Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute – Klinik-Direktor Prof. Opherk informiert über Symptome und Therapie

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Prof.Dr. Christian Opherk (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist eine Volkskrankheit, vor der eigentlich niemand so recht gefeit ist: Schlaganfall – nach Herzinfarkt und Krebs die dritthöchste Todesursache. Was es mit der Entstehung von Schlaganfall auf sich hat und welche Risikofaktoren und Behandlungsmethoden bestehen, darüber informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Prof. Dr. Christian Opherk, Direktor der Klinik für Neurologie der SLK-Klinik Heilbronn am Gesundbrunnen.

„Jeder Schlaganfall ist immer ein Notfall“, gab Opherk als Devise aus. Wenn Schlaganfall-Erscheinungen sich bemerkbar machen, sofort handeln. Wenn etwa dem Gegenüber beim Mittagessen plötzlich die Gabel aus der Hand fällt, nur noch verwaschen spricht, der Mundwinkel herabhängt, Gehstörungen oder einseitige Lähmungserscheinungen auftreten: Dann 112 anrufen. Der Notarzt kommt, informiert die Klinik, wo alles für den im Rettungswagen ankommenden Patienten vorbereitet wird. Am besten ist ein Krankenhaus mit einer zertifizierten Spezialeinrichtung Stroke-Unit“, wie in der Heilbronner Neurologie-Klinik, wo rund um die Uhr ein standardisierter Behandlungsablauf möglich ist und ein interdisziplinäres Team bereit steht.

Einem Schlaganfall liegen akute Durchblutungsstörungen des Gehirns zugrunde, die zu neurologischen Ausfällen führen. Verstopft ein Gefäß im Gehirn, wird umliegendes Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, mit der Folge, dass Nervenzellen absterben. Deshalb gilt die unbedingte Regel: „Bei Schlaganfall kommt es auf jede  Minute an.“ Wie Opherk erläuterte, sterben in solchen Fällen etwa zwei Millionen Nervenzellen ab. Jede Minute Verzögerung verschlechtert also den Behandlungserfolg. Es ist also am Besten, wenn die Behandlung in den ersten drei Stunden nach Einritt des Schlaganfalls beginnen kann. Nach zwölf Stunden kann es schon zu spät sein. Es kann dann leicht sein, dass man nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder nicht mehr sehen kann. Das kann in Rollstuhl oder Tod enden. Das ist leicht der, Fall wenn der Schlaganfall während des Schlafs auftritt und der/die Betroffene dann nach dem Schlaf nicht mehr auftreten kann, aber der Zeitpunkt des Schlaganfalls nicht feststellbar ist. 

Rund 80 Prozent der Schlaganfall-Fälle beruhen laut Opherk auf einer verminderten Blutversorgung durch einen Hirninfarkt mit Sauerstoffnot. Das kann entstehen durch Arteriosklerose oder auch aufgrund verschleppter Blutgerinnsel. Sie entstehen, wenn das Gefäß verletzt ist, es verstopft und das Blut zum Stehen kommt. Es kann sich auch aus der linken Herzkammer ein Hirngefäß verengen oder verschließen und einen akuten Sauerstoffmangel des entsprechenden Hirnanteils verursachen. Bei Verschluss der Arterie kommt es t auf der Gegenseite zum betroffenen Gefäß zu einer Halbseitenlähmung mit Gefühlsstörungen, also wenn die linke Hirnhälfte betroffen ist eine rechtsseitige Lähmung und umgekehrt. Andererseits werden 20 Prozent aller Schlaganfälle hervorgerufen durch Hirnblutung, der eine geplatzte Hirnarterie zugrunde liegt. Lebensbedrohlich ist auch ein Aneurysma, die Aussackung einer Schlagader  (Arterie) durch Ausbildung einer Gefäßerweiterung mit Blutübertritt zwischen den Gefäßwandschichten.

Opherk machte deutlich, dass in den letzten Jahren in der Therapie von Schlaganfällen große Fortschritte verzeichnet werden konnten. In dem Heilbronner Schlaganfall-Zentrum stehen 15 Betten bereit, und jährlich werden in dieser Spezialeinheit etwa 1700 Schlaganfälle nach international vereinbarten Standards behandelt. Der Patient wird zunächst notfallmedizinisch versorgt, wobei vor allem Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel überwacht werden müssen. Im Kernspin bzw. der Magnetresonanztomographie (MRT) lassen sich die arteriosklerotischen Plaquen entdecken. Nur innerhalb der ersten Stunden nach einem Schlaganfall können können medizinische Maßnahmen, die die zur Wiedereröffnung eines geschlossenen Hirngefäßes führen, auch das betroffene Hirngewebe retten. Bei Hirnblutungen wird geprüft, ob eine neurochirurgische Operation die Situation verbessern kann. Liegt keine Hirnblutung vor, sondern der Verschluss eines großen Hirngefäßes durch einen Thrombus, wird versucht, das Blutgerinnsel medikamentös aufzulösen (Lysetherapie). Gegebenenfalls lässt sich auch durch die Einführung eines Katheders das Blutgerinnsel entfernen. Zusätzlich werden nach einem Gefäßverschluss Maßnahmen zur Verbesserung der Blutfließeigenschaften eingeleitet, bei Blutgerinnsel außer Marcumar noch andere (moderatere) gerinnungshemmende Medikamente. Häufig gelingt es heute – dank Frühbehandlung – eine (fast) vollkommene Wiederherstellung des alten Gesundheitszustands und weitere Schlaganfälle zu vermeiden.

