-Hall sesshaft geworden, sich berufen fühlte, benachteiligten Kindern eine Familienheimstätte zu bieten. Angetan von dem Leitgedanken des philosophischen Hauptwerk Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ gelang es ihr, den Humanisten und Tropenarzt, der gerade 1954 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, als Namenspatron zu gewinnen. Die Stadt Waldenburg stellte am Westrand der Gemeinde ein drei Hektar großes waldiges Grundstück zur Verfügung. Aus dieser Initiative entwickelten sich seit gut 60 Jahren die Albert Schweitzer Kinderdörfer und Familienwerke mit insgesamt 19 Einrichtungen und Pflegeplätzen für über 900 Kinder.

Im Albert-Schweitzer-Kinderdorf sollen und können vom Jugendamt zugewiesene Kinder aus sozial problematischen Familien Aufnahme in einen familiären Umfeld finden. Im Waldenburger Kinderdorf stehen 49 Kinderpflegeplätze in großzügigen Familienhäusern zur Verfügung, in denen jeweils bis zu sieben Kinder (bis 13 Jahre) aufgenommen werden, betreut in erster Linie von einer ausgewählten Pflegemutter mit sozialpädagogischer Ausbildung, die mit ihrem (anderweitig berufstätigen) Ehemann in der Regel auch noch bis zu drei eigene Kinder in den Haushalt einbringen. Es geht darum, den oft traumatisch belasteten Kindern familiäre Geborgenheit zu vermitteln, damit sie neues Vertrauen zu anderen und sich finden, sich in ihren Problemen und Befindlichkeiten verstanden fühlen und verlässliche Bezugspersonen haben. Nach Möglichkeit wird auch der Kontakt zur leiblichen Herkunftsfamilie gepflegt. Individuelle Begabungen sowie musische und sportliche Ambitionen werden gefördert. Alle Kinder erreichen Schulabschluss und Berufsausbildung und bekommen gegebenenfalls Unterstützung beim weiteren Selbstständigwerden und Zurechtkommen im Lebensalltag. Oftmals bleiben familiäre Beziehungen langfristig bestehen. Die Hausmütter, die in regulären Berufsverhältnis stehen, werden unterstützt von betreuenden Hilfsdiensten im Dorf, Erzieherinnen, Psychologen und Therapeuten, die auch zuständig sind für ein dem Kinderdorf angeschlossenen Mädchenhaus, Außenwohngruppen sowie einem Frauen- und Kinderschutzhaus. 

Altersarmut – eine ständige Herausforderung / DGB-Kreisvorsitzende Silke Ortwein über die Rentenproblematik

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Heilbronner DBG-Vorsitzende Silke Ortwein (Foto: Rolf Gebhardt)

Altersarmut? Das ist doch nur ein Randphänomen – die heutige Rentnergeneration gilt ja als die wohlhabendste aller Zeiten. Dieser Eindruck dürfte dazu beigetragen haben, dass bei dem Vortrag der Heilbronner DGB-Kreisvorsitzenden Silke Ortwein über Entstehungszusammenhänge und Handlungsanweisungen von Altersarmut und Rente bei den „Jungen Senioren“ der große Saal des Hans-Rießer-Hauses relativ schwach besetzt war. Und die rührige Gewerkschaftsrepräsentantin räumt auch gleich eingangs ein, dass dieses Thema eigentlich weniger relevant ist für die derzeit über 20 Millionen Rentner in Deutschland als für nachfolgende Generationen, die sich allerdings den Herausforderungen der Altersvorsorge zumeist nicht recht bewusst seien.

Es war in den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts, als Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Renten-, Kranken- und Unfallversicherung eingeführt hat, um die unsägliche Not und vor allem den revolutionären Geist der aufbegehrenden Arbeiterklasse zu zähmen. Die 1889 beschlossene Altersrente wurde zunächst allerdings erst ab dem 70.Lebensjahr ausgezahlt – und das erreichten die allerwenigsten. Seitdem hat sich schließlich die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland fast verdoppelt (auf etwa 80 Jahre). und die durchschnittliche Rentenbezugsdauer beträgt inzwischen rund 20 Jahre.

