Archiv der Kategorie: Sommerakademie 2012

Die lebenswerte Stadt von morgen lässt sich planen

Foto: Matthias Treiber

Die 3. Heilbronner SommerAkademie 2012 stand unter der Grundthematik „Unsere Welt von morgen: In welcher Zukunft wollen wir leben?“. Zu den acht Veranstaltern in dem Arbeitskreis gehörte auch der Kreisseniorenrat, der die Vortragsveranstaltung „Städtebau der Zukunft – die lebenswerte Stadt von morgen“ im Hans-Rießer-Haus verantwortete. Kreisseniorenrat-Vorsitzender Friedrich Schwandt postulierte gleich zu Anfang, dass wir heute schon in der Zukunft von gestern leben, unsere heutigen Ideen und Entscheidungen also die nahe und ferne Zukunft bestimmen. Und er wies darauf in, dass es die wohl älteste städtische Siedlung bereits vor 8000 Jahren gab, nämlich Jericho, heute eine Kleinstadt – allerdings die tiefstgelegene der Welt – im Westjordanland.

Der Referent Dr.-ing. Horst Reichert nahm diesen Ball auf und bestätigte, dass die ersten Städte ab 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung im Nahen und Mittleren Osten entstanden. Zur ersten Millionen-Stadt wurde Rom vor 2000 Jahren. Nach dem Zusammenbruch der antiken Welt verlagerte sich die Verstädterung nach dem Osten. Noch um 1700 lagen von den 70 größten Städten der Welt nur zehn in Europa. Erst mit der Industrialisierung schlug der Städte-Pendel nach Westen aus, ehe mit der Entkolonialisierung ab 1900 neue Stadtkonglomerate im Süden entstanden. Die Zahl der in der Kategorie „groß“ geführten Städte verdoppelte sich von 1970 bis 2000 auf 2000. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, eine Milliarde Menschen im Norden und zwei Milliarden im Süden, dort zu einem Großteil in Hüttenmetropolen und Flüchtlingslagern, die auf nächtlichen Satelittenfotos der Nasa gegenüber den Megabeleuchtungsfeldern in Europa, USA/Kanada und Japan lichtmäßig ziemlich unterbelichtet registriert werden.

Dr. Reichert lehrte am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, an dem jährlich 40 ausländische Bachelor-Studenten ihren Master in Infrastrukturplanung machen können; zahlreiche Absolventen haben in ihren Heimatländern schon große Karrieren bis in Ministerämtern erreicht. Reichert, der einige Jahre in London lebte, hat wichtige Erfahrungen machen können unter anderem in Iran und Irak, Gaza, Nodafrika und  Äthiopien mit den unterschiedlichsten Stadttypen und Siedlungsformen, die sich von dem Vorbild der europaischen Stadt entfernen.

In die moderne Stadtwelt-Präsenation stieg Reichert mit Masar City im Emirat Abu Dhabi ein. Nach der Planung von Stararchitekt Norman Foster soll sie die erste klimafreundliche Stadt der Menschheit werden, indem die im Wüstensand errichteten Gebäude optimal auf Sonne, Schatten und Wind abgestimmt sind und ausschließlich auf erneuerbare Energien. Gitantonomie bestimmt überhaupt die Städteplanung in den reichen arabischen Emiraten wie in dem höchst innovativen und dynamischen Wirtschaftszentrum Dubai mit futuristischen sich drehenden Wohnwindtürmen und künstlichen Städteinseln im Meer – ein Über-Morgenland.

Reichert präsentierte dann ein Kaleidoskop von beispielhaften europäischen Hafenstädten. Beginnend mit Barcelona, das nach einem Niedergang in 40 Jahren Franco-Diktatur zur rasanten Stadtreparatur schritt und im Zuge der Ausrichtung der Olympischen Spiele 1992 Industriebrachen neu erschloss und sich zum Meer öffnete. Oder das nördliche spanische Hafenzentrum Bilbao, das mit dem Guggenheim-Museum jährlich eine Million Besucher anzieht. Und er zeigte Kopenhagen im Metropolenfieber auf dem Weg zur transnationalen Stadtregion, die Tor zum Ostseeraum sein will. Olympischer Geist beflügelte London, die vernachlüssigten Ostregionen infrastrukturell aufzuwerten, ebenso an der Südseite der Themse ein neues Wirtschaftszentrum zu etablieren. Schließlich Hamburg mit der Hafencity, eines der markantetsten Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserregionen weltweit, womit die City um 40 Prozent erweitert wird. Zum Schluss noch New York. Hier zeigte Reichert beispielhaft an der Begrünung der 1,6 km langen Güterbahnstecke High Line, wie eine schmale Parkpromenade die Häuserschluchten aufwerten kann.

Für Reichert liegt die menschengerechte Zukunft einer Stadt darin, dass sie sich immer wieder neu organisiert und saniert: Lebenswertes städiches Leben in Harmonie von attraktivem Wohnbau, Erholungsflächen im Grünen und intakter Verkehrsstruktur.