Neben der medikamentösen Behandlung gilt es auch, wie Opherk sagte, die Risikofaktoren zu mindern. Diese sind bei Schlaganfall neben Altersdietes nun einmal Übergewicht, Rauchen viel Stress und hoher Blutdruck, wobei man achten sollte, dass die Blutdruckwerte von 140 bzw. 90 möglichst nicht überschritten werden. Was Alkohol betrifft, so sei ein  Gläschen Wein eher besser als keins. Und natürlich sei Bewegung für gesundes Leben immer wichtig: „8000 Schritte pro Tag für Senioren, wären schön“, riet Opherk.

Kindheit früher und heute – eine Abwägung – Der leidenschaftliche Pädagoge Kurt Pöhler über die Kindheit im Wandel

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Kurt Pöhler (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei keinem anderen Thema kann jede(r) so gut mitreden und Substanzielles einbringen wie bei dem von der Kindheit. Jede(r) hat Kindheit auf eigene unvergleichliche Art erlebt. Wenn man auf 50 oder gar 80 Jahre zurückblicken kann, erkennt man die Unterschiede der Kindheit von damals und von heute. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus stieß Beiratsmitglied Kurt Pöhler mit seinem launigen, und tiefsinnigen Vortrag über „Kindheit im Wandel“ auf sehr aufmerksame Zuhörer/innen, von denen eigene Erinnerungen in der Diskussion zur Sprache kamen..

Kurt Pöhler ist gebürtiger und bekennender Ulmer – aus Heilbronner Sicht ein unvermeidlicher Fehler. Pöhler hat nach einem kaufmännischen Lehre in einem Industriebetrieb ein Lehramtsstudium drangehängt, sein Referendariat in einer  Dorfgrundschule absolviert, ein Jahr in einem amerikanischen Camp mit benachteiligten Jugendlichen verbracht, weitere Erfahrungen im württembergischen Schulbereich gemacht, ehe es ihn ins Unterland verschlagen hat, wo er schließlich über 30 Jahre Schulleiter in Ilsfeld-Auenstein war, und – wie es im einem Abschiedsbericht hieß – „mit Wehmut aus dem schönsten Beruf der Welt“ ausschied, wenngleich der leidenschaftliche Pädagoge immer wieder gern Vertretungsunterricht wahrnahm.

Der beliebte Pädagoge Pöhler ist und bleibt ein Kinderfreund, begeistert von der Lebensfreude und Lebenslust der Kinder, ihrer Fröhlichkeit und Spontanität, ihrer Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, ihrer Neugier und Wissbegier, ihrem Staunen und ihrem Vertrauen in die Welt; „Kinder leben bewusst im Jetzt und Heute.“ Pöhler ist sich dabei jedoch auch im klaren, dass er ein kindliches Idealbild zeichnet. Dennoch erinnert er an das Jesus-Wort, „werdet wie die Kinder“, und stellt fest, „Kinder leben von der Hoffnung, wir Alten von der Erinnerung“. Gemäß einer vielzitierten Redewendung sei Erinnerung ja auch das letzten Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Und die Erinnerung an die eigene Kindheit sei für diejenigen, die eventuell gar noch in Kriegszeiten, aber vor allem in der Nachkriegszeit aufgewachsen seien, doch durchweg überwiegend positiv „Wir hatten im Vergleich zu den heutigen riesigen Angeboten zwar wenig, konnten aber auch aus wenig viel machen, gaben uns damit zufrieden, auch weil wir nichts anderes kannten, und hatten leicht viel Spaß.“ Vor allem hätten die Kinder in den 40er und 50er Jahren viel Freiheit gehabt, seien nicht dauernd unter der Aufsicht der Eltern gewesen und hätten schon früh eigene Verantwortung entwickeln können. Diese Erinnerung mögen  mitunter auch etwas verbrämt sein, merkte Pöhler einschränkend an und weist darauf hin: In frühen Jahrhunderten gar habe es gar keine eigentliche Kindheit gegeben, seien Kinder oftmals ohne besondere Fürsorge aufgewachsen, liefen nebenbei und mussten im Haushalt und auf dem Feld mitarbeiten; der Übergang von Kindheit zum Erwachsenwerden erfolgte ziemlich stufenlos, aber unter sozialer Kontrolle. Oder es herrschte so strenge Erziehung, wie es Martin Luther beklagt hat, dass diese in ihn ins Kloster getrieben habe.

