Von der Macht und Ohnmacht Russlands – Matthias Hofmann über Weichenstellungen in Russland nach der UdSSR

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Matthias Hofmann (Foto: Rolf Gebhardt)

Russland – größter Flächenstaat der Welt, mit elf Zeitzonen, aber noch nicht einmal doppelt so viel Einwohner wie Deutschland, altes Feindbild des Westens, Angstgegner im „Kalten Krieg“, nach dem Untergang der Sowjetunion nur noch als „Regionalmacht“ empfunden und wirtschaftlich im Hintertreffen, spielt gleichwohl militärisch noch eine Weltmacht-Rolle und agiert auch so in der aktuellen Weltpolitik. Über „Macht und Ohnmacht Russlands“ referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Historiker und Medienwissenschaftler Matthias Hofmann, der auch jahrelanger multikultureller Einsatzleiter und Berater der Bundeswehr war..

Russland galt als die große Bedrohung im „Kalten Krieg“ – der Beginn manifestiert in der Berlin-Blockade 1947/48 bis zum Ende mit der von Präsident Gorbatschow eingeleiteten Entspannung mit dem Westen , als er Perestroika und Glasnot zu Leitlinien seiner Reformpolitik erhob. Für Heilbronn besonders prekär, als die Waldheide ab Mitte der 70er Jahre bis 1988 zum Standort des US-Militärs für Atomraketen (Pershing-2) war. Für Matthias Hofmann besteht neuerdings die Gefahr, dass erneut neue und viel gefährlichere amerikanische Atomraketen in Europa und Deutschland stationiert werden könnten. Er wies darauf hin, dass die USA aus dem bilateralen INF-Vertrag vom 8. 12. 1987 zwischen der UdSSR und der USA aussteigen wollen, weil sich die Russen angeblich nicht an dem Verbot landgestützter Flugkörper über 500 km Reichweite gehalten habe. Laut Hofmann geht es US-Präsident Trump hier darum, dass die neue Weltmacht China nicht Teil des Vertrags ist. Hofmann betonte, dass es der Bundesregierung ein absolutes Anliegen ist, den INF-Vertrag zu retten, um nicht ein neues Wettrüsten – auch zu Lasten Deutschlands – in Gang zu setzen.

Hofmann beschrieb die Weichenstellung  in Russland nach dem Zerfall der UdSSR, deren offizielle Auflösung zum 26. 12. 1991 erfolgte. Davor war am 9. 11. 1989 die Berliner Mauer gefallen, wurde auf massives Betreiben der USA (gegen Vorbehalte Frankreichs und Großbritanniens) am 12. 9. 1990 in Moskau der Vertrag zur deutschen Wiedervereinigung unterschrieben. Wie Hofmann darlegte, war bei Vorgesprächen zwischen dem deutschen Außenminister Genscher und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse abgeklärt, dass es keine NATO-Osterweiterung geben würde; für die NATO allerdings nicht bindend.

Ende 1989 verloren die kommunistischen Staatsführungen der Ostblock-Staaten  ihr Herrschaftsmonopole (außer in der UdSSR), so dass der Ostblock auseinander fiel. Der seit 1955 bestehende militärische Beistandspakt des Ostblocks unter Führung  der UdSSR („Warschauer Pakt“) wurde 1991 aufgelöst, ebenso die Wirtschaftsgemeinschaft COMECON. 1990/91 erklärten sich 19 Ostblock-Länder für unabhängig, zuerst die drei baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland, dann u.a. auch Georgien, Ukraine und Weißrussland. Die ehemaligen zehn Unionsrepubliken schlossen sich daraufhin in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zusammen; sie verlor allerdings nach dem Ausritt von Georgien und Ukraine an Bedeutung. .Gleichwohl erklärte sich die Russische Föderation ausdrücklich zum „Fortsetzerstaat“ der UdSSR, was für Russland wichtig war für den Verbleib im UN-Sicherheitsrat (mit Veto-Recht).

Der erste (1991) frei gewählte russische Präsident Boris Jelzin war nach Ansicht von Hofmann seinem Amt als Präsident nicht gewachsen, so dass in seiner Regierungszeit neben dem außenpolitischen auch ein innerer Zerfall einsetzte. In zahlreichen ehemals sowjetischen Regionen kam es zu bewaffneten Konflikten, so der Georgisch-Abchasische Krieg (1992/93) und der Tschetschenienkrieg (1994/96 und 1999-2009). Die von Jelzin betriebene Errichtung eines marktwirtschaftlichen Systems führte zwar zu einer weitgehenden Privatisierung der großen Staatsbetriebe, aber auch zur Entstehung einer reich gewordenen Machtelite, den Oligarchen, bei gleichzeitiger drastischer Verarmung der Bevölkerung.

Nach dieser Jelzin-Zeit kam laut Hofmann für die Russen ein starker Mann wie Präsident Putin gerade recht, zumal die 1999 eingeleitete NATO-Osterweiterung als bedrohliche Einkesselung Russlands angesehen wird. Als Putin 2007 und 2009 die Idee eines eurasischen Wirtschaftsraums ins Spiel brachte, befürchteten die USA – so Hofmann – die Gefahr eines Bündnisses zwischen der EU und Russland. Auch wenn Russland 2011 mit USA den neuen START-Abrüstungsvertrag über strategische Atomwaffen schloss, verstärke die NATO einen osteuropäischen Raketenabwehrschirm gegen Russland. Russland hat, so Hofmann, größtes Interesse, dem alleinigen Weltmacht-Anspruch der USA eine multipolare Weltordnung entgegenzusetzen. In diesem Sinne sei auch die als Annexion geächtete „russische Heimholung der Krim“ zu sehen, um den Stützpunkt ihrer Schwarzmeerflotte in Sewastopol nicht zu einem NATO-Hafen werden zu lassen.

