„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ – Prälat Harald Stumpf erklärt die Jahreslosung – und sein Ausscheiden

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Prälat Harald Stumpf (Foto: Ralf Gebhardt)

In christlichen Kreisen ist es guter Brauch, sich mit der Jahreslosung zu befassen. Das taten auch die „Jungen Senioren“ auf ihrer ersten Veranstaltung in neuen Jahr, traditionell mit dem Heilbronner Prälaten. Harald Stumpf ging erst einmal auf die Entstehung der Jahreslosung ein. Sie gibt es seit 90 Jahren. 1930 wurde sie erstmals von dem Stuttgarter Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1938) herausgegeben: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht.“ (Röm. 1 16a) Diesen Bibelvers hatte er gewählt in Absprache mit dem Dachverband der Evangelischen Jungmännerbünde (Vorläufer des CVJM). Seit 1928 war Riethmüller Leiter des Evangelischen Reichsverbands weiblicher Jugend in Berlin-Dahlem und wurde 1935 Vorsitzender der Jugendkammer der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung durch das Nazi-Regime wehrte. Unter Riethmüllers Vorsitz wurde auch das Kreuz auf der Weltkugel als Symbol für die Evangelische Jugend festgelegt- heute auch noch über dem Eingang zum Hans-Rießer-Haus sichtbar. Wie Prälat Stumpf weiter erläuterte, werden die Jahreslosungen seit 1960 von einer  Ökumenischen Kommission jeweils für vier Jahre im voraus festgelegt.

Stumpf meinte, wir könnten auch noch beschwingt in das neuen Jahrzehnt der 20er Jahre gehen mit der Jahreslosung von 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Aber auch die Jahreslosung 2020 ist wegweisend: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)  Was hat es mit dieser Aussage auf sich. Stumpf zitierte dazu aus seinem Neujahrsbrief, der an Gesprächspartner und  Wegbegleiter in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, an Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Mitarbeitende in Kirche und Diakonie ging:

„Vertrauen ist ein großes Geschenk. Bei vielen Gesprächen mit Verantwortungsträgern in meiner Prälatur im Rahmen der Bezirksvisitationen oder bei Beratungs- und Konfliktgesprächen in den Kirchengemeinden habe ich das ganz beglückend erlebt. 

Die Jahreslosung erschließt sich nur aus ihrem Zusammenhang der  Heilungsgeschichte, der sie entnommen ist:  Der Vater eines behinderten Sohnes hat von Jesus und seinen Heilungen gehört. Er macht sich auf den Weg zu ihm, trifft Jesus aber nicht persönlich an, sondern nur seine Jünger. Er hofft, dass auch die ihm helfen können. Aber seine Hoffnung wird enttäuscht. Die Jünger können seinem Sohn nicht helfen. Da kommt Jesus. Der frustrierte Vater überfällt Jesus mit einem Redeschwall und erzählt im alles. Jesus schimpft mit seinen Jüngern und nennt sie ein ;ungläubiges Geschlecht‘. Dann erst wendet er sich dm behinderten Kind zu, das gerade einen Anfall hat. Der verzweifelte Vater fragt Jesus: ,Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und  hilf uns!‘ Aber Jesus hilft immer noch nicht, sondern sagt nur. ;Alle Ding sind möglich dem, der glaubt.‘ Das bringt den Vater vollends zur Verzweiflung. Sein Glaube ist ihm zwar verloren gegangen, aber er will dennoch weiter daran glauben, dass Jesus ihm und seinem Sohn hilft. Er ist hin- und hergerissen und schreit diesen paradoxen Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!‘ Und dann geschieht es. Jesus hilft dem Sohn und hilft so auch dem verzweifelten Vater. … Der ungläubige Glaube hat nicht vergeblich geglaubt.“

Prälat Stumpf bekräftigt, dass unser Glaube kein fester Besitz ist, das auch Zweifel dazugehören. Er belebte seine Ausführungen mit von den „Jungen Senioren“ gemeinsam gesungenen (von einem befreundeten Dekan) neu gedichteten alten Kirchenlied („Auf dem Weg in neue Zeiten…. “), am Klavier begleitet von Stumpfs Frau Annette, sowie einem modifizierten Segensgebet aus dem 4. Jahrhundert und dem Vaterunser. 

Nach der Kaffeepause stellte sich Stumpf Fragen zur Prälatur und Landeskirche. Dabei verdeutlichte er, dass er als Prälat nicht Dienstvorgesetzter für die 14 Dekanate des Sprengels ist, sondern als Regionalbischof in erster Linie Seelsorger ist und bei Visitationen und Pfarrstellenbesetzungen in den 380 Kirchengemeinden mitwirkt. Neben der Prälatur Heilbronn gibt es in der Württembergischen Landeskirche drei weitere Prälaturen – Stuttgart, Reutlingen und Ulm. Die vier Prälaten sind Mitglieder im Oberkirchenrat, dem unter Vorsitz des Landesbischofs noch acht Dezernenten sowie der Leiter des diakonischen Werks angehören. 