Ob und wie die Lieblosigkeit und unzureichende Pädagogik früherer Zeiten den Kindern geschadet hat, bleibt eine offene Frage. Da wendet sich der Blick auf die heutigen Kinder, ist die Rede von überbehüteten Kindern, von Helikopter-Müttern, die dem Kind jede Unbequemlichkeit aus dem Weg räumen und jeden Wunsch erfüllen. Oft ist bereits das Leben von Grundschulkindern außerhalb der Schule durchgeplant, werden die Kinder zu Musikunterricht und Sporttraining geschickt bzw. gefahren, und das vielfach zu verschiedenen Gelegenheiten an jedem Werktag, und am Wochenende sind besondere „Events“, auch mit der Familie“, angesagt. Aufwändige Kinderfeste sind an der Tagesordnung. Gleichzeitgig zeichnen Beobachter mitunter ein ziemlich verheerendes Bild von der schlimmen „Jugend von heute“, sprechen von ungebührlichem respektlosem Verhalten gegenüber Autoritäten, von unziemlicher Anspruchshaltung und gleichzeitiger Perspektivlosigkeit. Aber solche Vorstellungen von Jugend gab es schon vor 2400 Jahren, weiß Pöhler, der eine ähnlich missliche Beschreibung von Sokrates zitierte,

 „Als Großeltern haben wir doch immer wieder unsere Freude an den Enkeln“, bekannte Pöhler. Man habe sie lieb, sei bereit, ihnen entgegenzukommen, sie zu unterstützen, wo es geht, und – oftmals mit Stolz – ihren Lebensweg zu begleiten. Allerdings sei es heute längst nicht mehr selbstverständlich, dass die Jungen von den Alten lernen, sondern öfter gar umgekehrt, wenn schon  Zehn- und Zwölfjährige Oma und Opa in die Besonderheiten der digitalen Kommunikation einweisen. Andererseits kann man froh sein, wenn die Kinder nicht ganz der Computerwelt anheimgefallen sind, wenn sie neben den sozialen Netzwerken noch handfeste Interessen habe, real kommunizieren,. Die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten ist Segen und Fluch. „Eigentlich möchten wir heute nicht mehr Kind sein“, sprach Pöhler manchen Anwesenden aus dem Herzen.

Was aus Nachkommen von Scharfrichtern wurde – Helmut Belthle zeigt interessante Lebensläufe auf, auch aus seiner Familie

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Helmut Belthle, Nachkomme von Scharfrichtern (Foto: Rolf Gebhardt)

Scharfrichter war seit dem Mittelalter die gängige Berufsbezeichnung für die, „die mit der Schärfe des Richterbeils oder des Richterschwerts die Todesstrafe vollstreckten“. Seit der Professionalisierung des Strafvollzugs im 13.Jahrhundert war Scharfrichter – auch Synonym für Henker – ein angestrebter Beruf, nicht immer unbedingt ehrsam, aber doch irgendwie angesehen und ganz lukrativ. Die Aufgabe eines Scharfrichters war auch oft mit der des Abdeckers zusammengelegt, der Tierkörperbeseitigung, Scharfrichter kannten sich aus in Anatomie und Tierkrankheiten. Es bildeten sich regelrechte Scharfrichter-Dynastien für jeweilige Basteien heraus: Eheschließungen fanden vorrangig in entsprechenden Familien statt. Söhne von Scharfrichtern konnten zwar keine Berufe in Handwerkerzünften erlernen, wohl aber studieren, und so haben auch etliche erfolgreich aus ihrem Milieu herausgefunden, mitunter mit einem „Gschmäckle“ behaftet.

Helmut Belthle aus Ludwigsburg, Ministerialrat im Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg, berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus über Nachfahren deutscher Scharfrichter-Familien und ihre Wirkungsstätten. Helmut Belthles Vorfahren waren Scharfrichter, so Johann Belthle (1649-1725) wie dessen Nachkommen Georg Adam Belthle (1697-1766) und Georg Friedrich Belthle (1757-1824) als letzter Scharfrichter Tübingens; das „Karlsruher Richtschwert“ im Rechtshistorischen Museum Karlsruhe (im Gebäude des Bundesgerichtshof) stammt von ihm. Dessen Sohn, Dr. Friedrich Belthle (1784-1869) brachte es zum hoch dekorierten Stabsarzt in königlich-französischen Diensten des Regiments Hohenlohe in Grenoble, zum Ritter der Ehrenlegion; er wurde Wohltäter für die Stadt Tübingen (Immobilien-Stiftungen)  und der Universität (Stiftung eines Lehrstuhls), und nach ihm ist die Belthlestraße in Tübingen benannt. 

Helmut Belthle verwies auf weitere Belthle: So Friedrich Belthle (1829-1869), in Bebenhausen als Sohn eines allseits geachteten Forstrats und Revierförsters geboren und Mechanikus in Tübingen gelernt. Er kam 1855 nach Wetzlar in die damals schon bekannte Mikroskopen-Werkstatt des jungen Carl Kellner, der wenige Tage danach an Tuberkulose starb. Belthle heiratete im gleichen Jahr dessen Witwe und führte die Werkstatt fort; 1867 verließ das tausendste Mikroskop die Werkstatt. Belthles Kollege und Teilhaber Ernst Leitz wurde zu Begründer der Wetzlarer Leitz-Werke. Dann Theodor Belthle, 1926 Erfinder des Brausepulvers, der mit seinem Schwager in Bad Cannstatt die Robert Friedel GmbH („Frigeo“) gründete, eng verbunden mit „Ahoj“. Nach einem Tod 1949 wurde der nach Remshalden umgezogene Betrieb von seinen Söhnen Robert und Theodor weiterführt und 2002 von dem Süßwarenhersteller Katjes übernommen.