Hofmanns Fazit: Zum einen wäre das rohstoffreiche Russland mit riesigem technologischem Nachholbedarf der ideale Handelspartner für das Hightech-Land Deutschland, und zum anderen wird es keinen Weltfrieden, so in Nahost, geben ohne die Einbeziehung Russlands als ernst zu nehmender politischen Partner. 

Vom ersten Frühlingsboten und seinem Gesang – Nabu-Vogelexperte Norwin Hilker über den Vogel des Jahres, die Feldlerche

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Vogel des Jahres? Seit 1971 wählt der Naturschutzbund Nabu, der älteste und mitgliederstärkste Umweltverbund Deutschlands, den „Vogel des Jahres“, auch um auf den besonderen Schutz dieser Art aufmerksam zu machen. In diesem Jahr steht die Feldlerche im Mittelpunkt. Der Nabu-Vogelexperte Norwin Hilker aus Cleebronn informierte im Hans-Rießer-Haus die „Jungen Senioren“ in Wort, Bild, Film und Ton über die Feldlerche, die im allgemeinen in unseren Breiten als der erste Frühlingsbote gilt und mit ihrem „Himmelsgesang“ die Naturliebhaber erfreut.

Die Lerche galt immer als „Allerweltsvogel“. So schrieb Johann Friedrich Naumann (1780-1857), der Begründer der wissenschaftlichen Vogelkunde Mitteleuropas, über die Lerche:  „Größer und schlanker als ein Sperling, doch ist dieser Vogel so geläufig, dass niemand ihn übersehen kann.“ Heute aber ist die Lerche längst nicht mehr jedem geläufig, sondern gehört zu den gefährdeten Arten. Hat die Ausrufung zum Vogel des Jahres der betreffenden Spezi in der Vergangenheit meist sehr geholfen, so war die Nominierung der Feldlerche bereits 1998 zum Vogel des Jahres wenig hilfreich. Wie Hilker mitteilte, hat sich vielmehr der Bestand der Feldlerche in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel vermindert, gibt es nur noch weniger als zwei Millionen Brutpaare in Deutschland. Es ist also als Alarmsignal zu verstehen, dass der Nabu für 2019 die Feldlerche erneut zum Vogel des Jahres erkor, weil ihr Lebensraum immer stärker eingeschränkt ist. Die Schutzbedürftigkeit gilt stellvertretend auch für andere Feldvögel wie Kiebitz und Rebhuhn, sagte Hilger.

Es ist gar nicht so leicht, Feldlerchen in der Natur auszumachen. Hilker zeigte in einem Video, wie die Feldlerche ganz versteckt und kaum erkennbar in niedrigen Gewächsen in Feldfluren agiert. So braucht man schon Geduld und ein gutes Auge, den eher unscheinbaren 16 bis 18 cm langen Vogel zu entdecken. Die Feldlerche ist gut getarnt mit rötlich-braunem Gefieder an der Oberfläche. Als Schmuck können eine kleine Federhaube am Kopf sowie feine schwarzbrauner Längsstreifen an Oberkopf, Rücken und Bürzel gelten. Die Federn an Brust und Flanken sind gelblich-weiß oder sehr hell-bräunlich gefärbt. Immerhin hat der hochbeinig wirkende Vogel ein weißes Bauchgefieder und einen bräunlich gefärbten relativ langen Schwanz. 

Feldlerchen sind ausgesprochene Bodenbrüter. In der Balz tiriliert das Männchen auf einer Anhöhe, um Weibchen anzulocken und macht ihr dann am Boden hüpfend mit zitternden Flügeln und wackelndem Schwanz seine Aufwartung  Die erste Brut erfolgt meist im April, bevorzugt auf trockener ebener Fläche mit niedriger Vegetation. Das Weibchen scharrt eine wenige Zentimeter tiefe Mulde und polstert den Nestbau mit Wurzeln und Halmen. Es legt dann einige Tage hintereinander jeden Tag ein Ei, insgesamt so zwei bis sieben Eier. Ist das Gelege vollständig beginnt das Brüten. Die Kleinen sind nach knapp drei Wochen flügge. Wenn die Bedingungen stimmen, brüten die Weibchen auch ein zweites oder drittes Mal. Vor Wintereinbruch verlassen die Lerchen unsere Gefilde, überwintern oft in Südfrankreich oder auch nur in Südengland.

Feldlerchen gehören nun mal zu den sogenannten Zivilisationsfolgern, und so leiden sie nun erheblich unter der intensivierten Landwirtschaft, wenn die Felder mit Gülle gedüngt oder mit Pestiziden bespritzt werden. Oder ihre Nester werden bei unzeitigem Befahren der Felder und Wien zerstört. Die Ausbreitung von Raps- und Maisfeldern und der Anbau von Wintergetreide nehmen ihnen die Lebens- und Nahrungsgrundlage.In der kühleren Jahreszeit eigenen sich große Stoppelfelder und Flächen, die sich nach der Ernte selbst begrünen, gut für die Futtersuche. Im beginnenden Frühjahr erbeuten sie kleine Tiere, Insekten und deren Larven, Spinnen, Regenwürmer, kleine Schnecken – also eiweißreiche tierische Kost für die Brutsaison. Feldlerchen haben also ihr Revier gerne auf extensiv genutzten Wiesen und Weiden, auf Heiden und Mooren, auf Ödland und unbefestigten Wegen. Gerade auch das rasante Insektensterben trägt zur Gefährdung ihrer Art bei. Und so macht sich denn auch der Nabu stark für Biolandbau, Biotope und „Lerchenfenster“. 

