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Arabischer Frühling in Ägypten unter Militärjoch – Johannes Söhner in Kontakt mit der jungen islamischen Demokratiebewegung

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Proteste in Ägypten (Foto: wikicommons/Essam Sharaf)

Ägypten – das Land mit 7000jähriger Geschichte, das Land der Pharaonen und der antiken Weltwunder der Pyramiden von Gizeh und des Leuchtturms von Alexandria. Wenn man heute an Ägypten denkt, dann weniger an das uralte Kulturland, sondern an Ägypten als das Land, von dem die Revolution des „arabischen Frühlings“ ausging. Wie hat sich diese Demokratiebewegung entwickelt und was ist aus den hochgespannten Erwartungen geworden? Darüber informierten bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Johannes Söhner aus Böblingen und der junge Islamwissenschaftler Sherif Afifi aus Ägypten, der gerade dabei ist, in Deutschland zu promovieren.

Johannes Söhner ist seit 20 Jahren als hauptamtlicher Jugendreferent in der Evangelischen Jugendarbeit tätig, zudemTouristik-Manager. Neben seiner innerkirchlichen Aufgaben in Böblingen hat er aktuell den Jugendgemeinderat mit aufgebaut, die Stadtjugendring geleitet und begleitet und vielfältige Schulungsarbeit mit ehrenamtlich tätigen jungen Menschen geleistet. Bereits im März 1989 hatte er an einem Workshop in der „Müllstadt“, in dem Kairoer Stadtteil Moytamadea, teilgenommen, woraus 1992 in Stuttgart die Gründung des Vereins „Yalla“ (Yalla ist ein arabisches Wort und bedeutet „auf geht’s“) entstand, eine Plattform für soziale Projekte, die auch zusammen arbeitet mit den katholischen Ordensschwestern Boromäer (Hilfsfonds Schwester Maria-Kairo e.V.), die oberhalb von Kairo eine Ambulanz und einen deutschen Kindergarten unterhalten.

„Engagement für Völkerverständigung, Kulturaustausch und soziale Gerechtigkeit“ ist das Vereinsziel von „Yalla“. Unter diesem Aspekt leitete Johannes Söhner im Frühjahr 2013 eine  Gruppe von 20 motivierten jungen Menschen aus dem Stuttgarter Raum im Rahmen eines bilateralen Austauschen von islamischer Demokratiebewegung mit der traditionellen christlichen Demokratie. Die Partnerorganisation „Lifemakers“ mit über 15 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern ermöglichte ganz unterschiedliche Projektarbeiten, die hautnahe Einblicke in den ägyptischen Alltag boten. Diese beiden Wochen in Kairo und Alexandria  fielen in die Zeit von massiven Auseinandersetzungen mit Anhängern der Regierung Mursi und dem fundamentalistischen Islam.

Söhner erinnerte daran, dass am 25. Januar 2011 die Demonstrationen gegen des Regime des seit 1981 regierenden Präsidenten Hosni Mubarak begannen, dem Amtsmissbrauch, und Korruption vorgeworfen wurden. Wochenlang versammelten sich hunderttausende Tahrir-Platz in Kairo, dem „Platz der Befreiung“, wovon Sherif Afifi Bilder zeigte. „Muslime und Christen Seite an Seite, die gemeinsam Zuflucht in Moscheen und Kirchen fanden“, so Söhner.  Am 11. Februar 2011 zwang der Oberste Militärrat Mubarak zum Rücktritt und übernahm die Führung des Landes. Die Armee wollte sich zwar der parlamentarischen Kontrolle entziehen, doch kam es immerhin zu Wahlen zur Volksversammlung, aus der im Januar/Februar 2012 die schon vorher im Untergrund gut organisierten Muslimbrüder und Salafisten mit einer Mehrheit von 70 Prozent hervor gingen.

Mitte Juni 2012 wurde Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt, doch mit echter Demokratie hatte er wenig im Hut. Eine Verfassung machte nicht liberale Grundrechte sondern das islamische Recht, die Scharia, zur Hauptwurzel der Rechtsprechung. Die ägyptische Gesellschaft sollte islamisiert werden. Dagegen und überhaupt gegen den autoritären Regierungsstil Mursis und Manipulationen durch die Muslimbrüder gab es vermehrt  massive Demonstrationen, bis Anfang Juli 2013 das Militär Mursi für abgesetzt erklärte und verhaftete – und nun selbst autoritär herrscht. Laut Söhner fand Yalla“immer wieder Möglichkeiten für direkte Hilfen für die medizinische Behandlung von Opfern und Verletzten im Zusammenhang mit der ägyptischen Revolution.

Doch in Ägypten als Zentrum und Symbol der demokratisch-islamischen Erhebung mangelt es weiter an Rechtsstaatlichkeit und Reformprozessen. In dem mit fast 90 Millionen Menschen volkreichsten Staat Afrikas – Land der krassen Gegensätze – re regiert das Chaos, gehen die die Wirtschaft beherrschenden Militärs brutal gegen die Islamisten vor, die Mursi wieder haben wollen und die aus Wut und Rache die Christen bekämpfen. Doch die Zivilgesellschaft ist erwacht. Johannes Söhner: „Die ägyptische Jugend ist zwar vielfach ohne Arbeit und ohne wirtschaftliche Perspektiven, doch unverzagt bereit, sich ohne Angst für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“