Wie Belthle entdeckte, betätigten sich zwei Scharfrichter-Nachfahren literarisch: Eric Carle, 1929 in den USA geboren, dessen Eltern dorthin ausgewandert und wegen Heimweh 1935 wieder nach nach Stuttgart zurückgekehrt waren. Eric Carle machte später in Amerika Karriere als Autor und Illustrator von unzähligen Kinderbüchern, wobei das 1965 erstmals erschienene Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zu einem Weltbestseller wurde. Der 1970 in München geborene Radio- und Fernsehjournalist Oliver Pötzsch erfuhr bei der Erforschung seiner Familiengeschichte, dass er Nachfahre der bekannten Henkerdynastie Kuisis (16. bis 19.Jahrhundert) in Schongau ist und verarbeitete als freier Schriftsteller diese Recherchen in der siebenbändigen „Die Henkerstochter-Saga“.

Alfred Theodor Ritter,, Jahrgang 1953, der in dritte Generation mit seiner Schwester Marli Hoppe-Ritter die Schokoladenfabrik Ritter („Ritter Sport“) in Waldenbuch führt, hat ebenfalls Scharfrichter-Urahnen. Der studierte Psychologe Alfred Ritter, der 1997 als Öko-Manager des Jahres ausgezeichnet wurde, ist auch Mitbegründer der Ritter Gruppe, Vakuumröhren-Kollektoren und ökologischer Heizgeräte und einer großen bäuerlichen Kakao-Genossenschaft in Nicaragua sowie eines  Kunstmuseums. Scharfrichter-Vorfahren hat auch Reinhard Scheer (1863-1928), der es vom Leutnant zur See 1885 zum Admiral und Stabschef der deutschen kaiserlichen Marine 1917/18 brachte und zum Held der Seeschlacht von Skagerrak (1916) wurde. In der Öffentlichkeit eher noch bekannter sind zwei Persönlichkeiten mit Scharfrichter:Vorfahren: Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, (1867-1945), nebst ihrem Bruder, der Ökonom Conrad Schmidt (1863-1932), die Belthle ebenso ausführlich würdigte wie den Schauspieler, Komponisten und Kapellmeister  Albert Lortzing (1801-11851), der mit seinen volkstümlichen Opern Weltruhm erlangte.

Der letzte deutsche Scharfrichter, so Belthle, war Johann Reichhart (1893-1972), der während der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit über 3000 Hinrichtungen (darunter auch der Geschwister Scholl) mit der Guillotine ausführte und nach 1945 im Auftrag der US-Militärregierung 156 Repräsentanten des Nationalsozialismus am Galgen henkte.  Als letzter Krimineller in Deutschland wurde im Februar 1949 n Tübingen der Raubmörder Richard Schuh hingerichtet, 95 Tage vor Abschaffung der Todesstrafe.

Europa zwischen Demokratie und Populismus – Europa-Union-Kreisvorsitzender Heinrich Kümmerle gibt Bescheid

800px-Flag_of_EuropeEuropa – das „politische  Europa“ verfolgt uns täglich in den Nachrichten. Am 26. Mai diesen Jahres haben wir ein neues Europäisches Parlament gewählt, wir haben eine neue (deutsche)  Kommissionspräsidentin, aber noch keine (vollständige) neue Kommission, und noch immer belastet uns der leidige „Brexit“. Ganz abgesehen von den Populisten, die uns Europa noch madiger machen wollen. Da ist es an der Zeit, dass auch die „Jungen Senioren“ über Europa etwas Positives zu hören bekommen von einem „überzeugten und bekennenden Europäer“: Heinrich Kümmerle, Vorsitzender der Europa-Union Heilbronn, sprach im Hans-Rießer-Haus „frei von der Leber weg“ unterhaltsam über die verschiedenen Aspekte Europas. Der 57jährige Diplompädagoge war gut 30 Jahre bei der Bundeswehr, in Deutschland, Europa und draußen in der Welt – und lebt seit 2015 permanent und gerne in seiner Heimatstadt Heilbronn – und in Europa.

Wir sind Heilbronner/in, Baden-Württemberger/in, Deutsche/r, Europäer/in, Weltbürger/in. Wir identifizieren uns wohl mehr mit unserem Wohnort und unserem Land als mit Europa. Europa ist ein Erdteil, und Europäer setzen sich aus vielen Ethnien zusammen. Kümmerle: „Wir sind alle Migranten“. Viele von uns haben einen „Zuwanderungshintergrund“, wenn die Eltern nicht in Deutschland geboren, sondern vielleicht als Vertriebene und Flüchtlinge „aus dem Osten“ gekommen sind. Für gewisses „Fremdsein“ kann es schon genügen, das Bundesland gewechselt zu haben. Wir haben eventuell Verwandte in Frankreich, England oder Amerika, mitunter leben auch unsere Kinder dort. Nationale Grenzen spielen heute keine große Rolle mehr. 

„Wir gehören zu aller erst zu den „Homos“, meinte Kümmerle, und verortete ganz großzügig die Urentstehung der Gattung Mensch auf „vor vier Millionen Jahre“; vor über 200 000 Jahre kam der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch. Und dann hat es noch mal 195 000 Jahre gedauert, bis erste Hochkulturen entstanden. Andererseits noch recht kurze Zeitspannen, wenn man bedenkt, dass das Universum vor 14 Milliarden Jahren im Urknall entstand und unser Planet Erde vor fünf Milliarden Jahre. Und wir Europäer, leiten unsere – kulturelle – Herkunft, wie Altbundespräsident Heuß sagte, „von drei Hügeln“ her, von der Akropolis (dem antiken Griechenland), von Rom (dem römischen Weltreich) und von Golgatha (dem Christentum). Da sollten wir, so Kümmerle, mit Europa nicht ungeduldig werden. Auch genau wie Rom „nicht an einem Tag gebaut worden ist“, sei Europa eine Sache von Generationen.