Was die Feldlerche so interessant macht, ist ihr Gesang. Schon beginnend in der Morgendämmerung. Es sind die Männchen, die im Steig- und Singflug – bis zu 200 m Höhe fliegen, wo sie oft nicht mehr zu sehen sind, minutenlang über ihr Revier kreisen, trillernde, zirpende und rollende Laute in rascher Folge rhythmisch wiederholen. So melodisch, dass man von manchen Mädchen sagt, sie singen so schön wie eine Lerche.

Der Lerchengesang hat auch Eingang gefunden in großer Musik und Literatur, wie Hilker darlegte. Am bekanntesten bei dem berühmtesten Liebespaar Romeo und Julia von Shakespeare, wo sie sagt, „Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch so fern.“ Denn Julia meint zum Vogelgesang: „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“. Aber der unglückliche Romeo weiß es besser: „Es war die Lerche und nicht die Nachtigall!“. Und darüber das heitere Trauerspiel von Ephraim Kishon „Es war die Lerche“. Schließlich die  Operette von Franz Lehar von 1918 „Wo die Lerche singt“ und ein gleichnamiger Spielfilm von 1956.

Sprichwörter und Redensarten als Kulturgut – Bildungsreferentin Sarah Peters erläutert deren Herkunft und Bedeutung

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Referentin Sarah Peters (Foto: Rolf Gebhardt)

„April, April – er weiß nicht, was er will.“ 1. April, kein wetterwendiger, sondern ein wunderschöner sonniger Frühlingstag. Da werden die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus nicht „in den April geschickt“, sondern nett unterhalten von Sarah Peters über Sprichwörter und  Redensarten, deren Bedeutung und Herkunft die 28jährige Bildungsreferentin an der Tagungsstätte Löwenstein, zuständig für das Kreisbildungswerk, anschaulich vermittelt.

„Wie viel ärmer wäre unsere Sprache ohne Sprichwörter und Redensarten“, konstatierte Peters eingangs und erklärte auch sogleich ihre Unterschiede: Sprichwörter bestehen aus kurzen, selbstständigen Sätzen, in Vers oder Prosa, haben häufig einen lehrhaften, belehrenden Unterton. Redensarten hingegen bestehen in der Regel lediglich aus einem Satzteil, wenigen Worten, kurz, prägnant, lakonisch. 

Beiden Wortspielen ist gemein, dass man sie immer wieder im täglichen Sprachgebrauch verwendet, dass man ihnen auch laufend begegnet, in der Unterhaltung oder in den Medien. Sie würzen Rede und Schrift, betonte Peters. Man nimmt sie als selbstverständlich hin, als Erklärung oder Unterstreichung des Gesagten, sie erleichtern das Verständnis von Sachverhalten. Zumeist weiß man nicht, woher sie kommen. Sie sind halt allseits bekannt, sind kurze volkstümliche Aussagen, die oft über Generationen überliefert sind. Die Sinnhaftigkeit ihrer Ausdruckskraft ersetzt mitunter lange Ausführungen. Sie beschreiben in der Regel eine Lebenserfahrung, die sich fest im Wortschatz der Sprache etabliert hat. Peters: „Sprichwörter und Redensarten werden nun einmal oft und gern verwendet und gehören zu unserm Kulturgut.“ 

Sarah Peters machte aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, dass das, was wir als „Native-Speaker“ so lapidar in bestimmten Situationen anwenden, von uns geben, von Fremdsprachlern in der Übersetzung nicht immer so verstanden werden kann. Sprichwörter und Redensarten gibt es zwar wohl in allen Sprachen, doch sind sie oft sehr spezifisch, mit bestimmten Symbolen aufgeladen. So haben wir Deutsche gegebenenfalls „einen Frosch im Hals“, die Franzosen jedoch gleichzeitig „eine Katze im Hals“. Allerdings gibt es aber auch eine ganze Reihe von Redewendungen, die sich wortwörtlich zutreffend übersetzen und verstehen  lassen.

Oft sind es bestimmte Erkenntnisse oder Vorfälle, die einen sprachlich mit einem Sprichwort reagieren lassen, sagte Peters, etwa: „Da brat mir einer einen Storch!“ Eventuell noch mit dem Zusatz: „und die Beine recht knusprig.“ Es ist dies eine Aussage der Verwunderung oder auch der Verärgerung, wenn man plötzlich was unerhört Neues sieht oder erfährt. Es muss ja schließlich schon was ganz Ausgefallenes sein, bevor man den Gedanken haben kann, einen solchen Vogel – der als Glücksbringer gilt und als Symbol der Fruchtbarkeit – braten und essen zu wollen. Oder: „Da geht mir ein Licht auf!“ Das sagt man, wenn man plötzlich was begreift, was man vorher nicht verstanden hat, und nun die Erkenntnis kommt, wie man eine anstehende Aufgabe lösen kann. Oder man stellt fest, „wie Schuppen von den Augen fallen“, wenn man plötzlich die Wahrheit erkennt, plötzlich Zusammenhänge durchschaut, die von vorher nicht gesehen hat, vorher undurchsichtige Sachverhalte auf einmal klar durchschaut. Und wo kommt dieser Spruch her? Wie der mit Licht aufgehen,, aus der Bibel, aus der Apostelgeschichte; nach der Erblindung von Paulus heißt es: „Und alsbald fielen von seinen Augen wie Schuppen, und er ward wieder sehend.“ 

