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„Ehrfurcht vor dem Leben“ gilt allumfassend – Pfarrer Häusinger über die Ethik des Kulturphilosophen Albert Schweitzer

JSHäusinger

Pfarrer Steven Häusinger beim Vortrag im Hans-Rießer-Haus (Foto: Rolf Gebhardt)

Albert Schweitzer ist eine weltbekannte honorige Persönlichkeit. Allzu leicht aber wird er als der gütige nette Urwalddoktor angetan. Steven Häusinger, ehemals Leiter der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein und jetzt Pfarrer der Heilbronner Wartberg-Kirchengemeinde, die kurz vor der Fusion mit der Nikolai-Gemeinde seht, vermittelte den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus einen neuen Zugang zum Lebenswerk Albert Schweitzers und verdeutlichte insbesondere seine Philosophie, die in der Ethik von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ gipfelt.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar in Kaysersberg im Oberelsass geboren. Er studierte Theologie, promoviere und habilitiere sich an der theologischen Fakultät der Uni Straßburg. Gleichzeitig tat er sich als Organist und Bach-Interpret hervor. Sein bis dato glückliches und erfolgreiches Leben weckte in ihm den Wunsch, davon anderen weniger Glücklichen etwas abgeben zu können. Als Missionar war er aufgrund seiner Schriften (u.a. “Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“) nach herkömmlicher Missionsansicht nicht fromm genug, und so entschloss er sich zum Medizinstudium, um als Arzt in Afrika Hilfe leisten zu können, wie Häusinger erläuterte.

1913 reiste Albert Schweitzer mit seiner Frau Helen Breßlau, die sich bereits Meriten in der Sozialpolitik erworben hatte, nach Französisch Äquatorialafrika (heute Gabun) und begründete in Lambarene eine Krankenstation. Aus diesem Anlass, dem 100jährigen Bestehen von Lambarene, ist Albert Schweitzer in diesem Jahr wiederholt gedacht worden, und dafür erhielt er ja auch den Friedensnobelpreis 1952, den er vor 60 Jahren in Empfang nahm.

Angesichts des Kriegsbeginns, den er als Niedergang der Kulturen empfand, kam Albert Schweitzer 1914 auf einer Flussfahrt auf dem Ogowe in dieser tropischen Natur das Bewusstsein der „Ehrfurcht vor dem Leben“, was zum Ausdruck für seine Kulturphilosophie wurde. Pfarrer Häusinger verstand es, diese nicht ganz unkomplizierte Ethik Schweitzers den „Jungen Senioren“ theoretisch und an Hand von praktischen Umsetzungen und Lebensweisheiten anschaulich nahezubringen.

Quintessenz dieser Ethik ist für Häusinger jenes „Wort an die Menschheit“, das Albert Schweitzer als 90jähriger 1965 wenige Monate vor seinem Tod auf Tonband verkündet  hat und das schriftlich um die Welt ging. Darin heißt es eingangs. „Ich rufe die Menschheit auf zur Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben.“ In dem Aufruf wird auch „Leben erhalten und fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen“ als „das absolute und denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen“ hervorgehoben.

„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.“.Dieser Satz macht laut Häusinger das Kernstück von Schweitzers Philosophie aus. Es sei dies als Ermutigung für Menschen jedweder Kultur und Religiosität zu verstehen, sich seiner selbst und seines Gewissens gewiss zu sein und gleichzeitig jwahrzunehmen, dass sich Menschen beim Nachdenken über sich selbst und ihre Grenzen wechselseitig als Geschwister sehen, die über sich selbst und ihre Grenzen nachdenken. Es gehe darum, in der Erkenntnis der Ehrfurcht vor dem Leben zur Erkenntnis des Miterlebens und Mitleidens zu gelangen. Schweitzers Ehrfurcht erstreckt sich auch auf die kleinsten tierischen  Lebewesen. Da die Kreatur wahllos dem Menschen ausgeliefert sei, bedürften Tiere der Schonung. Jedes notwendige Töten sei Grund zu Trauer und Schuld, weshalb Schweitzer auch in seinen  letzten Jahren Vegetarier wurde, wenngleich kein missionarischer oder militanter.

Albert Schweitzer wird immer wieder als einer der größten spirituellen Persönlichkeiten unserer Zeit gewürdigt. Eine diesjährige Allensbach-Umfrage sieht ihn an fünfter Stelle der wichtigsten Vorbilder, wenngleich Alberst Schweitzer sich immer dagegen verwahrte, als Vorbild zu gelten. Nichtsdestoweniger war er in den 50er und 60er Jahren eine anerkannte moralische Instanz.

Aufgrund seiner welt- und lebensbejahenden Ethik, die darauf zielte, dass man sich stets der Folgen seines Tuns bewusst sein sollte, positionierte er sich schließlich auch politisch. Gedrängt von Albert Einstein und Otto Hahn engagierte er sich mit seiner Autorität gegen  „das unsinnige Wettrüsten in Atomwaffen“ und gegen Krieg, „weil er uns der Unmenschlichkeit schuldig werden lässt.“