Wurde Europa eher mit Abendland gleichgesetzt, so kam die allgemeine Begrifflichkeit Europa wohl erst vor wenigen Jahrhunderten auf, so mit der Kolonialisierung und im Gegensatz zu Amerika. Die erste europäische internationale Organisation bildete sich, so Kümmerle, am 5. Mai 1945 in London, der Europarat mit zehn Gründungsländern. Deutschland kam im Sommer 1950 hinzu. Heute gehören dem Europarat, der parlamentarische Versammlungen an seinem Sitz in Straßburg abhält, 47 europäische Staaten mit einer Bevölkerung von 820 Millionen Menschen an. Nichtmitglieder sind lediglich der Staat Vatikanstadt und (noch nicht) Weißrussland und Kosovo. Laut Satzung hat der Europarat die Aufgabe, den engen Zusammenhang zwischen seinen Mitgliedsländern zu verwirklichen. Er soll auch eintreten für Menschenrechte und demokratische Grundsätze. Diesen Anliegen ist auch der  Europatag am 5. Mai gewidmet. Der Europarat ist nicht mit der Europäischen Gemeinschaft verbunden.

Weitere Etappen zur „europäischen Einigung“: 1951 Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. (EGKS). 1957: Europäischer Verträge. Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom). 1967: Vertrag zur Fusion der drei Gemeinschaften EGKS, EWG und Euratom zu den Europäischen Gemeinschaften. 1979: Erste Direktwahl zum Europäischen Parlament; Schaffung eines  Währungssystem (Einführung des ECU), 1992: Vertrag von Maastricht über die stärkere Integration; aus der EG wird die EU (Europäische Union). 1989: Elf EU-Staaten erfüllen die Kriterien zum Beiritt in die Währungsunion (EWU). 1999/2002:  Einführung des Euro in 11 (derzeit 20) Länder.

Wenn wir heute das Projekt Europa in Gefahr sehen, das uns 70 Jahr Frieden, gemeinsame Währung und Wegfall der Grenzkontrollen gebracht hat, so liegt das an wirtschaftlichen Ungleichheiten der Mitgliedsländern, an dem misslichen Austrittsverfahren Großbritanniens und vor allem in dem zunehmenden Populismus hin zu nationalistischem  Gedankengut in einigen Ländern, was auch auf Deutschland übergegriffen hat und mit menschlich verständlichen Argumenten viele Mitbürger betört. Bis zu einem Bundesstaat Europa nach dem Vorbild des Föderalstaats Deutschland ist noch ein weiter Weg, konstatierte Kümmerle. Erfolge sind greifbar, aber generell gilt auch für Europa: Einfache Lösungen gibt es nicht, und es gibt nichts umsonst. „Wir aller müssen uns stark machen für Europa und die Demokratie“, so Kümmerle.

Bauhaus mehr als Flachdach-Würfelarchitektur – Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz über 100 Jahre Bauhaus

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Dr. Martina Kitzing-Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

100 Jahre Bauhaus: Die 1919 in Weimar begründete Bewegung hat auch nach 100 Jahren nichts von ihrer reformerischen Kraft verloren. Davon zeugen im Jubiläumsjahr 2019 zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, Sendungen in Funk und Fernsehen, Bücher, Filme und Ausstellungen in Deutschland, aber auch im Ausland. Um einen konzentrierten Überblick über das Bauhaus-Wesen zu erhalten, haben die „Jungen Senioren“ die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz aus Löwenstein, die sich mit zahlreichen Vorträgen und Museumsführungen einen Namen gemacht hat, ins Hans-Rießer-Haus eingeladen.

Es war der damals schon als Avantgarde-Architekt bekannte Walter Gropius (1883-1969), der ein halbes Jahr nach dem verheerenden Weltkrieg, an dem er auch teilgenommen hatte, sein Formen- und Ideen-Konzept „für eine bessere Welt“ begründen konnte. Er wurde im April 1919 erster Direktor des Staatlichen Bauhauses Weimar, ein Zusammenschluss der in Weimar bestehenden Hochschule für Bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule zu einer neuartigen Schule, woraus die weltberühmte Talentschmiede geworden ist. Für Gropius ginge es darum, wie Kitzing-Bretz darlegte, Kunst und Handwerk (wieder) zusammen zu bringen. Handwerklich-technisches Können bildete in seinem Verständnis die unerlässliche Grundlage allen künstlerischen Schaffens, wie das ja schon in der mittelalterlichen Bauhütte durch Zusammenarbeit der Gewerke zur Schaffung großartiger Bauwerke führte.  

Auch wenn man mit Bauhaus in erster Linie Baukunst verbindet, so umfasste die Idee der Bauhaus-Ästhetik nicht nur Architektur sondern auch formschön gestaltete Gebrauchsgegenstände. Herzstücke des Bauhauses waren die Werkstätten, im Endeffekt elf an der Zahl, in der die eigentliche Ausbildung eines neuen Typs von Künstlern stattfand: idealtypisch drei jährige Werkstattlehre mit Gesellenprüfung, dann Architekturstudium.