Sarah Peters brannte ein ganzes Feuerwerk von Sprichwörtern und Redewendungen ab und ließ die Zuhörer/innen raten, was wohl aus der Bibel stammen könnte. Und da wurde man schnell fündig: „Jemandem sein Herz ausschütten“, „wes des Herz voll ist“. Dann: „vom Scheitel bis zur Sohle“, „ein Auge auf jemanden werfen“, „wie Sand am Meer“, „sich etwas zu Herzen nehmen“, „in die Wüste schicken“, „Perlen vor die Säue werfen“, „Wolf im Schafspelz“, „ein Herz und eine Seele“,  „in jemandes Fußstapfen treten“, „die Wurzel allen Übels“, „ein Dorn im Auge sein“, „etwas wie seinen Augapfel hüten“, das wächst mir über den Kopf“, „den Kopf hängen lassen“. Viele solcher Bibelzitate haben ihre Sprachgewalt auch durch Martin Luthers Übersetzungskunst und Sprachgewalt bekommen, meinte Peters.

Reale Ursprünge haben Sprüche wie: „Auf dem Holzweg sein“ (einen von Forstleuten angelegten Weg in die falsche Richtung – in die Irre – verfolgen) oder „alle Fäden in der Hand halten“ (in der Weberei oder beim Marionettenspiel) oder „wenn einem die Felle davon schwimmen“ (Kürchner, die Felle am Wasser reinigen, bei deren Verlust sie ruiniert sein können). Peters machte auch Anleihen in der Antike: „Jemanden becircen“ – Circe, die Tochter des Sonnengottes Helios, die Männer zu Schweinen machte. Und Peters gab Beispiele aus dem Mittelalter: „In die Bresche springen“, „den Löffel abgeben“, „es brennt mir auf den Nägeln“ „das geht auf keine Kuhhaut“  – Schuld(en), die der Teufel auflistet. Und schließlich auch Handlungsanweisungen und Motivationen: „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“, „der frühe Vogel fängt den Wurm“  oder „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – wobei gegebenenfalls auch das Gegenteil richtig sein kann, so Sarah Peters. 

Die stille Revolution im Gesundheitswesen – Zwei Experten der AOK über die Herausforderungen der Digitalisierung

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AOK-Experten 
Peter Welz und Marc Staudenmaier (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Digitalisierung schreitet in unserem Alltagsleben und erst recht in der Arbeitswelt – bisweilen unbemerkt – stetig voran. Dieser Herausforderung durch die Digitalisierung kann sich auch das Gesundheitswesen nicht entziehen. Über die Verwendung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien  im Gesundheitswesen zu Diagnose, Behandlung, Überwachung und Verwaltung standen bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zwei Experten der  AOK Heilbronn-Franken Rede und Antwort.

In Baden-Württemberg mit gut elf  Millionen Einwohner verfügen bereits rund vier Millionen über eine grüne elektronische Gesundheitsakte. Großen Anteil an diesem „Fortschritt“ hat die Marktführerin in der gesetzlichen Krankenversicherung, die AOK Baden-Württemberg, mit ihren über vier Millionen Versicherten. Dies konstatierte eingangs Peter Welz von der Geschäftsbereichsleitung (Versicherung und Beiträge) der AOK Heilbronn-Franken, die größte unter den 14 selbstständigen AOK Bezirksdirektionen im Lande: mit 44 Prozent Marktanteil und 430 000 Versicherten, rund 1000 Mitarbeitern und 17 Kundencenter, zu deren Einzugsgebiet 40 Krankenhäuser und Rehakliniken gehören, etwa 3000 niedergelassene Ärzte und Zahnärzte, 22 150 Arbeitgeber sowie 162 stationäre Pflegeeinrichtungen und 87 ambulante Pflegedienste.

Bei der Krankenversicherung ist die Digitalisierung nicht mehr wegzudenken; sie fungiert bei arbeitstäglich rund 1000 Kundenkontakten quasi als „papierloses Büro“, wie Werz erläuterte. Zwar steht die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch nach wie vor im Mittelpunkt. Doch der Posteingang in Papierform bei der AOK wandert automatisch an eine Zentralstelle, die die Briefe digitalisiert und dem zuständigen Berater bzw. Sachbearbeiter online zuschickt, der den Sachverhalt am Bildschirm bearbeitet und gegebenenfalls an die Zentralstelle sendet, von wo der  Bescheid brieflich an den Kunden verschickt wird..

Zukunftsziel ist es deshalb auch, die Gesundheitsdaten  der Kunden und Patienten online zur Verfügung zu haben. Seit mehr als zehn Jahren wird an der Gesundheitskarte herumgedoktert, seit 2011 wird ihre Funktionsfähigkeit mit regionalen Modellversuchen erforscht und seit 2015 auch gesetzlich geregelt. Noch  ist die Teilnahme an E-Health-Konzepten freiwillig. Doch laut Welz sind die Vorteile offenkundig. Ärzte, Apotheken und Pflegeeinrichtungen können ohne Zeitverlust etwa die Ergebnisse von Behandlungen und Operationen in Krankenhäusern erhalten und unverzüglich in der Therapie entsprechend auf diese individuellen qualitätsgesicherten Patienteninformationen reagieren, etwa in der Medikation. Für Welz geht es dabei nicht um den „gläsernen Patienten“, sondern um den „mündigen Patienten“, dem die Datenhoheit zukommt. Der Datenschutz könne als gesichert angesehen werden.