Stumpf machte noch eine Mitteilung, die die „Jungen Senioren“als erste erfuhren: Er habe, 62jährig, den Antrag auf vorzeitigen Ruhestand gestellt, der von der Kirchenverwaltung am Freitag (10. Januar) genehmigt worden sei, so dass er zur Jahresmitte nach achteinhalb Jahren aus dem Amt ausscheide: „Die Würde ist auch eine Bürde“, auch aus gesundheitlichen Gründen, und um sich mehr seiner Familie (vier Kinder, sechs Enkelkindern) widmen zu können, Gleichzeitig sei auch bereits der neue Heilbronner Prälat bestimmt: Der („zupackende“) Nagolder Dekan Ralf Albrecht, seit 2008 Vorsitzender der pietistischen „Christusbewegung Lebendige Gemeinde“ und als LG-Landessynodaler Vorsitzender des landeskirchlichen Gesprächskreises Lebendige Gemeinde; der Prälat ist gleichzeitig auch Prediger an der Heilbronner Kilianskirche. 

Bedeutender Heilbronner Komponist und Chorleiter – Musikwissenschaftler Lothar Heinle über Robert Edler (1912-1986)

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Lothar Heinle (Foto: Rolf Gebhardt)

Robert Edler? Für die meisten „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus ist Edler als Chorleiter ein Begriff. Einige haben unter seinem Dirigat in Chören gesungen. So ein Besucher, der seit Jahrzehnten Mitglied des inzwischen ziemlich geschrumpften Männergesangsvereins Urbanus ist und sich noch gut erinnert an das aufregende Vorsingen bei der Aufnahme(prüfung) und wie Edler die Jugendlichen zu zusätzlichen Stimmübungen vor den sonntäglichen Chorproben verpflichtete.

Über Leben und Wirken von Robert Edler referierte der Musikwissenschaftler Lothar Heinle. 1965 in Heilbronn geboren studierte Heinle seinen naturwissenschaftlichen Interessen gemäß  Chemie, doch dann führte ihn seine Neigung zu einem Zweitstudium der Musik. Er ist als freiberuflicher Musikwissenschaftler tätig ist, dank seiner stimmlichen Begabung und Ausbildung sowie hochdeutschen „Muttersprache“ auch in Sprechrollen, wie wieder am Vorabend bei der Einführung und Erläuterung zum Weihnachtskonzert des Heilbronner Sinfonieorchesters (HSO) in der „Harmonie“ mit der New Yorker Sopranistin Janice Dixon, worauf er auch gleich  von „jungen Seniorinnen“ angesprochen wurde. Heinle ist Heilbronnern auch als Musikkritiker bekannt sowie als Zweiter Vorsitzender des Philharmonischen Chors, zu dessen 200jährigem Bestehen 2018 er eine beachtliche Festschrift vorgelegt hat.

Als Experte für experimentelle Musik sowie als Komponist fand Heinle den Zugang zu Edler im Heilbronner Stadtarchiv, wo Edler einen großen kompositorischen Nachlass der Stadt hinterlassen hat, mit dessen Sichtung Heinle betraut wurde; in der Schriftenreihe des Stadtarchivs hat Heinle ein Edler-Porträt verfasst („Heilbronner Köpfe VII“). Edlers Lieder, von denen Heinle auch Klangbeispiele zu Gehör brachte, fanden  Eingang in vielen Chorliederbüchern, und so wurde Edlers Schaffen auch jüngst gewürdigt in einem Buch über 20 Chorkomponisten in Württemberg aus fünf Jahrhunderten.

Robert Edler wurde am 1. November 1912 in Heilbronn geboren. Sein Vater war Entwerfer und Modelleur im Atelier der Firma Bruckmann und betätigte sich auch als Kunstmaler. Der junge Robert Edler wurde mit seinen Kompositionsversuchen schon früh gefördert von dem Heilbronner Kapellmeister Philipp Rypinski. Ab 1929 studierte er am Neuen Konservatorium für Musik in Stuttgart. Danach blieb, wie Heinle hervorhob, Edlers Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Heilbronn.1933 wurde er vom Stadttheater Heilbronn als Zweiter Kapellmeister verpflichtet und 1934 unter acht Bewerbern als jüngster Dirigent mit der Leitung des 1842 gegründeten  Männergesangverein „Urbanus“, aus dem Weingärtnerstand hervorgegangen, ausgewählt. 

Edlers Heilbronner Musiklaufbahn wurde unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg. 1941 zur Grundausbildung eingezogen kam Edler zur Gebirgsdivision nach Nordnorwegen, wo er nicht nur Musikprogramme mitgestaltete, sondern auch an neuen Kompositionen arbeitete und neben militärischen Zeichnungen auch zahlreiche kleinformatige Aquarelle von der Tundralandschaft fertigte. 1943 heiratete der Obergefreite Edler die aus Essen stammende Büroangestellte Hedwig Berta Olek (1912-2006). Nach dem Rückzug und der Teilnahme an Abwehrkämpfen in Südwestdeutschland kam Edler in die Hände der US-Armee, von der er den Entlassungsschein aus dem Militärdienst erhielt und die wichtige Arbeitserlaubnis als Dirigent. So dirigierte Edler in den ersten Nachkriegsjahren zahlreiche Musiktheateraufführungen des Heilbronner Theaters. Ab 1948 betätigte er sich als freischaffender Komponist und Chorleiter, Neben dem Heilbronner Männergesangverein Urbanus dirigierte er auch Gesangvereine in Kochendorf, Willsbach, Eschenau und Frankenbach. Bereits 1947 wurde Edler zum Kreis-Chormeister gewählt und 1951 Gau-Chormeister. Ab 1969 unterrichtete er auch an der Trossinger Hochschule für Musikerziehung. 