Vom Bauhaus zeigten sich – zur Überraschung von Gropius – eher mehr junge Frauen als Männer angezogen. In der gesellschaftlich noch fragilen Gleichberechtigung arbeiteten sie allerdings weniger mit Eisen und Glas, sondern strickten und hägelten, wobei sie allerdings auch Bedeutendes leisteten. Kitzing-Bretz zeigte dies am Beispiel von Gunta Stölzl, eine Bauhaus-Studentin der ersten Stunde, die als Werkmeisterin der Weberei-Werkstatt anspruchsvolle Textilbespannungen sowie Teppiche und Webereien in strengen aber farbigen Mustern und Streifen erarbeitete.

Eine andere Bauhaus-Studentin, Alma Siedhoff-Buscher, wechselte von der Weberei-Werkstatt in die Holzbildhauerei und entwarf 1923 für die große Bauhaus-Ausstellung die Ausstattung des Kinderzimmers im Versuchshaus am Horn, basierend auf einem quadratischen Idealplan in der Nähe des Weimarer Ilmparks. In dieser Zeit kreierte sie auch verschiedene Kinderspielzeuge wie das bis heute produzierte „kleine Schiffbauspiel“, das Kitzing-Bretz im ersten Bild ihres Vortrags demonstrativ zeigte: Es dokumentiert beispielhaft die geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Dreieck mit den Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die der Bauhaus-Reformideen exemplarisch zugrunde liegen.

Der Erfolg des Bauhauses hatte auch wesentlich damit zu tun, dass es Gropius gelang, berühmte Künstler als Lehrer zu gewinnen: Paul Klee, Johannes Itten, Lyonel Feininger Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer – als Schmelztigel innovativerAnstöße. Kitzing-Bretz informierte aber auch über die wechselvolle Bauhaus-Geschichte. Als die thüringische Landesregierung die Bauhaus-Mittel stark kürzte, erfolgte 1925 der Umzug in die aufstrebende Industriestadt Dessau. Hier entstand das neue Lehrgebäude mit dem prägnanten Namen BAUHAUS; bekannt auch wegen seiner vollverglasten Fassaden sowie den Treppenaufgänge mit eigenem Farbsystem zu den Klassenräumen.

In Dessau entstanden auch jene Musterhäuser für die Lehrkräfte in der Bauhaus-Formensprache, in quadratischer schnörkelloser Würfelarchitektur, weiße Kuben, übers Ecke gezogene Fenster, Flachdach. 1928 schied Bauhaus-Gründer Gropius aus aus und wurde freier Architekt in Berlin. Unter den neuen Direktoren Hannes Meyer und ab 1930 Ludwig Mies van der Rohe gewann die Architektur mehr Bedeutung hinsichtlich der Schaffung neuer Siedlungen gemäß dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. 

Infolge des zunehmenden Einflusses der Nazibewegung, die der verhassten Lehranstalt bolschewistisches Gedankengut unterstellte, erfolgte 1933 die Selbstauflösung des Bauhauses. In den 14 Jahren seines Bestehens, in denen 1250 Studenten die Kunst- und Bauakademiee absolvierten, wurde das Bauhaus zur Ideenschmiede für moderne Wohnkultur, aber auch für die Verknüpfung künstlerischer Arbeit mit Handwerk und maschineller  Serienproduktion. Davon zeugen der Wassily-Stuhl von Marcel Breuer oder die Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld, heute noch gefragt,und von Kitzing-Bretz bildlich vorgestellt. Sie schloss ihren Vortrag mit einem Bild des Gemäldes „Bauhaustreppe“ von Oskar Schlemmer, heute im New Yorker Museum of Modern Art. befindet. 

An der Armut Afrikas sind wir nicht unschuldig Oikocredit -Bildungsreferentin Dr. Christina Alff beklagt unfairen Handel

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Oikocredit-Referentin Dr. Christina Alff bei den Jungen Senioren (Foto: Rolf Gebhardt)

Afrika – in der Vorstellung vieler ein armer, verlorener Kontinent, schlecht regierte Staaten, Korruption, Misswirtschaft, junge Leute aus kinderreichen Familien ohne Perspektiven drohen Europa zu überrennen … Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus referierte die Bildungsreferentin des Oikocredit-Förderkreis Baden-Württemberg, Dr. Christina Alff, die selbst jahrelang für den Entwicklungsdienst der Bundesregierung in verschiedenen Ländern Afrikas tätig war, über „Die Armut in Afrika und die Folgen für uns“. Gleich zu Anfang verwies sie auf die immer wieder betonte Verantwortung Europas und Deutschland, vordringlich die Fluchtursachen in Afrika zu bekämpfen, also nachhaltig für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen beizutragen. Dass das nicht so einfach ist, zeigte sie auch an fehlgeschlagenen – an sich guter – Projekte auf. 

Einen Hauptgrund dafür und überhaupt für die missliche Wirtschaftslage Afrikas sieht die erfahrene Entwicklungswissenschaftlerin in der internationalen und insbesondere europäischen „unfairen Handelspolitik“. Es ist vor allem die EU-Agrarpolitik, die auch heute noch den höchsten Posten (49 Prozent) im EU-Budget ausmacht. Jeder EU-Bürger zahlt pro Jahr 112 € für Agrarförderung. Die Landwirtschaft ist in Deutschland nur noch eine Marginale, obwohl wir im Ernährungssektor einen Luxusstandard haben. Versorgte 1949 bei uns ein Landwirt lediglich zehn Menschen, so sind es heute rund 250 – dank rasanter Fortschritte in Methoden und Mitteln. Es gibt in Deutschland nur noch 285 000 landwirtschaftliche Betrieb mit 640 000 Beschäftigten, die weniger als zwei Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erbringen. 