Bei der Digitalisierung der Krankendaten gehe es aber nicht nur um die Bereitschaft der Patienten, sondern auch der Ärzte, von denen immer noch zu viele an ihren Patienten-Karteien hängen und den Faxverkehr zwischen Praxis und Klinik und umgekehrt bevorzugen, Eine digitale Umstellung ist zwar – anfangs – mit viel Zeit und Kapitalaufwand verbunden, erweist sich aber dann als äußerst effizient, ist Welz überzeugt. Gerade vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Ärztemangels sieht er darin das entscheidende Zukunftssystem. Insbesondere wenn man bedenke, dass derzeit etwa zwei Drittel der Medizin-Studierenden Frauen sind, könne man davon ausgehen, dass diese mit einer „digitalisierten Praxis“ Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen können. Und für Kunden und Patienten könne die Digitalisierung eine  gute Navigationsfunktion im Angebotsdschungel des Gesundheitswesens darstellen.  

Marc Staudenmaier, Leiter des AOK-Kundencenters Böckingen, hielt ebenfalls ein Plädoyer für die elektronische Patientenakte: als hilfreiches Bindeglied zwischen  Patient, Arzt bzw, Klinik und auch Krankenversicherung. Zielführend sei, dass der Patient der Aufnahme zumindest der wesentlichen Kenndaten zustimme. So könne sich dann eine solche Gesundheitskarte gerade in Notfällen als segensreich und eventuell lebensrettend erweisen. Dann könne man auf einen Blick Vorerkrankungen, Anfälligkeiten und Allergien schnell erkennen und auch und die richtige Medikamentenbestimmung treffen. Voraussetzung natürlich: Das Vorhandensein entsprechender Lesegeräte für diese Karte. Andererseits habe der Patient auch das Recht, sich den Karteninhalt ausdrucken zu lassen und miteinander zu besprechen

Staudenmaier brachte noch einen weiteren positiven Aspekt für die Digitalisierung ins Spiel. Da auf dem flachen Land zunehmend Fachärzte fehlen, könnte ein Angebot an Online-Sprechstunden einen Ausweg für lange Anfahrtswege und Wartezeiten bilden. Weil es in zahlreichen Landkreisen schon keine Hautarztpraxen mehr gibt, läuft eine Tele-Derm-Studie, in der Hausärzte in einem elektromedizinischen Verfahren mit Dermatologen im Hinblick auf Diagnosestellung verbunden sind. Staudenmaier bekräftigt aber auch, dass unabhängig von der Ferndiagnose die direkte Beziehung zwischen Arzt und Patient wichtig bleibt.

Der Prophet Zarathustra und seine Religion – Diakonie-Chef Karl Friedrich Bretz vermittelt Erkenntnisse aus dem alten Iran

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Karl Friedrich Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

Die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam sind nicht die einzigen monotheistischen Religionen. In Vorderasien, im alten persischen Weltreich, existierte mehr als 1000 Jahre lang eine ähnlich strukturierte monotheistische Heilslehre, Zoroastrismus, die es heute noch in einigen Ländern als kleine Diaspora und vor allem in Nordwestindien bei den Parsen gibt. Über den Religionsstifter Zarathustra und seine Lehre informierte der Geschäftsführer des Diakonischen Werks Heilbronn, Karl Friedrich Bretz, die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Zarathustra ist eigentlich ein weitgehend unbekannter Prophet, so Bretz. Populär sei er jedoch als Gestalt in dem philosophischen Hauptwerk von Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ (1883-85), mit dem Untertitel „ein Buch für alle und keinen“ – u.a. mit so einem vielzitierten infamen Spruch eines alten Weibes („Weisheit“), „Gehst du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht.“ Der Komponist Richard Strauß vertonte Nietzsches Zarathustra und schuf eine gleichnamige sinfonische Dichtung (1896 uraufgeführt). Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner 1861-1925) hat laut Bretz Impulse von Zarathustra aufgenommen.  

Zarathustra wurde in dem nordostiranischen Grenzgebiet Baktrien wohl in einer wohlhabenden Familie („Besitzer wertvoller Kamele“) geboren, berichtete Bretz. Nach jüngster wissenschaftlicher Zuschreibung lebte Zarathustra von 630 bis 553 vor unserer Zeitrechnung. Nach Gotteserscheinungen soll sich der junge Priester, dem die Opferkulte seiner Zeit suspekt waren, mit 30 Jahren zehn Jahre lang in die Einsiedelei zurückgezogen haben. Danach habe er seine Erkenntnisse auf  Marktplätzen verbreiten wollen, doch nur Hohn und Spott geerntet. Darauf habe Zarathustra nur noch nach verwandten Geistern gesucht und das Wohlwollen eines Königs gefunden haben. Kyros d.Gr. (559-529) soll dann Zoroastrismus als Staatsreligion des Achämenidenreiches übernommen haben. 