Auf eine subjektiv gute Lebensqualität kommt es an

Foto: Matthias Treiber

Die EU-Kommission hat das Jahr 2012 zum „Jahr des aktiven Alter(n)s und der Solidarität der Generationen“ ausgerufen. Doch ist unsere Gesellschaft überhaupt auf den demografischen Wandel, bei dem sich der „Altersquotient“ – der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in 50 Jahren verdoppelt – vorbereitet? Mit dieser Frage befasste sich im Rahmen der 3. Heilbronner SommerAkademie der Alterswissenschaftler Michael Bolk vom Geriatrischen Institut der Universität Heidelberg, bei einem von den „Jungen Senioren“ initierten Vortrag im Hans-Rießer-Haus mit dem früheren Heilbronner Klinik-Seelsorger Peter Goes als Moderator.

Der „Zukunftsmarkt Alter“, so Bolks Thema, ist jedenfalls vielversprechend. Mehr als dreitausend Milliarden Euro soll die Kaufkraft der Generation der über 65Jährigen EU-weit ausmachen. Sie ist inzwischen die kaufkräftigste soziale Gruppe. Kein Wunder, dass immer mehr bestimmte Produkte und Dienstleistungen auf sie abgestellt werden. Das gilt weniger im komsumtiven Bereich, denn da wollen die Älteren nicht als solche angesprochen werden, wenngleich sie im Discountladen wert legen auf gut sichtbare Waren- und Preisschilder und und leicht erreichbare Waren in den Regalen. Aber die Hörakustik-Branche boomt wie auch die Sanitätshäuser. In der Pflege tut sich – mangels Personal – ein zukunftsträchtiger Markt für Roboter auf, im Service wie insbesondere in der Unterstützung von Bewegungsabläufen (etwa durch angeschnallte Gehhilfen).

Von dem Markt für Anti-Aging gar nicht zu reden. Bolk hat bei einem Altersprojekt in Ägypten festgestellt, dass die besondere Angst der Araber vor dem Alter sich auf ihr Aussehen bezieht und dass diejenigen, die es sich leisten können, massiv Schönheitschirurgen aufsuchen, „noch stärker als in den USA“. Und in der Schweiz ist das selbstbstimmte Sterben – assistierter Suizid – zu einem einträglichen Geschäftsfeld geworden, für Eidgenossen durch Mitgliedschaft im Verein Exit und für Fremde über die Firma Dignitas mit einer Gewinnmarge von 85 Prozent, wie Bolk erfuhr.

Auch wenn die Älteren gerne als belastender Kostenfaktor unseres Sozialwesens verunglimpft werden (im Gesundheitswesen gilt das höchstens für die Hochbetagten), so sind sie doch durchaus ein stabilisierender Faktor unserer Gesellschaft. Das gilt für den großen Kreis der Ehrenamtlichen, die mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement so manche infrastrukturelle Gegebenheiten am Laufen halten. Und das gilt erst recht im Familienverbund, denn ohne großelterlichen Einsatz wären viele Berufstätigkeiten junger Mütter nicht möglich. Hinzu kommt der finanzielle Transfer von Alt zu Jung, der in Deutschland auf jährlich 14 Milliarden Euro geschätzt wird.

Ist also mit der Welt der Älteren und Alten alles in Ordnung? „Ein sozialkultureller Kontext besteht dann, wenn die älteren Menchen mit ihrer Ressourcen, ihrer Würde, ihren Bedürfnissen und Interessen  in gleicher Weise in der Mitte des öffentlichen Raums stehen wie die jüngeren Menschen.“ Dieses Postulat der geriatrischen Wissenschaft für eine altersfreundliche Kultur entspricht wohl keiner Realität. Da müssten allein schon in der Erwerbsarbeit ganz andere Ansätze vorhanden sein. De Frühverrentungspraxis hat nach Bolks Ansicht viel zu einem negativen Blick auf das Alter geführt. Dabei könnte berufs- und arbeitspolitisch viel stärker auf den älteren Arbeitnehmer, als solcher gilt man bereits ab 45, eingegangen werden. Es könnten geeignete Anreize für eine Verlängerung der Erwerbsphase geschaffen werden. Und es gibt derzeit bereits Unternehmen, die ihre Rentner zurück in den Arbeitsprozess rufen, weil sie glauben, deren Erfahrungen und besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten nutzbar einsetzen zu können.

Mit 65 oder 67 muss man nicht zu alt „zum Schaffen“ sein. Die heutige Alten-Generation ist viel  gesünder und leistungsfähiger als die vor 50 oder gar 100 Jahren. Gegen die mit dem Alter abnehmende Geschwindigkeit der Zellerneuerung kann man kaum etwas machen, aber trotz gewisser gesundheitlicher Defizite und Beeinträchtigungen kann sich der ältere und alte Mensch durchaus einer subjektiv guten Lebensqualität erfreuen. Diese frühzeitig zu begünstigen – etwa durch gesunde Ernährung und viel Bewegung – ermöglicht es, im Ruhestand mit den Auf- und Abschwüngen der eigenen Biografie besser klar zu kommen und dem Alltag im Alter schöne Seiten abzugewinnen, so der 33jährige fidele Altersforscher Michael Bolk.