In den 60er und 70er Jahren kamen in der Festhalle Harmonie eine Reihe von Edlers groß besetzten Werke für Solisten, Chor und Orchester zur Aufführung. Zum 125jährigen Bestehen von Urbanus 1966 wurde Edler  mit der Komposition eines  Festwerks beauftragt, eine eindrucksvolle Uraufführung in moderner Tonsprache unter seiner Leitung mit den Nürnberger Symphonikern. Zur Feier von „600 Jahre Selbstverwaltung“ Heilbronn entschied sich Edler zur Vertonung der sperrigen „Sonette an Orpheus“ von Raine Maria Rilke,  die schließlich je zur Hälfte vom Liederkranz und eines eigens von Edler extra zusammengestellten Konzertchor, dem späteren „Madrigalchor Edler“, aufgeführt wurde. Mit diesem Madrigalchor hatte Edler danach auch bundesweit anspruchsvolle Aufführungen und spielte drei Langspielplatten ein.

Robert Edler verstarb am 14. August 1986. Er war 1970 mit der Goldenen Münze und 1982 mit dem Ehrenring der Stadt Heilbronn ausgezeichnet worden. Wie Heinle in einer Gesamtschau darlegte, sah sich Robert Edler im Chorgesang zwar schwerpunktmäßig dem Besingen von Heimat und Wein verpflichtet, doch in vielen seiner Kompositionen flossen auch – volkstümlich weniger gewürdigte – Inspirationen der Zwölftontechnik und der elektronischen Musik ein, zum Teil komponiert unter dem Pseudonym Max Orrel.

In Würde altern – vom geglückten Alter(n) – Der katholische Pfarrer Dr. Wolfgang Gramer gibt „jungen Senioren“ Bescheid

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Pfarrer Dr. Wolfgang Gramer (Foto: Rolf Gebhardt)

Älter und alt werden, das Alter – das ist den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus“ aus Erfahrung vertraut. Trotzdem oder gerade deswegen sind sie neugierig , wie andere – „Fachleute“ zumal – mit diesem unausweichlichen Lebensprozess umgehen, welche Einsichten und Ratschläge sie haben. Das vorgegebene Thema „In Würde altern“ mochte der Referent eher unter dem Aspekt „geglücktes Alter(n)“ betrachten:  Dr. Wolfgang Gramer aus Bietigheim-Bissingen konnte kürzlich sein goldenes Priesterjubiläum in der Diözese Rottenburg-Stuttgart feiern, er war in der Theologenausbildung tätig, war Gemeindepfarrer und in seinen letzten zehn Berufsjahren „Buschpfarrer“ in Nordwest-Argentinien. 

Dass die Menschen heute später und gesünder altern, zeigte Gramer an seinem Familienbeispiel auf. Sein Vater erlitt als 59jährigr ein Jahr vor seiner Pensionierung als Polizist einen Schlaganfall. Wolfgang Gramer selbst stellte sich mit 69, ein Jahr vor seiner Pensionierung, in der argentinischen Pampa die Frage, welche Ziele er sich für seinen Ruhestand stecken sollte. Dazu gehörte unter anderem, es fertigzubringen, mal alle 32 Beethoven-Klaviersonaten zu spielen. Gramer hat schließlich über die Musikästhetitk des Philosophen Theodor W. Adorno promoviert und auch zahlreiche Konzerte gegeben und dirigiert.

Der heute 77jährige Ruhestandspfarrer relativierte aber sogleich seinen Ehrgeiz. Sinnvolle Gestaltung des dritten Lebensabschnitts – ja! Aber gelassen und offen sein, was passiert, was auf einen zukommt. Hierzu Gramers Grundsatz: „Mein Leben ist mehr als meine Leistung!“ Man solle den Wert des Lebens, es eigenen wie des Mitmenschen, nicht an der erbrachten Leistung festmachen, denn schließlich habe jeder Mensch Wert und Würde von Gott geschenkt bekommen. Und man solle über sein Lebensschicksal (möglichst) nicht klagen. So beherzige auch er stets den Wahlspruch seiner früh verstorbenen Mutter, „Du weißt nicht, wozu es gut ist“, wenn einem Unangenehmes widerfährt. Man solle also nicht sagen, das kommt von Gott, Gott will mich prüfen, Gott straft mich. Vielmehr: „Gott ist Liebe“. Es gelte, die Spuren seiner Liebe zu entdecken, Angst vor der Zukunft zu überwinden, Widerstandskräfte aufzubauen, „denn vielleicht kann doch wieder etwas Gutes entstehen“

Gleichwohl riet Gramer, sich der Situation des Alters zu stellen. „Alles in der Natur kann altern und absterben, Pflanzen und Bäume, so auch der menschliche Körper und möglicherweise der Geist.“ Natürlich versuche der Mensch heute, den natürlichen Alterungsprozess aufzuhalten oder zu verlängern. Doch schließlich habe alles ein Ende, auch das schönste und verdienstvollste Leben. Da wäre es schön, wenn man sich in geeigneter Form auf das Ableben, das Sterben vorbereite, auf den letzten Gang. Da sei bei unheilbarer Krankheit wohl die Intensivstation der Klinik nicht der beste Ort, eher das Hospiz, eine segensreiche Einrichtung, wo viele Todgeweihte noch eine für sie wunderbare Zeit verbringen konnten und können. Die Fortschritte der modernen Medizin seien gewaltig, vor allem auch die Tatsache, dass man vor einem qualvollen Sterben eigentlich keine Angst mehr zu haben braucht. Das Ende des irdischen Lebens ist nun mal unvermeidbar. Was danach kommt? Menschen mit Nahtod-Erfahrung haben, so Gramer – „das wunderbare Licht geschaut, im Tod Gott von Angesicht zu Angesicht“: die christliche Verheißung vom ewigen Leben.