Wie Bretz darlegte, fußt der Zoroastrismus auf der prinzipiellen ethischen Wahlentscheidung eines jeden Menschen, zwischen den kosmischen Kräften von Gut und Böse zu wählen. Auf der guten Seit steht der „einzige Gott“ Ahura Madsa, dessen Botschafter Zarathustra als Hirte eines künftigen Reiches ist. Ahura Masa stehen sechs unsterblicher Heilige, Amesha Spentas, zur Seite, vergleichbar mit Erzengeln, die die guten Eigenschaften personifizieren und Schutzgottheiten sind. Dann gibt es Geister niederer Ordnung, quasi Engeln, deren höchste Gottheit Mithra ist, und dann noch persönliche Schutzgeister für jeden. Auf der anderen Seite wirkt das Prinzip des Bösen, der böse Geist Ahriman. Ursache allen Schlechten, Scheiterns und Unreinen, Herr des Reiches der Finsternis, im Verbund mit bösen Geistern (Dämonen und Teufeln). Die Avesta stellt die heilige Schrift dar, eine religiöse Poesie, mit 72 Ritual-Kapiteln und in 72 Kapitel mit Gesängen und Psalmen, von denen einige, die Gathas, von Zarathustra verfasst sein sollen. 

Einzigartig sind die Begräbniszeremonien im Zoroastrismus, wie Bretz sie beschrieb. Da der Tod ein Werk des Ahriman ist und Verunreinigung der Elemente eine große Sünde darstellt, also Erd- und Feuerbestattung tabu ist, werden die Leichen auf einen Turm des Schweigens getragen, entkleidet und den Geiern zum Fraß ausgeliefert. Die verbliebenen Gebeine der Verstorbenen werden in einer brunnenartigen Vertiefung im Turmdach beigesetzt. Die Seelen der Verstorbenen werden bei einem förmlichen individuellen Totengericht auf gute und böse Werke abgewogen und zur leuchtenden Cinvat-Brücke geführt. Diese isr für die Guten und Gerechten wie eine breite Straße und führt zum himmlischen Paradies, für die Ungerechten schmal wie eine Messersschneide, so dass sie in den Abgrund der Hölle abstürzen. Jene, bei denen sich Verdienst und Schuld die Waage halten, müssen in einem Zwischenreich bis zum großen Weltgericht warten.

Bretz, der sich schon im Studium mit Zarathustra und dem frühen Iran befasst hatte, schilderte eingehend die wechselvolle Geschichte in Vorderasien: Wie Persien nach dem Sieg über die Meder zum Weltreich (einschließlich Babylon, Kleinasien, Ägypten, Nordafrika) aufstieg, wie die Perser unter Xerxes in den Kriegen gegen die Griechen von Alexander dem Großen unterworfen und ab 323 v.Ch. Teil des Reiches der Selukiden wurden und dann im Partherreich der Arsakiden und dem Sassanidenreich erneut Großmacht (vom Euphrat bis zum Indus). Schließlich eroberten 651 n.Chr. die Araber Persien; der Zoroastrismus wurde abgelöst vom Islam (in schiitischer Ausprägung bis heute).

Anhänger des Zoroastrismus, die Parsen im inneren Gebirgsland, flüchteten nach Nordwestindien und pflegen dort noch ihre eigene Religion (Parsismus), als streng abgeschlossene ethisch-religiöse Gemeinschaft, wenngleich mit moderner Aufgeschlossenheit, so dass es heute eine Reihe von bekannten Parsen als Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer gibt, an der Spitze die Industriellenfamilie Tata mit einem riesigen Firmenimperium mit über 600 000 Beschäftigten, von internationalen Stahlkonzernen bis Autowerken (auch Range Rover und Jaguar) sowie Bildungs- und sozialen Einrichtungen.

Nach der Kaffeepause schilderte noch Bretz-Freund Prof. Joachim Heinz Eindrücke von einer Studienfahrt durch Iran, die ihn auch über Teheran sowie die Kulturstädte Schiraz und Isfahan bis in die überraschend moderne alte Wüstenstadt Jazd führte, wo er noch einen  Begräbnisturm sehen konnte, wobei allerdings solche makabren Totenrituale im Iran – im Gegensatz zu Indien – verboten sind.

Wenn Ersatz von Knie- oder Hüftgelenk nötig ist – Klinik-Direktor Prof. Dr. Michael Haake über sinnvolle Endoprothesen

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Prof. Dr. Michael Haake (Foto: Rolf Gebhardt)

Wir Menschen werden immer älter, aber mit dem Alter nehmen auch Abnutzungserscheinungen zu: Es entsteht Arthrose – aus einem Missverhältnis von Beanspruchung und Belastbarkeit des Gelenks. Dem Gelenkverschleiß kann man begegnen mit einem „Ersatz“ durch Endoprothesen, insbesondere für Knie und Hüfte. Wann sind solche Endoprothesen sinnvoll und wie funktionieren sie? Darüber wurden die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus aufgeklärt durch Prof. Dr. Michael Haake, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie und Schmerztherapie am SLK-Klinikum am Plattenwald, in Bad Friedrichshall, einem zertifizierten und ausgezeichneten Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung: ein Neubau mit 120 Betten und vier Operationssälen, zehn Oberärzten und 18 Assistenzärzten, die jährlich 4200 Patienten versorgen.

Der 56jährige Klinik-Direktor Haake, Hauptoperateur und Facharzt zusätzlich für Spezielle Orthopädische Chirurgie, hat viele endoprothetische Operationen aller Schwierigkeitsgrade durchgeführt. Wenngleich ein gewiefter Operateur weiß auch er, dass nicht bei jedem Gelenkverschleiß gleich eine Operation – Implantation einer Gelenkprothese – erfolgen muss, sondern mitunter erst einmal eine „konservative“ Behandlung angebracht ist, beispielsweise Krankengymnastik und Physiotherapie, auch schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente sowie orthetische Hilfsmitte wie Bandagen oder Spezialschuhe. 