Alff skizzierte die Situation in Afrika, wo noch über 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, in erster Linie von Selbstversorgung, Subsistenzwirtschaft. Und das trotz zunehmender Verstädterung mit schnell wachsenden Millionenstädten. Die Regierungen würden sowieso die ländliche Gebiete vernachlässigen und lieber das virulente Konfliktpotential in den Großstädten einzudämmen versuchen, so Alff. Die afrikanische Bevölkerung wächst explosionsartig, hat sich seit 1900 verzehnfacht, auf 1,3 Milliarden (doppelt so viel wie in Europa leben), und wird bis 2050 auf drei Milliarden ansteigen. Da bleiben Versorgungsprobleme nicht aus, gerade im Hinblick auf den Klimawandel mit zunehmenden Dürren und Überschwemmungen. Nach wie vor gibt es Regionen, wo Unterernährung und Hunger herrscht.  

Die EU-Agrarpolitik trägt nach Ansicht von Alff mit ihrem Subventionssystem dazu bei, die landwirtschaftlichen Grundlagen in Afrika weiter zu schwächen. Zwar ist das Volumen der europäischen Agrarexporte nach Afrika angesichts des vergleichsweise bescheidenen Konsummarktes verhältnismäßig bescheiden, doch in Einzelbereichen von gravierender negativer Auswirkung. Da ist das bekannte Hähnchen-Beispiel: In Deutschland und Europa boomt der Geflügel-Konsum. Bei Hähnchen kommen hier fast ausschließlich Brust und Schlegel in den Handel. „Hähnchenreste“ (Hals, Füße usw.) werden, nachdem sie nicht mehr für Viehfutter verarbeitet werden dürfen, von den Großkonzernen („keine Lebensmittelverschwendung“) „anderweitig verwertet“: in Containern nach Westafrika auf die Märkte gebracht, tiefgefroren, die Tiefkühlkette meist durchbrochen, aber zu Dumpingpreisen von unter ein Euro pro Kilo, was den heimischen Hühnerzüchtern die Absatzchancen nimmt. Da also Investitionen in die heimische Geflügelwirtschaft unrentabel sind, hat man in diesen Ländern längst Alarm geschlagen.

Oder Tomaten: Sie werden in riesigen Treibhausanlagen in Andalusiern gezüchtet, wo oft von afrikanischen Migranten illegal beschäftigt sind, und vielfach als Tomatenmark nach Afrika exportiert, wo eigentlich für Tomatenanbau beste Verhältnisse sind. Ähnlich widersinnig erscheint es, europäische Milchüberschüsse als Trockenmilch auf afrikanische Märkte zu bringen, meint Alff. Schließlich Kakao: Die Elfenbeinküste und Ghana sind die größten Kakao-Anbauer, doch nicht in großen Plantagen, sondern überwiegend kleinbäuerlich, mit viel Kinderarbeit. Solche Strukturen sind äußerst abhängig von der Marktmacht der großen Schokoladenkonzerne wie Mars und Nestle und laborieren bei den großen Preisschwankungen am Existenzminimum. Wenn dann in Westafrika die industrielle Weiterverarbeitung zu Endprodukten erfolgen soll, stehen für den Export in den Norden schier unüberwindliche Zollbarrieren entgegen.

Alff berichtete über weitere Beispiele, wo mit diskriminierenden EU-Handelsverträgen die heimischen Märkte untergraben werden, während Auflagen von IWF und Weltbank afrikanische Länder zu marktwirtschaftlichem Wohlverhalten zwingen. Auch mit Altkleiderspenden – Export von gebrauchten Klamotten nach Afrika – tue man kaum was Gutes, schädige die nationale Textilindustrie. Besser sei es so Alff, „gutes Geld als Gestaltungsmittel für gesellschaftlichen Wandel einzusetzen“, so „in Menschen investieren“ bei Oikocredit für Verbesserung der Lebensumstände von Kleinbauern durch Mikrofinanzierung via dortiger Partnerorganisationen. Derzeit laufen Projektfinanzierungen für gut eine Milliarde Euro.

Reise-Impressionen aus Armenien – Dekan Christoph Baisch berichtet von dem ältesten christlichen Land

Armenien

Foto: Christoph Baisch 

Auch der Beginn des neuen Programms der „Jungen Senioren“ wurde eingeleitet mit einem Vortrag des Heilbronner Dekans. Nachdem vor einem Jahr der gerade neu ins Amt gekommene Dekan Christoph Baisch über seine Vita berichtet und seine „Heilbronner Weg-Gedanken“ dargelegt hatte, wartete er nicht mit einem primär theologischen Thema auf, sondern mit Impressionen einer Reise nach Armenien (organisiert von seiner Frau Bärbel Koch-Baisch für die „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Brüder“), von der er vor wenigen Tagen zurückgekommen war.

Armenien, auf der Grenze zwischen Europa und Asien liegend, sei geprägt von einer Art geographischem und kulturellem Spagat, so Baisch. Diese Spannung zwischen zwei Polen finde sich in vielerlei Hinsicht in diesem Land. 