Doch bevor es so weit ist, wollen wir noch leben, auch noch was erleben. Im Alter sind einem andere  Dinge wichtig als in der Jugend und im prallen Leben. Man müsse bereit sein, dem Alter Tribut zu zollen, Grenzen akzeptieren, meinte Gramer, der heute nicht mehr den Heilbronner Weg machen will und nicht wie eine „Pistensau“ mit Skiern die Hänge herunter brettern. sondern sich an den kleinen Dingen des Leben erfreuen, schöne Aussichten genießen und die Wunder der Natur entdecken und wertschätzen. Im Alter sei halt „Maßhalten“ angesagt, auch beim Essen und Genießen, aber dabei solle man es sich auch nicht unnötig schwer machen. Man soll erkennen, was einem gut tut, mehr Erholung als Anspannung suchen. Und wohl den Großeltern, die bei ihren Kindern und Enkelkindern erleben, wie das Leben weiter geht.

Wolfgang Gramer hatte aber auch konkreten Empfehlungen parat: „Dankbar  rückwärts – mutig vorwärts – gläubig aufwärts!“ Und dann die „fünf  L: lachen, laufen lernen, lieben, loslassen!“ Der Mensch hat keineswegs „nichts zum zum Lachen“, sondern er kann lustig und lebensfroh sein, von Herzen lachen. Er sollte laufend unterwegs sein, sich viel an frischer Luft bewegen. Es ist nie zu spät zum Lernen, zu neuen Erkenntnissen zu kommen, aufzuspüren , was andere umtreibt. Liebe ist die eigentliche Kraftquelle des Lebens; Empathie, Achtsamkeit  und Zärtlichkeit kann auch im Alter  noch wachsen, und sich annehmen. Loslassen schließlich will gelernt sein, ist hilfreich gerade im Alter, „wo,man nicht mehr muss.“

Wolfgang Gramer erfreute die „Jungen Senioren“ am Anfang, in der Pause und zum Schluss noch mit Liedern am Klavier und zur Gitarre, wobei in guter Adventssimmung fast alle gerne mitsangen.

Um das Weihnachtsfest ranken sich viele Riten – Pfarrer Steven Häusinger (nicht nur) über die Geschichte des Weihnachtsbaums

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Pfarrer Steven Häusinger (Foto: Rolf Gebhardt)

Am Tag nach dem ersten Advent finden die „Jungen Senioren“ im Großen Saal des Hans-Rießer-Hauses in der rechten Ecke einen großen traditionell geschmückten erleuchteten Weihnachtsbaum vor. Da trifft es sich gut, dass der Heilbronner Pfarrer der evangelischen Nikolai- und Wartberg-Kirchengemeinde, Steven Häusinger, einen Streifzug durch die Geschichte des Weihnachtsbaums anbietet. Der uns so selbstverständliche und vertraute Weihnachtsbaum hat nämlich eine durchaus interessante Herkunfts- und Entstehungsgeschichte – eng verknüpft mit der des Weihnachtsfestes.

Weihnachten ist nun mal das christliche Fest zur Feier der Geburt von Jesu Christi. Doch wann Jesus tatsächlich geboren ist, entzieht sich der historischen Überlieferung, bekannte Häusinger. Die frühen Christen verlegten die Feier auf das hergebrachte jüdische Lichterfest Chanukka im Dezember und verlegten die Taufe Jesu auf den 7. Januar, heute noch das eigentliche Weihnachtsfest der orthodoxen Christen. In der Antike wurde sowieso am 25. Dezember die Wintersonnenwende gefeiert,  dazu im vorderasiatischen Raum die Geburt des indischen Lichtgottes Mithras und bei den Römern ein Fest zu Ehren des Gottes Saturn am Tag Sol Invictus. Die römischen Päpste wollten diese heidnischen Kulte verdrängen durch das Fest zur Feier der Geburt Christi, das spätestens unter Papst Liberius 354 am 25. Dezember begangen und 381 auf dem 2.Konzil von Konstantinopel von Kaiser Theodosius für allgemein gültig erklärt wurde. Und bei der Ausbreitung des Christentums über die Alpen nach Norden wurde die Christi-Geburtsfeier an Stelle der altgermanischen Sonnwendwendfeier, dem Julfest, am 25. Dezember übernommen. Das Wort Weihnachten selbst ist belegt seit dem 12. Jahrhundert, als ein Gedicht des fahrenden Sängers Spervogel entdeckt wurde, in dem der mittelalterliche Plural „zeden wihen nahten“ – „in den heiligen Nächten“ – vorkam.

Was den „Weihnachtsbaum“ anbetrifft, so gab es von jeher in unterschiedlichen Kulten „heilige Bäume“, wurden Bäume als Symbol des Lebens verehrt. Konnte ein geflochtener Zweig das Zepter des Mächtigen symbolisieren, so dann auch in christlich-jüdischer Tradition die Dornenkrone des Gekreuzigten und letztlich auch das Kreuz. Wie Häusinger darlegte, war es in jener frühmittelalterlichen Zeit, als nur Wenige lesen und schreiben konnte, üblich, Geschichten in Bildern zu vermitteln. Und so gab es mindestens schon im 14. Jahrhundert Krippenspiele während der gottesdienstlichen Christi-Geburt-Feier.