Natürlich sei es gut und hilfreich, sich viel zu bewegen, also seine Muskeln und damit auch Gelenke und Knochen durch möglichst gleichmäßig Belastungen gut zu trainieren und so mit Sauerstoff und Durchblutung zu versorgen. Aber der Mensch hat  die genetische Veranlagung,zum altersbedingten Verschleiß. Und da lassen sich heute auch im fortgeschrittenen Lebensalter dank moderner Operations- und Narkosetechniken sichere und fast risikofreie Operationen durchführen, erklärte Haake.

Ein Mensch macht im Lauf seines Lebens Millionen von Schritten, tagtäglich beugt er sein Knie hunderte Male, und dabei trägt das größte und komplexeste Gelenk das Sieben- bis Achtfache des Gewichts, riskant bei zu viel Übergewicht, so Haake. Das Kniegelenk könne beeinträchtigt sein durch objektive Kriterien wie  erhebliche Achsabweichungen („X-Beine“) oder Fehlstellungen zwischen Oberschenkel und Kniescheibe. Neben diesem anlagebedingten Verschleiß trete vermehrt funktions- und vor allem altersbedingte Kniegelenkarthrose auf. Wenn man immer schlechter laufen kann, Ruhe- und Nachtschmerzen auftreten, regelmäßige Schmerzmedikamentation nicht mehr hilft, die Lebensqualität also stark beeinträchtigt ist, rät Haake zur Operation: „Man sollte nicht zu lange abwarten, um den Operationserfolg nicht zu gefährden.“.

„Mit Knieprothesen kann die Funktion des natürlichen Gelenkes gut wiederhergestellt werden“, versicherte Haake. In der Regel werde nur die abgenutzte Knorpeloberfläche ersetzt und möglichst viele Knochen erhalten; die Kniescheibe bleibe immer drin. Die Innen- und die Außenseite des Gelenks mit einer bikondylären Prothese ersetzt. Bei der innenseitigen Arthrose reiche der Gelenk-Teilersatz eines Drittels des Kniegelenks mit der sogenannten Schlittenprothese. Der Zugang erfolgt  über einen Schnitt an der Vorderseite des Kniegelenks. Knieprothesen werden mit Knochenzement dauerhaft am Knochen fixiert.  

Vor der Operation wird der allgemeine Zustand des Patienten abgeklärt sowie Arthrose-Ausmaß, Kniestabiltät, eventuelle Fehlstellung, dann Anästhesie-Vorstellung, OP-Plan; nach Operation eine Woche bis zehn Tage Klinik-Aufenthalt mit anschließender dreiwöchiger Reha und weitere regelmäßige Untersuchungen bei Orthopäden. Bereits am Tag nach der OP sollte sich der Patient um eine frühe Mobilisation durch Physiotherapeuten bemühen und alsbald das selbstständiges Treppensteigen erlernen.

Haake wies darauf hin, dass die häufig verwendeten und bewähren Prothesen eine lange Standzeit erwarten lassen: „Nach zehn Jahren funktionieren noch über 95 Prozent der Prothesen“, so Haake, der aber auch betonte, dass Prothesen einer hohen Belastung ausgesetzt und Verschleiß unterworfen sind. 

Das für Knie Gesagte, trifft auch weitgehend zu auf den Ersatz des Hüftgelenks mit einer Hüftgelenkprothese. „Diese gelingt so gut wie immer“; bekräftigte Haake. Nach 15 Jahren seien noch 80 der Prothesen intakt. Eine endoprotethische Versorgung des Verschleißes des Knorpelüberzugs am Hüftgelenk erfolge erst, wenn Röntgenaufnahmen ein entsprechendes Ausmaß des Hüftgelenkverschleißes dokumentiere. Vielfach werde bei betagten Patienten ein Oberschenkelhalsbruch mit dem Einsatz einer  Hüftendprothese behandelt. Haake sprach von zementfreier Verankerung der Pfanne und des Hüftschafts wie  von zementierten Prothesen sowie von Hybridsystemen. Verwendet werden Kugelköpfe und Pfannen-Inlays verschiedener Größen und für den Körper unbedenklicher Materialien, also Metall (Edelstahl, Titan), Kunststoffe (Polyäthylen) und Keramik. Haake machte aber auch deutlich, dass Patienten nicht erwarten sollen, sich nach Einbau von Prothesen besser bewegen zu können als zu ihren  guten Zeiten ohne solche.

Der Weg zu Herzschrittmacher und Defibrillator – Der Herzchirurg Dr. Harald Zeplin über Elektrizität als Funke des Lebens

Senning Schrittmacher 1958

Erster implantierter Herzschrittmacher, in einer Schuhcremedose von Prof. Ake Senning 1958.
(Copyright: Dr. Harald Zeplin)

Der Strom kommt aus der Steckdose. Viel mehr wissen die meisten Menschen nicht über Elektrizität, auch nicht über ihre segensreiche Rolle in der Medizin. Über den „Funke des Lebens“, die Geschichte der Elektrizität in der Medizin, erfuhren die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, viel Wissenswertes von Dr. med. Harald E. Zeplin. Der 69jährige Herz- und Gefäßchirurg war zuletzt zehn Jahre Chefarzt für Chirurgie am SLK-Klinikum Heilbronn/Plattenwald. Nach eigenen Angaben hat Zeplin in seiner langen Berufskarriere an herzchirurgischen Kliniken wohl an die 5000 Operationen am offenen Herzen durchgeführt und hunderte Herzschrittmacher eingesetzt.