Da ist zum einen das Symbol Armeniens, der biblische Berg Ararat (5137 m), an dessen Hängen nach biblischer Überlieferung Noah mit seiner Arche nach der Sintflut angelandet ist – und seine Wirklichkeit. Das eindrückliche Berg- und Gletschermassiv ist immer präsent – hat man doch von der armenischen Hauptstadt Eriwan bzw. Jerewan eine spektakuläre Sicht auf den nur 20 km entfernten Ararat. Und doch sieht die politische Wirklichkeit so aus, dass der Ararat aktuell gar nicht auf armenischem, sondern in türkischem Territorium liegt, unerreichbar wegen der geschlossenen Grenze zwischen der Türkei und Armenien.

Bedeutsam auch die weite Spanne zwischen früher Kirchengeschichte und heutigem gelebten Glauben. Hier zeige sich dann auch die theologische Bedeutsamkeit einer Reise nach Armenien, so Baisch.

Das Christentum verdankt sich in Armenien der Missionstätigkeit der Propheten Bartholomäus und Thaddäus; zudem hat die Glaubensstärke von Gregor, dem Erleuchter, den damaligen König Trdat III so überzeugt, dass dieser bereits im Jahre 301 das Christentum als Staatsreligion einführte. Dadurch erweist sich Armenien als das älteste christliche Land der Welt. 

Bei seinen Impressionen ließ Dekan Baisch die reiche christliche Vergangenheit und Gegenwart Armeniens in Bildern lebendig werden. Dazu gehört in erster Linie die Vielzahl an Klöstern, Kirchen und Kapellen, z.T. im Status von UNESCO-Weltkulturerbe, die teilweise bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Die meist recht kleinen Kirchen, faszinierend eingebettet in die oft gebirgige Landschaft, sind Variationen eines Grundtypus aus massiven grauen Steinquader, von kreuzförmigem Grundriss, darüber eine steinerne Kuppel. Sie weisen vielfach eindrücklichen Steinschmuck an ihren Fassaden auf. 

Als Besonderheit in der religiösen Tradition stellte Dekan Baisch die Kreuzsteine vor, reich verzierte Gedenk- und Grabsteine von höchster Steinmetz-Kunst, die in ihrem zentralen Mittelfeld immer ein Kreuz zeigen. Die Besonderheit dabei: Das Kreuz ist an seinen Enden dargestellt wie austreibende Äste, ein Schmuck-Element von theologischer Bedeutung. Denn so rückt das Kreuz weniger als Ort des Leidens, sondern vor allem als Quelle des neuen Lebens in den Blick. Dekan Baisch brachte diesen künstlerischen Grundzug in Beziehung mit der theologischen Prägung der Armenischen Kirche, die schon im 5. Jh. eigene Wege ging, indem sie die göttliche Seite Jesu Christi besonders stark betonte.

Heute gehört die überwiegende Bevölkerungsmehrheit der Armenier der armenisch-apostolischen Kirche an, mit einem Katholikos als geistlichem Oberhaupt in einer ähnlichen Stellung wie der Papst in der katholischen Kirche, wenngleich Aufbau und Liturgie den orthodoxen Ostkirchen ähnelt. Geistliches Zentrum ist das Kloster Etschmiadsin, in seiner Bedeutung für die armenische Kirche dem Vatikan in der katholischen Kirche vergleichbar. 

Als weitere Polarität verwies Dekan Baisch auf die Spannung zwischen dem großen Machtbereich des Armenischen Großreichs im 1.Jh.n.Chr. und den vielfältigen Ohnmachtserfahrungen, von langen Zeiten der Fremdherrschaft bis zu Verfolgung und Ermordung. Zum unauslöschlichen traumatischen Ereignis kam es 1915/16 mit dem Völkermord an den Armeniern durch die osmanischen Jungtürken, dem rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen. Die Auseinandersetzung um die Anerkennung dieser Ereignisse als Genozid belastet bis heute das politische Verhältnis zwischen der Türkei und Armenien. Dekan Baisch verwies darauf, welche identitätsstiftende Bedeutung in solchen Ohnmachtserfahrungen das armenische Christentum und damit zusammenhängend auch die Rettung armenischer Handschriften hatte, die in dem eigens im 5. Jh. entwickelten armenischen Alphabet überliefert sind. Ein großer Schatz solcher Handschriften befindet sich in der Matenadaran-Bibliothek in Jerewan. An den Genozid erinnert eine eindrückliche Gedenkstätte in Jerewan.

Baisch stellte in Bildern auch andere Seiten Armeniens vor Augen, so den auf 1900 m gelegenen Sewansee, fast doppelt so groß wie der Bodensee. Durch überdimensionierten Wasserentzug für Bewässerungsanlagen verlor er vorübergehend bis zu 20 m Wasserstand, was das Umland verändert hat.

Baisch berichtete aber auch von Siedlungen der Jesiden und der russischen Minderheit der Molokanen und vom friedlichen Auskommen der Bevölkerungsgruppen miteinander sowie aus der Millionenstadt Eriwan. Hier sind einerseits Plattenbau-Viertel aus der Sowjetzeit zu finden, aber auch große stillgelegte sowjetische Industrieanlagen. Zugleich wird der „sozialistische Charme“ konsequent abgelöst von modernen Prachtbauten. Auf dem See am zentralen Platz der Republik wird allabendlich eine farbenprächtige und klangvolle Wasserschau inszeniert.