Ein geschmückter Weihnachtsbaum ist seit dem 16.Jahrhundert belegt und wurde vor etwa 150 Jahren allgemein üblich. Der Weihnachtsbaum erfuhr dabei immer wieder Bezüge zum „Paradiesbaum“, in biblischer Überlieferung der Baum der Erkenntnis von Adam und Eva, und für die verbotene Frucht kam der Apfel ins Spiel. Äpfel waren in früheren Jahrhunderten in hiesigen Gefilden eine Rarität und wie Nüsse als Winterfrucht begehrt. Und so war ein Apfel erster Schmuck am Weihnachtsbaum und erstes Geschenk, alsbald erweitert um Zuckerzeug und Zierrat und insbesondere Kerzen als Symbol des Lichts, das mit der Geburt Jesu Christi in die Welt gekommen ist. Weihnachten mit Weihnachtsbaum wurde also gefeiert am Weihnachtstag, dem 25. Dezember, nach Ablauf der als Fastenzeit geltenden Adventszeit zur Vorbereitung auf die Ankunft Jesu. Die „Bescherung“ von Geschenken – als Symbol für das Geschenk Gottes in seinem Sohn – geschah ursprünglich in den dunklen Morgenstunden, doch dies verschob sich überwiegend mit der gottesdienstlicher Feier zunehmend auf den Abend zur „heiligen Nacht“.

Wenn man bedenkt, dass dem Sinn nach Weihnachten ein dezidiert christliches Fest war, so ist es heute mehr oder weniger zu einem Familienfest geworfen, bei dem in der Regel die Feier von Christi Geburt (fast) keine Rolle spielt, wenngleich zu Weihnachten – im guten alten Bruch – die Kirchen so voll wie sonst nie sind. Weihnachtsbäume werden in aller Regel in deutschen Wohnzimmern zu und am Heiligen Abend geschmückt und illuminiert. Im öffentlichen Raum werden Christbäume aufgestellt und geschmückt bereits (spätestens) zum 1. Advent, gibt es Prachtexemplare auf großen Plätzen und vor markanten Gebäuden und vor allem – in kleinerer  Ausführung, und mit und ohne Schmuck – in Geschäften und rund um die Buden auf den Weihnachtsmärkten. Für Häusinger ein Grund, den ausufernden  Weihnachtsrummel zu thematisieren.

„Der Konsumrausch scheint zur eigentlichen Religion unserer Zeit zu werden“, meinte er. Durch subtile Werbung und Angebote würden immer neue Wünsche geweckt. Viele Bürgerinnen und Bürger suchten in dieser verworrenen Welt ihre Zufriedenheit im Konsum. Der moderne Mensch sei zunehmend auf der Suche nach individuellem Glück und persönlicher Erfüllung, die man aber kaum nachhaltig im Einkaufserlebnis finden könne. Vielmehr mangele es in unserer Gesellschaft an Gemeinsinn und persönlichem Miteinander.

Gerade die Weihnachtsmärkte – auch wenn sie von frohen Weihnachtsliedern beschallt werden – täuschten darüber hinweg, wie weihnachtliche Lichter ehemals die verschneiten Winterdörfer verzauberten und der durchweg armen Bevölkerung ihre Sehnsucht nach besseren Lebensbedingungen bedienten.

Aus dem wechselvollen Leben der Familie Knorr – Bestseller-Autor Gunter Haug über sein Buch „Die Päcklessuppen-Dynastie“

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Gunter Haug (Foto: Rolf Gebhardt)

„Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“. So der Titel eines neuen Buches des Bestseller-Autors Gunter Haug, das er bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vorstellte. Da wusste jede(r) Bescheid: „Knorr ist Heilbronn – und Heilbronn ist Knorr!“ Ein Spruch, wie er auch in dem Buch zitiert wird – und das, wo in diesen Tagen Tausende in der Innenstadt für den Erhalt des traditionsreichen Knorr-Werks in Heilbronn demonstriert haben. 

Gunter Haug, 1955 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren und heute wohnhaft in Schwaigern, schrieb schon in jungen Jahren für Zeitungen, studierte Neuere Geschichte, Europäische Kulturwissenschaft und Geschichtliche Landeskunde in Tübingen, wurde Rundfunk- und Fernsehjournalist, ehe er freier Schriftsteller und auch Verleger wurde. Er schreibt vornehmlich biografische Tatsachenromane, am Anfang an die Familiengeschichte seiner Frau angelehnt, aber auch Schwaben-Krimis. Sein erster Roman „Niemands Tochter“ wurde gleich ein großer Erfolg und erreichte bislang eine halbe Million Leser/innen.  Zu seinen historischen Romanen zählen „Robert Bosch – ein Mann, der die Welt bewegte“ (2009), „Gottlieb Daimler – der Traum vom Fahren“ (2010), „Fräulein Mercedes – ein Mädchen erobert die Autowelt“ (2011) „Ferdinand Porsche – ein Mythos wird geboren“ (2012), “Ferdinand Graf Zeppelin“ (2013), „Schwäbische Sternstunden – wie wir Weltspitze wurden“ (2015) und schließlich „Knorr. Die Päcklessuppen-Dynastie“ (2018), die sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte des Firmengründers und seiner Familie.