Zeplins Blick zu den Anfängen: Für die mittelalterliche Medizin war die Entdeckung des Blutkreislaufs von Bedeutung, dass das Blut zirkuliert und wieder zum Herzen zurück fließt. Erstmals richtig ins Spiel kam die Elektrizität mit der Volta’schen Säule, 1780 vorgestellt in der Royal Society in London: Eine Anordnung, die als Vorläuferin heutige Batterien gelten kann und im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung als Stromquelle hatte. Sie besteht, wie Zeplin an historischen Bildern zeigte, aus vielen übereinander geschichteten Kupfer- und Zink-Plättchen, zwischen denen sich in bestimmter regelmäßiger Folge elektrolyt-getränkte Papp- und Lederstücke befinden, gestapelt in einer Säule. Diese bedeutsame Erfindung war die erste brauchbare kontinuierliche Stromquelle und ermöglichte die Erforschung der Elektrizität bis zur Elektronik.

Dazu gehört auch die Galvanik, die nicht nur die elektrische Beleuchtung von Bogenlampen ermöglichte, sondern auch in einer  Vielzahl von Versuchen zur medizinischen Nutzung diente. Luigi Galvani hatte laut Zeplin im 18. Jahrhundert entdeckt, dass die elektrische Entladung des Blitzes Auswirkungen auf lebende Zellen hat, oder dass etwa Froschschenkel bei Berührung mit bestimmten Metallen zusammenzucken. Die daraus entwickelte Galvanotherapie hat jedoch eine weitgehend unverstandene Wirkung, so dass sie als alternativ-medizinisches Behandlungsverfahren gilt (Stangerbad sowie das Zwei- und Vierzellenbad). 

Zeplin berichtete auch, wie Körper von Enthaupteten für Experimente mit elektrischem Strom missbraucht wurden. In dem Horrorroman Frankenstein wird aus Leichenteilen eine Monstergestalt erschaffen, die mit elektrischem Strom zum Leben erweckt wird. Und in Amerika werden Todeskandidaten auf dem elektrischen Stuhl grausam hingerichtet. Und  es gab auch schon früh elektrische Stimulation für die männliche Libido.

Der Internist und Hochschullehrer Hugo von Ziemssen, Königlich Geheimer Rat und Krankenhaus-Direktor in München, wurde zum Begründer der physikalischen Medizin. Ihm gelang, wie Zeplin darlegte, bei elektrophysiologischen Untersuchungen 1882 der Nachweis, dass Stromstöße zu einer Veränderung der Herzfrequenz führen: Er stimulierte das Herz der45jährigen Patientin Cathearina Seraftin, der die linke Brust operativ entfernt war, über die dünne Hautschicht mit Strom, was zur Steigerung der Herzfrequenz führte. 

Ein entscheidender Durchbruch gelang dem niederländischen Mediziner Willem Einthoven (1860-1927) mit dem Nachweis unterschiedlicher Potentialkurven bei Gesunden und Herzkranken. Bei der Registrierung der Herztöne entdeckte er, wie die Messempfindlichkeit gesteigert werden kann, mit ersten elektrographischen Aufzeichnungen. Für dieses Elektrokardiogramm (EKG) erhielt Einthoven 1924 den Medizin-Nobelpreis. 

Bei der EKG-Anwendung (Elektroden-Verbindung beider Arme; rechter Arm, linker Fuß; linker Arm, linker Fuß) ergeben sich laut Zeplin Kurvenbilder elektrischer Herzströme mit Abfolge von interpretierbaren Zacken, Wellen, Strecken und Komplexen. Das EKG gibt Auskunft über die Arbeitsmuskulatur des Herzens, den elektrischen Herzzyklus und die Herzfrequenz, über die Stromverteilung im Herzen. 

Zeplin stellte auch den amerikanischen Elektrotechniker Earl Bakken heraus, der das medizintechnische Unternehmen Medronic 1949 gründete. Bakken erfand den ersten batteriebetriebenen Herzschrittmacher, also unabhängig von Netzausfall. Diese tragbaren Herzschrittmacher bildeten die Grundlage für die 1958 von dem schwedischen Chirurgen Ake Senning eingesetzten implantierbaren Herzschrittmacher.  

Von da war es nicht mehr weit zum Defibrillator, als neuer Taktgeber des Herzens. Während ein Herzschrittmacher die Herzfrequenz vorgibt und sich an die Belastung anpasst, hilft ein Defibrillator dann, wenn das Herz rast: Ein Stromstoß lässt das Herz aussetzen und gleich wieder im richtigen Rhythmus weiter schlagen. Defibrillatoren werden nicht nur implantiert, sondern finden sich heute auch häufig an öffentlichen Plätzen als Rettungsanker bei plötzlichen Herzrhythmusstörungen. Elektrische Pumpen sind mitunter auch die Vorstufen für Herztransplantationen, wobei gegebenenfalls die Zeit bis zum Spenderherz mit Kunstherz überbrückt werden kann. Zeplin ging in diesem Zusammenhang auch auf die Hypothermie ein, die gezielte  Senkung der Körpertemperatur im Rahmen von Herzchirurgie und Herztransplantation.

Hinweis:  Fachbuch „Der Funke des Lebens. Die Geschichte der Elektrizität in der Medizin“, Harald E. Zeplin, 19.95 €, Deutscher Wissenschaftsverlag Baden-Baden.