Die Krux ist nur, wie Ortwein anmerkte, dass die gesetzliche Rentenversicherung auf dem Umlageverfahren beruht. Arbeitnehmer erwerben aufgrund ihrer Beiträge einen Anspruch auf eine eigene gesetzliche Rente in der Zukunft, doch können sie diesen Anspruch eigentlich nur bei den jeweils nachfolgenden Generationen geltend machen. Der Trend ist aber eindeutig: Immer mehr Rentner und immer weniger Beitragszahler. Waren vor gut 100 Jahren noch zehn Beitragszahler für einen Rentner zuständig, bei der Einführung der dynamischen Rentenversicherung unter Konrad Adenauer auch noch gut fünf, so kommen heute gerade nur noch zwei auf einen Rentner. Dramatisch wird die Entwicklung, wenn die Generation der „Babyboomer“ in Rente geht. Zu Zeiten der Mitte der 60er Jahre Geborenen war die Zahl der Geburten etwa doppelt so hoch wie heute. Wenn sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden, fehlt es nicht nur an Nachwuchs an Fach- und Arbeitskräften, sondern auch an Beitragszahlern, die für die Rentner aufkommen, wie Ortwein konstatierte.

Wenn also so der mit dem Umlageverfahren verbundene verlässliche Generationenvertrag aufgrund der demografischen Entwicklung vor dem Scheitern steht, muss das gesellschaftspolitische System reagieren. Immer wieder wurde der Beitragssatz zur gesetzlichen Renten erhöht. Es begann 1891 bei der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung für Arbeiter mit 1,7 Prozent, um 1900 waren es 4,9 Prozent, inzwischen sind es 18,6 Prozent. Zudem wurde die Alter für den Bezug einer abschlagsfreien Rente von 65 auf 67 Jahre erhöht, und das ist nicht das Ende der Fahnenstange in Anpassung an steigende Lebensalter. 

Längst kommt hier jedoch die Veränderung in der Arbeitswelt und in der Berufsbiografie ins Spiel. Die meisten der heutigen (zumindest männlichen) Rentner können auf eine ungebrochene Beschäftigungslaufbahn zurückblicken, oft auf eine Vollerwerbsstelle bei nur einem Arbeitgeber. In den letzten 70 Jahren hat sich jedoch das durchschnittliche Berufseintrittsalter – auch mit der zunehmenden Akademisierung – um fünf bis zehn Jahre verschoben. Zudem nahm die Zahl der „prekären“ Arbeitsplätze mit kurzen und schlecht bezahlen  Arbeitsverträgen erheblich zu, gibt es in Deutschland über ein Million Beschäftigte in Teilzeitarbeit, über 700 000 in Minijobs und unzählige „Leiharbeiter“: Ein  Potenzial für spätere Altersarmut, weil so in der Rentenversicherung nicht genügend vorgesorgt werden kann. 

Heute wird  häufig davon Gebrauch gemacht, nach 45 Versicherungspflichtigen Jahren mit 65 abschlagsfrei in die Altersrente gehen zu können. Das wäre für spätere Generationen hypothetisch unmöglich. In der Rentenversicherung orientiert man sich noch an dem „Eckrentner“, aus einem Durchschnittseinkommen Beiträge gezahlt hat und dann eine Monatsrente erhält von 1284 €. Die durchschnittlich ausgezahlte Rente liegt in Westdeutschland allerdings „nur“ bei 1100 €, und das für Männer, für Frauen etwa nur bei der Hälfte. Und davon geht ja noch die Hälfte des Kranken- und Pflegekassenbeitrags ab. 

Es wird nun als großer sozialer Erfolg herausgestellt, dass in Anpassung an die positive Lohnentwicklung zum 1, Juli 2019 die Altersbezüge in Westdeutschland um 3,18 Prozent angehoben wird und das Rentenniveau leicht auf 48,16 Prozent steigt. Silke Ortwein musste allerdings auch darauf hinweisen, dass die Zahl derjenigen, die im Alter Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen, laufend steigt und es immer längere Versicherungszeiten braucht, um eine Rente oberhalb der Grundsicherungsbedarf  (776 bzw.794 €) zu erreichen. „Die Armutsgefährdungsquote im Alter wächst“, so Ortwein, die mit Nachdruck die Forderung der Gewerkschaft für eine „lebensstandardsichernde Renten“  mit konkreten Vorschlägen bekräftigte.