Begonnen hatte es damit, dass Carl Heinrich Theodor Knorr, am 5. Mai 1800 in Meerdorf unweit von Braunschweig geboren, nach einigen beruflichen Umwegen und nach dem Tod seiner Frau als Handlungsreisender einer Hanauer Zichorienfabrik in Heilbronn die sechs Jahre jüngere Kaufmannstochter Caroline Seyffardt kennenlernte, vom Main an den Neckar umzog und sie am 29. April 1838 – gegen die Skepsis des Schwiegervaters – heiratete. Der unternehmerisch ambitionierte Knorr errichtete noch im gleichen Jahr ein Spezereiwarengeschäft in der Kramgasse und entschloss sich alsbald zum Bau einer Zichorienfabrik zur Herstellung von „Gesundheitscaffee“ (später als „Muckefuck“ populär), nachdem er Großgarter Bauern zu Anbauverträgen für die im Unterland unbekannten Zichorienwurzeln gewinnen konnte. Es gelang ihm, über 50 Arbeiter zu beschäftigen, mehr als alle Heilbronner Ölmühlen zusammen, doch der von körperlichen Schwächen und Krankheiten heimgesuchte Knorr tat sich zunehmend schwer im Wettbewerb mit dem Konkurrenzfabrikanten Heinrich Franck aus Vahingen/Enz.

Da traf es sich glücklich, dass Emma, seine Tochter aus erster Ehe, 1849 den Kaufmann Friedrich Cloß heiratete. Dessen Bruder August Cloß übernahm 1855 von Knorr die Heilbronner Zichorienfabrik. Über die Cloßens kamen die Knorrs in familiäre Verbindung zu dem Stadtarzt Robert Mayer (um dessen wissenschaftliche Reputation und sein Denkmal sich Emma Cloß sehr einsetzte), zu Bankier Gustav Rümelin und dem Tübinger  Oberamtsrichter Gottlob Hegelmaier, dem späteren Heilbronner Oberbürgermeister. 

Nach 17 Jahren als Zichorienfabrikant entschloss sich Knorr 1856 zu einer neuen Unternehmung, einer Tuchfabrik auf dem Hefenweiler, die er schon gut ein Jahr später schließen musste. Nächster Versuch: eine Engro-Handlung für Landesprodukte. in die 1867 Sohn Karl (1843-1921) und 1871 Sohn Alfred (1846-1895) eintraten. Die Söhne befassten sich früh mit dem Gedanken, preisgünstige wohlschmeckende verpackte Suppen herzustellen. Da kam es ihnen zupass, als sie erfuhren, dass Carl Grünberg gestorben war, der Erfinder der Erbswurst, mit der im Krieg 1870/71 Soldaten verpflegt worden waren und von der Bismarck gesagt haben soll, sie sei für den Kriegserfolg so wertvoll gewesen wie zwei komplette Bataillone. Voller Wagemut wurden in der Rosenbergstraße Grundstück und Gebäude angemietet. Anfang 1875 entstand C.H. Knorr – Mühlenfabrikate, Landesprodukte, Suppenstoffe. Am 20 Mai 1875 starb Carl Heinrich Knorr, geehrt als ein Mann, der es vom Habenichts zum geachteten Heilbronner Unternehmer gebracht hatte. 

Haug schilderte anschaulich Erfolge und Niederlagen, Höhen und Tiefe im Leben des Knorr-Gründers, meist in Dialogform, unterlegt von Zeitereignissen und Anektdoten, ebenso wie die Entwicklung nach seinem Tod: Fünf Jahre nach ihren ersten Mischungsversuchen konnten die Knorr-Brüder im Frühjahr 1880 ihre erste fertige Suppenmischung auf den Markt bringen. Erbswurst und Victoria-Patentsuppen machten Furore auf der legendären Nodpolar-Expediton von Fridtjof Nansen 1893. Karl Knorr wurde 1897 zum Kommerzienrat ernannt. Dann die wechselvolle Geschichte der 1899 gegründeten C. H. Knorr AG  bis 1921. Die Zeit danach ist nicht mehr Gegenstand des historischen Romans: Mondamin, Maizena, CPC, Bestfoods, Unilever nur noch Randnotizen – von der modernsten Suppenfabrik 1969, 1987 Verlegung des Konzernsitzes von Hamburg nach Heilbronn; Reduzierung der Mitarbeiterzahl von 1800 auf 600. Jetzt droht Stilllegung, Die Knorr-Erbswurst fand 2018 ihr Ende. Die Weltmarke Knorr wird bleiben – Knorr in Heilbronn wohl nicht.

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute – Klinik-Direktor Prof. Opherk informiert über Symptome und Therapie

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Prof.Dr. Christian Opherk (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist eine Volkskrankheit, vor der eigentlich niemand so recht gefeit ist: Schlaganfall – nach Herzinfarkt und Krebs die dritthöchste Todesursache. Was es mit der Entstehung von Schlaganfall auf sich hat und welche Risikofaktoren und Behandlungsmethoden bestehen, darüber informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Prof. Dr. Christian Opherk, Direktor der Klinik für Neurologie der SLK-Klinik Heilbronn am Gesundbrunnen.

„Jeder Schlaganfall ist immer ein Notfall“, gab Opherk als Devise aus. Wenn Schlaganfall-Erscheinungen sich bemerkbar machen, sofort handeln. Wenn etwa dem Gegenüber beim Mittagessen plötzlich die Gabel aus der Hand fällt, nur noch verwaschen spricht, der Mundwinkel herabhängt, Gehstörungen oder einseitige Lähmungserscheinungen auftreten: Dann 112 anrufen. Der Notarzt kommt, informiert die Klinik, wo alles für den im Rettungswagen ankommenden Patienten vorbereitet wird. Am besten ist ein Krankenhaus mit einer zertifizierten Spezialeinrichtung Stroke-Unit“, wie in der Heilbronner Neurologie-Klinik, wo rund um die Uhr ein standardisierter Behandlungsablauf möglich ist und ein interdisziplinäres Team bereit steht.

Einem Schlaganfall liegen akute Durchblutungsstörungen des Gehirns zugrunde, die zu neurologischen Ausfällen führen. Verstopft ein Gefäß im Gehirn, wird umliegendes Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, mit der Folge, dass Nervenzellen absterben. Deshalb gilt die unbedingte Regel: „Bei Schlaganfall kommt es auf jede  Minute an.“ Wie Opherk erläuterte, sterben in solchen Fällen etwa zwei Millionen Nervenzellen ab. Jede Minute Verzögerung verschlechtert also den Behandlungserfolg. Es ist also am Besten, wenn die Behandlung in den ersten drei Stunden nach Einritt des Schlaganfalls beginnen kann. Nach zwölf Stunden kann es schon zu spät sein. Es kann dann leicht sein, dass man nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder nicht mehr sehen kann. Das kann in Rollstuhl oder Tod enden. Das ist leicht der, Fall wenn der Schlaganfall während des Schlafs auftritt und der/die Betroffene dann nach dem Schlaf nicht mehr auftreten kann, aber der Zeitpunkt des Schlaganfalls nicht feststellbar ist. 

Rund 80 Prozent der Schlaganfall-Fälle beruhen laut Opherk auf einer verminderten Blutversorgung durch einen Hirninfarkt mit Sauerstoffnot. Das kann entstehen durch Arteriosklerose oder auch aufgrund verschleppter Blutgerinnsel. Sie entstehen, wenn das Gefäß verletzt ist, es verstopft und das Blut zum Stehen kommt. Es kann sich auch aus der linken Herzkammer ein Hirngefäß verengen oder verschließen und einen akuten Sauerstoffmangel des entsprechenden Hirnanteils verursachen. Bei Verschluss der Arterie kommt es t auf der Gegenseite zum betroffenen Gefäß zu einer Halbseitenlähmung mit Gefühlsstörungen, also wenn die linke Hirnhälfte betroffen ist eine rechtsseitige Lähmung und umgekehrt. Andererseits werden 20 Prozent aller Schlaganfälle hervorgerufen durch Hirnblutung, der eine geplatzte Hirnarterie zugrunde liegt. Lebensbedrohlich ist auch ein Aneurysma, die Aussackung einer Schlagader  (Arterie) durch Ausbildung einer Gefäßerweiterung mit Blutübertritt zwischen den Gefäßwandschichten.

Opherk machte deutlich, dass in den letzten Jahren in der Therapie von Schlaganfällen große Fortschritte verzeichnet werden konnten. In dem Heilbronner Schlaganfall-Zentrum stehen 15 Betten bereit, und jährlich werden in dieser Spezialeinheit etwa 1700 Schlaganfälle nach international vereinbarten Standards behandelt. Der Patient wird zunächst notfallmedizinisch versorgt, wobei vor allem Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel überwacht werden müssen. Im Kernspin bzw. der Magnetresonanztomographie (MRT) lassen sich die arteriosklerotischen Plaquen entdecken. Nur innerhalb der ersten Stunden nach einem Schlaganfall können können medizinische Maßnahmen, die die zur Wiedereröffnung eines geschlossenen Hirngefäßes führen, auch das betroffene Hirngewebe retten. Bei Hirnblutungen wird geprüft, ob eine neurochirurgische Operation die Situation verbessern kann. Liegt keine Hirnblutung vor, sondern der Verschluss eines großen Hirngefäßes durch einen Thrombus, wird versucht, das Blutgerinnsel medikamentös aufzulösen (Lysetherapie). Gegebenenfalls lässt sich auch durch die Einführung eines Katheders das Blutgerinnsel entfernen. Zusätzlich werden nach einem Gefäßverschluss Maßnahmen zur Verbesserung der Blutfließeigenschaften eingeleitet, bei Blutgerinnsel außer Marcumar noch andere (moderatere) gerinnungshemmende Medikamente. Häufig gelingt es heute – dank Frühbehandlung – eine (fast) vollkommene Wiederherstellung des alten Gesundheitszustands und weitere Schlaganfälle zu vermeiden.

Neben der medikamentösen Behandlung gilt es auch, wie Opherk sagte, die Risikofaktoren zu mindern. Diese sind bei Schlaganfall neben Altersdietes nun einmal Übergewicht, Rauchen viel Stress und hoher Blutdruck, wobei man achten sollte, dass die Blutdruckwerte von 140 bzw. 90 möglichst nicht überschritten werden. Was Alkohol betrifft, so sei ein  Gläschen Wein eher besser als keins. Und natürlich sei Bewegung für gesundes Leben immer wichtig: „8000 Schritte pro Tag für Senioren, wären schön“, riet Opherk.

Kindheit früher und heute – eine Abwägung – Der leidenschaftliche Pädagoge Kurt Pöhler über die Kindheit im Wandel

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Kurt Pöhler (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei keinem anderen Thema kann jede(r) so gut mitreden und Substanzielles einbringen wie bei dem von der Kindheit. Jede(r) hat Kindheit auf eigene unvergleichliche Art erlebt. Wenn man auf 50 oder gar 80 Jahre zurückblicken kann, erkennt man die Unterschiede der Kindheit von damals und von heute. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus stieß Beiratsmitglied Kurt Pöhler mit seinem launigen, und tiefsinnigen Vortrag über „Kindheit im Wandel“ auf sehr aufmerksame Zuhörer/innen, von denen eigene Erinnerungen in der Diskussion zur Sprache kamen..

Kurt Pöhler ist gebürtiger und bekennender Ulmer – aus Heilbronner Sicht ein unvermeidlicher Fehler. Pöhler hat nach einem kaufmännischen Lehre in einem Industriebetrieb ein Lehramtsstudium drangehängt, sein Referendariat in einer  Dorfgrundschule absolviert, ein Jahr in einem amerikanischen Camp mit benachteiligten Jugendlichen verbracht, weitere Erfahrungen im württembergischen Schulbereich gemacht, ehe es ihn ins Unterland verschlagen hat, wo er schließlich über 30 Jahre Schulleiter in Ilsfeld-Auenstein war, und – wie es im einem Abschiedsbericht hieß – „mit Wehmut aus dem schönsten Beruf der Welt“ ausschied, wenngleich der leidenschaftliche Pädagoge immer wieder gern Vertretungsunterricht wahrnahm.

Der beliebte Pädagoge Pöhler ist und bleibt ein Kinderfreund, begeistert von der Lebensfreude und Lebenslust der Kinder, ihrer Fröhlichkeit und Spontanität, ihrer Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, ihrer Neugier und Wissbegier, ihrem Staunen und ihrem Vertrauen in die Welt; „Kinder leben bewusst im Jetzt und Heute.“ Pöhler ist sich dabei jedoch auch im klaren, dass er ein kindliches Idealbild zeichnet. Dennoch erinnert er an das Jesus-Wort, „werdet wie die Kinder“, und stellt fest, „Kinder leben von der Hoffnung, wir Alten von der Erinnerung“. Gemäß einer vielzitierten Redewendung sei Erinnerung ja auch das letzten Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Und die Erinnerung an die eigene Kindheit sei für diejenigen, die eventuell gar noch in Kriegszeiten, aber vor allem in der Nachkriegszeit aufgewachsen seien, doch durchweg überwiegend positiv „Wir hatten im Vergleich zu den heutigen riesigen Angeboten zwar wenig, konnten aber auch aus wenig viel machen, gaben uns damit zufrieden, auch weil wir nichts anderes kannten, und hatten leicht viel Spaß.“ Vor allem hätten die Kinder in den 40er und 50er Jahren viel Freiheit gehabt, seien nicht dauernd unter der Aufsicht der Eltern gewesen und hätten schon früh eigene Verantwortung entwickeln können. Diese Erinnerung mögen  mitunter auch etwas verbrämt sein, merkte Pöhler einschränkend an und weist darauf hin: In frühen Jahrhunderten gar habe es gar keine eigentliche Kindheit gegeben, seien Kinder oftmals ohne besondere Fürsorge aufgewachsen, liefen nebenbei und mussten im Haushalt und auf dem Feld mitarbeiten; der Übergang von Kindheit zum Erwachsenwerden erfolgte ziemlich stufenlos, aber unter sozialer Kontrolle. Oder es herrschte so strenge Erziehung, wie es Martin Luther beklagt hat, dass diese in ihn ins Kloster getrieben habe.

Ob und wie die Lieblosigkeit und unzureichende Pädagogik früherer Zeiten den Kindern geschadet hat, bleibt eine offene Frage. Da wendet sich der Blick auf die heutigen Kinder, ist die Rede von überbehüteten Kindern, von Helikopter-Müttern, die dem Kind jede Unbequemlichkeit aus dem Weg räumen und jeden Wunsch erfüllen. Oft ist bereits das Leben von Grundschulkindern außerhalb der Schule durchgeplant, werden die Kinder zu Musikunterricht und Sporttraining geschickt bzw. gefahren, und das vielfach zu verschiedenen Gelegenheiten an jedem Werktag, und am Wochenende sind besondere „Events“, auch mit der Familie“, angesagt. Aufwändige Kinderfeste sind an der Tagesordnung. Gleichzeitgig zeichnen Beobachter mitunter ein ziemlich verheerendes Bild von der schlimmen „Jugend von heute“, sprechen von ungebührlichem respektlosem Verhalten gegenüber Autoritäten, von unziemlicher Anspruchshaltung und gleichzeitiger Perspektivlosigkeit. Aber solche Vorstellungen von Jugend gab es schon vor 2400 Jahren, weiß Pöhler, der eine ähnlich missliche Beschreibung von Sokrates zitierte,

 „Als Großeltern haben wir doch immer wieder unsere Freude an den Enkeln“, bekannte Pöhler. Man habe sie lieb, sei bereit, ihnen entgegenzukommen, sie zu unterstützen, wo es geht, und – oftmals mit Stolz – ihren Lebensweg zu begleiten. Allerdings sei es heute längst nicht mehr selbstverständlich, dass die Jungen von den Alten lernen, sondern öfter gar umgekehrt, wenn schon  Zehn- und Zwölfjährige Oma und Opa in die Besonderheiten der digitalen Kommunikation einweisen. Andererseits kann man froh sein, wenn die Kinder nicht ganz der Computerwelt anheimgefallen sind, wenn sie neben den sozialen Netzwerken noch handfeste Interessen habe, real kommunizieren,. Die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten ist Segen und Fluch. „Eigentlich möchten wir heute nicht mehr Kind sein“, sprach Pöhler manchen Anwesenden aus dem Herzen.